Er versucht, sich an den Namen der Blume zu erinnern, die da am Rand des Moores wächst. Fünf rote Blütenblätter kommen aus einem Kelch, gelblich, wie eine kleine Vase dieser Kelch. Jetzt erst wird ihm bewusst, dass rings um das Moor, das sie ausgehoben haben, unzählige Blumen blühen und verblühen, dabei ist schon Herbst, aber in der Abgeschiedenheit und der Dämmerung des kleinen Waldstücks vor der Stadt ist die Zeit vielleicht ein wenig hinterher. Denkt er. Ist das eine Heidenelke? Er sieht die Kollegin, deren Namen er nicht kennt, auf der anderen Seite der Moorsenke, wie sie sich bückt und ein paar Blumen pflückt. Er weiß nicht genau, wie lange er schon bei den Körpern hockt, wie viele Minuten oder Stunden, es dämmert bereits, er sieht die Abendsonne zwischen den Zweigen und Blättern der Bäume, wahrscheinlich lassen sie mehr Licht durch im beginnenden Herbst, und deswegen blüht es hier noch. Denkt er. Und wegen des nahrhaften Bodens.»Heidenelken«, hört er die Kollegin von dort drüben rufen. Vielleicht sagt sie es auch nur zu sich selbst. Sein linkes Bein ist eingeschlafen. Es ist das rechte Bein, das dem Mann fehlt. Jemand wollte ihn zerteilen, ließ es aber dann. Denkt er.»Sumpfwurz«, hört er die Kollegin,»Augentrost«.
Wer bist du, Mädchen? Und warum kriechst du im Tode noch von diesem Einbeinigen weg. Was sie hier wohl bauen wollen? Und werden. Die Toten verschwinden, und die Häuser und Grundstücke wachsen. Ob sie hier schonmal siedelten? Die Reste der Häuser und Körper in den Schichten unter ihm. Und vielleicht noch ein Moor und noch drei Körper. Und vielleicht die Spuren eines Mannes, der dort einst am Rand stand und auf die dunkle Fläche des Sumpfes starrte.
Die roten Lichter der Windräder verschwinden in der Nacht, blinken wieder auf, dort und woanders, unterschiedliche Intervalle, ein Blinken und Erlöschen, Aufleuchten und Erlöschen, von dem er kaum den Blicken wenden kann. Er fährt. Sein Diktiergerät flüstert vor ihm auf dem Armaturenbrett, die Stimmen mischen sich mit der leisen Musik eines Lokalsenders, er hört Daten und Tage, Moorgeschichten, Eliot Ness.»Herbstzeitlose«, wie kommt die Stimme seiner Kollegin aufs Band?» Bein anscheinend mit einer Art Knochensäge abgetrennt«, jemand erzählt von gewaltigen Farnen, abgestorbenen Bäumen und Schichten über Schichten, trocken und feucht, er hört das Stöhnen der Dicken, wann bin ich das letzte Mal bei ihr gewesen?; Nehmen Sie sich Urlaub und fahren Sie ans Meer, was soll der Blödsinn, es ist Herbst und die Saison längst vorbei. Kühl geworden auch.»Trollblume«. Eine andere Frauenstimme, die er nicht kennt. Anfang November hat er ein paar Tage Urlaub. Vielleicht fährt er dann endlich mal ins Haff. Und weiter zum Meer, die Oder stromabwärts. Auf zweiundneunzig Komma drei … Hast du dich schonmal gefragt, wer die Papiere Valachi besitzt … Was für Papiere? … Warum er aufsteigen konnte und die besten Immobilien besitzt und vermietet? … Wenn Weihnachten ist … Der Typ läuft schon wieder frei rum, obwohl ich ihn festnageln konnte. Nur dreieinhalb Jahre … Es ist wieder Piemontkirschen-Zeit … Ein rituelles Versenken von Leichen im Moor … Die Outsiders halten dem Alten den Rücken frei … Herbstzeitlose.
