«Ja. Ein wunderbares Gebäude. Der Zauber der alten Eisenbahn …«Sie hatten in der kleinen Halle gestanden und dem Echo ihrer Stimmen und Schritte gelauscht. Vom Tunnel, durch den sie gekommen waren, wehte ein leichter Wind den Geruch aller Bahnhofstunnel durch den Stein zu ihnen, Hans dachte an die Auswärtsfahrten Mitte/Ende der Achtziger, der dröhnende Chorus der Horde, einige von damals sind zu den Engeln gegangen, andere waren bürgerlich geworden, aber was hieß das schon …
«Achtzehnhundertsechzig rum. Die reißen’s bald weg. Woll’n Parkpklatz bauen.«
«Ist hier so ein Kommen und Gehen, dass sie einen Parkplatz brauchen?«
«Nein. Sind Idioten. Früher warn’s die Bonzen, dann die Treuhand …«
«So besorgt um die Kulturgüter der Heimat, Hans?«
«Eigentlich brauche ich was richtig aufm Land. Ich hab noch ’ne andere Option, auch ganz in der Nähe der Stadt, aber andere Richtung. ’n richtiges Schloss.«
«Du willst ’n Schloss kaufen, Hans? Nicht dein Ernst? Da braucht’s doch aber sicher mehr als unseren kleinen Deal.«
«Nee, nicht das ganze Schloss. Da gibt’s ein Nebengebäude, direkt am Wasser, also auf dem Wasser, wie ’ne kleine Insel. Ist ’n Wasserschloss. Mitten im Wald. Wie im Märchen.«
«Sehnst du dich so sehr nach der Einsamkeit?«
Hans nimmt eine Zigarette aus seinem Etui, reicht es dann dem Anwalt.»Danke, warum nicht. «Hans gibt ihm Feuer, zündet sich dann seine Zigarette an.
«Wie wollt ihr mir die Ware liefern?«
«Per DHL. Einschreiben mit Rückschein.«
«Nicht dein Ernst?«
«Wir melden uns vorher.«
«Ich hab’s einfach satt«, sagte Hans,»der ganze Lärm. Den ganzen Tag dreht sich’s. Die große Mühle. Wird mir zu laut, verstehst du. Irgendwas Gediegenes auf dem Land. Immer mein Traum gewesen.«
«Und deswegen hast du uns kontaktiert? Um die Stadt verlassen zu können? Startkapital?«
«Ist’s so gelaufen? Bin ich zu euch gekommen? Mein Mann aus Tokio weiß ziemlich viel. Natürlich könnt ich mir den Scheiß hier auch so leisten. Aber wie du schon sagtest: Bei einem lukrativen Nebengeschäft kann man schwer Nein sagen.«
«Ich sag immer, Hans, ein guter Steuerberater ist das A und O. Geht nichts drüber. Kann man besser schlafen. «Er nahm einen Schluck von seinem Whisky, drückte die halbgerauchte Zigarette in den Aschenbecher.»Kann man trinken, den Johnnie Black.«
«Den trink ich am liebsten. Seit über zwanzig Jahren.«
«Ich bin auf die Malts umgestiegen, Hans.«
«Hm. Hab ich Glenfiddich in meiner Bar.«
«Schaff dir noch ein, zwei mehr an, ist der neue Trend jetzt. Talisker. Lagavulin.«
«Vielleicht in Berlin. Schon der Glenfiddich wird kaum getrunken. Im Büro hatte ich ’ne Zeitlang einen guten Japaner. Hatte nicht gewusst, dass die auch Spitzen-Whiskys machen. Hat mein Freund aus Tokio mal mitgebracht.«
«Dein geheimnisvoller Freund aus Tokio …«
«Da ist nichts geheimnisvoll. Deswegen denkt ihr ja genauso wie ich, dass er der richtige Mann für die kleine Transaktion ist. Er verkauft an die Neureichen in China. Die geschäftstüchtigen Kommunisten müssen den Wohlstand nachholen.«
«Ja, Hans, die Welt, wie wir sie noch kannten, hier ein Block, da ein Block, gibt’s nicht mehr.«
«Bin ich froh drüber. In der Zone würden wir nicht hier sitzen und Johnnie Black trinken.«
«So meinte ich das nicht …«
«Wie auch immer. Ist spät geworden.«
«Ist spät geworden.«
Sie blickten schweigend aus den großen Fenstern. Hans zündete sich noch eine an. Draußen wurde es langsam dunkler, die grauen Wolken hingen tief, es nieselte, winzige Tropfen an den Scheiben, die Lichter der Karussells begannen zu leuchten. Er erinnerte sich an die Rummelplätze der Stahlstadt, in der er groß geworden war. An die Rummelplätze in den Dörfern um die Stahlstadt, an die Zelte, in denen getanzt wurde, Blasmusik, an die Schießbuden, die Alten, die im Krieg gewesen waren, schleppten die Preise weg, kleine Karusselle, von denen die Farbe abblätterte, hölzerne Pferde, Feuerwehrautos, Doppeldecker, Giraffen …, sein Vater war oft mit ihm auf den Rummel gegangen …
«Mein Zug geht bald«, sagte der Anwalt.
