Und dann könnte ich mir ja eine Wohnung mit der Steffi teilen, wenn ich jetzt so drüber nachdenke. Er ist fertig. Liegt neben mir. Ruh dich nur aus, hast dich ganz schön abgerackert.
Und dann könnten wir auch mal ins Kino gehen, nach Feierabend, gemeinsam. Was war das nur für ein Film, den wir mit den Mädels damals gesehen haben zusammen? Die meisten sind weitergezogen inzwischen. Manchmal kommen sie wieder, und dann gibt’s ’n Hallo, du wieder! Ist schon ein Kommen und Gehen. Das fahrende Volk. Aber ich hab irgendwie meinen Platz gefunden hier. Sitze an der Bar, lasse mich treiben im Strom der Musik, der Lichter, der Stimmen, die Tür öffnet sich, Gäste, Kundschaft, Gäste, Hans musste vor kurzem eine neue Lüftung einbauen, wegen der Rauchergesetze, das ist schon deutlich besser, und ich habe mir echt vorgenommen, mal ganz aufzuhören, aber noch bin ich jung und kann das alles ab. Der Rauch und die Nacht und der Sekt, das zehrt auf Dauer. Muss mir keiner was erzählen. Aber ich mag die Nacht.
Ja. Man ist irgendwie auf der anderen Seite. Auch wenn das komisch klingt jetzt. Was Besonderes. Nachtarbeiter. Wir sind mit der Stille verbündet. Ich denke manchmal, dass wir alle Schlafwandler sind. Auch wenn’s hier immer und oft hoch hergeht.
Halt das Kondom nur schön fest, das war ein Fest, was? warte, ich nehm’s sofort in die Küchenrolle.
Hans wollte, dass ich mich Mandy nenne. Fand ich erst blöd, aber hab mich dran gewöhnt. Wie die Mandy, sagte er anfangs manchmal. Relativ oft. Weil da vor Jahren schon mal eine Mandy in seinem Club gearbeitet hat. Ich glaub, dass er in die verliebt war. Jedenfalls stell ich mir das manchmal vor. Und denke dann, dass ich auch wieder gerne verliebt wäre. Dass dann vielleicht alles anders werden würde. Mit Sex und Spaß und Rock ’n’ Roll. Aber ich glaube, das ist durch. Obwohl ich ja noch jung bin. Dort, wo ich herkomme, da gibt’s den Max, der war bis letztes Jahr Jungfrau. Mit Ende zwanzig, muss man sich mal vorstellen. Obwohl, ich kann’s. Also mir das vorstellen. Und jetzt hat der geheiratet. War seitdem nicht mehr da. Und als ich da war, und kurz auf seine Hochzeit, da habe ich Mutter auch nicht gesehen. Weil sie’s nicht wollte. Alles geht irgendwie immer weiter.
Leicht verdientes Geld, sage ich mir oft. Der Typ sitzt auf der Bettkante und zieht sich an. Sein Rücken ist feucht. Wer verdient schon hundertzwanzig in der Stunde. Zehn Minuten auf der Uhr. Jetzt redet er. Sagt, er heißt Holger. Bietet mir eine Zigarette an. Danke. Er gibt mir Feuer, und ich reiche ihm sein halbvolles Glas Gin Tonic. Er trinkt und raucht und erzählt so dies und das.
Während ich kurz abschalte und in mir versinke und Kraft sammele, kleine Fünfzehn …, und so ein hübsches Mädchen wie du … Ach, nee. Hör auf bitte. Fang jetzt bloß nicht an, dass ich das nicht nötig hätte. Ich mach’s nämlich, weil ich will, verstehst du?
Und unten an der Bar und oben auf dem Zimmer, Bar, Zimmer, die größten Hits der 80er, Hans, dieses supergute Gel ist alle! Rotkäppchen, nein, Großmutter …, vor kurzem ist Maike hier aufgetaucht, Hans, ich glaube, das Bett ist mal wieder hinüber, hat dann paar Wochen hier gearbeitet. Letztens waren Engländer hier und die Japaner. Ich glaub, mein Englisch ist noch ganz gut. Ist eine Freundin von Olaf, die Maike. Oder war’s jedenfalls. Bin ich aber schon längst drüber weg. Im Prinzip. So lange her schon. Die Maike ist schon in Ordnung. Hat mir damals im» Deluxe «alles gezeigt, alles erklärt.
Und wieder wird es Morgen. Und wieder wird es Morgen. Und später, im warmen Wasser des Schwimmbeckens drehe ich mich auf den Rücken, liege einfach, ohne zu sinken, treibe und fühle eine große Ruhe in mir, als ich durch das gewölbte Glasdach in den bewölkten, trüben Himmel blicke. Der dann blau wird, in dem ich mich spiegele und sehe, wie ich da treibe und liege. Wie gut sich das anfühlt.
