Выбрать главу

«Philosophie und Boxen und Rotlicht. Ist dann die Philosophie das Ungewöhnliche in diesem Triptychon?«

«Du willst mich wohl testen, was? Denkst wohl, der Mann wird blind und taub und blöd hinter den Spiegeln?«

«Nein, so hab ich das jetzt nicht gemeint.«

«Und was das Rotlicht betrifft, da waren wir doch eigentlich stehengeblieben.«

«Du sprachst vorhin von einer möglichen Befriedung der Szene in Berlin, dass dort die Auseinandersetzungen um den Markt ein Ende finden könnten. Wie erklärst du dir das Attentat auf den neuen sogenannten Paten von Berlin, der ja, aus der Abteilung der Locos kommend, mittlerweile eine hohe Position bei den Engeln innehat, um es mal vorsichtig auszudrücken. Oder die Schüsse am Germanenhof, was ja ein bekannter Rockertreff ist.«

«Ich bin nicht das große Orakel oder Onkel Jean Pütz, der alles erklären kann und alles weiß, was irgendwo ein Mitglied der Engel treibt. Ja, ja, Krise in Berlin, Krise überall. Und die europäische Krise dauert auch an, manche sagen, es ist ein Krieg, die sind pleite, und jener ist bankrott, und der kommt auf die Bühne …, und dann gibt es dort einen Quertreiber …, bemühen tuen wir uns doch alle, nicht wahr?«

«Besser ein Quertreiber als ein Querschläger.«

«Was soll dieser Quatsch jetzt bedeuten? Spielst du auf den armen Kerl an, der hier vor einigen Jahren auf der Straße liegengeblieben ist? Wir haben zu diesem Zeitpunkt bereits versucht, die Invasion einzudämmen. Es wäre wohl zynisch, von einem Kollateralschaden zu sprechen. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir Engel ähnliche Personenschäden hier in der Stadt oder meinetwegen in H. oder der Hauptstadt verursacht hätten. Wir haben unser ehrliches Mitgefühl damals in einer Zeitungsannonce zum Ausdruck gebracht. Die auch nur gedruckt wurde von den Schmierfinken der hiesigen Presse, weil sie unter einem Pseudonym lief. Also worauf willst du hinaus.«

«Ich meine nur, der vielbeschworene Frieden zwischen den beiden großen konkurrierenden Firmen scheint nicht zu funktionieren. In unserer Nachbarstadt, die ja mittlerweile und seit einigen Jahren de facto schon ein Teil unserer Stadt geworden ist, scheinen die Locos noch aktiv zu sein, nachdem sie sich von hier, also dem Zentrum des großen Steins, zurückgezogen haben. Die Haustür rückt näher. Die Ränder rücken näher. Kurzzeitig gab es hier das motorisierte Syndikat der Outsiders, das aber wieder aufgelöst wurde, und wie man hört, durchaus unter einem gewissen Druck, weil es dem Geschäft des A. …«

«Ein gewisser P., ein gewisser Druck … Ich habe dir vorhin schon einmal gesagt, dass du nichts weißt.«

«Und da sind wir wieder bei Platon.«

«Zumindest gibst du es zu.«

«Was? Die Allgemeingültigkeit der großen Philosophen?«

«Nein. Auch, dass wir alle weniger wissen, als wir glauben. Was denkst du, welche Rolle ich spiele. Wir sind hier. Die anderen sind dort. Und die anderen sind auch wir. Und dennoch nicht. Reim dir das zusammen.«

«Wenn die Deutsche Bank, entschuldige den Vergleich, irgendwo auf der Welt investiert beziehungsweise fehlinvestiert, ist es dennoch die Deutsche Bank, nicht wahr?«

«Mein Freund, das sind Totschlagargumente. Die Engel sind nicht zentral organisiert durch einen Betriebsrat oder einen Weltpräsidenten. Hegel sagt und beruft sich dabei auf Aristoteles und andere beziehungsweise zitiert sie: In der Metaphysik, und meiner Meinung nach damit auch zwangsläufig in unserer sogenannten Realität, haben wir den Gegensatz von Substantialität und Individualität. Im Grunde genommen sind wir Chemie. Die sich im Raum bewegt. Ich bin als Individuum nicht verantwortlich für die Dinge, die im Club der Engel weltweit passieren.«

«Ich bin beeindruckt …«

«Nichts ist zu bestimmen. Das Sein, was soll das sein? Sind wir nichts außerhalb unserer Zeit? Wer, verdammt nochmal, klopft an unsere Tür.«

«Ist es möglich, dass ich vorhin deinen alten und, wie man hört, ehemaligen Geschäftsfreund A., so nanntest du ihn zu Anfang, unten an der Tür gesehen habe?«

