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Eine Hure und ein Taxi auf eintausend Einwohner. Das sind bei siebenhunderttausend siebenhundert. Plus minus. Bei drei Millionen schon dreitausend. Also sollten in Berlin ungefähr dreitausendfünfhundert Huren Geld verdienen. Es sind mehr. Ich weiß das. Wenn ich hier in der Stadt die Hälfte abdecke, also Wohnungen und Clubs für zweihundertfünfzig Frauen stelle, muss ich natürlich aufpassen, dass von anderswo nicht noch mehr dazukommt. Ich bleibe konstant. Solides Fundament. Was nicht heißt, dass ich nicht investiere und moderat expandiere. Aber die Konkurrenz? Also eine Situationsanalye? Informationen über Marktlage, über Kunden- und Konkurrenzstruktur, über das bestehende Lieferangebot. Der Wert der Ware aber stellt menschliche Arbeit schlechthin dar, Verausgabung menschlicher Arbeit überhaupt. (…) Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn, und in dieser Eigenschaft gleicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andererseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besonderer zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkreter nützlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte.

Oh ja, Gebrauchswerte, das haben wir analysiert Anfang der Neunziger, Mitte der Neunziger. Als die Gucci-Luden alle langsam wieder verschwanden. Back to the West. Die Ausländer kriegten auch ihre Finger nicht weit genug in die Tür, dann RUMMS, Tür zu, Finger AUA. Edo? Ich kenne keinen Edo. Mein Bein? Was soll sein damit? Man hat mir was in den Tee getan, deswegen erzähle ich und erzähle ich, und draußen fliegt die Nacht vorüber. Here comes the sun, here comes the sun, little darling …

Scheiße, die Beatles! Also doch psychischer Druck. Im physiologischen Sinn. Natürlich. Davon profitieren wir. Druck. Trieb. Sicher wie die Bank of England. Einer meiner Fahrer hat immer erzählt, dass sein Vater die Beatles persönlich kannte. Star Club, Hamburg. Der war Seemann, der Vater von meinem Fahrer. Ich fand das jetzt nicht so spektakulär. Wenn er sie selbst getroffen hätte, ja. Aber Frankie war erst paarundvierzig, vielleicht fünfzig, aber eher noch drunter, als er die Mädels rumfuhr. Keine Ahnung, wo er jetzt ist, manche erzählen, er hat im Lotto gewonnen, andere sagen, der hatte Krebs, Gehirntumor, böse Sache, war ein richtig netter Kerl. Frankie goes to Hollywood. Vielleicht. Ich bin müde. Ich weiß nicht, was ich hier soll. Aber ich kann nicht schlafen. Wie heißt diese Schleife, in der man festhängt. Lipsiusschleife? Nein. Ich bin in einem kalten Tunnel, zwischen den Jahren und Sternen, und draußen fliegt das All vorüber.

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«Ich meine, ich bin nicht bescheuert, ich hab meine Schulbank abgedrückt bis zur Zehnten, und auch bisschen was gelesen, immer schon, obwohl mein Vater ’n einfacher Arbeiter war in der Stahlstadt, aber diese römischen Zahlen, diese römischen X, V undsoweiter, eins bis drei, vollkommen o.k., aber danach muss ich immer überlegen, wie jetzt, minus 1, plus 1, V wie vier oder wie fünf, und ab zehn wird’s ganz bescheuert, o.k., so weit geht das meistens gar nicht …, aber trotzdem, wir sind doch in Deutschland, also finde ich, wir sollten deutsche Schrift, also Zahlen, ja, ja, ich weiß, lateinisch, nee, oder arabisch oder wie man das auch nennt …, ach, Scheiße. «Hans Pieczek im Gespräch mit Arnold Kraushaar, Februar 1998)