«Meiner auch«, sagte Hans und blickte auf seine Glashütte.
«Zeit für einen letzten Schluck?«
«Zeit für einen letzten Schluck«, sagte Hans. Der Anwalt nahm die Flasche und goss ein.»Ist eigentlich ganz schön hier«, sagte er.
«Ja«, sagte Hans,»hier oder beim Schloss. Ich bin mir noch nicht sicher.«Erzähl nicht so viel, du Idiot.
«Meine Auftraggeber …«
«Nein«, sagte Hans,»davon will ich nichts wissen.«
Der Anwalt lachte.»Nur das, was in den Zeitungen steht. Wenn ich vorhin etwas …, wie soll ich sagen …, forsch war …«
«Schon gut. Teil des Spiels. Teil der Arbeit.«
Sie tranken. Dann standen sie auf.
Die Gleise verzweigen sich, führen über Brücken, durch Tunnel, durch kleine, große Bahnhöfe, Vorstädte, Hauptstraßen, nächtliche Lumpensammler, Passagiere, die müde nach Hause fahren, der Betonsarkophag Südkreuz, das Rumpeln der U-Bahn unter den Gleisen, zwei Männer auf dem räudigen Boulevard Westberlins, ein Spätverkauf, der schließt, Stehbierkneipe Bahnhof Zoo, zwei Männer, die vorm großen Kaufhaus des Westens im Auto sitzen, Wachdienste, die ihre Wege verlegen, Diamantschneider auf Glas, dunkle Kleidung der Nacht, Kabelknipser, alarmfreie Zonen, zwei libanesische Brüder, sanfte Bewegungen an der Front des Kaufhauses des Westens, Sternbilder weit über den Wolken, Fassaden im gelben Licht der Nacht, Seile an der Fassade, Glas wird beiseitegestellt, Lederhandschuhe, Haarnetze unter Mützen, Tarnmasken, das Licht der Steine im Licht kleiner Taschenlampen, die kühle Schärfe der Karate, die Uhren ticken rückwärts, Zeitfenster, die Ware gleitet in die Säckchen, Glasvitrinen, durchtrennte Elektrizität, die in der Erde versickert, die vorsichtige Platzierung der Spuren neben den Vitrinen, billige Quarzuhren, die auf die Sekunde gestellt sind nach der Atomuhr, das Licht einer Taschenlampe bricht sich in einer stillen Explosion in einem Häufchen unglaublicher Schönheit, in Tokio sitzt ein Mann mit einer Lupe im Auge, im Städtchen G. in Thüringen halten zwei Züge am längsten Bahnsteig des Landes.
Import/Export 90
Zuhälter? Ja. Ja.
Ich meine, ich gehöre zu ’ner aussterbenden Gattung. Zu ’ner bedrohten Art. Im Prinzip bin ich nicht mehr aktiv, seit paar Jahren schon. Müsste also in der Vergangenheitsform sprechen. Aber wenn ich mich so an die Jahre dran zurückerinnere, dann ist das gleich wieder voll da. Klar, mit dem Ruhestand, das hätte ich mir alles anders vorgestellt. Und die Claudi hat, ich glaub, das muss so um zweitausendfünf gewesen sein, immer wieder gesagt:»Randy, lass die Finger von die Aktien.«
Ja, aber Randy wie immer seinen eigenen Kopp gehabt, wenn’s ums Geschäft ging. Zwotausendacht warn die Papiere abgelutscht. Alles weg. Ich meine, wenn ich’s wenigstens verprasst hätte. Jetzt sitz ich hier in Bottrop in mein Häuschen und hab Probleme mit den Raten. Bloß gut, dass die Claudi bisschen was abgezweigt hat. Da hätt sie aber was erleben können, wenn das mit den Aktien alles geklappt hätte. Aber sicher. Aber zwo-acht und auch die Jahre davor, war ich schon nicht mehr der alte Bulldozer, Randy räumt auf! ja, da war Respekt angesagt damals. Ich meine, früher, aufräumen, einen wegwemmsen, das war auch eher die Ausnahme. Da hat die Claudi aber aufs Wort … Das ist aber natürlich das, was Coppenrath & Wiese …, übrigens ist das ja meine Kreation, also dieser Begriff …, das kursiert jetzt, und ’n Haufen Leute, vor allem so Ostpocken, behaupten, dass sie da das Monopol drauf haben, aber nee! das haben die mir geklaut, als ich einundneunzig drüben war. Also wer hat’s erfunden? Der alte Randy, richtig.