Er hatte nie so viel mit ihm zu tun gehabt, aber jetzt fühlt er sich ihm seltsam nahe, will ihn um Rat fragen, wegen seiner Reise, lässt es aber dann. Manchmal fragt er sich, warum er nicht nach Berlin gegangen ist, warum er nichts in Berlin am Laufen hatte, also nichts Großes, aber irgendwie war das nicht seine Stadt. München, Neuss, Bielefeld, der Ruhrpott, Hamburg, da fühlte er sich sicher. Meistens. Und auch jetzt in der Stadt im Osten, seiner neuen Zweigstelle, seiner Dependance seit ein paar Jahren. Aber Berlin, diese große, zerrissene Stadt, die ihm jetzt noch größer und zerrissener erschien …»Mondauge«, sagte er,»wir leben in seltsamen Zeiten.«
«Die Zeiten sind doch immer seltsam. So oder so. Weißt du, dass mich nur noch meine Alte so nennt.«
«Ich denke manchmal, wir sollten alle unseren Kram packen und nach Südamerika verschwinden.«
«Und den mongolischen Heerscharen das Feld überlassen?«
«Hast schon recht, Mondauge. Was wären die Weiber ohne uns …«
«Nichts, mein Freund, nichts. Sie würden weinen. Wie die Bullen. Und wie das Finanzamt.«
Als er in den Zug steigt, ist ihm kurz schwindlig. Eine Sekunde nur, oder noch kürzer, setzt etwas aus in ihm, in seinem Kopf, als wäre das System kurz unterbrochen, ein schwarzer, nein, ein weißer Fleck, ein Sekundenbruchteil Nichts. Dann ist er wieder da, hält sich am Haltegriff neben der Tür fest, spürt, dass jemand hinter ihm steht, spürt, wie er diesen Jemand kurz berührt, bevor er in den Waggon steigt. Er reißt die Schiebetür auf und setzt sich auf den ersten freien Platz. Der Koffer steht zwischen seinen Füßen. Sein Herz schlägt normal. Alles in Ordnung. Bumm. Bumm. Bumm. Der Bahnsteig ist leer, das Fenster schmutzig. Ein paar Leute laufen an ihm vorbei. Dann fährt der Zug schon an. Ruckelt. Hält kurz. Fährt wieder. Er nimmt die Zeitung aus seiner Manteltasche, legt sie auf den kleinen Tisch unterm Fenster.
Ihm fällt ein, dass er eine 1.-Klasse-Fahrkarte gekauft hat. Später, als der Schaffner kommt und ihn darauf hinweist, sagt er:»Sitzt sich gut hier«, das klingt komisch, er merkt das, der Schaffner nickt und geht weiter. Er hat keine Lust aufzustehen. Er ist ein wenig müde. Sie fahren durch einen Regen, er sieht die Wälder verschwommen, Dörfer, der Zug hält oft. Hat auch in Berlin noch oft gehalten. Viele Baustellen dort. Große Kräne hinter den Häusern. Baugruben direkt neben dem Bahndamm. Halbfertige Burgen aus Glas. Man hätte in Baufirmen investieren können, denkt er, wenn man dumm gewesen wäre. Besser in Bauland, aber auch das hätte schiefgehen können, heute eine Million, morgen Hunderttausend. Auch in der Stadt im Osten, seiner neuen Dependance, bauten sie wie die Irren. Das Grau dort verschwand und verschwindet langsam. Die Banken schmissen mit Krediten um sich. Aber als die Luft aus dem großen Immobilien-Paten, der die halbe Stadt gekauft hatte, rauspfiff wie ein gewaltiger Furz und die Banken ihn fallenließen bis ganz nach unten in den Knast, und das war ja auch ein Gestank! da war er froh, dass er nicht in eine Baufirma investiert hat in der Stadt im Osten und in kein Grundstück in der goldenen Mitte. Er hat gewusst, dass die Dinge so laufen würden. Treibsandprinzip. Domino-Day. Und er hat früh genug und in die richtigen Objekte investiert, und die Preise und der Preisverfall im Stadtzentrum haben den Markt reguliert, so wie er es gebraucht hat. Am Rand der Stadt. Bauland. Autobahnauffahrt, Autobahnabfahrt. Die Burg. Große Sache. Hat Kraft und Zeit und Geld gekostet. Kredite hat er auch bekommen. Er hat einen guten Ruf. Hat mit seinen Leuten in Bielefeld gebaut, vor Jahren und Jahrzehnten schon in Neuss investiert, hat Anteile und Prozente in Frankfurt/Main und anderswo, und gar keine schlechten. Und mit einer eigenen Baufirma ist man immer drauf angewiesen, dass man die richtigen Aufträge bekommt und mit den richtigen Leuten dealt. Das wäre schon machbar gewesen. Mit oder ohne Paten. Das neue Land ist groß genug. Aber letztendlich doch nur Peanuts. Nur die Sehnsucht nach was Solidem, die jeder manchmal hat, der das endlose Fließen des Geldes und des Marktes fast schmerzhaft spürt nach all den Jahren. Baggerträumereien. So wie er mit seinem Bruder kleine Häuser baute im Wald, aus Holz und Stein und Lehm. Hat er oft drüber nachgedacht und sich erinnert. Aber er ist der Mann mit dem Plan. Der die Aufträge in Auftrag gibt. Der die Nase hat und die Gelder verwaltet und investiert. Sein Bruder. Seine Leute. Die Gesellschaft im Hintergrund. Die stillen Teilhaber. Seine Firma. Aktie Rotlicht. Und jetzt die Grenze.