Abends lernte er. Saß in seinem Büro in der Nähe seiner Wohnung, die Bücher und Hefte vor sich auf dem Tisch. Das Telefon immer in der Nähe. Schon neunzehnhundertzweiundneunzig hatte er sich eins von den riesigen Loewe-Handys besorgt, obwohl er es dann kaum benutzte. Die Stadt war nicht so groß wie Berlin oder Hamburg, und jeder wusste, wo er zu erreichen war im Notfall. Eine Flasche Rotwein oder Cognac (Hans brachte ihm manchmal eine gute Flasche mit vom Großhandel), Kaffee und ein paar Kippen, ab und an eine kleine Nase Speed, aber nicht zu viel, und so saß er oft bis in den Morgen über den Büchern und Heften. Wenn man mehr wollte als die Luden und die Halbseidenen und die Großschnauzen mit den großen Uhren, die irgendwann ihre Uhren zum Pfandleiher brachten oder ihre Koksnasen zurück in die Gosse, wenn man mehr wollte, musste man mehr tun. Das mit dem Abitur ging ganz schnell …, aber das Studium war härter, als er gedacht hatte. Natürlich lernte er was über die Märkte und das Kommen und Gehen des Geldes, über Steuermodelle und Analysen verschiedenster Markt-Situationen. Dass im Jahr zweitausendzwei das Prostitutionsgesetz vieles einfacher machen würde, konnte er nicht wissen. Das Geld ist die Droge. Mit Koks ist er kaum noch dabei. Er sitzt in dem großen weißen Raum, vor sich seine Bücher und Hefte, hört dem Dozenten zu, beobachtet die Mädels vor sich, Anfang zwanzig sind die höchstens. Das Geld ist die Droge. Für neunzig Prozent der Frauen, die in seinen Wohnungen arbeiten. Die meisten Menschen arbeiten für Cash und nicht, weil es ihnen Spaß macht. Ein paar von den Frauen, die in seinen Wohnungen arbeiteten, haben sich vorher auch in der Pornobranche versucht, und was er so gehört hat …, härtere Arbeit oder mindestens genauso hart. Eine Zeitlang hat er überlegt, ob er nicht in diesen Geschäftszweig investieren soll, er hatte damals, kurz nach der Wende, den Pornopapst kennengelernt, der in einer riesigen Halle seinen Kram verkaufte, seine Leute machten den Sicherheitsdienst. Der Typ hat Zehntausende abgeschöpft an einem Wochenende. Wie hat der gesagt? Gebumst wird … Nee, anders: Aktie Fick steht immer oben! Der Wert einer Ware ist gleich dem Wert des in ihr enthaltenen konstanten Kapitals, plus dem Wert des in ihr reproduzierten variablen Kapitals, plus …

Bevor er zur Abendschule fuhr, um sein Abitur zu machen, hat er immer noch im Club und bei den Mädchen nach dem Rechten gesehen, hat seine Leute instruiert, das ist jetzt ein, zwei Jahre her, aber die Zeiten ändern sich schnell in seinem Geschäft, das Geld fließt und fließt, und deswegen braucht er solide Fundamente. Chaos ist ein Feind des Geschäfts und nutzt nur dem, der übernehmen will. Auf den Punkt gebracht. Danke, Herr Kraushaar. (Das hat er alles schon vorher gewusst, zumindest mit dem Bauch und der Faust, hat ja das Chaos ergründet in den Jahren nach der Wende, aber jetzt geht ihm das alles ständig durch den Kopf, seit er in den Nächten sitzt und lernt, er begreift jetzt die Dinge anders, gleicht die Geschehnisse und Erinnerungen ab mit den Lehrsätzen und Theorien aus den Büchern und den Seminaren, versucht, das Geheimnis des Marktes zu begreifen, und es ist überall derselbe Markt, das begreift und sieht er immer mehr und immer klarer, ob Bumsen, Badelatschen oder Millionen made by Ackermann.) Er lacht, gießt sich etwas Schnaps in den Kaffee und blickt aus den Fenstern seines Büros in die Nacht. Er sieht die Lichter der Straße hinterm Zaun des Gewerbegebietes, Scheinwerfer blenden, Rücklichter verschwinden im Dunkeln, sicher fahren einige von denen in seine Clubs, zu seinen Wohnungen.

Der Dozent geht mit einem Zeigestock über die Tafel.»Wachstumsstrategien«. Ja, das interessiert Arnold Kraushaar. Da hört er zu und beobachtet nicht mehr die beiden Mädels, die schräg vor ihm sitzen. Die eine würde er» scharf «nennen, das ist was anderes als» hübsch «oder» schön«. Typ Sexbombe. Blond, jung, große Titten, aber nicht zu groß. Fünfzig Wohnungen, denkt er, das sollte machbar sein in dieser Stadt in den nächsten Jahren, er kennt die goldene Formel, und er kennt sein Ziel. Fünfzig Prozent. Und dann die nächste Etappe. Er ist jung. Er hat gute Leute. Und Visionen. Und er bringt das Geld zur Bank, fünfzig Prozent, und den Rest investiert er, plus minus, denn: Das Bankkapital besteht 1. aus barem Geld, Gold oder Noten, 2. Wertpapieren. Diese können wir wieder in zwei Teile teilen: Handelspapiere, Wechsel, die schwebend sind, von Zeit zu Zeit verfallen und in deren Discontierung das eigentliche Geschäft des Bankiers gemacht wird; und öffentliche Wertpapiere, wie Staatspapiere, Schatzscheine, Aktien aller Art, kurz zinstragende Papiere, die sich aber wesentlich von den Wechseln unterscheiden. Hierzu können auch Hypotheken gerechnet werden. Das aus diesen sachlichen Bestandteilen sich zusammensetzende Kapital scheidet sich wieder in das Anlagekapital des Bankiers selbst und in die Depositen, die sein banking capital oder geborgtes Kapital bilden.