Er holt sein Brillenetui aus der Manteltasche, da fahren sie schon ein, kleiner Bahnhof, überdachte Bahnsteige, Endstation. Fließende Tönung. Oben mehr, unten weniger. Er ist kurzsichtig. Minus eins Komma acht. Links eins Komma neun. Minus. Irgendein Zylinder auch noch. Spezieller Wert. Die Augen werden schlechter und vertragen das Licht auch immer schlechter. Jahrelange Nachtarbeit. Leben unter der Erde. Sagt sein Arzt. Leichte Tönung. Gut für die Augen. Sagt sein Arzt. Weil die immer öfter entzündet waren. Rot. Wie Bindehautentzündung. Ist aber die Lichtempfindlichkeit. Die Augen gut geschützt hinterm blassen Blau der Tönung. Bevor er aussteigt, weckt er den Dicken mit dem Hut.»Endstation, Meister!«
«Wer? Was? Sind wir schon in Polen? Danke!«Der Dicke schreit ihn an, als wäre er aus irgendeinem bösen Traum erwacht. Er rückt seinen Schal zurecht und die Brille, nimmt seinen Lederkoffer und betritt den Bahnsteig. Die Brille hat er sich vor anderthalb Jahren in der Stadt machen lassen, bei Fielmann. Modell Porsche.
Er steht direkt unter einer Laterne, und die Brille tut ihm gut. Keiner am Bahnsteig. Sie wissen, wann er kommt. Ein paar Gleise, halbüberdacht, der Wind fährt ihm in die Haare. Wenig Licht. Müll unter den Bänken. Weiter vorne am Zug wird die Frau mit dem Kinderwagen abgeholt. Ein großer Kerl in Bullenuniform. Oder Grenzer. So genau kann er das nicht erkennen. Ankunft. Nichts mehr privat. Was für ein schäbiger Bahnhof, denkt er. Wie auf einem Dorf. Man merkt, dass die Russen und Polen nicht weit sind. Auf dem Gleis gegenüber steht eine schmutzige dunkelrote Lok ohne Hänger, ohne Zug. Ein Mann im blauen Kittel lehnt sich aus dem kleinen Fenster der Lok und raucht.
Er geht Richtung Treppe, holt sein Zigarettenetui aus der Manteltasche, nur noch drei Kippen hinterm Gummiband. Aber er hat noch zwei Schachteln Davidoff in seinem Koffer. Vor ihm ein gelber Fahrplan in einem Kasten hinter Glas. Ehemals hinter Glas. Das Glas zerschlagen, der Fahrplan beschmiert, leere Bierbüchsen und Kippen auf der breiten Unterkante des Kastens. Glasscherben knirschen unter seinen Schuhen. Er will wegen der Rückfahrt schauen, lässt es aber dann. Rings um die Gleise die Nacht. Er geht die Treppe runter, die Zigarette auf Brusthöhe. Er steht in einem dunklen Tunnel, der nach Pisse stinkt. Neben den Treppenaufgängen Kästen mit gelben Fahrplänen. Mit Glas. Ohne Glas. Er steht im Tunnel von Gütersloh. Er steht im Tunnel von Neuss. Iserlohn. Die Pisse stinkt. Das Glas knirscht. Die Mülleimer hängen schief in ihrer Verankerung. Grauer Nebel zieht durch diese Bahnhöfe, er kennt den Geruch. Ihm ist, als würden die Jahre ineinanderfließen, gelbe Fahrpläne, schmutzige Loks, leere Bierdosen, nachts unterwegs. Er lacht, und sein Lachen dröhnt in dem Pissetunnel der Grenzstadt. Nein, er lächelt nur, es ist ein anderer, der lacht, der betrunken lacht, und dann sieht er den dicken Mann aus dem Zug vorübergehen.
