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«Wo waren wir stehengeblieben?«Hatten sie das tatsächlich beide gleichzeitig gesagt? Nein. Wohl eher nicht.

«Ich habe gehört, dass sie dich weghaben wollen, Arnold. Dass die Engel nicht mehr hinter dir stehen. Dass er die Fäden ziehen will. Alleine. Keine Marktteilung mehr.«

«Du erzählst nicht nur viel. Du hörst auch viel, viel Scheiße, wie es scheint. In deinem Loch. Ich sollte gehen. Und du, schließ die Türen gut zu, begrab dich hier unten, bleib unter der Erde. Ist besser für dich. «Er warf seinen leeren Becher vor die Öffnungen in der Wand, kurz wünschte er, er könnte sich hinhocken und hineinsehen in diese Dunkelheit, ob ein Tor irgendwo hinter den Eingängen war oder ob der Weg, die Schienen direkt in jene Kammer führten.

«Der große AK verliert die Nerven? Setzen sie dir so zu, alter Freund?«

«Freund? Das war einmal. Das ist lange her. Es ist gar nicht so sehr, dass du ein Verräter bist …«Er hatte sich wieder beruhigt, war aber langsam Richtung Tür gegangen, aus der sie gekommen waren.

«Verräter? Vielleicht. Wir sind wohl beide nicht mehr die, die wir mal waren.«

AK blieb an der Tür stehen. Steffen lehnte an der Säule, blickte ihn nicht an, blickte an die Wand gegenüber, hielt seinen Plastikbecher direkt vor seiner Brust. AK schwieg, wartete. Er wusste, dass der andere gleich etwas sagen würde. Dass er seine Geschichte erzählen wollte. Dass er sich rechtfertigen wollte. Später, am Abend, als er wieder draußen auf der Veranda am See saß, ein Glas Rotwein trank und auf die Silhouette der Berge schaute, versuchte er, sich an seine Flucht durch die Katakomben zu erinnern, an sein Zurückkehren in den Raum mit den Öffnungen, die Backöfen ähnelten, er hatte einmal als Kind in eine Bäckerstube geschaut, bei der Oma auf dem Dorf, hatte gesehen, wie die riesigen Brotlaibe (in seinen Erinnerungen sind sie groß wie Körper) auf den Blechen in die halbrunden Öffnungen geschoben wurden, in denen es rot glühte, versuchte, sich zu erinnern, ob …, und ist er wirklich durch diese unterirdischen Gänge geirrt, vor Stunden erst, die Stimme seines ehemaligen Mitarbeiters Steffen hinter sich, der ihm aber nicht gefolgt war, und warum floh er? Oder wollte er einfach raus dort, verschwinden, nach Hause, zurück in den Herbstnachmittag, der schon längst zum Abend geworden war. Geducktes Hasten, die Luft mal kalt, mal stickig, Türen aus Eisen, Abzweigungen, und immer wieder ein Gewirr aus Rohren, Röhren an den Wänden, Zylinder, Hähne mit Messgeräten, graue Zinkrohre, rötliche Kupferröhren, die Luft mal heiß, mal kühl, Lüftungsschächte sah er keine, alle paar Meter das matte Leuchten einer kleinen Glühbirne hinter vergittertem Milchglas, dann plötzlich Licht von oben, wellenförmig bewegte es sich vor ihm auf dem Boden, ein großes, rechteckiges Glasfenster in der Decke, AK blickte in den Teich, das langgezogene Wasserbecken vorm Krematorium, denn weiter konnte er nicht gekommen sein, sah durch das trübe grüne Wasser den Abendhimmel, der sich auch bewegte, von einigen rötlichen Schlieren durchsetzt, sind das Fische oder Vögel, die über der Wasseroberfläche kreisen, oder Flugzeuge weiter oben, Zeppeline, die der Teich, die das Wasser in einer seltsamen Brechung zu ihm bringt, wie durch mehrere Linsen …, er hört das Knirschen der Scheibe über ihm,»Komm doch rein, es wird kalt. Und es soll Regen geben.«

