«Herrlich«, sagte der Anwalt,»kein Latte, keine extra geschäumte Milch, kein frozen dies und shaken das, keine entkoffeinierte Extravaganz mit Vanille, einfach eine schöne Tasse Kaffee.«
Er zog seine Militärjacke aus und hängte sie über die Lehne eines Plastikstuhls, auch Hans legte seinen Mantel ab. Sie setzten sich. Die Verkäuferin brachte den Kaffee und Kuchen auf einem Tablett, stellte die Tassen und Teller auf den Plastiktisch.»Lassen Sie es sich schmecken.«
«Besten Dank«, der Anwalt nickte und lächelte ihr hinterher. Hans nahm sein Tasse und trank.
«Ah, Sie trinken schwarz. «Der Anwalt nahm einen der kleinen Kaffeesahnebecher, die auf der Untertasse lagen, schüttelte ihn kurz, riss ihn auf und goss die Sahne in seine Tasse. Er nahm den halbvollen Zuckerstreuer aus der Mitte des Tischs, schüttelte ihn kurz, wie vorher die Kaffeesahne, hielt ihn dann gegens Licht, als könnten Fremdkörper drin sein, und schüttete vorsichtig etwas Zucker in seinen Kaffee. Hans trank in kleinen Schlucken und beobachtete ihn über seine Tasse hinweg. Er stellte die Tasse ab und sah, wie der Anwalt klimpernd und gefühlte fünf Minuten lang mit dem kleinen Löffel seinen Kaffee umrührte.
«So. «Er legte den Löffel auf die Untertasse, und dann trank er einen kleinen Schluck.»Wunderbar.«
Hans schüttelte den Kopf.
Der Anwalt führte ein Stück des Schmand-Kuchens mit der Kuchengabel zum Mund. Hans nahm den fest aussehenden, ganzen Kuchen mit beiden Händen und biss hinein.
«Ja, ja, Sie machen das richtig«, sagte der Anwalt kauend,»bei so einem wunderbaren Kuchen muss man einfach herzhaft zubeißen.«
Hans wischte sich den Mund ab.»Es is’n Kuchen. Da hab ich schon bessere, da hab ich schon schlechtere.«
«Nun, da haben Sie sicher recht. Aber es ist die Situation, das Ambiente, das Drumherum, was einen guten Kaffeetisch ausmacht.«
«Das freut mich, dass es Ihnen mit mir anscheinend besonders gut schmeckt. Ambiente, hm?«
«Nun, wir beide haben einiges vor. Geschäfte, Hans. Wichtige Geschäfte.«
«Bedeutende Geschäfte, ja. Sie wissen ja, was ich zu bieten habe. Der Schmuckhändler ist ein guter Freund von mir.«
«Sagen wir es so, meine Auftraggeber sind durchaus interessiert an dieser Möglichkeit.«
«Es wäre ein Weg, den keiner vermuten würde. Ans andere Ende der Welt.«
«Schonmal in Japan gewesen, Herr Pieczek?«
«Sie können ruhig Hans sagen.«
«Emil. Angenehm. «Er reichte Hans seine Hand über den Tisch.»Man könnte denken, das Geschäft wäre perfekt, Emil«, sagte Hans und drückte kurz die Hand des Anwalts, die sich feucht und warm anfühlte.
«Es sind wie immer die Details, Hans«, sagte der Anwalt,»aber da gibt es marktübliche Richtlinien. Sieben Komma fünf Prozent für Lagerung und Vermittlung.«
«Mein Mann aus Tokio kommt in der zweiten Jahreshälfte wieder in die Stadt. Ich weiß nicht, wie Ihr Fahrplan, also was die Zeit betrifft …«
«Wir haben Zeit, mein lieber Hans. Meine Auftraggeber wollen, dass ein Teil der Ware andere Wege nimmt. Wege, mit denen keiner rechnen würde. Meine Auftraggeber haben momentan kein Interesse an Hektik, an Stress.«
«Den hatten sie ja schon, wie man so hört.«
«Hm. Meine Auftraggeber sind Verbrecher.«
«Wenn Sie das sagen …«Hans blickte zu der Verkäuferin, die an der Kasse hantierte. Die Glocke an der Tür läutete, und eine ältere Frau betrat das Geschäft. Sie schlurfte zur Verkaufstheke, beachtete sie gar nicht oder schien sie nicht zu sehen an ihrem Tisch.»Tag, Marlene«, sagte die Verkäuferin.
