«Gib mir mal noch ’n Bier, Biene.«
«Gerne, Hans. «Und sie legte ihre Hand auf seine Hand, und er bewegte ihre Hände über den Tresen und summte ein Lied, weil das Lied im Radio lief, und Biene summte mit:»If I had a hammer, I’d hammer in the morning, I’d hammer in the evening …«
«Der Hans hat ’n Hammer, er hämmert am Morgen, er hämmert auch am Abend, er hämmert immerzu …«Sie lachten. Sie tranken. Nacht bei Biene. Irgendeine Nacht im Jahr neunundachtzig, im Jahr achtundachtzig.
Er hält auch noch vor einigen anderen Häusern, erinnert sich, wie er auf den Gerüsten gestanden hat, wie er auf den Dächern gestanden hat, wie er Wände gestrichen hat, rauf und runter immer munter, Farbe im Haar, wie er in dunklen feuchten Kellern ausgeschachtet hat, Ziegel schleppte, Zement mischte, Hilfsarbeiter Hans, Bauhelfer Hans, Hilfsmaurer Hans, an den Wochenenden hat er manchmal in den Diskos oder draußen in Dörfern beim Tanz gearbeitet. Wenn er nicht ins Stadion gegangen ist, wenn er nicht bei irgendeinem Auswärtsspiel in der Provinz mit dabei war. Wenn sie in der Stahlstadt spielten, ist er nie mitgefahren. Er war auch nicht so verrückt wie die anderen, die jedes Wochenende, jedes Spiel den Wahnsinn rausbrüllten, aber er war ja froh, dass er Leute kennengelernt hatte, auf die er sich verlassen konnte, damals, als er in die große Hauptstadt der DDR gekommen war. Nach der großen Wende ging das richtig los auf dem Bau. Die Kräne wuchsen in den Himmel, so würde er das formulieren. Shut up. Er fährt durch die Vorstädte, die Plattensiedlungen, Schweineöde-Schöneweide, an irgendeiner Baustelle hat er angehalten, ist aus dem Wagen gestiegen und ein paar Schritte Richtung Gerüst gelaufen, hat diesen Geruch nach Staub, Erde und Feuchtigkeit tief eingeatmet. Manchmal wünscht er sich, er könnte wieder auf den Dächern stehen, über die Gerüste laufen, Wohnungen entkernen, die Mischung machen, diesen Geruch einatmen.
War ’ne schöne Zeit.»Heh, das ist hier aber unbefugt. «Halt die Fresse, ich verfug dich gleich.
«Hansi?«So hat ihn schon seit fast zwanzig Jahren keiner mehr genannt. Er steht am Auto, den Schlüssel in der Hand, und dreht sich um. Der Mann im staubigen Blaumann kommt auf ihn zu. Er nimmt den gelben Helm ab, auch seine Haare sind staubig und grau unter dem Staub.
«Wer will das wissen?«Nein, er hat nichts gesagt und schweigend gewartet, bis der Blaumann vor ihm stand, den Helm an die Brust gedrückt.
«Du bist doch der Hansi, ich erkenn dich doch, jetzt sag bloß, dass du nicht der Hansi bist.«
Der Blaumann lächelt, lacht fast, lacht und lächelt mit dem ganzen schmutzverkrusteten Gesicht, Augen, Nase, Mund, Stirn.»Achim?«
«Ja, Hans, Achim.«
Hans fährt langsam durch die Brunnenstraße. Kein Verkehr hinter ihm. Seine Schultern sind noch etwas staubig. Sie haben sich lange umarmt. Alt geworden, der Achim. Der hat ihm damals viel beigebracht. Auf dem Bau. Seine steinernen Geschäfte. Hat ihn an machen Wochenenden mit zum Pfuschen aufs Land und in die Vorstädte genommen. So nannten sie die kleinen Nebenverdienste. Fliesen, Mauern, Fußböden legen, Dächer ausbessern. Geld und Naturalien. Einmal hatten sie zwanzig Kästen Radeberger von einem Kneiper in einem kleinen Nest bei Neubrandenburg bekommen. Die haben sie dann in der Hauptstadt verscheuert. Hatten das zumindest vorgehabt. Blieb aber nicht viel zum Verscheuern. Drei Kästen hat er Biene geschenkt.
