«Kamm aus Blei?«
«Nur so eine Redensart.«
«Sie sprachen eben über die Schüsse in der Vergangenheit, Mister Orpheus. Aber vor allem in den letzten Monaten waren wir alle sehr besorgt. Fremdinvestoren drohten mit feindlichen Übernahmen. Die Engel kamen in die Stadt … Wie ist die Situation jetzt?«
«Sie ist stabil. Sie werden verstehen, dass ich zur aktuellen Lage nichts Konkreteres sagen kann.«
«Mister Orpheus, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch und habe nur noch eine letzte Frage …«
«Ja?«
Ein Strom aus Licht, ein Strom aus Stimmen, Gesichter, Frauen, silbernes Lächeln, Haare aus Kupfer, Drähte, Leitplatten, Straßen … Bin ich immer noch on-line? Ecki? Hallo? Sind Sie noch da. Dreh dich nicht um und sieh nie in den Spiegel. Hallo? Hallo. Es ist kalt.
Am Grenzfluss
Er schiebt den Pappteller mit dem halbgegessenen Käsebrötchen zur Seite, wischt die Finger mit der Serviette ab, die er zusammenknüllt und neben das Brötchen legt. Er zieht den Mantelkragen hoch, rückt seinen Schal zurecht. Kalt für November. Er wirft den halbleeren Kaffeebecher in den Papierkorb neben dem Stehtisch, lässt den Pappteller aber stehen, nimmt seinen Lederkoffer, steckt die Zeitung in die Manteltasche und geht durch die Halle zu den Bahnsteigen. Erst muss er suchen; der Tunnel links. Sein Atem dampft. Eine junge Frau versucht, einen Kinderwagen die Treppe hochzuziehen. Klack. Klack. Stufe für Stufe.»Warten Sie …«
«Danke. Der Fahrstuhl ist kaputt.«
Er greift mit einer Hand nach der Stange zwischen den Rädern. Das Kind im Wagen kann er nicht sehen, dick eingepackt und versteckt zwischen Decken und Kissen. Als sie oben am Bahnsteig sind, fängt es an zu weinen. Die Frau bedankt sich nochmal, und er sagt:»Keine Ursache. «Er überlegt, wo sie herkommen könnte. Nach Osten klang sie nicht. Eher Hannoveraner Ecke. Der Zug ist noch nicht da, und er nimmt sein Zigarettenetui aus der Innentasche. Er muss seinen Mantel aufknöpfen und spürt den Herbstwind kalt am Hals und auf der Brust. Er hat Davidoff Filter in seinem Lederetui, die sehen am elegantesten aus. Lang und weiß und mit einer kleinen goldenen Banderole vorm langen weißen Filter. Und bei dieser Reise zählt der Eindruck, wie meistens, und er hat oft genug drüber nachgedacht. Er zieht einen Handschuh aus zum Rauchen. Sein silbernes Feuerzeug liegt kühl in seiner Hand. Vor zwanzig Jahren hätte er einen Hut aufgesetzt. Borsalino oder irgendwas Nobles in der Richtung. Heute trägt kein Mensch mehr Hut, schon gar nicht in der Branche, und schon gar nicht im Osten.
Er hat immer wieder überlegt, ob er nicht doch mit dem Auto anreisen soll. Aber sein Nummernschild wäre aufgefallen, egal ob er den Bielefelder Benz nimmt oder den Audi aus der Stadt. Und am Telefon haben sie ihm nahegelegt, die Dinge erstmal langsam anzugehen, sie hätten sowieso einen Fahrer, der Oberst kann für alles garantieren, aber die Grenze ist nah undsoweiter. Und er hat seinen Wagen, den Audi, bei einem Freund in Neukölln abgestellt. Mit dem Taxi zum Ostbahnhof, der jetzt Hauptbahnhof heißt. Er hatte kurz überlegt, ob er sich gleich zur Grenzstadt fahren lässt. Aber manchmal ist es gut, sich den Dingen langsam zu nähern. Er war eine Weile nicht in Berlin gewesen, das letzte Mal neunzehnhundertachtundachtzig, vor acht Jahren, und da hat keiner geglaubt, dass ein Jahr später das Land hinter der Mauer zusammenbrechen wird, so schnell und plötzlich wie eine Spielzeugburg. Die Stadt ist anders, fühlt sich anders an als damals. Aber er hat Berlin nie gemocht.»Wie gehen die Geschäfte?«, hat er seinen Bekannten gefragt.
«Ach, weißt du, die Zeiten sind nicht einfach. Die Russen, die Jugos, die Libanesen. Wo soll man da Platz haben? Die alten Deals gelten nicht mehr. Aber man schlägt sich durch.«
«Das ist er, das ist er. Immer noch.«
«Und du? Aufbau Ost hab ich gehört?«
«Auch. Du kennst mich doch.«
«Komm, darauf nehmen wir einen.«
«Whisky am Mittag. Ist doch noch alles beim Alten. «Und da saßen sie in dem dunklen Laden in Charlottenburg und tranken Johnnie Walker Black Label und redeten über die alten Zeiten, die mit jedem Whisky besser wurden und sie selbst jünger, während die Putzfrau hinter ihnen die Spuren der Nacht wegwischte.
