«Ich wollte nicht respektlos sein, ich wollte nur etwas Schärfe in unsere Diskussion bringen.«
«Ich muss zugeben, dass ich das verstehe und dass ich es durchaus respektiere, wenn du hier gewisse Fragen stellst, gewisse Verbindungen ziehst, und dass du denkst, du kommst damit durch. Weil die wenigsten den Arsch dazu in der Hose haben.«
«Danke.«
«Spar’s dir. War kein Kompliment. Grundsätzlich kannst du aber natürlich alles fragen. Und was Berlin betrifft …«
«Die Los Locos sind ja nach dem Übertritt einer ihrer wichtigsten und stärksten Abteilungen in Berlin nun de facto nicht mehr existent.«
«Ich werde dir da nicht widersprechen. Aber sieh es doch einmal so, wenn wir vorhin von Fusionen sprachen, wobei diese Fusion, das hast du ja schon richtig erkannt, den Namen und die Firma außen vor lässt, es geht nur um den Wechsel, um die Übernahme eines qualifizierten Personals. Wären wir, also die Niederlassung der Engel in Berlin, nicht schön blöd, wenn wir dieses Angebot, diese Möglichkeit ausschlagen würden? Ich würde sogar in der Folge von einer Befriedung des Marktes sprechen. Die Dinge haben sich nun beruhigt in der Hauptstadt.«
«Der Markt, von dem wir hier sprechen, ist das Rotlicht.«
«Gut, dass du uns zu diesem Punkt zurückbringst. ›Rotlicht‹ ist für mich ein ähnliches Unwort wie ›Milieu‹. Was soll das sein? Wir lesen die Schlagzeilen, wir sehen die Filme im TV, erst kürzlich dieser ›Tatort‹ beispielsweise …«
«Der die Engel und ihre Geschäftspartner in der Stadt H. thematisierte …«
«Ihre angeblichen Geschäftspartner. Genau. Und die Engel zu Menschenhändlern stilisierte, sie als permanent gewaltbereite, vollkommen skrupellose Organisation verunglimpfte. Die grimmig in die Landschaft schauend wie die Höllenreiter der Apokalypse auf ihren Mopeds durch die Stadt brausten, um hier und da die Mädchen auf den Müll zu werfen.«
«Zumindest was das grimmig Dreinschauen betrifft, muss ich hier kurz anmerken, dass …«
«Was erwartest du? Bubis mit Mittelscheitel auf Schwalben und Vespas?«
«Coppenrath & … Weil du es erwähnst, ich habe eine Schwalbe bei mir im Keller stehen. Baujahr 78, eins a gepflegt und gewachst. Ist schon ’n Kult-Moped.«
«Da sind wir uns einig. Als ich fünfzehn geworden bin, hat mir mein Opa ’ne Schwalbe geschenkt. Ein Jahr nach der Jugendweihe. In Blau. Ich habe das Teil geliebt. Hab dran rumfrisiert mit meinen Kumpels, bis sie fast hundert Sachen brachte. Hab’s dann später dummerweise gegen ’ne S51 getauscht.«
«Und dann mit achtzehn kam die ETZE, hunderfuffzig oder zwohundertfuffzig, stimmt’s?«
«MZ. ’ne 125er.«
«Jetzt Harley?«
«Klar. Bist du ’n Motorradfreak?«
«Nicht wirklich. Hab nur noch die Schwalbe. Fahr ich manchmal im Sommer mit an den See.«
«Wärste mal mit der ollen Schwalbe bei uns vorgefahren. Hätte Eindruck gemacht.«
«Die Engel als ein Club der Motorradfreaks?«
«Natürlich. Auch das. Entschuldige mich mal paar Minuten, muss kurz runter. Wenn du was trinken willst, Bier, Whisky, Wodka oder Wasser, bedien dich.«
Allein zwischen den Spiegeln. Die Bilder auf dem Glas. Harleys stehen in einer Reihe unten auf der Straße vorm Club der Engel. Ein Polizeifahrzeug vorne an der Kreuzung. Das Logo der Engel über dem Schreibtisch am anderen Ende des Raums. Silbern schauen diese geflügelten Köpfe aus den Spiegeln. Musik und Stimmen, kleine Lautsprecher über dem Glas. Alice im Gespräch mit einem Gast, unten an der Bar. Das ist ja wundervoll! Nie hätte ich erwartet, so schnell Königin zu werden. Wenn alle bloß reden, nachdem sie gefragt worden sind und das Gegenüber immer darauf wartet, angeredet zu werden, dann würde doch keiner jemals etwas sagen, so dass …
Der Club füllt sich langsam. Alice trinkt einen Piccolo. Der Mann ein Bier. Beide rauchen. Auf einem schwarzen Ledersofa sitzt ein älterer Herr zwischen zwei Damen. Er trägt ein Cordjackett. Im Eingangsbereich steht ein Mann im weißen Trainingsanzug, eine weiße Mütze mit dem schwarzen Schriftzug» Engel «auf dem Kopf, er redet mit den beiden dunkelgekleideten Securities, begrüßt einen Mann im Ledermantel, der den Club betritt, mit Handschlag. Der Mann auf dem Sofa steht auf und geht mit einem der beiden Mädchen an der Bar vorbei zu den Zimmern. Zigarettenqualm dringt aus den Spiegeln in den Raum. Zwei Füchse mitten auf der Fahrbahn der kleinen Straße vorm Club, kurz schleichen sie um die Harleys, verschwinden dann zwischen den Häusern. Auf einem Abstellgleis des Zentralbahnhofs, das seit Jahren nicht mehr genutzt wird, haben sie sich in einem alten Waggon ihr Winterquartier eingerichtet.
