Er hat immer noch Kopfschmerzen und spürt den stolpernden Schlag seines Herzens. Er weiß nicht, wer nach ihr hier arbeitet, wenn sie um sechzehn Uhr geht, oder ob ab zwölf schon jemand kommt. Er sieht die zwei Anrufe auf dem Display, sieht, dass er beim ersten rangegangen sein muss. Ein kleiner Briefumschlag blinkt, und er öffnet die SMS, liest die Wegbeschreibung.»Waterworld«, sagt sie plötzlich und sitzt neben ihm. Wasser tropft aus ihren Haaren auf seine Beine und seinen Bauch.
«Was?«Er richtet sich auf, und sie massiert ihm die Eier, streicht durch sein graues Schamhaar.»Lass. «Er schiebt ihre Hand weg.»Ich bin keine fünfundzwanzig mehr.«
«Ach, mein Gutster, ich mach ihn dir ratzfatz wieder hart.«
«Ich muss los.«
Er ist sehr sparsam mit den Viagra, eine viertel Pille, eine halbe Pille, nie mehr, aber er merkt es trotzdem und setzt sich wieder hin. Es ist unvernünftig, noch Sekt dazu zu trinken. Er wird Blocker nehmen müssen, nachher, um das System etwas runterzufahren. Ihm ist schwindlig, aber die Kopfschmerzen verschwinden langsam. Das Blut sinkt.
«Na, dieser Film mit Kevin Costner, wo sie die ganze Zeit auf dem Meer sind, wo die so durchs Wasser, und er kriegt schon Schwimmhäute am Ende. Zwischen den Zehen.«
«Und was hat das mit mir zu tun?«
«Wegen deinem bösen Traum.«
«Was weißt du von meinem Traum? Woher weißt du, was ich träume?«Er will ihre Hand wieder wegschieben, aber sie hockt schon vor ihm.
«Weil du’s mir erzählt hast, mein Guter!«
Er blickt kurz auf das metallische, stumpf glänzende, schwärzliche Silber ihrer Plomben, als sie den Mund öffnet und anfängt, seinen halbsteifen Schwanz zu lutschen.»Du bist der Einzige«, nuschelt sie, und sein Schwanz federt mit einem Plopp aus ihrem Mund,»der Einzige, dem ich’s ohne Gummi mache, meine Sonne. «Er weiß, dass sie lügt. Er kennt ja ihre Annonce, Französisch ohne, Französisch beidseitig. Er erinnert sich an ihren Geruch, als sie das erste Mal nackt vor ihm lag. Und wie er erschrocken ist, als sie die Tür öffnete. Das Sektglas in der Hand. Früh halb neun.»Ohhh, die Sonne geht auf, komm rein, mein Guter!«Er hatte kein Frauenbild, das ihm behagte, das er bevorzugte. Blond, dunkel, schlank, vollschlank, große Titten, kleine Titten, lange Beine, großer Arsch … Aber mit so einem dicken Weib hatte er noch nie gebumst. Und er hatte auch nicht damit gerechnet, eine Hundertzwanzig-Kilo-Frau anzutreffen, unter» fraulich«, wie in ihrer Annonce zu lesen war, hatte er sich etwas anderes vorgestellt. Er mochte das altmodische Wort» bumsen«. Oder war sie es, die es benutzt hatte?» Komm, bums mich richtig durch!«Warum nur ging er seit diesem ersten Mal immer wieder zu ihr?» Wo ist eigentlich deine Katze?«, fragte er, als sie im Bad war. Er hörte, wie sie seinen Saft ins Waschbecken spuckte und sich den Mund ausspülte und gurgelte. Französisch total stand nicht in ihrer Annonce. Und wahrscheinlich log sie nicht, wenn sie sagte, dass er der Einzige war, bei dem sie das machte. Es ist gut, einen Bullen bei Laune zu halten. Sein Telefon klingelte, keine Melodie, nur ein Art Tonleiter, er konnte sich nicht erinnern, das so eingestellt zu haben. Er packt sie an den Schultern, als er kommt. Krallt seine Finger in ihr Fleisch. Sieht rote Sterne, weil ihm der Kopf fast platzt. Er hustet, sein Hals kratzt. Wie alt sie wohl ist? Schwer zu schätzen. Anfang dreißig, Ende dreißig. Vielleicht auch älter. Nein, eher jünger.»Was für eine Katze?«Sie streckt den Kopf ins Zimmer, eine Zahnbürste im Mundwinkel. Schaum am Kinn. Er fährt mit den Fingern durch ihre Zellulite, durch ihre Wachstumsnarben auf den Oberschenkeln, während sie sich vor ihm auf dem großen Bett bewegt.»Ich hab keine Katze, und schon gar nicht hier, mein Guter! Die einzige Katze ist die hier!«Sie lacht und wiegt sich in den Hüften und zieht ihre Schamlippen mit beiden Händen auseinander, verschiebt dabei die Wellen ihres Bauches. Give me pink. Dann verschwindet sie wieder im Bad. Er nimmt seine Unterhose von dem Stuhl, dann seine Hose. Er sucht die Blocker in seinen Jackentaschen. Er braucht was zum hinterspülen, will aber keinen Sekt mehr. Er will ihr Champagner mitbringen, seit einer ganzen Weile schon hat er sich das vorgenommen. Seit über einem Jahr schon. Aber immer Rotkäppchen halbtrocken. Dann nimmt er doch einen kleinen Schluck aus seinem Glas und würgt die Tablette runter. Setzt sich wieder aufs Bett und lehnt sich mit dem Rücken an die Wand. Nach wenigen Sekunden schon spürt er, wie sein Herz ruhiger schlägt. Wie sich Ruhe in seinem ganzen Körper ausbreitet.»Ich gehe nachher Kaffee trinken mit meiner Mutti. Ich mach heut zeitig Feierabend.«
«Machst du richtig. «Er könnte schwören, dass er anfangs diese Katze hier rumstreichen sah. Vielleicht ist die Katze in dem verschlossenen Zimmer. Die Wohnung hat zwei kleine Zimmer, die Tür des einen ist immer verschlossen, wenn er am Morgen oder Vormittag kommt. Er weiß nicht, wer die Wohnung vermietet, hat nie gefragt. Der Alte sicher. Der Mann im Schatten, der Mann hinterm Spiegel, hat nur wenige Wohnungen, in denen die Frauen sitzen. Die Frauen sitzen in seinen Clubs. Aber vieles kann sich ändern, von heute auf morgen, und der Bulle, der ewige Cop, der Hauptmann, ist sich nicht sicher, ob er auf dem neuesten Stand ist. In Clubs oder Laufhäusern ist er seit Köln nicht gewesen. Vielleicht arbeitet sie allein hier und auf eigene Rechnung. Er müsste das doch wissen, nach all den Monaten, Jahren. Es gibt nicht viele Frauen in der Stadt, die auf eigene Rechnung arbeiten. Beziehungsweise in der eigenen Wohnung. Ohne Tagesmiete. Das weiß er.