«Gleich, Katrin. Ich trink meinen Wein noch aus.«

«Katrin?«

«Entschuldige.«

«Trink nicht so viel!«

«Ich hatte einen langen, harten Tag.«

«Ja, ja, du hast immer lange, harte Tage. Und sag mir lieber gleich, wer Katrin ist.«

Er rennt durch den Gang, geduckt, stößt sich ein paarmal den Kopf, hört Lachen von irgendwoher, aber vielleicht bildet er sich das nur ein, vielleicht muss er sich an die Rohre halten, muss diesem Aderwerk an den Wänden folgen, das nicht in alle Abzweigungen des Ganges führt, der sich wieder teilt, er rüttelt an einer Eisentür,»System III «steht dort, schwarze, abgeblätterte Farbe, jemand klopft von innen, wer ist dort eingeschlossen? hört er Stimmen? aber er läuft weiter, er muss den Weg nach draußen finden, dann hört er das Rauschen hinter sich, das immer lauter wird, das Wasser stürzt über ihn hinweg, er hält die Luft an, er fällt, wird mitgerissen von dem Strom, er treibt mit offenen Augen, Wasserwirbel um ihn, die Lichter hinterm vergitterten Milchglas, er presst die Lippen zusammen, sieht vor sich den Raum mit den beiden halbrunden Öffnungen, er versucht, sich an den Wänden festzuhalten, kämpft gegen die Strömung, die ihn dort hinreißt, er war ein guter Schwimmer gewesen, ist es immer noch …, Meter um Meter …, und da schauen sie ihn an, die Gesichter …, schauen aus den höhlenartigen Ein- oder Ausgängen.

«Schonmal was von der chinesischen Meile gehört?«

«Was?«

Sie sitzen beide an der Wand, direkt neben den Schienen, die in die zwei Öffnungen führen. Zwischen ihnen steht eine Flasche Weinbrand. Er nimmt sie und schaut auf das Etikett. Seine Hände sind feucht. Zittern ein wenig.

«Was hast du erwartet? Remy?«

«Die Bullen scheinen nicht so gut gezahlt haben. Was waren deine Silberlinge?«

«Sicherheit. Für mich, meine Frau …«

«Deine Frau.«

«Du verträgst nichts mehr, alter Mann. Ich habe dir doch von meiner Frau und meinem Kind erzählt …«

«Wo …«

«Auch wenn ich dir vertraue, so sehr vertraue ich niemandem. Das ist mein Preis, dass ich sie …«

«Du hast sie verlassen?«

«Ja. Auch wenn sie’s nicht wollte. Ist alles schiefgelaufen.«

«Das tut mir leid. Aber du hättest nicht …«

«Was blieb mir denn anderes übrig? Mein Posten war begehrt … Und als ich Schwäche zeigte …«

«Du hast doch gewusst, dass du dich nicht einfach so umdrehen kannst. Weggehen kannst. Oder: Es macht mir doch keinen Spaß mehr. Ich habe meine Ideale verloren …«

«Ideale. Als wenn wir je wirklich Ideale gehabt hätten. Sauberer Markt. Ja, ja. Macht. Geld. Brüder. Und ob du’s glaubst oder nicht, ich hätte ja weitergemacht. Ehrlichkeit — Zuverlässigkeit — Respekt — Freiheit. Aber wenig davon ist geblieben. Meine Engel sind davongeflogen. Und trotzdem wollte ich weitermachen. Wahrscheinlich. Sehr wahrscheinlich. Nennen wir es eine Midlife-Krise.«

«Die habe ich auch. Aber ich kann selbst entscheiden, wie weit ich gehe, wann ich wo aufhöre, mit wem ich Geschäfte mache …«

«Wenn du das glaubst. Die Engel sind gierig, vergiss das nicht.«

«Und? Ich könnte gehen. Jederzeit. Habe meine Firma, meine Agentur. Hab mein Fitnessstudio …«

«Monopoly, Monopoly. Und am Anfang standen zwei kleine Spielotheken. Badstraße.«

«Wenn du auch an diese Legenden glaubst …«Er nimmt die Flasche und trinkt. Reicht sie Steffen rüber, will dann auf seine Uhr schauen, aber sein Arm ist immer noch leer.

