Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich den Pott. Ich bin ganz zufrieden. Quatsch mich ja nicht blöd an. Ich bin Randy!
Gesichter
Er stand vor einer Mauer. Efeubewachsen, Büsche davor, kleinere Bäume. Grabplatten auf dem Mauerwerk oder eingelassen in den Stein. Verwitterte Buchstaben, Namen, Inschriften. Er konnte nirgendwo einen Durchgang erkennen auf die andere Seite. Er war schon zuvor auf weitere Mauern gestoßen, die ihm den Weg versperrten. In einer scheinbar willkürlichen Anordnung verliefen sie über das Gelände, er fand hin und wieder ein Tor, einen Durchgang, einmal sogar eine Art kleinen Tunnel, ein auf beiden Seiten offenes, leeres Mausoleum. Ein Grabgebäude. Wie ein kleiner Tempel im Inneren. Er konnte die Abdrücke der herausgebrochenen Grab- und Ziertafeln erkennen. An beiden Wänden ein langer Sims, ein schmaler Vorsprung, auf dem man wohl sitzen konnte. Er war schnell durch diese offene Gruft getreten, er hörte den lauten Hall seiner Schritte, Laubblätter auf beiden Türschwellen, dann war er auf der anderen Seite. Dasselbe Gelände hinter der Mauer, hinter diesem Tor. Was suchte er hier? Und wie war er hierhergekommen? Er wusste nur, dass er plötzlich vor dem Haupteingang des großen Friedhofs gestanden hatte, den Autoschlüssel in der Hand. Der Wagen eingeparkt auf der anderen Straßenseite dieser schmalen stillen Straße, direkt vor einem Café, Plastiktische auf dem Fußweg, Gäste sah er nicht, auch keine Passanten.
Er lief den Hang hinauf; durch Gruppen von Tannen, Fichten, Laubbäumen führte der Weg, das Gelände hob sich, ein Hügel vor ihm, er konnte nicht erkennen, wie weit sich der kleine Wald hinzog, je weiter er sich vom Eingangstor entfernte, umso dichter wurde er, Büsche, Bäume, Zierpflanzen, Hecken; und die Steine, die Gräber, große, kleine, mittlere Steine, Gräber, die von niedrigen eisernen Zäunen umgeben waren, Grabfiguren, Statuen, Felsbrocken, in die Namen hineingemeißelt waren und die wie Findlinge aussahen, dann kleine helle Steine über neuen hellen Urnengräbern, riesige Familiengräber, wie Inseln von Bäumen gesäumt oder an den Mauern, die die Friedhöfe, die im Lauf der Jahrzehnte zu einem Zentralfriedhof zusammengewachsen waren, immer noch voneinander trennten, aber durch einige Tore und Durchgänge miteinander verbunden waren, er drehte sich um und konnte hügelabwärts in der Ferne hinter und zwischen den Bäumen den sehr spitzen und sehr schwarzen Turm einer Kirche erkennen, der wie ein dünnes, kahles und astloses Gewächs in den Himmel stach, irgendwo draußen vorm Friedhof stehen musste. Er konnte sich nicht erinnern, diese Kirche, diesen Turm früher einmal gesehen zu haben. Ein schmales, hohes Fenster befand sich unterhalb der langgezogenen Spitze, ein schwarz gerahmtes Blau, ein paar zerfaserte weißgraue Wolken hinter und neben dem Turm, kurz musste er überlegen, in welcher Zeit er sich befand. Selbst der Monat war ihm nicht ganz klar, und es dauerte ein paar Sekunden, bis er sich wiederfand in diesem Oktober des Jahres zehn. Nachmittag. Er hatte seine Uhr vor einigen Stunden abgelegt, als er schwimmen gewesen war, sie musste noch auf der Veranda liegen. Er war nicht in den Pool gegangen, sondern runter zum See gelaufen. Das Wasser war kalt und klar, weit draußen konnte er die bunten Rechtecke und Dreiecke der Segel erkennen. Es war ein schöner Oktober, aber der Wind war frisch und kühl, kam aus den Hügeln am anderen Ufer, die man mit bloßen Augen von hier nur schwer erkennen konnte, geschwungene Silhouetten, die felsiger wurden, je weiter sie sich von der Stadt wegbewegten, ein bewaldetes Bergland, durchbrochen von schroffen Hängen und Kämmen. Eine Schnellstraße führte durch das Bergland, vor einigen Jahren erst verbreitert und neu asphaltiert, manchmal fuhr er dorthin um die großen Seen zu den Bergen, den Wäldern.
