Und Steffi, die würde staunen, die würde aus dem Staunen gar nicht mehr raus …, wie ich da uns Plüschtier um Plüschtier und Sangria und Kulis und Aschenbecher, der Olaf hat mir das damals beigebracht. Nein, Vater hat’s mir beigebracht. In der kleinen Stadt, wo ich herkomme, da gibt’s auch ’ne Sternwarte. Waren wir mit der Schule drin, war ich auch mal mit Olaf drin. Wir haben viel zusammen gemacht, auch wenn’s nur kurz war. Vati hat mir das beigebracht, das mit dem Luftgewehr. Ganz früher, als ich noch klein war, vor der Wende, da ist er oft jagen gegangen mit so Leuten aus der Politik oder so, hat er manchmal von erzählt, aber nicht so viel jetzt. Aber er hatte kein richtiges Gewehr mehr, nur das Luftgewehr noch. Das sah schick aus, glänzendes Holz, wie so Edelholz, der Kolben. Im Garten haben wir oft geschossen. Meine Schwester war nicht so gut. Ich glaube, dass sie das Gewehr jetzt hat. Sie hat das meiste von Vati mit zu sich genommen, als er gestorben ist. Möchte ich nicht dran denken. Ich würde sie gerne mal besuchen fahren. Ist aber nicht mehr so einfach, seit Mutti das weiß. Mutti, sage ich, ich tanze da nur. Meine Schwester wohnt wieder im Haus, seit sie den Job nicht mehr hat. Könnte ja hier anfangen, jederzeit. Aber nee …, ich bin müde langsam. Sitze an der Bar und warte auf einen Gast, der nett ist und mit mir ’ne Stunde nach oben geht. Oder zwei, drei Quickies. Nach Mitternacht kommt immer noch ’n Schwung.
Mein Handy hat die ganze Zeit geklingelt, und ich bin nicht rangegangen, kannte ja die Nummer. Mutti schreibe ich oft noch. Im Juli hatte sie Geburtstag. Ich arbeite in einer Bar, Mutti, habe sogar einen Cocktaillehrgang gemacht. Warum ich es ihr nicht erzählen kann …, ich bin sechsundzwanzig und hab mich selbst entschieden. Und wie sie mich angeguckt haben, als sie’s wussten. Als hätt ich irgendwas, als wär ich krank. Weil’s jemand im Internet gesehen, weil mich da jemand erkannt hat, irgendeine von Muttis blöden Freundinnen. Ich würde gern wieder mal in die Sternwarte gehen. Wir durften durch das große Fernglas schauen. Planeten und Sterne. Wenn man mit sowas in die Sonne schaut, wird man blind.
Manchmal beneide ich Steffi, weil die mit ihrer Familie nichts mehr zu tun hat. Und auch gar nichts mehr zu tun haben will. Ich hoffe und glaube, dass Mutti das akzeptiert, dass ich das mache, was ich mache, weil ich mich entscheiden kann. Jederzeit.
Und ich kann das verstehen, dass die Steffi da keinen Kontakt mehr hat und will. Ihre Eltern sind in den Westen gegangen, abgehauen, da war sie noch ganz klein. Und da musste sie dann eine Zeitlang ins Heim, in so eine Art Heim, und dann zu einer Pflegefamilie. Sie ist dort dann ein paarmal abgehauen, hat sie mir erzählt, als wir mal auf einen unserer eher seltenen Absacker waren, an die ich so gerne zurückdenke. Die Frau hätte ihre Großmutter sein können. Was o.k. gewesen wäre, sagte sie, aber sie war wohl einfach ’ne furchtbare Alte. ’ne richtige Vettel muss die gewesen sein. Und da hat sie die Speisekammer leer geräumt, alles in den Rucksack rein, was da eben so reinpasste in den kleinen blauen Campingbeutel, und ist abgehauen. Und da das nicht so einfach war, in der DDR abzuhauen, ich meine, heute geht das auch nicht richtig, mal eben so als Neunjährige abzutauchen, aber Bahnhof Zoo und Co., nein, Mutti, das hat überhaupt nichts, aber auch gar nichts mit meiner Arbeit zu tun.
Renn, Mädchen, und versteck dich im Wald …
Ich kann mich kaum noch an was aus dem Osten erinnern, war eben noch zu klein, fünf Jahre zur Wende, aber Vater hat oft erzählt. Hat Zeit gehabt, war meistens zu Hause, hat mir’s Luftgewehrschießen beigebracht.
