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Und zack! warn wir weg aus der Kriegszone.

Über fünf Ecken kannte ich da einen, der hat’s ’ne Weile ausgehalten in der großen Stadt. Zwischen den Jugos und den Ost-Brigaden. Der hatte ’n kleinen Club. Hat da einiges investiert. Und irgendwann, das muss so dreiundneunzig gewesen sein, da war ich schon längst wieder drüben im Pott, die Mädels auf den Straßen, wie sich das gehört, der Ostblock, also die Russen, Rumänen und diese ganzen Mischbatterien, und die Türken und Araber noch auf dem Weg zur absoluten Kontrolle, der Kuchen-Klaus sagte immer:»Wie wir doch unsere Ausländer lieben, wenn sie doch nur im Ausland blieben«, also was ich sagen will, da traf ich dreiundneunzig diesen Typen, bis zur Halskrause voll mit gescheiterten Plänen war der, in Bottrop in der Bar von meinem alten Schulfreund saß der, und der war so mit den Nerven fertig, der hatte seinen kleinen feinen Club drüben in der großen Stadt aufgegeben. War ein Fall für den Seelenklempner, der gute Mann. Und trotzdem hab ich ’ne Weile gequatscht mit ihm am Tresen. Und ich muss zugeben, dass ich damals, bei den Schüssen in der Allee der schönen Augen, ganz schön zu tun hatte, um mich nicht an meine großen Leichtathletikzeiten zu erinnern. Randy rennt.

Und da hab ich dem Typen, der mit vollkommen ruinierten Nerven aus der großen Stadt geflohen ist, von Sammy und Micha erzählt, die ich beide ganz gut kannte aus der guten alten Zeit im Pott. Wo wir die Diskos beherrschten und den Mädels die Edelsteine auf die nackte Haut geklebt haben. Um sie dann mit Schampus wieder abzulösen. Randy spinnt mal wieder, sagt die Claudi.

Die zwei hatten ja in der Landeshauptstadt ihren Puff, ihren Club. Ja, sagt der Typ, ’n Club hatte ich ja auch im Osten.

In der großen Stadt?

In der großen Stadt.

Dem flattern die Hände auf der Theke, wie mir damals die Hände in der Allee der schönen Augen geflattert haben. Das Geheimnis ist, dass das keiner mitkriegen darf. Wenn deine Hände mal wieder so auf mir flattern würden, ruft die Claudi. Jetzt ist aber gut! Ja, ich weiß, dass du die Kohle ranbringst, Baby! Scheiß Rente.

Aber damals, also dreiundneunzig oder vierundneunzig, erzähle ich dem Typen die Story mit Samuel und Micha. Wie die da in der Landeshauptstadt plötzlich richtig Druck bekommen haben.

Die einen machen Druck, die anderen haben ’ne Schrotflinte.

Von heute aus gesehen weiß ich ja, dass die beiden dann wegen präventiver Notwehr freigesprochen wurden. Da haben wir hier die Pullen aufgemacht. Obwohl die alten Zeiten unwiderruflich vorbei waren. Aber das war nochmal ’n kleiner Sieg über den Osten. Oh nein, Randy rennt nicht! Beziehungsweise: OH JA.

Ich wollte dem Typen ja nur erklären, wie gut er da weggekommen ist. Kann man wie immer so und so sehen. Aber die Nazi-Rollkommandos in der Landeshauptstadt hatten schon ihre ganz eigene Qualität. Weil’s da nicht um die Knochenbrecher-Brigade ging, sondern um die ideologische Knochenbrecher-Brigade. Ja, hallo! ich bin immer noch der alte Randy! Aber was sind denn das für Assis, denen unser uraltes Geschäft, unser jahrhundertealtes Geschäft, nicht mehr deutsch vorkommt? Die die Straßen der Landeshauptstadt wieder sauber und volksdeutsch halten wollen. Hallo?

Und da erzähle ich dem Typen, der mit dem Post-Ost-Belastungssyndrom scheinbar heftig belastet ist, wie der Laden von Micha und Sammy einige Male von den Neonazi-Brigaden zerlegt wurde. Aber die zwei hatten ’ne Schrotflinte. Hab ich ja schon gesagt. Und als dann der Mister Obernazi, kurioserweise kein Ossi, sondern einer ausm Pott, der dort im Osten die Brigaden ideologisch geschult hat …, als der also mal wieder am Rumstänkern war, haben die ihn weggeschossen. Bumm, bumm.

Ja, sagt der, da haben wir uns wohl alle mächtig verschätzt. Haben wir, sage ich, haben wir.

Damals ging das Gerücht um, dass sie oben an der Küste, in Rostock, einen Investor aus dem Hessischen radikal aus dem dortigen Markt gedrängt haben. Was auch so war. Also wahr war.

Ins Messer gelaufen. Die Armeen marschierten an der Strandpromenade auf. Wie will man im Ausland gewinnen. Und ich sag immer zur Claudi, wenn’s um den ganzen alten Kram geht und wenn’s mal was zu lachen geben solclass="underline" Wie hieß der Ministerpräsident von MV?