«Die haben mich reingelegt«, sagt Steffen,»hast du von dem Türken in der Hauptstadt gehört?«Er bewegt die Flasche vor seinem Gesicht hin und her.

«Was man so hört.«

«Natürlich hast du. Überläufer werden plötzlich große Führer. Geschäft, Geschäfte. Und keine Ehre mehr. Klingt blöd, ich weiß. Kapitalismus, ich weiß. Die alten Regeln gelten nicht mehr. Vielleicht bin ich ein Nostalgiker. Ich wollte nie singen. Nein, das wollte ich nicht.«

AK schweigt. Er hat anderes gehört. Vor zwei, drei Jahren. Aber er weiß, wie das ist, mit den Geschichten. Variante A, Variante B, System III, es wäre zu einfach, es auf die Blickwinkel zu schieben.

Und die Bullen warten und machen Angebote. Wenn sie wissen, dass Person X schwach ist, in Schwierigkeiten ist. Aber er hat ganz anderes gehört. Dass Steffen von selbst gekommen ist. Zu den Bullen. Vor einigen Jahren schon. Aber er wollte und konnte an all diese Dinge nicht so einfach glauben. Früher waren Fotos Fotos. Heute ist das anders. V-Mann Steffen beim Treffen mit dem Kommissar OK. Oha, Oha! Jeder kann das zusammenbasteln, virtuell. Er selbst steht seit zwölf, dreizehn Jahren nicht besser oder schlechter mit den Bullen als jeder normale Bürger. Kein Kommissar OK ermittelt gegen ihn. Er hat Geschäfte zu führen. Seit Januar zweitausendzwei, seit dem Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes, geht das wesentlich einfacher. So dachte er zumindest zu Anfang, in jenem fast schon mythisch gewordenen Jahr, als sie die alten Gesetze änderten, als die Beamten entdeckten, dass sie die Gelder unter ihre Kontrolle kriegen mussten, die Rechte der Frauen und die ach so wichtigen Fragen der Moral wurden da nur mal so mitgenommen, kollateral sozusagen, aber besser als nichts, so dachte er damals, ein Anfang, und so dachte auch Mr B., an den er sich hin und wieder erinnert, an den er sich oft erinnert, sein geschätzter Kollege aus und in der Hauptstadt, dessen Wohnungsbordelle all die Jahre geduldet wurden und ohne große Probleme liefen und der seinen Gewinn erwirtschaftete und bei dem die Frauen ihre Gewinne erwirtschafteten, die Ruhe und die Preise und die Arbeitsbedingungen bei ihm waren fast schon legendär (wie bei AK, sie trafen sich Ende der Neunziger auf einer Tagung der Vermieter und Betreiber von Modelwohnungen und bordellähnlichen Betrieben), und plötzlich, nach zweitausendzwei, begann sein Kollege Mr B., an den er sich hin und wieder erinnert, an den er sich oft erinnert, in den Fokus der Behörden zu rücken, wurde ins Visier genommen, wurde reglementiert, gesetzlich erfasst, das Bauamt torpedierte die Gewinnabsichten der Steuerbehörden, indem sie,»diese doppelköpfigen Schlangen«, wer hat das so gesagt damals? indem sie …, das OVG Berlin schaltete sich ein, die BAUNVO sowieso, das Finanzamt schickte Agenten aus, die sowohl die Verwaltungsgerichte, die BAUNVO und alle anderen, die mitmischten in diesem Chaos, dazu bewegen sollten, die Terminwohnungen, die Wohnungsprostitution, die bordellähnlichen Betriebe ja nicht am Geldumsatz zu behindern, die BAUNVO widersprach sich mehrfach, die Gerichte widersprachen sich mehrfach, alles wurde komplizierter als vorher, Terminwohnungen, bordellähnliche Betriebe oder doch Wohnungsprostitution, aber dann muss die Person, sprich die Prostituierte, auch in dieser Wohnung wohnen, bordellähnliche Betriebe sind in Wohngebieten unzulässig, oder doch nicht? weil das VGH Mannheim schon am 9. 8. 