Sie warten in der Bahnhofshalle. Es ist Punkt sieben. Kommt ihm aber vor wie Mitternacht. Ein Zeitungskiosk, der auch Bier verkauft und Schnaps und Zigaretten und alles andere, was man so braucht. Paar Typen lungern dort rum. Alte, junge. Trinken Holsten-Pilsner aus Dosen. Mal was Feines, Samstagabend. Er hört seine eigenen Schritte. Klack. Klack. Klack. Er liebt das Geräusch. Hat die Schuhe mit den hohen Absätzen genommen. Die Biertrinker blicken ihm hinterher. Wie eine Höhle diese Halle. Sie warten an der Flügeltür. Der Große im dunklen Mantel muss der Oberst sein. Der andere Typ trägt eine Schimanski-Jacke, Schnurrbart Marke Frauenfreude, Ruhrpott-Style, Rollkragenpullover unter der offenen Jacke, er hält einen eingefalteten Regenschirm mit Krückstock neben seinem Bein wie eine Flinte. Er geht auf sie zu. Bleibt direkt vor ihnen stehen und sagt:»Einen schönen guten Abend. Was macht der Aufbau Ost?«
Der Große lacht und sagt:»Die Leuna-Millionen im Koffer?«
Sie reichen sich die Hände. Der Graf spürt Schweiß. Kann aber auch der Regen sein.»Willkommen in der Stadt der Humanisten.«
Schimanski nickt erst nur, reicht ihm dann auch die Hand.»Gute Reise gehabt?«, fragt der Oberst. Er muss um die fünfzig sein. Kurze graue Haare, glattrasiert. Bismarckknoten am lila Kragen, Krawatte lila. Der Graf lächelt und sagt:»Bin nicht oft unterwegs auf den Schienen. Aber wir wollen ja nicht den PKW-Export fördern hier in der Stadt. Ihr habt die Dinge im Griff, wie es scheint, nur nicht auf dem Parkplatz. «Sie gehen nach draußen. Drei Taxis direkt vor der Tür. Die Fahrer stehen unterm Vordach und rauchen. Nieselregen.»Unsere polnischen Freunde nehmen nichts, was wir verzollen, wenn du verstehst. Hat alles seine Gründe. Anonym, anonym, wenn du verstehst. Kein neues Nummernschild im Spiel. Zu viel Verkehr an der Grenze. Alle hier. Russen, BKA, BND, Polen, Luden aus dem Ruhrpott, verrückte Ex-Jugos, Immobiliensyndikate.«
Der Graf nickt. Flache kleine Häuser um den Bahnhofsplatz. Keine Zeichen, keine Architektur einer Stadt, einer mittelgroßen Stadt. Er blickt sich um, speichert, bevor er spricht.
«Wir verstehen schon. Aber in Zukunft können meine Partner und ich nicht mit der Regionalbahn kommen. Und wir haben nichts zu verbergen.«
«In Zukunft«, sagt der Oberst, während sie zum Parkplatz gehen, wo ein russischer Wolga steht, lang und schwarz und feucht glänzend im Licht einer Laterne,»machen wir die Zukunft. Und alles legal.«
Und später, als er in seinem Hotel auf dem Bett liegt, in voller Robe, weiß er nicht genau, wie er die Dinge einordnen soll. Die Rezeption wird ihn um drei Uhr morgens anrufen, wecken, falls er schläft, er ist mit dem Oberst verabredet, sie wollen sich zusammen den Mike-Tyson-Kampf auf Premiere anschauen. Er macht sich nicht allzu viel aus Boxen. Aber darum geht es nicht. Er hat den Graf von Homburg ein paarmal getroffen, das muss fünfundzwanzig Jahre her sein. Hat einen Gin Tonic mit ihm getrunken in der» Ritze«. Wo sich die Welt und die Luden und die Boxer und die Trinker und überhaupt alle trafen. Der Mann war eine Berühmtheit damals. Kein besonders guter Boxer und auch kein Graf, hat sich trotzdem mit der Weltspitze in den Ring gestellt. Davor hatte er Respekt. Dieser Argentinier, wie hieß der nochmal … Oscar Fueventura oder so ähnlich, der vorher schon gegen Ali und Frazier boxte, hat dem Grafen von Homburg das blaue Blut endgültig aus dem Leib geprügelt.
Nein, Prinz von Homburg hieß er. Prinz Wilhelm von Homburg. Eine Art Künstlername. Der ist im Pelz und mit Hut und Zigarre über den Kiez in Hamburg flaniert. Der Graf und der Prinz, aber er war nur ein Zugereister aus München. Viel haben sie nicht geredet. Über München hat er ihn ausgefragt, das weiß er noch. Ob er den und den kennt. Später haben sie ihn drangekriegt wegen Zuhälterei und Drogen und Verstrickungen in organisierte Kriminalität, er hat Geschäfte mit den Engeln in Hamburg gemacht.»Wer Geld machen will, ist immer organisiert. «Er lacht, wieder eine seiner Weisheiten, nimmt sein Zigarettenetui vom Nachttisch, aber das ist leer. Er rollt sich vorsichtig auf die Seite und steht auf. Nach langen Tagen und langen Nächten tut ihm der Rücken manchmal weh. Er hat einen guten Physiotherapeuten in Frankfurt/Main, aber allzu oft schafft er’s nicht zu ihm, obwohl er fast jede Woche nach Frankfurt fährt. Mit dem Audi ist er in vier Stunden dort. Auch wenn die Autobahnen im Osten beschissen sind. Der renkt ihn auch schön wieder ein. Er staunt jedes Mal über dieses Krachen und Knacken seiner Knochen und Gelenke. Wenn er vorher mit dem Bauch auf dem Ball liegt und all diese Übungen macht, kommt er sich richtig bescheuert vor.