Waterworld. Er hat noch nie davon gehört. Kennt sich nicht gut aus mit Filmen. Kann sich nichtmal erinnern, wann er das letzte Mal im Kino gewesen ist. Köln? Nein, das ist nun doch zu lange her.
Er dachte, dass er nie jemandem von dem Ertrinken in diesem dunklen Meer, in und auf und unter dieser schwarzblauen Fläche, erzählt hat. Sie summt und singt, während sie sich draußen anzieht. Er fährt mit seiner Zunge durch die Wachstumsnarben auf ihren Oberschenkeln. Oder was er dafür hält, diese schneeweißen Spurrinnen in ihrem Fleisch. Es würgte ihn fast, als er sie das erste Mal leckte. Die Zunge brannte ihm, so feucht, so nass und so sauer war sie.»Oh, mein Guter, die Sonne geht auf. «Der antiseptische Seifenspender auf dem Rand des Waschbeckens. Das breite Feld ihrer kurzen Stacheln auf seinem Gesicht. Jetzt klingelt ihr Telefon, irgendwo im Flur. Später hält er an einer Tankstelle und trinkt eine Dose Cola. Es ist dumm, denkt er, darüber nachzudenken, wer so etwas mag. Wer sie wohl mag. Wer außer ihm zu ihr geht. Anfangs wollte er manchmal umdrehen, die paar Stufen runter zur Haustür gehen, Hochparterre, und wieder verschwinden. Zurück ins Präsidium. Zurück zur Arbeit. Aber da war etwas in ihrer Stimme, in ihr, an ihr, wie sie ihn lachend ansprach, ihr dickes rundes Gesicht, ihre riesigen, hängenden Brüste. Die er jetzt leckt und küsst. Sekt am Morgen, Sekt am Vormittag. Es war die einzige Annonce, in der 8.00 stand. Die meisten der Mädchen beginnen die Arbeit um neun oder um zehn. Die Luft und die Stadt kalt, die fleckige Sonne hinter den Häusern, Berge von schmutzigem Schnee an den Straßenrändern. Sein Auto zwei Seitenstraßen weiter. So wie jetzt auch. Er hat für drei Stunden bezahlt, wie immer, und möchte bleiben. Spürt, wie der Blocker ihn beruhigt. Den Kampf gewinnt gegen die rosa Pille, die halbe Pille, die er genommen hat nach dem Aufstehen, aus dem kleinen Lederetui, in dem er früher seine Zigaretten aufbewahrte, ein Geschenk von …, Oh my lover, ist das Musik aus der Küche? ein jaulender englischer Schlager. Sie werden gleich wieder anrufen. Vor siebzehn Jahren, und auch noch vor fünfzehn Jahren, konnte er sagen, dass er sich verfahren hat, im Aderwerk der Straßen und kleinen Straßen, Stau, Baustellen, weil die Stadt sich bewegte und bewegt, damals machte er einmal einen Zeppelinrundflug und staunte über die glänzenden Eisenbahnschienen, die sich tausendfach verzweigen, schnurgerade, aber auch in wilden, harmonischen Bögen, Kurven und Ellipsen. Das war in einem unglaublich heißen Sommer gewesen, und das Zentrum der Stadt leuchtete blau und rosa in den Abendstunden, aus dieser Höhe gesehen. Als wäre es eine andere Stadt und nicht die, aus der sie aufgestiegen waren. Er sah die Bewegungen und das Ineinander-Verwachsen der Häuser und Straßen und Vororte. Den Bahnhof, die tempelartige Kuppel, die tiefer gelegenen Strecken, wie Schluchten, durch die die Züge und S-Bahnen langsam fuhren, die hochgelegenen Bahndämme, Brücken und steinernen Viadukte, sah die dünnen Rauchfahnen aus und über den Kleingartenanlagen, Angrillen, Abgrillen, saß in der langen, schmalen Gondel unter dem aufgeblähten Leib des Zeppelins und dachte, dass er …»Meine Sonne, dein Telefon!«