Er beobachtet die Frau mit dem Kinderwagen, die einige Meter von ihm entfernt steht und ebenfalls raucht. Das gefällt ihm nicht. Mütter sollten nicht rauchen. Da ist er altmodisch oder neumodisch, wie man’s nimmt. Aber wer weiß, vielleicht raucht sie nur zwei, drei Zigaretten am Tag, weil sie’s nicht ganz schafft aufzuhören, das wäre o.k. Die Ostweiber qualmen wie die Schlote, mehr als die von drüben, also aus seiner Heimat. Denkt er manchmal. Kommt ihm so vor. Kann er sich aber auch täuschen. Denn gequalmt haben sie früher doch alle in der alten Republik; Politiker, Huren, Schauspieler, Hausfrauen. Einmal, gar nicht so lange her, hat er einer Hure, die im sechsten oder siebten Monat war, die Kippe aus der Hand geschlagen. Also einer Ex-Hure. Bei ihm hat sie nicht mehr gearbeitet. Nur bis zum vierten. Obwohl die Kunden auf sowas stehen. Wenn da eine Schwangere arbeitet, sowas spricht sich rum. Da kommen die Kunden und wollen alle drauf. Den hohen Leib bespritzen. Aber nicht bei ihm. Sie hat aber weitergeackert, hat er später erfahren. Also nichts mit Ex. Erst auf eigene Rechnung und dann woanders. Schwanger und geil. Er hat ihr ein-, zweimal die flache Hand durchs Gesicht gezogen. Wegen der Kippe. Wegen dem Kind. Das andere ging ihn nichts an. Aber sitzt in seiner Lounge, weil sie noch Papiere bei ihm hat oder irgendeine Schlamperei am Laufen, für die sie Stempel und Unterschrift und sonstwas braucht, und qualmt eine nach der anderen, mit einem Bauch bis zum Kinn. Blöde Kuh.
Er wirft seine Zigarette auf die Gleise. Er stößt den letzten Rauch aus, beobachtet die Frau mit dem Kinderwagen, sonst ist nicht viel los auf dem Bahnsteig. Nur vereinzelt stehen sie vor den Fahrplänen und Bänken. Es ist düster zwischen den eisernen Bögen, das Nachmittagslicht kommt kaum durch das schmutzige Glasdach. Er blickt auf seine Breitling, sieht, wie die Frau fast synchron ihren Ärmel hochschiebt und sich dann ein Stück über die Bahnsteigkante beugt und in beide Richtungen blickt. Sie sieht ihn, schnippt die Zigarette weg und lächelt. Na, Mädchen, denkt er, ich könnte dein Vater sein. Das ganz junge Blut reizt ihn nicht mehr. So zwischen dreißig, fünfunddreißig und vierzig muss eine Frau schon sein, damit sie ihn interessiert. Gibt natürlich auch Ausnahmen. Seine Frau, mit der er nicht verheiratet ist, ist fünfundvierzig und sitzt in seiner Residenz in der Nähe von Osnabrück. Keine Kinder, keine Frau. Das ist seine Maxime seit fast … dreißig Jahren? Er zündet sich noch eine an. Obwohl er die Raucherei runterfahren will. Jetzt sagen sie den Zug endlich an. Fast pünktlich.
Wo die wohl hinwill? Definitiv keine Ostpocke. Damit hat er Erfahrung inzwischen. Scheißegal. Er muss sich konzentrieren. In zwei Stunden muss er klar sein. Er hat nicht viel Gepäck mit, rechnet mit ein, zwei Tagen. Er hatte kurz überlegt, Artillerie mitzunehmen. Die Grenze ist ein dunkler Ort, ein wildes Land, Nebel über dem Fluss und tiefe Wälder auf der anderen Seite, Urmenschen, auch sechs Jahre nach der Wende. Aber man muss damit rechnen, kontrolliert zu werden. Er hatte zwar eine Waffenbesitzkarte und auch einen Waffenschein, den hatte er sich in Osnabrück ausstellen lassen, Anfang der Achtziger, da hatte er gute Beziehungen in der Politik und den Ämtern, er war damals oft in Hamburg, geschäftlich, und da begann es Mitte der Achtziger, ziemlich heiß zu werden, dunkle Tage, dunkle Nächte, Nebel vom Meer. Das war zwar nichts im Vergleich mit dem Wahnsinn, der Anfang der Neunziger durch die Städte zu rasen schien, wie eine Seuche aus Gier und Gewalt, aber was kann man schon wissen, neunzehnhundertsechsundneunzig, auch wenn man die Zeiten und Menschen zu kennen glaubte. Er weiß gar nicht, ob der Schein für seine Knarre überhaupt noch gilt. Er schmeißt seine Kippe auf die Schienen, sieht den Zug ein Stück weit weg noch, Schienen und Häuser und der Himmel, der immer grauer wird. Vielleicht ist’s auch ein anderer Zug, für einen anderen Bahnsteig. Er sieht die Kippe zwischen den Schwellen qualmen. Aber er will ja eh weniger rauchen. Die achte heute, er zählte neuerdings mit. Er spürte noch die sechs Whiskys, die er mit seinem Bekannten Mondauge getrunken hat, der eigentlich fast ein Freund ist. Ein guter sogar, wenn er länger drüber nachdenkt. Sechs Whisky, sechs Davidoff Filter. Er schüttelt sich, schließt kurz die Augen, sieht die Lichter des Zuges durch die geschlossenen Lider, der aus dem trüben Nachmittag quietschend und zischend auf dem düsteren Bahnsteig einfährt, hört wieder die Stimme aus den Lautsprechern, seltsam verzerrt, kaum zu verstehen, und die Augen seines Freundes schimmern im Dunkel der Bar, die erst am Abend wieder öffnen wird.