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Er steht zwischen der Meute der Kinder und will sie wegjagen, die ganze Flughafenstraße scheint ihm voller Kinder zu sein, die schreiend und lachend um ihn und den Bommelmützenmann und seine Sackkarre tanzen.

Und Hans sieht, wie sein linkes Bein immer länger wird. Wie sein Fuß über den Boden gleitet. Was für ein gewagter großer Spreizschritt. Da knackt was in seinem Rücken. DONG, und die Sonne flammt dunkelrot auf, hinter den Häusern, vor seinem Gesicht. Er dreht sich um und fällt in den Sackkarren, dieses große graue Loch, in dem die Federn glänzen.»Jetzt passt mal schön auf, ihr Rotzer!«

«Gans, hee, Gans, es ist fast drei, du wolltest doch weg.«

«Nee, Achim, so darf man das nicht sehen.«

«Geh ruhig ran, das scheint wichtig zu sein.«

Ein Telefon klingelt, Hans greift nach seinem Handy, jemand tritt auf seine Hand, erst kurz und dann heftig, der Knochen bricht, ein Mann springt auf seinen Kopf, ein Telefon klingelt, alt und schrill. In den Boden zu atmen …»Ja? Wisst ihr nicht, wie spät’s ist?«

«Acht Uhr dreißig. Haste Interesse an ’nem Club?«

«An was? Swingerclub?«

«Nee. Nachtclub. Ist grad was freigeworden. Ist aber nicht Berlin.«

«Ja und?«

«Du willst dich doch selbständig machen.«

«Wer …«

«Du selbst. Wir geben dir Kredit, du übernimmst, die Jungs in der Stadt sind einverstanden. Hast einen guten Ruf, hast dir den erarbeitet.«

«Was solln der Straßenmüll … Jetzt lasst mich doch erstmal munter werden … Wer spricht’n da überhaupt? Markus?«

«Wer wohl, die ehemalige Knochenbrecher GmbH. Wird Zeit für seriöse Geschäfte. Wir geben dir Kredit, du versorgst uns mit Informationen aus der Stadt, hin und wieder …«

«Sind wir bei der Stasi, oder was? Kommt vorbei, wenn ihr was wollt. «Er knallt den Hörer auf die Gabel, sein Schädel bricht. Sein Nasenbein dringt in den Schädel. Jemand steht auf seinem Becken.

Seine Augen bewegen sich und bewegen sich nicht. Silber-metallic reflektiert. Die Häuser hinterm Flachbau bewegen sich, schnell und immer schneller. Seine Wirbelsäule biegt sich, und er versucht, sich wegzurollen. Da muss man doch mal auf die Beine kommen. Die Welt ist bunt und rot und stimmt nicht mehr.

Sich wegrollen, immer nur wegrollen, still trifft ihn die Sonne, sein Kehlkopf wird in die Luftröhre getreten. Und er bewegt sich noch.»Andere Träume«, sagt Liv, sagt Sonja, sagt Mandy, sagt … Neunzehnhundertdreiundneunzig. Das Telefon klingt wie ein Faxanschluss. Der erste Schlag. Mehrzahl. Er sitzt und wirft Geld nach und wartet auf die Diamanten. Aber nur die bescheuerten Vögel flattern über den Screen. Ein Holz trifft seinen Kopf, als er sich umdrehen will. In der Kneipe, neben der Toreinfahrt, schwatzen sie über die besten Rezepte für Buletten, hausgemacht.»Wenn ich’s doch sage, da muss das Verhältnis anders sein …, mehr Brösel …«

Als er auf die Treppe fällt, schafft er es noch, den Arm unter den Kiefer zu kriegen. Ein Fuß auf seinem Hals, und er spürt, wie die Vorderzähne brechen.

Im Nebengebäude des Schlosses ist es ruhig um diese Zeit. Das Licht fällt durch die Baumwipfel und besprenkelt die Straße, den Fußweg.»Wir haben doch immer einen Scheißdreck auf irgendwelche Gerüchte gegeben, Arnold.«

«Wenn du das hörst, Hans, ich versuch’s nachher nochmal, hau sofort ab, wo immer du auch bist, Berlin, scheißegal, ich …, jemand will sich mit dir einkaufen, ruf mich zurück, sobald du kannst …«

Acht Füße bearbeiten den Körper. Haut platzt, die Trommelfelle reißen, Gefäße werden traumatisiert. Blut in der Lunge. Ein Auge ist geöffnet, weiß. Ein Auge ist geschlossen. Die Hand, die Hans gehörte, bewegt sich.

Er läuft am Fluss entlang. Im Ufersand findet er einen weiß-schwarzen Hühnergott. Er winkt einem Schiff, das unter der eisernen Brücke verschwindet. Und die Sonne wandert schnell.