«Groß zu sein zahlt sich aus. «Das hatte er selbst gesagt.»Je größer die Firma, umso besser der Profit. Think big, wie unsere Freunde aus der Wirtschaft sagen.«
Das muss vor zwei, drei Jahren gewesen sein. Er hatte immer solche Sprüche drauf, um die Leute zu beeindrucken. Er war der Mann mit dem Plan. Der Mann aus dem Westen. Nicht einer von den kleinen Luden, den Straßeninvestoren, die man alle nach und nach rausfischte aus dem großen Goldfischglas Aufbau Ost, in dem selbst die Paten absaufen konnten.
«Ich schau’s mir an. Kann gut werden. Kann groß werden. Spricht vieles dafür im Moment. Der Zeitpunkt ist gut. Die richtigen Leute. Die richtigen Informationen. Ist viel Geld drin. Muss viel Geld rein. «Und jetzt ist er auf dem Weg, auf der Reise. Wollte das selbst machen, so wie früher.
Du musst etwas finden, im Dunkeln, am Rand, und dann dort das Licht anzünden, dass es bis ins Zentrum leuchtet wie ein riesiger Weihnachtsbaum! Das weiß sein Partner in der Stadt im Osten. Der eine eigene Baufirma hat. Unter anderem. Der ihm zuhört. In Immobilien macht. Unter anderem. Ein junger Mann mit Visionen. Mit Plänen. Der an die Rotlicht-Aktie glaubt. Dreiunddreißig Jahre alt. Oder vierunddreißig? Spielt ja keine Rolle, also so genau. Und auf dem Weg nach oben. Der dazulernt. Lernen, lernen und nochmals lernen. (Da mussten sie beide lachen, weil das von Lenin ist. Und sie heben die Becher und schmieden den Pakt. Oben in jenem Hotel, die Bar in der siebenundzwanzigsten Etage.) Der Kontakte aufbaut und ausbaut. Informationen verwaltet. Das Monopol der Modelwohnungen besitzt beziehungsweise auf dem Weg dorthin ist. Der ihn an seine eigene Jugend erinnert. Obwohl die anders war. An seinen eigenen Weg. An seine eigene Kraft. Initiative. Der Wille, etwas aufzubauen, etwas Großes zu schaffen, auf einem Markt, der nur noch von seinen Mythen lebte, der plötzlich hier im Osten, nach der großen Stunde null, geformt werden konnte. Und der Junge war dabei. Hatte mit ein paar Spielotheken angefangen, so hieß es. Hatte das Geld in Wohnungen investiert. Hatte von Anfang an gewusst, dass auf der Straße nur das Kleingeld zirkulierte. (Und sie blicken über die abendliche Stadt und träumen von der Aktie Rot, dem seriösen Markt der Leiber. Und der alte Bielefelder vergisst für einen Moment, dass er Pläne hatte, die weit über diese Zusammenarbeit hinausreichten, dass der Junge nur das Mittel …, und die Stadt, seine Dependance im Osten, glitzert trübe im Abendlicht wie ein Haufen bunter Glasmurmeln.)