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Magda sieht, wie Babsi, die eigentlich Lilli heißt, rückwärts zur Couch zurückkommt, Schritt für Schritt. Ein kahlköpfiger Mann betritt ihr Wohnzimmer. Er trägt einen offenen schwarzen Ledermantel, beide Hände hält er in den Taschen des Mantels. Er bleibt stehen, blickt sich um. Geht ein paar Schritte, es scheint ihnen, dass er ein wenig das Bein nachzieht, dreht sich, blickt zu den Türen ihrer Zimmer, nickt, zieht langsam die linke Hand aus der Manteltasche und streicht sich übers Kinn. Er ist nicht glattrasiert, und seine Bartstoppeln schimmern silbern, als würde er schon grau werden. Er ist vielleicht Anfang, Mitte vierzig, könnte aber auch schon älter sein, tiefe Falten auf der Stirn und neben den Mundwinkeln. Er ist nicht besonders groß, schlank.

Setz dich, sagt er zu Lilli. Sie setzt sich. Seine Augen sind leer. Ihr fällt kein anderes Wort dazu ein. Blau. Leer. Als wäre er irgendwo weit weg. Und es ist kalt dort. Er geht zu dem Sessel auf der anderen Seite des kleinen Couchtisches, nimmt die Zeitschrift» Bild der Frau «und legt sie auf den Tisch neben den Aschenbecher und die Zigarettenschachteln, das Telefon und die Vase mit den Plastikblumen, dann setzt er sich. Langsam. Er legt die Aufschläge seines Mantels über die Lehnen des Sessels, zieht das schwarze Leder glatt, schaut sich wieder um, nickt.

– Ihr macht gute Geschäfte.

– Es geht so.

Lilli schaut zu Magda, Magda schaut zu Lilli.

– Wie lange seit ihr schon in der Stadt?

– Drei Wochen.

– Wie lange wollt ihr bleiben?

Lilli zuckt mit den Schultern. Magda zuckt mit den Schultern.

– Wo kommt ihr her?

– Berlin. Sagt Lilli.

– Cottbus. Sagt Magda.

– Ich bin hier geboren. Berlin ist eine große Stadt.

Das Telefon auf dem Tisch klingelt. Das Display leuchtet auf. Der Mann hebt eine Hand. Zeigt ihnen zwei Finger, den Zeigefinger, den Mittelfinger, wie das Victory-Zeichen.

– Es gibt zwei Möglichkeiten.

Sie schweigen, blicken sich an. Magda greift nach der Zigarettenschachtel auf dem Tisch und nimmt sich eine raus. Das Telefon hat aufgehört zu klingeln. Sie nimmt das Feuerzeug, raucht.

– Ihr kündigt diese Wohnung. Ich gebe euch eine neue. Alles da. Alles drin. Ich kümmere mich um eure Annoncen. Ich kümmere mich ums Finanzamt. Gesundheitsamt. Wäsche. Verträge. Papierkram. Meine Leute. Ihr zahlt Tagesmiete. Hundert. Du. Und du. Wie jede andere. Ihr bleibt frei. Könnt verdienen, wie viel ihr wollt. Könnt machen, was ihr wollt. Fünf Tage, sechs Tage, fulltime. Acht Stunden, zehn Stunden, zwölf Stunden. Duo oder Schicht. Eure Entscheidung, nur muss ich’s wissen.

Sie blicken sich an. An ihm vorbei. Wann hat Lilli wieder ihre Adidas-Trainingsjacke angezogen? Asche fällt von Magdas Zigarette auf den Teppich, und sie zerreibt sie mit der goldenen Spitze ihres Schuhs. Sie trägt offene schwarze hochhackige Schuhe von Versace. Peep-Toe-Pumps. Mit der berühmten goldenen Lasche um die Spitze. Die hat sie sich in Berlin gekauft. Fast fünfhundert Euro. Manchmal wollen die Gäste, dass sie die anbehält, wenn sie ficken. Es sind ihre Lieblingsschuhe. Am Anfang hat sie die nie während der Arbeit getragen. Aber jetzt gibt ihr Versace ein gutes Gefühl. Sie hat die Schuhe an, sie ist die Lady. Kiss my Versace, Kleiner! Und sie will sich neue Schuhe kaufen. Für die Freizeit.

– Der Vermieter …, sagt sie und drückt ihre Zigarette aus.

– Kümmere ich mich drum.

Er steht auf. Geht zum Fenster. Schiebt die Lamellen der Jalousie mit den Fingern auseinander.

– Ist nichts Persönliches. Aber was soll ich machen? Heute seid ihr es. In einer Woche vier andere. Ich habe Wohnungen. Ihr könnt auch in einen Club gehen, wenn ihr wollt.

– Wir möchten zusammen …, sagt Lilli.

– Gut. Gut. Kein Problem. So wie ihr es wollt. Ich sage nicht: morgen. Ich sage nicht: übermorgen. Ich kümmere mich um alles. Ich könnte auch sagen: Ab heute, oder rückwirkend, zahlt ihr mir die Tagesmiete. Du und du.

– Wir …

– Nein. Nein. Da draußen …

Er tippt mit dem Finger gegen die Scheibe.

– Da draußen herrscht die Pest. Und die Cholera. Und der Abschaum wackelt durch die Straßen, als wäre er der neue Adel unserer verseuchten Zeit. Das Telefon klingelt. Und dann klingelt es an der Tür. Und der grimme Schnitter ist auf dem Weg zu euch.

– Wir …

– Ja. Wir.

Er dreht sich zu ihnen um. Die Jalousie bewegt sich, klappert gegen die Fensterscheibe. Draußen schneit es, aber das können sie nicht sehen.

– Du?

Er zeigt auf Lilli.

– Lilli.

– Und du?

– Magda.

– Babsi und Anna.

Er lächelt. Seine Augen sind bei ihnen und woanders. Blau. Leer.

– Die Zeiten haben sich geändert. Die Gesetze haben sich geändert. Aber es gibt Regeln. Und meine Firma bietet das, was ihr alleine nicht könnt. Sicherheiten. Ihr seid kluge Frauen. Ihr habt keine Schmarotzer zu Hause auf dem Sofa, für die ihr euch die Pussy wund arbeitet! Hart, aber fair. Hart, aber fair. Es gibt andere in der Stadt. Die würden gerne auf diesem Sofa sitzen, oder auf einem anderen, und jeden Cent umdrehen, den ihr hier macht. Die Geschäfte gehen gut, nicht wahr?

Sie nicken. Blicken sich an. Blicken auf den Teppich.

– Schöne Schuhe. Versace?

Sie nickt.

– Trägt meine Frau auch. Anderes Modell. Die machen das beste Design. Fast wie aus der Zukunft.

Er lächelt und streicht sich übers Kinn.

– Ihr könnt natürlich hier wohnen bleiben. Das ist nicht meine Sache. Vielleicht habt ihr eine andere Wohnung, zum Wohnen. Das geht mich nichts an. Ihr könnt dort wohnen, später, wenn ich euch sage, wo. Arbeiten, schlafen, wie ihr wollt. Jeder macht das anders. Manche fahren nur am Wochenende nach Hause. Manche arbeiten am Wochenende. Ich muss es nur wissen. Für die Annoncen, für den Papierkram.