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«Es müssen ja gewisse Verdachtsmomente gegen ihn vorgelegen haben.«

«Verdachtsmomente, aha. Andere Bürger werden vorgeladen. Und was wurde gefunden? Nichts. Wurde er inhaftiert? Nein. Am Ende konnte er, und das meine ich vollkommen ironiefrei, froh sein, dass er nur seine Hunde begraben musste. Es scheint mir, dass man als Mitglied der Engel GmbH elementare Rechte verliert in diesem Land.«

«Inzwischen ist er zurückgetreten beziehungsweise hat den Vorsitz der Niederlassung abgegeben. War das ein taktischer Schachzug, um die GmbH und sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen, die Geschäfte anderweitig weiterzuführen? Er besitzt oder besaß ja, ähnlich wie du, mehrere Läden im Rotlichtbezirk der Stadt H.«

«Spielst du Schach?«

«Nicht besonders gut.«

«Dann wäre es vielleicht sogar möglich, dass ich dich schlage, denn auch ich spiele leider nicht besonders. Habe zu spät angefangen. Habe mir vor kurzem aber ein Schachprogramm zugelegt. Lernen, lernen, nochmals lernen …«

«Lenin?«

«Ich habe die Roten nie gemocht, wie du dir denken kannst. Dogmatiker. Spießer. Halbe Faschisten. Schach und der Boxsport haben einige bemerkenswerte Gemeinsamkeiten.«

«Dann ist dein eigener Rücktritt also kein …, wie soll ich sagen …, keine Maßnahme, um deine Geschäfte in Ruhe zu betreiben, der gewisse P. nicht nur ein Strohmann, während du in Ruhe hinter den Spiegeln …«

«Du schaust zu viele Filme, mein Freund. Und damit meine ich nicht die Dokus auf NTV. Du kennst einen der Leitsprüche der Engel …«

«Einmal Engel, immer Engel?«

«Fast. Engel für immer, für immer Engel.«

«Ist es für dich als Ex-Präsident einfacher, das große Geschäft mit der ehemaligen Burg zu tätigen?«

«Welches große Geschäft? Und welche Burg? Burg bei Magdeburg? Oder Burg bei Chemnitz? Ich tätige dort keine Geschäfte.«

«Also ist es nur ein Gerücht, dass du die leerstehende Immobilie der ›Love-Burg‹, die damals der Bielefelder und dieses Konsortium eröffnet haben, ich habe den Namen dieser Organisation jetzt vergessen, ist aber ja auch schon fast zwanzig Jahre her, also dass du dort eine Art Nobelbordell eröffnen willst? Und dass der Bielefelder paradoxerweise einer deiner Geschäftspartner bei dem Vorhaben ist?«

«Ich würde sicher keine Geschäfte mit ihm machen. Er hat den Laden schließlich über die Jahre runtergewirtschaftet. Die Burg, die ›Love-Burg‹, was für ein bescheuerter Name …«

«Ich kann dir hier jetzt kein Ja oder kein Nein entlocken?«

«Entlocken kannst du mir gar nichts. Wir unterhalten uns nur, plaudern nur ein bisschen.«

«Dann lass uns doch noch ein bisschen über die momentane Situation hier in der Stadt plaudern …«

«Ich fand es wesentlich angenehmer, mit dir über die alten Philosophen zu sprechen. Boxen, Schach, Musik, die virtuellen Welten …«

«Fußball vielleicht? Da hattest du ja früher gute Kontakte zur Fanszene in Berlin …«

«Berlin ist groß. Lassen wir doch diese alten Geschichten. Damals, also in der Zone, war es ein Aufbegehren gegen den Staat …«

«A., der hier in der Stadt den Bereich der Wohnungsprostitution abdeckt, aber darüber sprachen wir ja schon …«

«Nein. Nicht dass ich wüsste.«

«Wir hatten aber doch die alte Aufteilung des Marktes kurz gestreift.«

«Streifschuss oder was? Worauf wolltest du hinaus?«

«Na ja …, dass es auffällt, dass er, also AK, was die Biographie betrifft, dass es da durchaus Ähnlichkeiten gibt.«

«Das sehe ich nicht so.«

«Zumindest was die Fußballsache, die Hooliganszene betrifft …«

«Diesen Begriff gab es damals noch nicht einmal. Ihr seht die Dinge immer schwarz-weiß, ihr differenziert nicht genug. Und meinst du, ein Mann studiert jahrelang Jura oder Wirtschaft und übernimmt oder eröffnet ein Bordell oder einen Club oder vermietet Objekte an Dienstleisterinnen?«

«Hin und wieder kommt das wohl vor. A. hat auch in BWL gemacht, soweit ich informiert bin.«