«Verstehen Sie mich nicht falsch, Hans. Ich meine, ganz normale Diebe. Einbrecher. Profis. Kriminelle. Sie …, oder waren wir jetzt per Du …, haben doch sicher genug Berufskriminelle kennengelernt.«
«Tja, so denkt ihr Anwälte. Rotlicht, Huren, Nachtclubs und viele böse Kriminelle.«
«Nein, Hans. Ganz im Gegenteil. Und darauf will ich doch hinaus, du bist ein ehrlicher Unternehmer. Hast seit Jahren keinen Stress mit den Behörden, führst deinen Laden, so gut es geht …, bist transparent, soweit das geht, zahlst deine Steuern, bezahlst deine Leute, hältst deinen Laden sauber, soweit das möglich ist. Hast einen guten Ruf, bietest faire Arbeitsbedingungen, machst deinen Schnitt.«
«Emil und die Detektive. Und wenn mein Schnitt so blendend wäre, würde ich wahrscheinlich nicht hier sitzen.«(Verdammt nochmal, dachte er, AK würde sagen, du bist total bescheuert, ein Verhandlungsdepp.)
«Ach, Hans, wer kann da schon Nein sagen, bei einem lukrativen Nebengeschäft. Und Sie wissen doch genauso gut wie ich, dass wir unsere Informationen eingeholt haben, bevor wir …«
«Das große internationale Konsortium, was? Sie klingen fast wie der Graf …«
«Der Graf?«
«Ach, vergessen Sie’s. Und nein, in Japan bin ich noch nie gewesen.«
«Interessante Kultur. Große Kultur. Ehre. Stärke. Was ich meinte, als ich sagte, dass Sie …, dass du sicher genügend Berufskriminelle kennengelernt hast …«
«Brich dir keinen ab. Natürlich, damals in Berlin, kurz nach der Wende, jeder wollte das schnelle Geld, aber Beruf würde ich das jetzt nicht unbedingt nennen. Glücksritter, die auch von drüben kamen, Sparkassenknacken war groß angesagt, Anfang, Mitte der Neunziger, jeder wollte das schnelle Geld …, natürlich gab’s da paar Spezialisten, aber das warn doch alles Peanuts. Richtig Kohle gab’s bei Immobilien und Treuhand. Wie kommen Sie denn zu Ihren Kontakten?«
«In der Knochenbrecherbranche war ich nie, Hans.«
«Sie verstehen einen Scheiß, Emil. War eine Art Freiheit, damals. Sich ausprobieren. Auf die Konventionen scheißen. Auf die Kacke hauen. Also noch in der Zone. Und später. Eigene Regeln. Bisschen Spaß beim Sport, dritte Halbzeit, also auf der Straße. Zusammenhalten, eine starke Einheit bilden. Und wir waren jung. Ende der Achtziger. Und später alt genug, um mitmischen zu können im großen Spiel. Da saßen Sie in ’ner schicken Kanzlei im schicken Berlin-West …«
«Räudig war das, Hans. Berlin-West. Westberlin. Räudig. Aber gut. Und dann kam der Osten, und alles wurde noch räudiger.«
«Wir haben euch doch zugeschissen mit eurem Begrüßungsgeld.«
«Und jetzt geben wir ein paar Bröckchen zurück. Die Prozente stimmen, wenn der Preis stimmt. Wenn Tokio Ja sagt, haben wir alle goldene Nasen und goldene Herzen.«
«Tokio wird einen guten Preis machen, Emil. Dafür kann ich garantieren.«
Die Alte schlurfte zum Ausgang, wieder ohne zu ihnen zu blicken, sie hielt einen bunt gemusterten Stoffbeutel in der Hand, Brotlaibe oder Brötchen zeichneten sich in Beulen durch den Stoff ab.
Sie blickten aus den großen Fenstern der Villa auf die bunten Buden und Karussells der kleinen Frühjahrskirmes, die sich auf einer Wiese hinter den Häusern erstreckte. Nur ein paar Menschen liefen zwischen den Ständen und Fahrgeschäften hin und her, es war früher Nachmittag und immer noch recht kühl. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, wahrscheinlich würde es Regen geben.
Sie hatten jeder ein Glas Whisky vor sich stehen, hatten auf das Geschäft angestoßen. Nur ein Tisch mit drei Stühlen stand in dem leeren Raum, die Tapete hing von den Wänden, an einigen Stellen war der Putz zu sehen, und auch der Holzfußboden war nicht mehr in bestem Zustand.
«Du möchtest wirklich in dieses Haus investieren? Der Traum vom Alterssitz?«
«Ach, was heißt Alterssitz. So weit isses nun doch noch nicht. Aber irgendwann möchte ich schonmal aus der Stadt weg, ich meine zum Wohnen. Und so weit isses mit dem Auto ja nicht.«
«Mit dem Auto in die Stadt mit dem längsten Bahnsteig Deutschlands …«Sie lachten. Hans nahm die Flasche Johnnie Walker Black Label und machte die beiden Gläser wieder voll.»Du hast doch vorhin den Pavillon gesehen, also die kleine alte Bahnhofshalle?«