«Der ewige alte Reinstecke-Fuchs.«
«Wo waren wir stehengeblieben?«
«Rotlicht möglicherweise? Deswegen meine erste Dialogzeile, als ich in den Spiegel blickte. Kleiner Scherz.«
«Äh, ja. Wir haben ja kein Programm, dem wir folgen müssen.«
«Nein. Wir können einfach plaudern, über Gott und …«
«Bist du gläubig? Vielleicht eine blöde Frage.«
«Es gibt dümmere. Nein. Nicht im eigentlichen Sinne. Früher, in der Zone, habe ich einige Christenmenschen kennengelernt. Wer den Staat damals kritisch sah, hatte meine Sympathie. Obwohl es eine vollkommen andere Welt war. Also die der Christenmenschen. Aber einige von denen haben sich was getraut. Hatten Mut. Schwerter zu Pflugscharen, das habe ich schon verstanden, das machte schon Sinn, damals. Vielleicht auch heute. War aber nie meins gewesen. Ein Ideal, dem der Mensch einfach nicht entspricht. Es sind eher die alten Philosophen, die mich interessiert haben. Selbst der größte Esel fragt sich irgendwann, warum er ist.«
«Die Platon GmbH & Co.«
«Bis hin zum alten Heidegger. Es freut mich, dass ich mich mit dir darüber unterhalten kann.«
«Ich würde nicht sagen, dass ich da ein Experte bin. Aber da du den Esel erwähnst, mich hat das auch immer ein wenig interessiert.«
«Den Esel lass mal schön stecken, mein Freund, war nur ein überspitzter Vergleich.«
«Nein, ich meinte das vollkommen ironiefrei.«
«Ironie ist etwas für Besserwisser und Dummschwätzer. Aber nichts gegen einen Witz. Und ich stoße immer wieder an diese großen und vielleicht sogar kleinen Fragen, Platon GmbH hast du gut gesagt, auch und vor allem wenn jemand wie du mich löchert, was die Engel und das Rotlicht …, da wollt ich ja eh noch was sagen, aber wir haben ja Zeit …«
«Wenn du Zeit hast. Ich will dich nicht von deinen Geschäften abhalten. Und auch nicht löchern.«
«Die Nacht ist lang. Und ich kann mich auf meine Leute verlassen. Aber wer sich abhalten lässt und ablenken lässt, ist früher oder später raus aus dem Spiel, raus aus dem Geschäft. Disziplin.«
«Hat dir da deine sportliche Erfahrung, so nenne ich das jetzt mal, geholfen? Du hast ja früher geboxt und hast auch eine Zeitlang im Trainingsbereich gearbeitet.«
«Ach, das ist lange her. Das ist wirklich lange her. Und ich bediene ja damit wieder eins der typischen Klischees. Aber das sind so Sachen, wo man einfach drübersteht, drüberstehen muss. Weil man ja wirklich mit dem Herzen dabei war. Egal. Nee, natürlich nicht egal. Der Boxer, der Ex-Boxer, der sich seinen Weg … undsoweiter. Aber es war ein toller Sport. Den ich bis heute liebe. Und ich habe großartige Menschen kennengelernt. Auch später als Trainer, das war dann schon Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger. Der Rücken hat schon früh angefangen zu streiken, da konnte ich nicht so lange im Ring aktiv sein, wie ich das wollte, weil ich da gerne viel länger im Ring aktiv gewesen wäre. Aber wir hatten eine tolle Amateurboxszene hier in der Stadt. Ist leider alles nicht mehr so, obwohl’s da immer noch paar Verrückte gibt, die sich nicht unterkriegen lassen, auch im Profi-Bereich.«