Amalgam
Der Flic, le Bulle, der Hauptmann, der ewige Greifer, der Schnüffler, der alte Cop liegt im Herzen der Meere, als sie draußen vor der großen Stadt die Moore ausräumen, trockenlegen und urban machen (wie einst die Bauern das Land urbar machten, seine Großväter den Boden, die harten Erden einst noch mit Hilfe von Sprengstoffen lockerten), neues Bauland erschaffen, weil dort die Stadt hindrängt, die Vorstädte expandieren, Waben von Einfamilienhäusern, Siedlungen, durchbrochen von den flachen Quadern der Großmärkte, Supermärkte, Baumärkte, er erinnert sich, während er langsam aus diesem Traum auftaucht, den er immer träumt, von einer unendlichen Fläche Wasser, kein Schiff, kein Land, nur hin und wieder ein Fisch, ein Wal, etwas Großes zumindest, das aus der Tiefe kommt, diesem Blau, diesem Schwarz, er erinnert sich und spürt das Kribbeln seiner eingeschlafenen Hände.
Als sie die Körper finden, im Boden, im Moor, wälzt er sich von der großen dicken Frau, mit der er sich abquält, als wollte er sich selbst quälen, denn für sie scheint das alles keine Qual zu sein, aber was weiß man schon, sie versteckt sich ja inmitten ihres ungeheuren Fleisches. Er taucht auf, aus den Tiefen, Tausende Meter.
Bluthochdruck. Stechen im Kopf. Er spürt seine Gefäße und sein Hirn hinter den Glaskörpern seiner Augen, ein Druck, hinter der Aderhaut, hinter der Netzhaut, wo sich alles spiegelt, wo der blinde Fleck sitzt. Punkte, Striche, Ellipsen flimmern vor ihm durch den Raum. Er muss eine Tablette nehmen. Kommt sicher von dem Sekt.
Er war hinabgesunken in diesem Traum, tief ins Blau, ins dunkelblaue Schwarz. Dort sieht er manchmal Ruinen, Mauern, der Boden ist faltig, diese Reste von Städten, oder was immer das sein mag, sind halb versunken im zerklüfteten, faltigen Boden, Tempelanlagen vielleicht, denkt er manchmal nach dem Erwachen; er ist sechsundfünfzig, seit siebzehn Jahren in der Stadt, und seitdem hat er diesen Traum. Er hat schon oft überlegt, sich versetzen zu lassen, zurück nach Köln, vielleicht zum BKA, zurück zum BND, wo er einst als junger Mann in den Kellern hockte und forschte, Fotos, Materie, Fleisch, oder er könnte sich pensionieren lassen und irgendwo an die Küste ziehen. Die Luft des Meeres würde ihm guttun. Er hat eine kleine Hütte, eine Datscha, wie sie hier und dort sagen, in der Nähe der Grenzstadt, am Grenzfluss, oben im Nordosten. Billig gekauft vor zehn Jahren. Weit weg von hier. Im Niemandsland zwischen Polen und Deutschland. Er hat ein kleines Motorboot dort, das im Winter in einem winzigen Schuppen steht, seinem Bootshaus, er nimmt sich seit Jahren vor, einmal bis hoch zur Mündung zu fahren, ins Haff, diesem großen verzweigten Becken, aus dem drei schmale Arme ins Meer führen. Er ringt nach Luft, wie jedes Mal, wenn er aus dem Traum von der Tiefe erwacht. Sein Handy auf dem Nachttisch. Neben den zerrissenen Verpackungen der Gummis. Er hört sie im Bad, hört das Rauschen der Dusche. Sie hat nicht viel Kundschaft, das weiß er, und deshalb ist ihre Haut nicht trocken wie Pergament, die Mädchen, die nach jedem Gast duschen, meistens machen sie das sowieso nur am Anfang, wenn sie noch neu sind. Bei ihr, denkt er, glaubt er, ist es ein Zeichen, dass es ihr gutgeht, dass sie gute Laune hat. Weil sie auch singt. Das muss am Sekt liegen. Aber den trinkt sie immer. Schon beim ersten Mal, wie lange ist das jetzt her? öffnete sie die Tür im Morgenrock, oder war es ein seidener Unterrock? oder wie immer man das auch nennt, ein Sektglas in der Hand, lachend, dass ihre Titten und ihre Hüften wie Götterspeise bebten:»Mein Guter, komm rein, die Sonne geht auf!«Und es war wirklich am Morgen gewesen, aber ein Wintermorgen, die Sonne ein fahler zerrissener gelber Fleck hinterm Dunst und für sie sicher nicht zu sehen, Erdgeschoss, die Jalousien geschlossen, nur in der Küche fällt etwas Tageslicht durchs Küchenfenster, ein kleiner Hinterhof, das sieht er im Vorübergehen durch die angelehnte Tür.