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«Wie meinen Sie?«

«Das Du, mein wissbegieriger Freund, das Du. Also noch einmal.«

«Ich verstehe nicht …«

«Langsam. Ganz langsam. Schweigen. Zuhören. Abwarten. Tage und Nächte. Und einen Fehler ruhig und ohne Angst rückgängig machen beziehungsweise zugeben. Wir wollten uns doch duzen.«

«Du hattest das vorgeschlagen.«

«Und daran halten wir uns. Also mein Fehler. Nimm das zur Kenntnis. Dass hier kein Mann sitzt, wie sagt ihr, hinter den Spiegeln? der nicht in der Lage ist, für die Dinge geradezustehen. Also, kennst du dich ein wenig aus in der Geschichte? Und damit meine ich nicht alte Rockbands wie Status Quo.«

«Ich würde mich nicht als Experten bezeichnen.«

«Nun, so weit würde ich auch nicht gehen, was mich betrifft. Aber ich bin interessiert, versuche, mich dahingehend zu bilden. Milieu. Dieses Wort scheint mir ein Zeichen von Ahnungslosigkeit derjenigen zu sein, die es so gerne benutzen für alle unerklärlichen und unappetitlichen Dinge jenseits ihrer Vorstellung. Nehmen wir Alice …«

«Alice?«

«Ja, Alice beispielsweise. Schau, da sitzt sie, da drüben im Spiegel Nr. 3, nun tu nicht so erschrocken, man muss informiert sein, was passiert, wenn man so ein Geschäft führt. Wenn man überhaupt ein Geschäft führt. Vor zwei Wochen hieß sie noch Caro, aber ich fand deinen Vorschlag, was den Künstlernamen betrifft, doch recht annehmbar. Zumal hier vor drei, vier Jahren schon einmal eine Alice gearbeitet hat, und ich muss sagen, das war ein gutes Mädchen. In meinem Geschäft wünscht man sich nur solche Mädchen wie damals Alice. Sie hatte das Besondere. Den Funken. Und war klug genug, das Geld zu nehmen und zu verschwinden, auf zu neuen Ufern. Caro, die jetzt wegen dir, mein Freund, Alice heißt, ist ebenfalls eine wunderbare Frau. Notier dir das ruhig. Eine wunderbare Frau.«

Ein junges schwarzhaariges Mädchen an der Bar. Sie wippt mit dem Kopf zur Musik. Andere Mädchen, andere Frauen, neben ihr an der Bar, in den Sitzecken, auf den dunklen Ledersofas. Alice schiebt sich die Haare aus der Stirn, raucht eine Zigarette. Ein Mann setzt sich neben sie. Noch nicht viel los, wie es scheint. Früher Abend in Eden City.

«Es ist schön für mich, diese Momente der Ruhe von hier oben zu sehen. Der Abend beginnt. Noch sind die Mädchen unter sich. Es ist nicht so, dass ich sie beobachte. Ich werfe nur hin und wieder einen Blick auf die Spiegel. Es gehört auch dazu, hin und wieder mal nach unten zu gehen, ein paar Stammgäste zu begrüßen, mit den Männern an der Tür zu plaudern, kurzer Smalltalk mit den Mädchen … Weißt du, wir haben hier einen großen Trumpf …«

«Die Sicherheit?«

«Du hast deine Hausaufgaben gemacht. Die GmbH bietet Sicherheit.«

«Und die Rivalität mit der GmbH der Los Locos? Vor einiger Zeit war von Sicherheit doch keine Spur, also hier in der Stadt …«

«Die Los Locos …, lassen wir diesen Namen doch einfach für sich stehen.«

«Soll das bedeuten, dass im Gegensatz dazu die Engel GmbH & Co. KG eine rational handelnde Organisation, eine Gesellschaft ist, die den Markt, die Märkte, also auch Teile des sogenannten Rotlichts, mit rationalen, kontrollierten Geschäftsgebaren …«

«Moment, Moment. Mein Schädel brennt. Kleiner Scherz. Natürlich weiß ich, worauf du hinauswillst. Zum einen: Ich will nicht nachtragend sein. Die Sandkastenspiele in unserer Stadt sind längst beendet. Und unter uns, aber das ist auch kein Geheimnis, in der Stadt M. an der schönen Elbe laufen die meisten der Geschäfte im Rotlicht über die GmbH der Los Locos.«

