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Die Kleine im Moor war mit Sicherheit eine Hure, wenn auch in einer ganz anderen Branche als seine dicke Hure, in einem ganz anderen Umfeld, Gift und Bordstein, gar nicht zu vergleichen mit seiner Dicken und ihrem gemütlichen Warten im Warmen, sie haben immer noch nicht ihre Identität feststellen können, keine Fingerabdrücke, keine Vorstrafen, keine Akte, die zu ihr passt, keine Vermisste der letzten Jahre, die ihr ähnelt, sie kann von außerhalb sein, Hepatitis C, unschöne Sache, er war auch um den Bahnhof herumgefahren, den Zentralbahnhof, der im Herbstlicht in anderen, weicheren Farben leuchtet, wie das Laub der Bäume, Ocker, Rot und Braun, aber in den Nächten, wenn es auf den Winter zugeht, wenn der Atem schon anfängt zu dampfen, wird der Monolith schwarz. Von oben gesehen ein silbernes Aderwerk, das zum dunklen Klumpen des Herzens führt. Ob das Mädchen hier arbeitete? Arbeiten ist vielleicht das falsche Wort. Sein fideles Dickerchen, seine Lieblingshure, die arbeitet. Vernünftig. Geschützt. Zumindest halbwegs. Versichert. Gemeldet. Hygienisch. So denkt er sich das, während er, die Augen halbgeschlossen, sich mit seinem Wagen durch die Straßen treiben lässt. Aber was weiß ich schon von ihr, denkt er. Er versteht ja nicht einmal, warum er bei ihr bleibt. Als stetiger Gast. Er ist bei vielen gewesen in den Jahren, Jahrzehnten, hat den Wandel der Sitten und Gebräuche als Gast erlebt, hat hier in der Stadt den Wandel erlebt, hat versucht, darauf zu achten, dass …, auf was eigentlich? Dass er nur dort ist, wo die Hygiene ist, wo die Schatten nicht zu sehen sind? Fahren durchs Rot, Grün, Gelb. Das Blinken der Phasen. Der Winkel des einfallenden Lichts fast waagerecht inzwischen. Wie es sich rot und rötlich färbt ganz langsam.

«Versumpfungsmoore bilden sich vor allem in flachen Landschaften mit sandigen oder tonigen Böden durch den Anstieg des Grundwasserspiegels …«Ja, verdammt nochmal, er hatte genug von diesem Fachidioten. Was sollte das bringen? Natürlich wusste er, dass es manchmal sinnvoll war, sich über die Umwege beziehungsweise den Ursprung den Dingen anzunähern, aber was hatte dieses Kauderwelsch mit ihren Leichen zu tun? Außer, dass sie erfuhren, wie Jahre und Jahrhunderte in diesen Schichten erhalten blieben, entstanden, sich bewegten … Er war der Einzige in der Truppe, der sich von dem Moorvortrag eine Weile berieseln ließ, auch auf seinem Diktiergerät, weil er hoffte, dass das seine Gedanken zur Sache in Schwung bringen würde. Aber er löschte fast alles, bevor er zu Eliot Ness fuhr.»Als sich vor zwölftausend Jahren die Saale-Eiszeit aus dem von ihr geformten Schliebener Becken zurückzog, hinterließ sie eine ausgedehnte Sumpf- und Moorlandschaft. Doch vor allem in den letzten fünfhundert Jahren wurden die meisten Gebiete trockengelegt und so fruchtbar gemacht.«

Er schüttelt die Stimmen aus seinem Kopf. Er sieht die kleine Glaskuppel des kleinen sandsteinfarbenen Bahnhofs, des Nachbarbahnhofs der Nachbarstadt, die langsam zur Vorstadt wird, neben der Hochstraße, über die er jetzt fährt. Das verzweigte Schienennetz, das das letzte Licht auffängt. Ein dunkles Silber. Wer schneidet einem Mann das Bein ab, nachdem er ihn getötet hat, ihm fast die Brust zerhackt hat mit einer antiken Riesenwumme; versenkt ihn dann zusammen mit einer Frau, einer jungen Frau, die zwischen fünfundzwanzig und dreißig ist, die schon tot ist, gestorben, verreckt an ihren Jahren der Gifte, wenn das Herz plötzlich stillsteht, auf schmale Betonblöcke geschnallt mit Wäscheleinen, weil beide scheinbar zusammengehörten, auch wenn sie sich noch im Tode von ihm wegzudrehen versuchte, was er gut verstehen konnte, wenn die Dinge so lagen, wie er dachte.

Sie wussten inzwischen, wo er abgestiegen war. Also wo er wohnte, in welcher Absteige er gewohnt hatte. Hinterm Zentralbahnhof. Und dass das Mädchen dort mit ihm war. Die junge Frau.