Was für ’n MV? Wer wird Millionär?

Mecklenburg-Vorpommern. Applaus für Rudi Geil!

Und da gab’s Containerpuffs, also damals, die die Mecklenburger Brigade betrieb. Die sich auch untereinander totschoss und abstach und ins Koma prügelte. Kein großer Kuchen. Nur ’n kleiner Kuchen. Rauer Wind an der See. Rauer Wind im Osten. Nix für Randy. Trotz Rudi Geil. Leckt mich doch!

Und so blieben wir dann doch unter uns, machten wir unsere Geschäfte im Pott. Zuhälter? Ja.

Ja.

Sechsundneunzig war ich dann nochmal in der großen Stadt. Hatte ja ’ne Firma, wegen der Steuern.

Der alte Randy, also ich, wir hatten ’ne Idee vom Sesshaft-Werden. Da hatte ich auch nur noch die Rosie und die Claudi.

Die große erste Liebe war schon lange weg, aber das darf die Claudi gar nicht hören sowas.

Karate-Opi hab ich übrigens mal wieder getroffen, als ich meine Mutter im Altersheim in Hagen besucht hab. Da sah’s schon immer aus wie im Osten. Also in Hagen, nicht in dem Altersheim. Das war schon vom Allerfeinsten. Da hatte ich noch gut Kohle.

Ich hatte sogar zwei Angestellte. In der Ausstattungsfirma. Der Bekannte vom Kuchen-Klaus hat mir das damals vermittelt. Den Auftrag im Osten. Da wollen wir gar nicht drüber reden, was der Klaus da für Prozente für bekommen hat. Na ja, wieder zurück bei den Irren. Ging ja um Geld.

Meine Jungs sollten da drei Spiegelzimmer einrichten. In der Burg beim Bielefelder, also dem Bekannten vom Klaus, dann noch in so ’nem kleinen Club, und dann gab’s da noch so ’n Typen, der war auch schon damals bekannt und hatte den einen oder anderen Laden in der Stadt oder wollte den einen oder anderen Laden eröffnen, das hab ich jetzt nicht mehr so parat. Heute jedenfalls ist er ’ne große Nummer, ’n guter Unternehmer, was man so hört. Hängt bei den Engeln mit drin. Sein Auftrag ist jedenfalls damals flöten gegangen. Siebenundneunzig! ruft die Claudi. Ja, ja, kann schon sein.

Wir waren da in ’ner Vierundzwanzig-Stunden-Kneipe verabredet. Da hingen die alle rum. Der AK, der da gerade in der Wohnungsvermietung groß aufstieg, der Bielefelder kam manchmal, auch ’n paar Immobilienärsche, denn wie das so ist, zog sich das über Tage hin. Ich wollt nur das Geschäft klarmachen. Ein paar Typen kamen da rein, die rannten früher auf der Allee der schönen Augen rum, Mitglieder der diversen Brigaden, waren aber bei irgendwelchen Securities inzwischen. Erkannt haben die mich nicht. Hatte die Haare auch kürzer und ’n Bart. Haben die Mädels immer geschimpft über meinen Bart.

Es herrschte Frieden in der großen Stadt. Die hatten sich an einen runden Tisch gesetzt. Gar nicht so dumm die Ostpocken. Der runde Tisch des Rotlichts. Irgendwie hatten die’s plötzlich verstanden mit der Demokratie. Schmiedeten einen Pakt. Verteilten die Kuchenkrümel. Jeder mit jedem, und alle für sich.

Und wie die da gefeiert haben, Darts gespielt um paar hundert Mark, Fressereien aufm Tresen, Sekt und Bier, und ab vier, fünf kamen auch die Mädels rein. So wie bei uns damals, nur ’ne Nummer kleiner.

Und einmal, als ich da war, springt da der Typ, dem ich mit meiner Firma das Spiegelzimmer einrichten soll in seinem Club, aufn Tresen und singt die Internationale. Steht auf, Verdammte dieser Erde … Da haben die Ostpocken alle im Chor mitgesungen und dann weiter Darts gespielt.

Und am zweiten Abend ging’s um irgendwelche Stasi-Sachen, was soll und kann ich da mitreden …, da ging’s um ’ne Akte, ich glaube um die von AK, dem gelernten Verkäufer, der heute so ’ne große Nummer geworden ist, da haben die beinhart einen vertrimmt, einen von den Security-Typen, weil der wohl zum Ende der Zone über AK irgendwas erzählt hat. Aber am nächsten Abend saß der schon wieder mit am Tresen. Mit ’nem zugeschwollenen Auge. Schien keiner mehr sauer zu sein. Ich hab ’ne Runde Darts mitgespielt und zweihundert Mark verloren. Scheiß drauf. Meine kleine Firma habe ich Ende der Neunziger abgegeben. Die zwei Zimmer habe ich einrichten lassen in der großen Stadt. Mit den Mädels lief’s noch ’ne Weile. War dann aber auch Schluss. Zu viel Druck. Zu viel Konkurrenz. Harte Zeiten.