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Dass ich mich da mal zur Ruhe setzen werde.

Und vielleicht hab ich ja deswegen diesen Traum hier bei dir gehabt. Und in der Stahlstadt, wo ich geboren wurde. Ich habe vorher nie von diesem Schloss geträumt. Und ich stehe also wieder auf diesem Hof, aber das Schloss sieht etwas anders aus. Das war nämlich schon ein bisschen angeranzt. Das Dach war neu, aber die Mauern, also der Putz, schon bisschen bröckelig. Ich meine, klar, das steht ja auf dem Wasser, direkt über dem Wasser. Und erst dachte ich, also in meinem Traum, verdammt, jetzt bist du in der Zeit zurückgereist, nein, ernsthaft. Hast noch keinen totgeschossen, obwohl, und dabei bleib ich, dieser Typ ein Oberarschloch war, der mir da was kaputtmachen wollte, mich kaputtmachen wollte, aber … das ist doch jetzt egal. Und dann sehe ich zwei Diener, direkt am Eingangstor, das sich unten, am Fuße des Turmes, befand. Die hatten so Perücken auf, Barockperücken, mit ’nem kleinen Zopf. Ich hab früher immer gerne das ›Mosaik‹ gelesen, du kennst doch dieses Comic-Heft, ja, aus der Zone, und irgendwann Ende der Siebziger waren diese drei Kobolde im frühen achtzehnten Jahrhundert unterwegs, also in der Barockzeit. Nee, da war ich kein Kind mehr, aber das war ja auch nicht nur für Kinder. Da waren die in Wien, K.u.k., und dann sogar in Paris, wo dieser Sonnenkönig herrschte. Und genauso sahen die Typen aus, also die Diener. Mit so Livrees an. Und dann sehe ich, dass ich auch so gekleidet bin. Also schon etwas anders, nobler, wie ein Herzog oder sowas. Und hinter mir fährt ’ne Kutsche über die Brücke. Und wie ich so gucke, führt da ’ne Straße durch den Park und weiter mitten durch den Wald. Zwei weiße Pferde und ein Typ aufm Bock. Alles Barock. Hm, ja. Und ein Bekannter von mir steigt aus. Und der sagt auch irgendwas zu mir, aber ich kann’s nicht richtig verstehen. Klang französisch. Oder italienisch. Und der ist auch im wirklichen Leben ein Graf. Von Geburt her, wie man so sagt. Also zumindest erzählt man sich das.

Der betreibt ’n großes Laufhaus. Läuft aber nicht gut grad. Ja, da sind viele, viele Zimmer, und in denen sitzen die Frauen. Läuft über die Miete, die sie zahlen. Alkoholausschank gibt’s da nämlich keinen. Ja, dem gehört das. Also zumindest hat er da Anteile. Bei uns und auch woanders.

Volle Montur. So wie ich. Knickerbocker. Hohe Schuhe. ’ne Riesenperücke. Rockschöße bis zu den Kniekehlen. Und dann sind wir plötzlich im Schloss drin, laufen durch die langen Gänge, überall Türen und überall Diener. Und überall Leuchter an den Wänden. Kerzen. Und Wandteppiche dazwischen und olle Ölschinken. Vielleicht hab ich das mal so im ›Mosaik‹ gesehen, denn drin gewesen bin ich ja nicht im Schloss. Und dann ist’s mir so, als wenn ich da schon immer gewesen bin, schon immer dort gewohnt habe. Also im Traum. Reinharz. Das ist alles in meiner Erinnerung, in meinem Kopf.

Und irgendwann sitzen wir in ’nem riesigen Zimmer, mehr so ’ne Halle, die feinsten Kristallleuchter baumeln an der Decke, und ein Licht, weil Hunderte Kerzen drauf sind, so ein strahlendes Licht hast du noch nicht gesehen. Und Kerzenleuchter auch auf der Tafel, an der wir dann sitzen. Oben am Kopfende mein alter Freund Arnold, von dem habe ich dir ja schon erzählt, ja, der Vermieterkönig, nee, nix Rotlicht, das hört er nämlich nicht gerne, und am anderen Ende der langen Tafel sitzt …, nee, da sitzt keiner, da ist nur ein leerer Stuhl, prunkvoll verziert, wie ’n Thron. Und ich und der Graf sitzen an den Seiten der Tafel. Die ist gedeckt natürlich. Hunderte Karaffen, Flaschen, Gläser, Platten mit Braten und Platten mit Obst und Trauben, so wie man sich das vorstellt, so wie die damals wohl auch geschlemmt haben, also die Reichen, die Adligen.

Und an einer Wand steht so ’n Cembalo-Klavier, an dem sitzt einer und klimpert, und paar Typen daneben, die fiedeln Bach oder Händel, so genau kenn ich mich da nicht aus. Wunderschöne Musik. Und an den Wänden hängen Musketen und Säbel und Schwerter und lauter so Waffen.