Wir leben im Jahrhundert der Gifte, dachte er und denkt dann, dass ja schon längst ein neues Jahrhundert, Jahrtausend, also wie man’s sieht … Kleine Einraumwohnung, die jemand ausgeräumt hatte, bevor der Vermieter nachschaute, als die Miete nicht mehr bezahlt wurde. Ein Typ, der Wohnungen und Zimmer an Bauarbeiter vermietete. Nicht nur an Bauarbeiter, natürlich. Sie hatten ihn sich lange vorgenommen. Ohne viel zu erfahren. Natürlich. Ein Jahr, sagte die Gerichtsmedizin. In dem Zimmer wohnten jetzt zwei Bosnier. Die auf dem Bau arbeiteten. Sogar mit Vertrag. Aber selbst wenn die beiden schwarzgearbeitet hätten, wäre das nichts gewesen, was sie interessiert hätte. Sie hatten die Bude trotzdem auseinandergenommen. Einbaumöbel. Dielen. Tapeten. Nischen und Zwischenräume. Nichts. Natürlich. Der Täter, oder ein zweiter oder dritter Mann, hatte wohl zuerst versucht, den Körper zu teilen. Um die Teile einzeln zu entsorgen. Hier nicht, kein Blut, nirgends. Aber aus irgendwelchen Gründen davon Abstand genommen. Weil der Sumpf plötzlich auftauchte in ihren, seinen Gedanken. Warum? Weil er, sie die Justizsekretärin Bärbel Kahn dort schon neunzehnhundertsiebenundneunzig entsorgt hatten? Oder weil sie darüber Bescheid wussten? Aber dann wäre es doch dumm, auch diese Körper dorthin zu bringen. Oder war man sich sicher, dass erst kommende, zukünftige Eis- oder Wärmezeiten die schwarz gewordenen Leiber umwälzen und vielleicht irgendwann an die Oberfläche bringen würden? Oder im Gegenteil noch weiter umschichten würden, immer tiefer in den Grund.

Die Sache mit dem Immobilien-König, sagte Eliot Ness. Welchem Immobilien-König? Der die alten Handelshäuser und Passagen der Stadt mit großen Krediten wieder aufbaute? Der sich verspekulierte? Den die großen Banken und die großen und kleinen Politiker liebten? Im ganzen Land. Dessen Imperium der Kredite und Grundstücke zusammenbrach, als die Stadt wieder zu glänzen begann? Vor so vielen Jahren. Obwohl, so viele sind es nicht, sagen wir einige. Vier, fünf Jahre vorm neuen Jahrtausend. Damals. Er sieht die Deutschlandfahne oben auf dem Dach dieses Altbaus, direkt hinterm Bahnhof der Nachbarstadt, wie sie flattert und knattert im Wind, obwohl er das Knattern des Stoffes natürlich nicht hören kann in seinem Wagen.

Das Chaos kommt. Alles nur eine Frage der Zeit. Beziehungsweise schon da. Auch hier. Die Schienen glitzern nur noch matt im Licht der Oktobersonne, die fast verschwunden ist. Eine rote Sichel hinter den Häusern, nur zu sehen, wenn man in die Seitenstraßen und Gassen schaut, zwischen die Häuser. Mond, Sonne. Schwarz Rot Gold. Er kennt die Frau in diesem Haus. Die sie» die Chefin «nennen. Obwohl sie nur bedingt die Chefin ist. Komisch, dass die Fahne so in Bewegung ist, denkt er. Wo doch kaum ein Wind geht, wenn er das Fenster runterkurbelt. Wie froh er ist, dass er schon vor Jahren aufgehört hat zu rauchen. Und auch die Trinkerei im Griff hat. Wie man sowas eben im Griff haben kann. Er kurbelt die Seitenscheibe runter. Vielleicht haben sie eine Windmaschine oben auf dem Dach installiert, hinter der Fahne. Das war ein großer Coup damals, wie die Chefin diese Fahne ersteigert hat. Original Bundestag. Original Reichstag. Er kann sich an die Prozession der Huren erinnern, gar nicht so lange her, da hatten sie diese Fahne dabei, da war das Dach leer, Berlin Berlin, wir fahren nach Berlin! all die Huren vorm Reichstag, vorm Bundestag, wie hat er gelacht, als er das im Fernsehen sah, und wie haben sie beide gelacht, sein Dickerchen, die gerne dabei gewesen wäre, aber sich dann doch da raushielt, aber es gut fand, dass es da abging, dass da die Rechte eingefordert wurden. Schilder und Transparente, der Chorus der Huren und dazwischen die Fahne, die jetzt wieder hier anzeigt, dass die Geschäfte immer noch gehen, dass die Frauen aufeinander bauen, aber das ist auch irgendwie nur eine Utopie. Aber eine schöne. Die wenigstens halb wahr ist, halb wahr geworden ist. Mit dem Marsch nach Berlin.