1996 (mein Gott, wie lange das her ist, denkt AK und streicht über das steinerne Gesicht am Grab des Leutnants und fragt sich, wann er dieses augenlose Lächeln schon einmal gesehen hat, war nicht dieser seltsame Mann, den sie Mondauge nannten, auch auf der Tagung gewesen?) …, später aber, am 9. 4. 2003, stellte das OVG Berlin fest:»Bordellartige Betriebe sind im allgemeinen Wohngebiet grundsätzlich unzulässig, sie können insbesondere nicht gemäß § 4 Nr. 2 BAUNVO als sonstige nicht störende Gewerbegebiete zugelassen werden …«, und dann setzten sie ihnen zu mit dem Begriff der» milieubedingten Unruhe«,»Oh Coppenrath & Wiese!«, hätte er früher gerufen, rief es vielleicht auch, obwohl er wusste, dass der Lude aus Tausendundeiner Nacht beziehungsweise Dortmund oder sonst einer Ruhrpott-City neuerdings die Urheberrechte darauf, also auf dieses Bonmot, beanspruchte, und er ist nach Berlin gefahren im Jahr zweitausendzwei, oder war es schon — drei? um seinen Freund und geschätzten Kollegen Mr B. zu unterstützen, denn der hatte ihm einmal bei einer Immobiliensache geholfen, danke der Nachfrage! Mr A., Mr B., wir müssen doch zusammenhalten, wenn es gegen die Ämter geht, Lärm im Treppenhaus durch unzufriedene und/oder alkoholisierte Kunden, Klingeln an falschen Wohnungstüren, Ansprache und Belästigung von Frauen und Mädchen, die in demselben Haus wohnten, An- und Abfahrtsverkehr sowie gewalttätige Begleiterscheinungen des Rotlichtmilieus, das Bundesverwaltungsgericht hat unter NVWZ-RR 1998, S. 540 die Frage offengelassen beziehungsweise die Antwort offengelassen, ob Bordelle als Vergnügungsstätten oder Gewerbebetriebe einzuordnen sind, das Problem der Unterscheidung des bordellartigen Betriebs ist hiermit nicht hinreichend ausgeführt, das VG Osnabrück wiederum widersprach in seinem Beschluss vom 7. 4. 2005 (der April scheint ein guter Monat für Beschlüsse zu sein) dem bisher unveröffentlichten juristischen Dokument des OVG Rheinland-Pfalz (verdammt nochmaclass="underline" Ländersache?) MWRE 101080400, aber wurde nicht schon im Monat zwölf des Jahres zweitausend von der 35. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichtes die allgemeine Einstufung der Prostitution in bordellartige Betriebe und anderswo und im Allgemeinen als unsittlich, wie es ja all die Jahre vor Einführung des ProstG …, wenn es nicht den Bürgerinitiativen» Kontra Großbordell in Dülmen «und» Front gegen Groß-Bordell in Heidenau«(welche Schreibvariante die richtige sei,»Großbordell «oder» Groß-Bordell «konnte trotz Intervention am OVG Berlin nicht geklärt werden) gelungen wäre, eine Klage beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof …, was blieb AK da anderes übrig, als Immobilien zu erwerben, schon in den Neunzigern haben sie ihn regelrecht in die Immobilienbranche gezwungen, keine Kindergärten in der Nähe, keine Kirchen, keine Ämter, keine Altersheime, damit er die Objekte ausschließlich gewerblich vermieten konnte, damit sich niemand störte, nur Huren wurden als Mieter zugelassen, aber irgendeiner störte sich immer an seinen Plänen, seiner Anwesenheit, seiner Notwendigkeit. Und er wollte doch nur seinen Geschäften nachgehen hier in der Stadt, ganz normal, wie in jeder anderen Branche auch. Träumte schon Anfang der Neunziger von Häusern, in denen nur Huren arbeiteten, seinen Häusern, hellerleuchtete Fenster beziehungsweise Lichter hinter den Gardinen und Herzen wie Diamanten. Und er hatte seine Beziehungen über die Jahre gepflegt, Bullen, Politik, Ämter, das war leichter als in Berlin, wo sein geschätzter Kollege Mr B. zweitausendvier Insolvenz anmelden musste (Jahre später hörte er, wer angeblich dahintersteckte).