Und ich gucke zu Arnold, der mit seiner weißen großen Perücke dasitzt, die Hände gefaltet, einfach nur dasitzt, einen silbernen Kelch vor sich, erhaben wie ein König. Oder ’n Graf, Herzog, aber schon wie der Boss unserer kleinen Runde. Und der guckt uns aber gar nicht an, blickt nur auf den leeren thronähnlichen Stuhl am anderen Ende der Tafel.

Und du kennst das doch, wenn man plötzlich alles sieht, nicht nur das, was du von deinem Körper aus sehen kannst, normalerweise. Und trotzdem war’s echt, fühlte sich jeden einzelnen Augenblick so echt an. Nein, kein Traum. Unten auf dem Hof fahren die Kutschen vor. Kutsche um Kutsche. Zehn, zwölf sind das bestimmt. Der ganze Schlosshof voll von Adligen. Und dann sitzen die alle mit uns an der Tafel, nur der eine Stuhl bleibt frei. Und ich muss auch immer da hingucken und weiß gar nicht, warum. Und einige von den Leuten, die da mit uns schlemmten, die kannte ich. Unser Bürgermeister zum Beispiel, nee, der war noch nie in meinem Nachtclub. Aber so ’n paar andere Typen ausm Rathaus, aus der Landeshauptstadt, die sahen alle aus wie August der Starke oder so.

Und so Leute wie die Brüder W. waren auch da, die haben ’n Stripclub und paar Bars. Und auch so Typen wie Alex, na ja, das führt jetzt zu weit. Und auch Immobilienärsche oder so Wichser von BMW oder Audi. Nee, ich hab nichts gegen die. Na ja. Ist halt Kundschaft. AK und so, die machen öfters mal Geschäfte mit denen. Also Immobilien. Ich wollt ja nie expandieren, und mein Geld anlegen wollt ich auch nicht, wahrscheinlich wär das das Beste gewesen, wenn ich’s mir jetzt so überlege. Stein is ’n bleibender Wert, wenn man’s richtig macht.

Und später wache ich dann auf, bin wohl kurz weggenickt. Das Saufen und Fressen war ein gewaltiges Durcheinander. Ich weiß nur noch, dass ich da viel, wirklich sehr viel gelacht habe. Also während der Schlemmerei. Und nur AK saß unbeweglich am Kopfende und trank hin und wieder aus seinem großen silbernen Kelch. Und ich bin ganz allein an der langen Tafel. Alles eingesaut inzwischen. Flaschen kaputt, alles aufm Boden, Tischdecke bunt, frag bloß nicht. Möchtest du nicht saubermachen, Liv.

Und keiner mehr da, auch die Musikanten sind weg. Und ich gehe zu einem der großen Fenster. Und draußen wird’s Abend, ganz seltsames rötliches Licht hinter den Bäumen am Horizont. Weit weg sieht man da ja manchmal alles ganz unscharf. Im Traum, mein ich.

Und da schwimmen Leute im See. Also Körper. Die scheinen tot zu sein, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Lauter bunte Kleider. Und die beiden Schwäne mitten zwischen ihnen. Und ich kann dir nicht sagen, ob mich das wundert oder ob ich Angst hab. Weil ich’s von da oben ja auch nicht so genau erkennen kann.

Und ich bin dann durch die Gänge gewandert und habe die anderen gesucht. Dass ich ’n Degen oder ’n Säbel am Gürtel hab, habe ich da erst gemerkt.

In jedes Zimmer schaue ich. Hab ’n Leuchter in der Hand. Die Kerzen flackern. Breite Himmelbetten. Wie durch Nebel sehe ich, dass die da bumsen. Ja, entschuldige. Da kann ich ja nun nichts dafür. Auch wenn’s mein Schloss ist, anteilsmäßig wahrscheinlich. Das verschraubt sich da alles ineinander, ich kann keine Gesichter erkennen. Und wo die Frauen herkommen, weiß ich nicht.

Aber Lachen höre ich. Irgendwie von weit her. Das Lachen von Frauen. Und ich sag dir, das war ’ne richtige Männerrunde vorher. Und in einem Zimmer sitzt der Graf, also der, der angeblich im wirklichen Leben Graf ist, von Geburt her, sein Vater muss wohl ein Adliger gewesen sein, erzählt man sich zumindest, da sitzt er und redet mit dem Bürgermeister, den ich ja nur vom Sehen her kenne, und andere Typen mit ihm am Tisch, Immobilienfuzzis, in der Ecke steht ein Neger mit einem Tablett, und als ich da reinschaue, sind sie plötzlich still. Und ich kann nicht erkennen, ob da AK mit dabeisitzt. Lauter Goldmünzen auf dem Tisch. Und Papiere, jede Menge Papiere, mit Siegellack drauf. Wie Kerzenwachs. Und paar glänzende Steine.