Er suchte nach seinem Handy. Dann fiel ihm ein, dass er es im Auto gelassen hatte. Er versuchte, die Uhr an dem Kirchturm zu erkennen, blickte mit zusammengekniffenen Augen gegen das Licht der tiefstehenden Sonne zu der Kirche, an die er sich nicht erinnern konnte, man musste diesen Turm doch kilometerweit sehen, so lang und dünn stach er zwischen den Häusern hervor. War es vier? Er konnte den Stand der Zeiger nur erahnen. Er brauchte wohl auch bald eine Brille für die Ferne, die Lesebrille trug er in einem Lederfutteral in der Innentasche seines Mantels. Er zog sie heraus, hielt sie ein Stück von sich weg und blickte durch eins der Gläser wie durch eine Lupe auf den Turm und die Uhr und sah verschwommen, dass es tatsächlich zehn vor vier war. Ihm fiel die Stille auf. Kein Vogel zwitscherte. Die Stadt war hier nicht zu hören. Er war mit dem Wagen ziellos herumgefahren. Früher hatte er das oft getan, wenn er nachdenken musste, wenn er die Geschäfte überdenken musste, wenn es Probleme gab. Meistens war er dann nachts unterwegs, hörte Radio, den Klassiksender, das entspannte ihn. Investitionen, Immobilien, was machen die Jugos? soll er die Informationen über die Russin weitergeben? die ihre kleinen schmutzigen Geschäfte machte, zusammen mit ihrer Tochter, aber das war alles vor mehr als zehn Jahren gewesen. Und ein Strom aus Farben, Erinnerungen, Reisen, Frauen, Scheinen, Geschäften, Häusern, Aktien, Kalkulationen, Geburtstagen, Krisen, Renditen, Angriffen, Weihnachtsfeiern, Lichtern, Frauen, Kurzschlüssen, Son, my son, what have you done, dazwischen. Dazwischen. Wie viele Jahre? Wenn er ziellos durch die Stadt fährt, durchs Zentrum, durch die Randbezirke, rüber in jene andere, kleinere Stadt, in der er auch Objekte hat, Eden City 2, aber die Dörfer werden zu Vororten, die Nachbarstädte wandern und rücken näher, die Verbindungsstraßen werden kürzer und kürzer, die S-Bahn fährt durch einen Tunnel unter der Stadt, er sieht die Baumaschinen und Gruben und die großen schmalen Arme der Kräne, er sieht die Deutschlandfahne flattern im Wind auf dem Dach des Clubs der Madame Gourdan, wie er sie manchmal scherzhaft nennt, er fährt am alten Stadion am Stadtrand vorbei, in dem er früher so viel Zeit verbracht hat, über zwanzig Jahre her, mehr noch, fährt am neuen Stadion vorbei, neben dem Fluss und dem Flutbecken, wo einst die Kinder ertranken, als er am Fenster stand, fährt über die Brücken der kleinen Flüsse und Kanäle, neunzehnhundertneunundneunzig und irgendwo und irgendwann zweitausendzehn. Er hört die Turmuhr läuten. Der Schall der Schläge berührt seinen Rücken, breitet sich aus um ihn, geht durch ihn und verliert sich zwischen Steinen und Bäumen. Er steht vor der Mauer, die den Friedhof oben auf dem Hügel begrenzt, Brachland dahinter, verfallene leere Kleingartenanlagen, Ödland, ein abfallender Berghang, Geröll und Büsche, und dann die grauen Häuser der Vororte, der Vorstadt, der Randstadt, Ausfallstraßen, und rot und rosa rückt der Abend näher. Er läuft an der Mauer entlang, dort vor ihm eine breite Lücke, ein Durchgang, groß wie ein Tor ohne Flügel, er stößt auf einen Bauzaun, vielleicht wollen sie den Friedhof hier vergrößern, ein neues Gräberfeld anlegen, er sieht in einigen hundert Metern Entfernung drei Gestalten auf dem Brachland. Sie bewegen sich inmitten eines großen Quadrates aus rot-weißem Absperrband. Sie scheinen etwas in den Boden der langgezogenen Brache hinter dem Friedhofsgelände zu graben. Hantieren mit Kisten und Apparaturen, die er von hier nicht erkennen kann. Wieder hält er seine Brille wie eine Lupe vor sich. Aber bevor er seine Augen zusammenkneifen kann, hört er einen dumpfen Knall. Kniff die Augen zusammen und sah die drei, die orangefarbene Anzüge trugen, hinter dem Absperrband stehen, in der Mitte des abgegrenzten Quadrats stieg eine weiße, dünne Rauchwolke empor. Noch ein Knall, sehr dumpf, als würde er tief aus der Erde dringen, eine weitere kleine und dünne Rauchfahne, neben der bereits fast verwehten. Er erinnert sich, dass ihm mal jemand von der alten Methode, den Boden mit Hilfe von Sprengstoffen aufzulockern, erzählt hat. Er drehte sich um, ging zurück, immer an der Mauer entlang.