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«Sie sind also ein treuer Hörer meiner kleinen Sendung?«

«So würde ich das jetzt nicht ausdrücken. Aber worüber reden wir? Natürlich kenne ich die Dinge, natürlich versuche ich zu verstehen, wie ticken die Gäste. Am schlimmsten sind doch die, die alles in sich behalten, die ihre Lust und ihren Sex nicht ausdrücken können. Dann lachen wir doch lieber gemeinsam über Puszta-Pussies, über blonde Duschen, über die Umwege des Sex-Alphabets, über die kleinen und großen Sünden, und was heißt schon Sünden? Ihr könnt Gas geben, wenn ihr den Respekt nicht verliert. Nun, lieber Ecki, das ist bei deiner kleinen Sendung manchmal hart an der Grenze. Aber wenn ihr kommt und euch respektvoll auslebt, dann kommt. Und dann sprecht, wie ihr sprecht. Nicht einmal habe ich das Wort ›Nutte‹ bei dir vernommen. Denn das ist das.«

«Das ist das.«

«Ja, Ecki. Du kennst doch unsere Sedcards, unsere Annoncen. Wenn wir euch Gäste geil machen, haben wir doch alles richtig gemacht. Ihr bewegt euch in der Scheinwelt, die wir euch schaffen. Glaubt weiter. Und duscht vorher. Die Damen werden sachlich sein und gleichzeitig den Schein wahren.«

«Einen Applaus wollen wir hören, weit über die Dächer der Stadt, einen dröhnenden Applaus für unseren geschätzten Mister Orpheus, für unsere geschätzten Damen, denen unsere Geilheit gilt, die wir mehr schätzen als unsere eigenen Frauen, nun ja, mal so, mal so, einen Applaus, der das Dröhnen der Flugzeuge übertönt, die tief fliegen über die Randbezirke, Ladies und Gentlemen, live aus Eden City …«

«Ecki, der Entertainer. Ich glaube, Sie haben den Faden verloren.«

«Zurück auf Los. Die Vorwürfe dieses Menschen. Sie haben das Wort, Mister Orpheus. Wir haben Zeit, Jahrhunderte Zeit.«

«Was soll ich weiter groß dazu sagen? Bündnisse mit der Polizei, mit den Behörden? Jede der Damen, die in meinen Objekten arbeiten, ist angemeldet, jede meiner Wohnungen ist den Behörden bekannt. Ich zahle meine Steuern, die Damen zahlen ihre Steuern, das ist der einzige Pakt. Und was den großen selbstgerechten Chefankläger betrifft, der aus dem Schatten des Netzes auf mich schießt …, aber lassen wir das …, denn ein Verfahren wegen Verleumdung und übler Nachrede läuft bereits gegen ihn.«

«Eine anonyme Anruferin teilte mir vor der Sendung mit, dass er sich wohl in eine der Frauen, die in Ihren Objekten gearbeitet hat, verliebt hätte …«

«Ich möchte das hier weder bestätigen noch dementieren. Fakt ist, es kommt hin und wieder vor, dass sich ein Gast in eine Sexdienstleisterin verliebt und den Drang verspürt, sie rauszuholen, auch wenn die betreffende Dame sich möglicherweise gar nicht als Opfer fühlt, sondern aus freien Stücken ihrer Arbeit nachgeht. Das kann dann bis zum Stalking führen. Von vielen meiner Mieterinnen, vor allem denen aus dem osteuropäischen Ausland, weiß ich, dass sie ihr Geld in Geschäfte oder Immobilien gesteckt haben, meistens in ihrer Heimat. Ich könnte ihnen genügend Beispiele für Damen aus Ungarn, Tschechien oder Russland geben, die längst nicht mehr als Sexdienstleisterinnen arbeiten, die nach einigen Jahren wieder zurück in ihre Länder gegangen sind.«

«Ja. Wir vermissen sie.«

«Was die große ominöse Vermittlungsorganisation betrifft, die die Mädchen angeblich hierherschleust, kann ich nur sagen, dass meine Geschäftsmaxime ist: von frei zu frei.«

«Und können Sie ausschließen, dass es da jemanden, wie immer man das nennen will, Organisation, Zuhälterring oder wie auch immer, gibt, dass so etwas im Hintergrund existiert?«

«Sie nennen mich doch Herr Orpheus.«

«Mister Orpheus.«

«Und wir beide wissen doch genau, warum.«

«Hm. Alle wissen das.«

«Nein. Wissen tut keiner etwas von euch. Ihr speist euch aus Legenden. Damals habe ich mich in eine Organisation hineinbewegt. Frontal. Es ging um ein bulgarisches Mädchen. Die in Ruhe bei mir arbeiten wollte. Den Jungs von Marschall Tito hat das nicht gefallen.«

«Marschall Tito?«

«Lieber Ecki, habe ich da gerade ein Feuerzeug klicken gehört?«

«Das haben Sie.«

«Filter?«

«Ja.«

«Brandbeschleuniger.«

«Wie …?«

«Im Zigarettenpapier befinden sich Brandbeschleuniger. Es gibt deklarierte Zigaretten, müsste es mittlerweile überall geben, früher bekam man die nur in Tabakläden, die sind ohne Brandbeschleuniger. Ich würde Ihnen von den Brandbeschleunigern abraten.«