«Ach, haben die Spiegel zu dir gesprochen?«

«Wie soll man hier ohne sie sein.«

«Da hast du dich wohl verguckt. Natürlich war er ein paarmal hier, natürlich kennen wir uns seit vielen Jahren. Haben Geschäfte gemacht, haben uns ausgetauscht, haben Vereinbarungen getroffen, der alte AK und ich. Aber heute haben dich die Spiegel getäuscht. Da hast du einen anderen Ledermantel gesehen.«

«Wie stehst du zu eurem alten Pakt?«

«Welcher Pakt? Hast du wieder auf das Geflüster der Straße gehört?«

«Wie soll ich es sagen …, ein Mann: die Räume, die Clubs. Ein Mann: die Wohnungen, die Zimmer. Korrigier mich, wenn ich wieder mal vollkommen falschliege.«

«Der Tag war lang. Die Nacht ist lang. Und die Erklärungen sind endlos …«

«Ich …«

«Ja. Du. Komm in ’ner Woche wieder.«

Alice ist verschwunden. Die Bar ist fast leer. Die beiden Füchse liegen in dem alten Eisenbahnwagen auf dem stillgelegten Abstellgleis hinterm Zentralbahnhof. Noch gucken sie aus der offenen Tür des Güterwagens in die Nacht. Sie hätten gerne eine Frau. Aber die anderen Füchse sind woanders. Wenn sie die Autobahnen und Schnellstraßen überqueren, sterben sie. In den Parks ist viel Platz. Müll und Essbares unter den Brücken. Drei Harleys stehen noch vorm Club der Engel. In dem Polizeifahrzeug an der Kreuzung, einem Kleinbus, umgangssprachlich Sixpack, schlafen zwei Männer in Uniform. Eine Frau sitzt hinterm Lenkrad und liest in einer bunten Zeitschrift, die sie aufs Lenkrad gelegt hat. Prince Charles ist tot. Nee. Eine tote Dame, namens Sexy Cora, bekommt einen Nachruf. Ist aber schon lange tot. Hat sich die Titten machen lassen und ist dabei eingeschlafen. Schlechte Narkose. Die uniformierte Frau zieht eine Schachtel Zigaretten aus der Jackentasche des schlafenden Kollegen. Hab doch schon längst aufgehört. Der Mann, der seinen Club im Westen der Stadt hatte, Südwesten eigentlich, um genau zu sein, ist verschwunden. Die Frau legt die Illustrierte vorsichtig auf den breiten doppelten Beifahrersitz neben ihren Kollegen. Sie zündet sich die Zigarette am Zigarettenanzünder an. Sixpacks haben keinen Zigarettenanzünder. Die letzte Straßenbahn quietscht zwei Straßen weiter in die Endstellenschleife.

Im Club der Engel kommt Alice vom Duschen. Königin Alice. Leckt mich doch. Feierabend. Da kommt noch ’n Stammgast. Der sie immer sehr begehrte. Da setzt sie sich doch nochmal hin. Wassertropfen auf ihrer Stirn. Auf der Zapfanlage wippt ein kleiner Elch aus Holz. Kussmund. Keiner weiß, wo der herkommt. Der späte Gast setzt sich dann aber doch zu Magda aufs kaltgewordene Leder des Sofas. Leck mich doch. Auch gut. Feierabend. Wir schlafen schon im Stehen und im Sitzen.

Im nächsten Augenblick kamen Soldaten durch den Wald gerannt, anfangs zu zweit und zu dritt, dann in Gruppen von zehn bis zwanzig Mann und schließlich in solchen Mengen, dass sie den ganzen Wald zu füllen schienen. Alice stellte sich hinter einen Baum, um nicht umgerannt zu werden, und sah zu, wie sie an ihr vorbeiliefen.

«Bist du eigentlich bei Facebook?«

«Nein. Ich halte dieses Medium für gefährlich. Es zerstört unsere sozialen Strukturen. Es beginnt, die Gesellschaft zu kontrollieren. Da bin ich vielleicht etwas altmodisch. Obwohl früher einige aus unserer Branche über das Netz an sich, als es noch neu war, also Mitte der Neunziger, auch gelacht haben. Und jetzt hat jeder kleine Schmuddelpuff seine Seite. Die Werbemöglichkeiten sind natürlich enorm, früher lief alles über die Printmedien, ›Bild‹, Rotlichtführer … Wobei ›Bild‹ & Co. auch nicht zu unterschätzen sind, wir haben da nach wie vor unsere Annoncen. Die aber gleichzeitig auf unsere Webseite hinweisen. Das Ende der Printwerbung werde ich sicher nicht mehr erleben.«

«Du denkst also schon, dass es so etwas wie ein Ende der Printkultur geben wird. Was hältst du von Sexcams, ist das ein Markt, wo du dir vorstellen kannst, aktiv zu werden?«