Sie sitzen im Wintergarten von Eliot Ness. Es ist dunkel draußen, die Nacht kommt schnell. Als er das letzte Mal bei ihm war, an einem Sonntagnachmittag, schien draußen die Sonne, als wäre noch Sommer, aber das Licht war golden und schwer. Ness raucht. Sie reden eine Weile über Betablocker. Ness’ Frau wohnt seit einigen Jahren in Berlin. Hat wohl das alles nicht mehr ausgehalten. Ness wohnt in einem Mehrfamilienhaus am südlichen Rand der Stadt. Weit weg von dem Moor, wo sie bald schon Fundamente legen werden, der Fundort war kein Tatort, die Investoren wollen vorankommen vorm Winter. Sie trinken Cognac, wie immer, wenn er Ness besucht. Die lichten Momente des ehemaligen Chefs der Abteilung Organisierte Kriminalität werden seltener. So oft hat er ihn gar nicht besucht in den letzten Jahren. Er überlegt. Drei-, viermal. Dafür zweimal in den letzten Wochen. Er muss aufpassen, dass er sich nicht in dem Netz des Eliot Ness verliert. Er hat drei Leichen. Und keine Täter. Sie reden eine Weile über neunzehnhundertneunzig. Und neunundachtzig. Wo sie waren, was sie machten. Was sie wollten. Später. Die großen Seen können nicht weit sein. Wenige Lichter in den Häusern um sie herum. Der Wintergarten ist der einzige Ort in der Wohnung, der frei vom Chaos ist. Obwohl Ness es nicht als Chaos bezeichnen würde. Dieses Netz aus Dokumenten, Zetteln, Zeitungsartikeln, Aktenkopien, Namen und Chiffren, mit Pfeilen verbunden. Mit Notizen übersäht. Der alte Bulle will nicht, dass seine drei Körper dort hineingehören. Aber er weiß, dass zumindest die Justizsekretärin Bärbel Kahn in dieses Netz gehört.
«Sie war dem großen Monopoly auf der Spur.«
«Diese kleine Angestellte? Bist du sicher? Sie hatte doch keinerlei Einfluss.«
«Sie hatte Material. Wer Material hat, hat Einfluss. Ob er will oder nicht. Ist gefährlich und gefährdet. Ob er will oder nicht.«
«Und was wollte sie?«
«Vielleicht wollte sie gar nichts. Vielleicht ist sie nur der Sache auf die Spur gekommen. Hat zu viel gesehen, hat zu viel gehört. Und hat das gesammelt. Vielleicht wollte sie ihr Wissen zu Geld machen. Vielleicht war sie auch einfach nur empört. Über die Sache.«
Er will Eliot Ness wieder einmal fragen, was genau die Sache ist. Aber er weiß, dass dann das Chaos auf den stillen kühlen Wintergarten übergreifen wird. Seit Jahren forscht und gräbt und wühlt Ness nur noch für sich, Akten, Daten, Geld, Namen, Verbindungen, Verschiebungen.
«Noch einen Cognac, Kollege?«
«Aber gerne, Mister Ness.«
Eliot Ness steht auf und geht zu dem altmodischen Bar-Wagen, der an der Glaswand steht. Zwei der großen Fenster sind angekippt, und es scheint ihm, dass er das Rauschen der Bäume draußen hört. Ein Garten mit verschiedenen Bäumen, Apfelbäume, einige schon alt und verkrüppelt, und eine große Kastanie, um die die Apfelbäume wachsen, kreisförmig fast, die Kastanie in der Mitte wie der Mutterbaum. Oder Vater. Als seine Mutter neunzehnhundertneunzig starb, rauchte er noch. Es ist schwer, nicht zu rauchen, wenn die Angehörigen gehen. Ness gibt ihm da recht. Hinter ihnen an der Wand, links und rechts neben der Tür, hängen zwei Bilder unter Glas, Graphiken oder sowas, er kennt sich da nicht so aus. Der alte Bulle hat das Diktiergerät in seiner Jackentasche.»Leg doch ab.«
«Danke. Ich fühl mich besser mit Jacke. «Was für ein blöder Spruch, denkt er.
«Dann lass uns doch in den Wintergarten gehen.«
Und da sitzen sie nun. Das Diktiergerät ist aus. Was soll er auch aufnehmen, sein Gedächtnis ist noch ganz gut.
Ness bringt die beiden Cognac-Schwenker zu den Baststühlen und dem kleinen Tisch. Stellt sie auf die Marmorplatte. Passt irgendwie nicht zusammen das Mobiliar, denkt der alte Bulle.»Warst du bei ihr?«
«Bärbel Kahn? Bei ihrem damaligen Freund. Der weiß nichts.«
«Der sagt nichts. Ich weiß. «Ness setzt sich. Er raucht wieder. Prince of Denmark.»Ohne Zusatzstoffe, reiner Tabak«, wie ihm Ness einmal sagte.
«Schonmal was von den ›Outsiders‹ gehört, Mister Ness?«
«Hm. «Ness nickt. Schwenkt den Cognac im Glas. Fast schon bizarr groß sind diese Cognac-Tulpen, der alte Bulle hat solche riesigen bauchigen Cognac-Schwenker noch nie gesehen.
«Alles im Wandel. Aber auch die werden aus der Stadt verschwinden. Was wird mit den Engeln, musst du dich fragen.«
«Und der Alte?«
«Vom Berge …«Ness lacht.»Wird vielleicht auch verschwinden.«