Achim wusste, wie sie Material organisieren konnten, er kannte fast jeden Vorarbeiter in Berlin, da was abgezweigt, da was verschoben, zehn Kästen Bier, tausend cash, Gipskarton gegen Fliesen, Terminlieferungen, Schneeballsystem, Achim der Fuchs, so nannten sie ihn damals. Neunzig hatten sie sich aus den Augen verloren. Als Hans nur noch in den Diskos und Bars und Tanzschuppen arbeitete, überall gab es neue Türen, und er hatte schon einen gewissen Ruf. Der Hans, der kann’s. Schweine-Hans.»Wie hast du mich jetzt genannt, du Arschloch?«
«Achim. Bist immer noch auf den Dächern, schwingst immer noch den Hammer. Einmal im Stein, immer im Stein, was?«
«Ach …«Er atmet laut aus, sie sitzen auf dem Bordstein neben Hans’ BMW und rauchen.»Ich will ja nicht klagen …«
«Du klagst schon, Achim …«
Und Hans fährt Richtung Mauer, durch die Mauer, fährt um das Areal, das jetzt Mauerpark heißt, fährt zu weit und weiß kurz nicht, ob er schon auf der anderen Seite der Mauer ist, ein Bahndamm hindert ihn am Weiterfahren, und er fährt eine Weile parallel zur Strecke, unter einer Brücke wendet er und bewegt sich wieder Richtung Osten, sieht dann die Flutlichtmasten des Stadions über und hinter den Häusern, er hat die Fenster runtergekurbelt und schwitzt, vielleicht hätte er seinen Mercedes-Kombi nehmen sollen, der hat Klimaanlage, wie sich das gehört heutzutage, aber der ist voller Kisten und Flaschen und anderem Kram, und er war zu faul, das alles rauszuladen, am Abend zuvor, am Morgen, er hat bis drei im Büro gesessen, eine Flasche Limo vor sich, er muss klar und frisch sein in der Hauptstadt, zuckerfrei, weil er Probleme hinten rechts hat, da tupft er Nelkenöl drauf seit ein paar Wochen, und die Mädels sagen, er riecht nach Zahnarzt, ein Glas Talisker gönnt er sich, den hat er seit einigen Monaten auf der Karte stehen, zwölf Euro für vier cl, das ist moderat, wenn er vergleicht, was der woanders kostet und was der Sekt und der Schampus kosten bei ihm. Früher hätte er sich was reingezogen am Morgen oder wann auch immer, vor der Abreise, aber seit er die leuchtenden Steine vor Augen hat und tief in seinen Träumen, wo sie neben den Körpern im trüben Wasser schweben und Strahlen durch diese endlosen Fluten schießen …, ja, verdammt nochmal, es sind doch Sümpfe, unterirdisch, zäh, schwarz, kein Licht und kein Sauerstoff und gar nichts … Ein Moor, und leer, denkt er und sitzt schwitzend, den Kopf zurückgelehnt, in seinem BMW, den er vorm Kreisverkehr geparkt hat, und blickt auf die verrostete, fast schon schwarze Eisenbahnbrücke, unter der der Kreisverkehr hindurchführt. Kleine Wälder auf beiden Seiten der Straße. Er kurbelt die Fenster hoch, obwohl er so schwitzt. Die dumpfen Detonationen eines Motorrads. Sieht aus wie ’ne Harley. Zwei Harleys, drei Harleys. Macht euch vom Acker, ihr Engel. Der Türke ist jetzt der Pate, neue Bündnisse, alte Pakte werden aufgekündigt, neu geschmiedet, weggeworfen, aufgefrischt, Pakete verschickt. Oben und unten, die Kanäle wechseln die Fließrichtung …, dunkle Limousinen fahren von Mitte über die Kurfürstenstraße, Kurfürstendamm, Charlottenburg, geflügelte Motorräder, macht euch vom Acker, ihr Engel, ein Hoch auf den neuen Fürst …, der König ist tot, lang lebe …, Kingsize-Betten, Klappliegen … Hans hat vorm KaDeWe gestanden, ist nicht reingegangen, eine Menge Steine, so viele Steine. Er lehnt sich zurück und sieht, dass die Eisenbahnstrecke, die zur Brücke führt, nicht mehr existiert. Keine Bahndämme mehr, nur noch diese schwarze eiserne Brücke, vergessen, mitten zwischen den Bäumen über den Straßen, überm Kreisverkehr. Er bewegt sich, neigt den Kopf, sucht die Sonne, das Blech seines Wagens glüht, aber sie stehen im Schatten, und die Baumwipfel schließen sich über ihm und seinem BMW wie ein großes dunkles Dach.
Hans blickt auf die Motorhaube des Wagens, der sich langsam, ganz langsam aus der Toreinfahrt in den Hof bewegt. Er sitzt immer noch auf den Stufen der hölzernen Treppe. Der silber-metallic Mercedes hält im Schatten, die Sonne wandert seltsam, dann steht er wieder im Licht, Wolken oder Zeppeline am Himmel. Hans legt die Hand über die Augen, nimmt sie weg, legt sie wieder über die Augen, beschließt aufzustehen, bleibt dann doch sitzen. Zeit, eine zu rauchen, denkt er und greift nach dem Etui in seiner Innentasche. Er schiebt sich die Zigarette zwischen die Lippen und sucht das Feuerzeug. Die hinteren Scheiben des Wagens sind getönt, und er sieht nur den Fahrer und den Mann auf dem Beifahrersitz, verschwommen, als stände der Wagen auf flüssigem Asphalt, Hans steht auf, die Kippe im Mundwinkel, sucht mit der linken Hand immer noch das Feuerzeug in den Taschen seines Jacketts.