«Ja, später. Er ist aber nicht von der Uni oder der Fachhochschule und hat dann beschlossen, diesen Geschäften nachzugehen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Wie diesen Ex-Juristen in Österreich. Und es gibt keine manifestierten Regeln, um in diesem Marktsegment erfolgreich zu arbeiten, zu unternehmen. Aber es erfordert natürlich gewisse Führungsqualitäten, die lernst du auf keiner Uni, gewisses Durchsetzungsvermögen, Geschäftsbeziehungen …, aber du brauchst natürlich schon mindestens ein Grundwissen BWL oder einen Partner, der das hat, und denke nicht, dass das kein einfacher und kein langer Weg war …«

«Doppelte Verneinung? Kennst du eigentlich einen Steffen?«

«Was? Nein. Natürlich, nicht nur einen. Ich habe mir meine Position in all den Jahren hart erarbeitet. Das war unser kleines Wirtschaftswunder, damals, während um uns der Wahnsinn tobte. In den Neunzigern. Aber ich will mir hier nicht selber auf die Schulter hauen, das sollen andere beurteilen. Frag doch mal einen Manager oder einen Banker oder einen Unternehmer, was ihren Erfolg ausmacht. Wir haben das Rotlicht, wenn wir zum wiederholten Male diesen Begriff verwenden wollen, nicht erfunden. Wir versuchen nur unser Bestes, damit es ein ganz normales Gewerbe wird, was es ja unserer Meinung nach auch ist …«

«Wir? Du und AK? Es gibt ja Gerüchte, dass seine Position hier in der Stadt nicht mehr besonders gefestigt ist. Dass der Markt mittlerweile viel zu aufgebläht ist, dass es Leute gibt, denen sein Monopol im Bereich der Wohnungsprostitution schon länger ein Dorn im Auge … Der alte Spruch vom Kuchen, der groß genug ist, gilt wohl nicht mehr?«

«Es wundert mich immer wieder, wie sehr du auf irgendwelche Gerüchte hörst. Wenn du mich fragst, halte dich fern von diesen üblen Gerüchten. So etwas vergiftet einen nur. Und wenn du von Dornen sprichst, am Ende ist er es vielleicht selbst, der sich die Dornenkrone aufsetzt, auch wenn das ’n drastischer Vergleich ist, die Schuld bei anderen sucht, weil die Geschäfte in unserer heutigen Zeit einfach nicht mehr so gut laufen wie vor wenigen Jahren noch, die Wirtschaftskrise macht auch vor uns nicht halt, und manchmal muss man gewisse Zugeständnisse machen. Mehr will ich dazu nicht sagen, wir haben uns immer respektiert in all den Jahren.«

«Muss man vielleicht offensiv investieren, zum Beispiel in einen exquisiten Nachtclub, eine Art Großbordell mit Ambiente, wie das ›Pascha‹, wie man das aus Köln kennt, aber müsste man dann nicht an anderen Standorten, sagen wir, kürzertreten? Beziehungsweise sie ganz schließen?«

«Konkurrenz hat immer das Geschäft belebt. Das solltest sogar du wissen. Der Markt regelt das von ganz alleine.«

«Du erwähntest ja eben die vielzitierte Wirtschaftskrise … Über die eventuellen Auswirkungen, die die explodierenden virtuellen Möglichkeiten, das Sex-Net, verursacht, sprachen wir ja schon.«

«Sicher ist das für uns nicht gut, wenn jeder auf jede Mark achten muss. Wenn’s eine große Unsicherheit im Land gibt. Es darf in unserer Branche auf keinen Fall zu einem Preisverfall kommen, auch schon aus moralischen Gründen nicht.«

«Aus moralischen Gründen?«

«Natürlich. Da musst du gar nicht so erstaunt tun. Eine Zeitlang gab es die Gefahr, dass diese ganze Flatrate-Scheiße auch auf das Marktsegment der sexuellen Dienstleistungen übergreift. Wenn ich mit einer Dame eine Stunde verbringen will, hat das natürlich seinen Preis und soll auch seinen Preis haben. Es gibt ja viele Assis, und ich weiß, wovon ich spreche, ich sitze ja nicht nur hinter den Spiegeln, sondern spreche seit all den Jahren mit den Mädels, die hier bei mir tätig sind, Alice zum Beispiel könnte dir da Geschichten erzählen, also die alte und die neue, wobei wir in unserem Club glücklicherweise ein gewisses Niveau bei den Stammgästen haben. Worauf ich hinauswollte, ist, dass diese ganze Geiz-ist-geil-Scheiße doch auch zu einem Verfall der gegenseitigen Achtung führt.«