«Rauchen Sie?«

«Habe es aufgegeben, mein lieber Ecki. Und deswegen schmerzt mir heute das Bein, wenn das Wetter umschwingt.«

«Beide Beine?«

«So sagen die Legenden. Und seitdem bin ich allergisch gegen Organisationen, die meinen Mieterinnen Druck machen. Ich brauche keine Brandbeschleuniger. Aber wenn es sein muss, neige ich den Kopf und bin frontal.«

«Verstehe.«

«Natürlich ist Transparenz wichtig. Aber alle Geschäfte tätigt man nicht im grellen Licht. Wir sind, wer wir sind.«

«Und wer sind Sie?«

RÄUSPER RÄUSPER.

«Was sagt die Sendezeit?«

«Wir machen modernes Theater, Mister Orpheus, wir haben die ganze Nacht Zeit.«

«Stellen Sie mir noch einige konkrete Fragen.«

«Mieten.«

«Das ist keine Frage. Aber ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Sie werden verstehen, dass ich Ihnen hierauf nicht konkret antworten kann, aber was den Umsatz und die Gewinne betrifft, liegt bei mir alles offen. Dieser Mensch, gegen den bereits mehrere Verfahren laufen, hat in seinem Pamphlet einige Zahlen genannt. Ich könnte im Gegenzug Ihnen und Ihren Hörern natürlich einige grobe Pi-mal-Daumen-Zahlen nennen, aber Sie werden verstehen, dass ich da nicht ins Detail gehen kann. Der Mietpreis, den die Damen für ihre jeweiligen Objekte entrichten, setzt sich schließlich aus mehreren Faktoren zusammen. Die Zeitungsannonce zum Beispiel kostet mehr als dreißig Euro pro Tag, dazu kommt die Internetwerbung, dazu ein Anteil an der Grundmiete, dann die Tagessteuerpauschale, dazu kommen anteilige Personalkosten, und das ist noch nicht alles, meine Mieterinnen wissen genau, für was sie zahlen, Sicherheit, Sauberkeit …«

«Und wir, also der nimmermüde Strom der Freier, zahlt für das dritte S.«

«Sexus. Ich will nur zeigen, wie sich das Geld verteilt, ich biete auch bestimmte Rücklagen an, falls da ein Wunsch besteht, und wir dürfen ja nicht vergessen, lieber Ecki, dass die Objekte arbeitsbereit an meine Mieterinnen übergeben werden. Ich bin immer für die Mädels da, meine Firma ist sauber. Rufen Sie bei den Bullen an, meine Firma ist sauber.«

«Dieser Mensch, wie Sie ihn nennen, der Verfasser dieser Anklage, behauptet, die Polizei würde die Zwangsprostitution in Ihren Objekten decken, das …«

«… ist absurd, wollten Sie hoffentlich fortführen.«

«So etwas in der Art. Ich meine, wir sind doch nicht in einer Bananenrepublik.«

«Sie sagen es, mein lieber Ecki. Ich bewege mich voll und ganz in den Bahnen unseres kapitalistischen Rechtsstaates. Früher versuchten sie uns beizubringen, dass das unvereinbar sei.«

«Lange her, die Internationale erkämpft das Menschenrecht

«Lange her, Ecki. Diese Welt muss unser sein, nicht der mächtgen Geier Fraß. Natürlich gibt es den Menschenhandel, die Zwangsprostitution undsoweiter. Ein Auswuchs des Systems. Den wir hier in unserer Stadt nie haben wollten, von dem wir nicht profitieren wollten. Keine soziale Marktwirtschaft. Sklavenhalter. Und letztlich, lieber Ecki, sind wir alle irgendwo Sklaven des Systems.«

«Und Sie könnten also garantieren, dass in Ihren Objekten keine Zwangsprostituierten arbeiten, dass es keine Hintergrundorganisation gibt, von der Sie vielleicht nichts wissen …«

«Ja. Ich kann nur noch einmal wiederholen, dass ich mich in jenem Jahr, als die Schüsse fielen, für eine Dame einsetzte. Marschall Titos Leute betrachteten sie als ihr Eigentum. Lange her. Jede der Frauen, die in meinen Objekten arbeiten, hat ihre eigene Geschichte. Ich besitze nach all den Jahren ein gewisses Menschenverständnis. Ich erkenne, wenn etwas faul ist. Und rein pragmatisch gesprochen: Wozu soll ich mir Probleme in meine Objekte holen, wenn eine einfache Zeitungsannonce reicht, ich habe keinen Mangel an Mieterinnen, freiwilligen mündigen Mieterinnen. Natürlich wird es die ein oder andere geben, wo eine gewisse materielle Not eine Rolle spielt. Schulden. Eine große Familie. Keine Lust auf Hartz IV. Wenn Sie das Zwang nennen, lieber Ecki, dann bin ich schuldig. Dann sind wir alle schuldig. In allen Teilen unserer Gesellschaft. Jede Frau hat ihre eigene Geschichte. Das, mein lieber Ecki, müssen die Leute lernen, tolerieren, und nicht alles über einen Kamm aus Blei scheren.«