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Er zieht sich die Gummistiefel an, die eine junge Kollegin, die er nicht kennt, ihm gegeben hat, riesige gelbe Stulpen, wahrscheinlich noch aus der Zone, er schlappt unsicher in den viel zu großen Stiefeln über den kleinen Holzsteg, einige zusammengenagelte Bretter, schon früh am Morgen sind die Bagger auf die Körper gestoßen, das Wasser war schon in den Tagen zuvor abgepumpt worden, nur noch braunschwarzer, zäher Schlamm und Torfmoose, uraltes, versteinertes Astwerk, grün und weiß an den Spitzen, die aus dem Oberflächenwasser ragten, überall grüne Inseln von» Entengrütze«, so nennt man das doch, so nannten sie es als Kinder, wenn sie in den Waldseen baden gingen, die Kollegen haben dann die Feinarbeit übernommen, die Spurensicherung, der Erkennungsdienst ist vor Ort, Tatort, Fundort, Bein ab; er hockt sich auf den Steg, beugt sich vor, blickt in das holzverschalte Rechteck, passt doch, denkt er, drei in einem Sarg, es sind zwei Frauen, die eine liegt deutlich entfernt von den beiden anderen Körpern, es gibt nur diese eine Stelle am Ufer, wo er jetzt steht, wo sie den Steg gelegt haben, wo man etwas entsorgen kann in diesem Moor, diesem Sumpf, was ist der Unterschied? müssen wir Biologen hinzuziehen, Vermoorungsexperten? er nimmt an, dass das Wasser, das da abgeführt wurde, früher ein Teich war, Wasserlachen, die im Lauf der Jahre oder Jahrhunderte zu versumpfen begannen, zu Moorland wurden, der Boden hier ist sandig und tonig, das weiß er aus anderen Untersuchungen im Umland, das sind nicht die ersten Körper, die man vor der Stadt ablegte, vergrub, versenkte. Er erinnert sich an den alten Bauern, das kann nicht so weit weg gewesen sein, der seine Frau ertränkt hat in einem Wutanfall, in einem Streit, der ihren Kopf in die Regentonne drückte, wo sie später die silberne Kette der Frau fanden, auf dem Grund des Fasses, und er hat sie in die Heide geschleppt und versucht zu vergraben, ist dann aber schon kurze Zeit später selbst zu ihnen gekommen, so viele Selbststeller, die zwischen ihren Albträumen hin und her stolpern.

Er sieht die schmalen länglichen Betonteile mit den kleinen Löchern unter den beiden beieinanderliegenden Körpern, an denen man sie befestigt hat, Standfüße für Bauabsperrungen, denkt er, ziemlich schwer. Ziemlich schwer für einen Mann. Aber machbar. Wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen. Aber die Wasserlachen auf der Oberfläche machten ihn, sie, unsicher. Kannte er diesen Sumpf? Der eine Körper, die Frau, die allein liegt, ist länger hier als die beiden anderen. Sieht zumindest so aus. Die Haut ledriger. Dunkel. Rotbraun das Gesicht. Der Körper wie geschrumpft. Die hochhackigen Schuhe an den Füßen sehen riesig aus. Die andere Frau ist barfuß. Er steigt vorsichtig zu ihnen hinunter. Seine gelben Stiefel versinken schmatzend im Boden. Fast bis zum Schaft sinkt er ein. Sieht dann das schlammverschmierte Brett, mehrere Bretter nebeneinander, auf die er steigt. Er bekommt die Stiefel kaum aus diesem saugenden Grund. Von hier aus haben die Kollegen wohl die drei, diese drei Fragezeichen, vorsichtig freigelegt. Schlamm und Erde und Torfmoose stehen in Kunststoffkisten und zwei Zinkbadewannen am Ufer. Um sie später durchzusieben, auf der Suche nach dem Gold oder wenigstens dem Goldstaub eines Indizes. Das Bein ist verschwunden. Oder an einer anderen Stelle im Schlamm? Nachträglich im hohen Bogen hineingeworfen vom Entsorger, beschwert oder unbeschwert. Ein Sumpf gibt nichts mehr frei. Das Eigengewicht allein zieht dich in die Tiefe. Die Frau, die allein liegt, ist nicht beschwert. Zumindest nicht sichtbar. Sie haben ihm gesagt, dass sie schon halb auf der Schaufel des Baggers gehangen hat, der sich, vom Ufer her kommend, immer weiter in den schon zur Hälfte trockengelegten Sumpf grub. Ein Schreck am Morgen. Er kippte die Schaufel an, wie im Affekt, zurück mit dir! und der Körper glitt wieder zu den beiden anderen. Er zieht sich die Gummihandschuhe über. Kein Geruch nach alten Leichen, nach zerfließenden Körpern, den er so oft schon gerochen hat. Er hat immer eine dieser kleinen Döschen mit Chinasalbe einstecken, die er sich dann unter die Nasenlöcher reibt. Ist auch gut gegen Kopfschmerzen. Oder wenn man erkältet ist. Ein Klassiker. Er berührt das Gesicht der Frau, die auf der Seite liegt, zusammengekrümmt neben dem Mann. Wie Holz, wie Leder, Stirnfalten noch erkennbar, die Lippen leicht geöffnet. Die Zähne schwarz. Aber vielleicht ist das nur das Moor, das in ihre Mundhöhle eingedrungen ist. Wieder berührt er ihr Gesicht mit den Fingerspitzen und wundert sich, wie weich und elastisch sich ihre Haut anfühlt. Er spürt und hört, wie er leise vor sich hin summt. Oh my lover. So gut erhalten, wie die drei aussehen, muss dieser Teil des Moores relativ trocken gewesen sein. Später bestätigt das der Moorexperte, der seinen Vortrag über» Moorleichen und die Konservierung in Mooren «im Präsidium hält, die» SOKO Moorleichen«. Sie lernen alle eine Menge. Ein wenig ratlos hockt er auf den Brettern zwischen den Körpern. Immer noch beugt er sich über die Frau. Es ist für ihn nicht zu erkennen, wie sie gestorben ist. Ihr Hals scheint ein wenig deformiert zu sein, aber ihr ganzer Körper ist verkrümmt, als hätten die chemischen und biologischen Vorgänge in diesem luftdichten Raum ihren Knochen den Halt genommen … Keine Haltung jedenfalls.