«Und bis diese … Steine in deinem Leben plötzlich aufgetaucht sind, ich meine, du hattest doch ein gutgehendes Geschäft …«

«Wie man’s nimmt. Und was ist jetzt deine eigentliche Frage? Was ich gemacht habe ohne den Flitterkram vor Augen?«

«Ja. Bevor die …«

«Sag’s doch ruhig. Die Diamanten kamen …«

«Ja.«

«Das Übliche natürlich. Und von ihnen geträumt.«

Der Traum von Reinharz

«Ich kann dir das alles nicht erzählen, aber da gibt’s diesen kleinen Kurort, nicht weit von der Stadt weg. Ich meine, das kann und könnte ich dir schon erzählen. Ich fahr da seit paar Jahren regelmäßig hin. Da gibt’s wunderbare Moor- und Schwefelbäder. Is wegen dem Rücken. Ja, mit meinem Rücken, das hast du ja schon mitgekriegt, Liv. Ist sicher wegen der Zeit auf dem Bau. Jetzt hör mir aber auf von wegen Alter. Willst mich wohl ärgern. ’n Freund von mir, Arnold, den kenn ich schon seit fast zwanzig Jahren inzwischen, hat mir den Tipp gegeben. Der ist dort manchmal wegen seinem Bein, also beiden Beinen. Der hat mal ’n Unfall gehabt. Ist aber schon zwölf Jahre her. Ach, Quatsch, jetzt sind wir einfach mal ehrlich. Dem haben sie die Beine weggeschossen. Sollte nur so ’ne Art Warnung sein, aber das ging irgendwie daneben. Manche sagen, der Jugo war zu blöd, aber ich denke, dass er einfach überreagiert hat, durchgedreht ist. Ich meine, die hatten ja da kurz vorher noch diesen schrecklichen Krieg. Und im selben Jahr, also das muss neunundneunzig gewesen sein alles, mit dem Bein und den …, da bombten die Nato und unsere deutschen Flieger in Belgrad rein. Also Ex-Jugo, um genau zu sein. Serbe. Serben. Die waren damals noch gut im Geschäft in der Stadt. Der Arnold, also mein Freund Arnold, ist in der Vermieterbranche. Wohnungen. Für Frauen. Ja. Huren. Die mieten sich ’ne Wohnung bei ihm, ’n FKK-Club hat er auch noch. Ich hab ’n Nachtclub. Auch mit Frauen. Ist ’ne prima Bar, und alles im Prinzip legal. Ich meine, Liv, ich bin nichts weiter als ein stinknormaler Geschäftsmann. Im Prinzip. Wie ich dazu gekommen bin? ach, das ist ’ne lange Geschichte. Nee, ’n FKK-Club ist kein Spaßbad für Nacktbader. Du bist süß.

Mein Laden ist ’n ganz normaler Nachtclub. ’ne Art Bordellkommune mit Barbetrieb, na ja, ist jetzt so halb im Scherz. Aber nix hier Eckkantine, wir haben da die besten Drinks und Cocktails und Weine und Schampus …, na ja, alles.

Und wir achten da immer drauf, dass wir nicht zur selben Zeit in dem kleinen Kurort sind. Ich und Arnold. Und soll auch keiner wissen, dass wir da unsere maladen Knochen bekuren. Da quatschen die Leute bloß, und du weißt ja, wie das ist mit dem Tratsch. Die beiden Opis sitzen im Schlammbad und reden über alte Zeiten. Ist auch ziemlich runtergekommen, das ganze Nest, war früher mal ’n richtig florierender Kurbetrieb. Berühmt, sag ich jetzt mal. Wunderbarer Bahnhof, da hielt die alte Bäderbahn, gibt nämlich noch ’n anderen Kurort ganz in der Nähe. Der ist jetzt stillgelegt, der Bahnhof, ob in dem anderen Kurort noch gekurt wird, weiß ich nicht. Wär wahrscheinlich blöd, wenn man da so nebeneinander im Schlammbad sitzen würde. In seiner Freizeit will man ja schon seine Ruhe haben. Ja, ja, das Alter, nun fang du wieder an, mit deiner Stichelei. Und warum ich jetzt so weit aushole, bevor ich dir meinen Traum erzähle, wobei ich mich natürlich frage, wie …, wie sowas zusammenkommt, wie solche Träume entstehen. Ich meine, so richtig versteh ich’s nicht, warum ich’s jetzt träume, weil es nun schon einige Monate her ist, dass ich dort war. Im Herbst. Und kurz zuvor habe ich …, habe ich einen totgeschossen. Ist irgendwie blöd gelaufen. Man kann sagen, dass ich ihn nur warnen wollte, eigentlich, manch anderer wird sagen, ich sei durchgedreht. War dummerweise ein Riesen-Kaliber. Also nicht der Mann, die Wumme.

Und wenn du da aus den Bädern wieder rauskommst, wieder raussteigst, das ist ’ne Wonne, kann ich dir sagen. Da müssen wir unbedingt mal … Da fühl ich mich so richtig. Da bin ich locker und entspannt, ja, so wie jetzt, aber eben mit richtiger Tiefenwirkung, nee, so mein ich das nicht, das geht eben in jeden festen Muskel rein, na, die Scherze kannste dir jetzt aber sparen, geht zwischen jeden schiefen Wirbel. Und wie ich da so rauskomme aus der Bäderanstalt, der Typ, den ich totgemacht habe, war übrigens ein wirkliches Arschloch, Liv, kannst du mir glauben! also da kriege ich Lust, noch ’ne Runde zu wandern. Wälder sind da gleich in der Nähe, da gibt’s eine riesige Heidelandschaft, die zieht sich fast bis vor unsere Stadt, nein, nicht die Stahlstadt, so groß ist dieser Märchenwald nun auch wieder nicht, also bis vor meine Stadt.