Er wird immer schneller, na komm, na komm, spritz, spritz, ja, ja, ja! Meistens kommen sie ja schneller, wenn man sie anfeuert. Kann ein Stammgast werden. Der sieht zufrieden aus. Stammgäste sind echt wichtig. Da geht vieles leichter. Wenn sie denn halbwegs sympathisch und vor allem gepflegt und sauber sind. Einen Stammkunden habe ich, der ist mir richtig unangenehm. Fragt jedes Mal, ob ich nicht doch ohne Gummi blase. Komm in fünf Jahren wieder, vielleicht muss ich …, nee, müssen tu ich nix, aber vielleicht mach ich’s dann wirklich oder habe mich zur Ruhe gesetzt. Kleines Haus. Müsst mir einen suchen, der nett ist, Geld hat und mir viel meine Ruhe lässt. Sex können wir schon haben, denn aus Sex mach ich mir nichts … Die Steffi, die hat immer gerne Sex gehabt. Viel. Schon zeitig. Bei mir ist das eben alles rein …, klingt jetzt blöd …, mechanisch, und dann eben professionell, dass mir das nicht nahegeht. Normal, sag ich mal. In meiner Kindheit …, ich war immer spät. Meine Schwester, die ist anderthalb Jahre jünger, die hat masturbiert, da habe ich …, ach, was weiß ich. Vielleicht verpass ich ganz viel, und vielleicht kommt das noch. Glaub ich aber nicht. Weil ich doch mehr Sex gehabt habe als die meisten, rein geschäftlich. Streicheln, kuscheln, ja. Schön ist das, ja. So wie mit Olaf. Damals. Ist nicht so, dass ich da nicht dran denke, manchmal.
Der Behaarte fragt mich manchmal, ob ich ihn nicht auch privat besuchen könnte, also natürlich wäre er da auch entsprechend spendabel. Er hätte ein Haus, eine Villa, am Stadtrand. Na klar, und bestimmt gibt’s da auch einen Keller. Er ist paarmal mit Beatriz aufs Zimmer, und die hat erzählt, dass er ein Switcher ist. Hat ich noch nie gehört. Dass er von ihr mit ’nem Dildo hart gestoßen werden will und dass er aber auch gerne ihren Po stößt und sie beschimpft dabei. Irre. Da wird mir kalt.
Nicht das Geringste habe ich dir gestohlen! Was? Nein, nichts, es geht Richtung Feierabend. Manchmal denke ich, hier spukt’s. Spuk unterm Rotlichtbogen. Wie hieß dieser Film, dieser DDR-Kinderfilm gleich nochmal? Spuk unterm Riesenrad? Spuk im Hochhaus? Oder warn das zwei Filme, zwei verschiedene Filme? Ich habe die später, also nach der Wende, im Fernsehen gesehen, auf dem Zonensender bringen sie ja immer diese alten Dinger, aber sehr schön, nein, wirklich. Da habe ich Vater verstanden. Dass der so …, traurig wär da jetzt das falsche Wort …, nach der Wende, als die Wende kam. War ich noch sehr klein. Bald ist Weihnachten. Lichterbögen in den Fenstern. Quatsch, was erzählst du, Mädchen, noch über ’n Vierteljahr. Manchmal denke ich, hier spukt’s. Wie in einem großen alten Schloss. So wie die Kollegin B. immer von diesem Studio erzählt hat, hab ich mir das immer als Schloss vorgestellt. Zumindest wie ’ne große alte Villa. Wo die dieses Mädchen, diese Frau, diese Sub, fast tot gemacht haben. Die sie da als Zofe ausgebildet und in den Schrank gehängt haben. Mit Nadeln gespickt. Und lauter so Sachen. Und irgendwie ist das dann wohl außer Kontrolle geraten. In diesem Film konnte der eine mit dem Kopf durch die Wand, und einmal kam er aus dem Abfluss vom Waschbecken, und da haben ihm die Kinder immer wieder eins mit der Bratpfanne übergebraten. Das war sowas wie ein Geist, der mit seiner Frau, die auch Geist natürlich, gute Taten vollbringen müssen in diesem DDR-Hochhaus, weil sie vor hundert Jahren oder länger einen Polizisten umgebracht haben, der ihnen auf die Schliche gekommen ist, weil sie Räuber waren. Hatten eine Schenke und haben dort die Gäste ausgeraubt und auch gleich totgemacht. Und haben sie die nicht auch in den Schrank gehängt erst, aber vielleicht kommt da jetzt was durcheinander bei mir. Im Kopf im Kopf. Da klopft’s. Nee, natürlich nicht.