«Ja, das ist mir bekannt. Wird die Engel GmbH dort versuchen, in den Markt zu drängen?«

«Du bist zu schnell, mein Freund, viel zu schnell. Und du denkst doch in den alten Klischees. Geduld ist in meiner Branche eine der unterschätztesten Tugenden. Worauf ich hinauswollte, ist nicht die allseits bekannte Tatsache, dass die Los Locos in der Stadt M. einen Teil der Geschäfte betreiben und kontrollieren, sondern dass ihr Vorsitzender ein alter Freund von mir ist. Ich respektiere ihn, er respektiert mich. Wir arbeiten nur für konkurrierende Unternehmen. Oder denkst du, dass Merkel und, sagen wir, Steinbrück oder Steinmeier nicht auch hin und wieder ein Glas Wein zusammen trinken …«

«Aber eine große Koalition ist zwischen den Unternehmen der Locos und der Engel ja nun doch nicht möglich. De facto.«

«Und de jure. Bravo. Da hast du einen etwas unpassenden Vergleich enttarnt. Aber sagen wir die Vorstandsvorsitzenden zweier großer Betriebe. Fusion natürlich ausgeschlossen …«

«Und feindliche Übernahme ja auch nur, was die Gebiete und Märkte betrifft, verbessere mich bitte später, wenn ich falschliege. Wenn wir aber schon bei Fusionen und Übernahmen und Koalitionen sind …«

«Ja?«

«… dann möchte ich doch den wunden Punkt Berlin ansprechen.«

«Die gute alte Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Wunder Punkt, sagst du …«

«Nur nebenher, wie alt warst du zur Wende?«

«Da war ich vierundzwanzig. Das beste Alter, wenn du mich fragst. Aber ich halt’s da mittlerweile mit Udo Jürgens. Das war doch Udo Jürgens.«

«Fünfzig Jahr, graues Haar? Nur ein kleiner Scherz. Mit sechsundsechzig Jahren …«

«Genau das. Da bin ich noch zwanzig Jahre drunter. Aber das geht jetzt alles sehr schnell, mit den Jahren, mit den stetigen Wechseln. Die Engel versuchen, eine Konstante zu sein. Aber wo waren wir stehengeblieben …«

«Berlin. Unter anderem.«

«Ja.«

«Ich meine, man las und liest ja viel darüber in der Presse …«

«Und genau das ist das Problem.«

«Aber es gibt doch Fakten, die sich nicht bestreiten lassen …«

«Niemand streitet. Niemand bestreitet. Ich habe dir doch eben erzählt, dass es durchaus Beziehungen, Freundschaften, Bekanntschaften und Achtung gibt, was das Verhältnis der Locos und der Engel betrifft.«

«Aber dass eine ganze Abteilung der Locos zu den Engeln überläuft, wie es aus Berlin zu hören war, ist dennoch ein besonderer und auch in ihrer Organisation höchst umstrittener Vorgang.«

«Zum einen: Ich stehe für die Engel. Immer für die Engel. Das ist unser Wahlspruch …«

«Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt, Freiheit.«

«Natürlich. Das auch. Aber was ich sagen wilclass="underline" Ich bin ein Teil der Organisation. Einer weltweiten Organisation …«

«Ist die Mafia nicht auch eine weltweite Organisation?«

«Die Mafia. Erstens: welche? Die Italiener? Welche. Die Russen? Die Triaden? Was für einen Scheiß erzählst du mir?«

«Entschuldige. Ich wollte die Engel GmbH & Co. KG nicht mit irgendeiner Mafia gleichsetzen, aber …«

«Dann lass diesen Scheiß. Du beleidigst die Engel, du beleidigst mich. Und sitzt hier in meinem Raum und denkst, ich lasse dir das durchgehen.«

«Möchtest du, dass wir unser Gespräch ein andermal weiterführen?«

«Du bist ein kleiner cleverer Bastard. Entschuldige. Jetzt sind wir pari. Was denkst du, wer vor dir sitzt, ein bockiges Kind?«

«Der Ex-Chef der Engel, Niederlassung Eden City?«

«Ein Science-Fiction-Freund, ich sehe schon. Nein, atmen wir einmal kräftig durch. Respektlosigkeit ist etwas, mit dem ich schlecht umgehen kann und auf das ich reagieren muss. Zugegebenermaßen. Mafia …, mein lieber Scholli, wie wir Sachsen sagen.«