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Er nimmt den Weltempfänger. Den hat er immer dabei, wenn er reist. Wenn er allein im Hotel liegt, will er nicht Fernsehen. Er dreht durch das Pfeifen und Rauschen und die Worte und die Musik, bis er den Westdeutschen Rundfunk findet. Viel Polnisches und Russisches dazwischen. Zumindest klingt es für ihn wie Polnisch und Russisch.

«Mensch, Harald, das ist ja harter Tobak!«

Domian, das klingt nach dem schwulen Domian, den erkennt man immer sofort. Wen hat er da an der Strippe? Er will einen anderen Sender suchen, aber der WDR erinnert ihn an seine Jugend, seinen Bruder, die LKW-Spedition, den Bergmannsfriedhof, auf dem der Vater liegt.

«Das war eine Schmusesendung«, sagt Domian. Wie heißt dieser Typ richtig? Ist das sein Nachname oder ein Künstlername wie Domenica, die Hure der Huren? die er einmal in Hamburg getroffen hat. Er hat sich nie für dieses Psychotelefon interessiert.

«… die zwei, drei, die da Kritik geäußert haben«, sagt der Mann, der irgendwo am Telefon sitzt und dessen Stimme ihm bekannt vorkommt,»diese Leute haben natürlich auch recht. Und ich habe fast bisschen bedauert, dass du den einen jungen Mann abgewürgt hast, der gemeint hat, ich bin ’n Arschloch, denn das ist ja nicht in allen Punkten falsch.«

«So. «Domian lacht.»In welchen Punkten ist es denn richtig?«

«Ich kann diese Leute, die, wo, äh, äh, sag ich mal, anrufen und sagen: Gaywatch gefällt mir nicht und so, ich kann das nachvollziehen, dass da manche Leute sich ’n bisschen auf den Schlips getreten fühlen.«

«Ja.«

«Ja. «Jetzt weiß der Graf, wer da beim schwulen Domian anruft, dieser Talkmaster, Schmidt, Harald Schmidt, den hat er ein paarmal bei» Verstehen Sie Spaß?«gesehen, als er die Sendung noch moderiert hat, muss einige Jahre her sein, und jetzt hat er wohl eine Show im Nachtprogramm bei einem der Privaten, die Mädels erzählen ständig davon, er hat’s noch nie gesehen.»Verstehen Sie Spaß?«hat er gerne gesehen, und» Wetten, dass …?«auch, das war noch mit Elsner, in den Siebzigern, Achtzigern, in München mit den Mädels, bei Schampus und Weißbier und Hühnchen, das waren immer schöne Samstagabende gewesen. Dieser Schmidt, denkt er, scheint auf dem Weg nach oben zu sein, die Leute regen sich auf über ihn.

«… ob du Schwule und Lesben in deinem Bekanntenkreis hast?«Es sind immer die Schwulen und Lesben bei Domian, denkt er. Er nimmt sein Glas, ein kurzer Pfeifton, als er das Radio berührt, ein Rauschen.

«Nein, natürlich nicht. Ich habe allerdings sehr viele im Verdacht, dass sie schwul sind und sich vor mir, äh, verstellen, und wenn ich denen so nachts hinterherschleiche, durch die Kneipen oder in den Parks undsoweiter, in dem Moment, wo ich rauskriegen würde, dass die schwul sind, ähm, würde ich natürlich sagen: Mensch, ihr seid schwul. Und das würde ich natürlich am nächsten Tag in der Sendung verwenden, ratet mal, wer alles schwul ist.«

«Ja. «Da muss der Graf lachen. Und ist froh, dass er seinen Weltempfänger immer dabeihat. Er nimmt sich noch eine Zigarette, und die Fledermäuse und der Oberst und sein Partner in der Stadt, den er vorhin noch angerufen hat, um ihm den neuesten Stand durchzugeben, der saß wieder über seinen Büchern, wegen seiner Weiterbildung, oder ist das sogar ein Studium?; all das ist plötzlich weit weg. Er lacht, und etwas Asche fällt auf seine Brust. Er pustet sie weg. Keine Spuren auf dem weißen Hemd. Die Fünfzehnte heute, obwohl er kürzertreten will.

«… natürlich kenne ich Schwule. Und ich kenne auch viele Schwule, äh, gerade die kein Problem haben mit diesem Humor, ne?«

«In diesem Geschäft arbeiten nun gerade sehr viele Schwule.«

«Hab ich noch nicht so erlebt. Aber es soll vereinzelt Homosexuelle in der Unterhaltungsbranche geben. «Der Graf erinnert sich an einen Unternehmer in München, das muss Anfang der Siebziger gewesen sein, der wollte die schwulen Callboys und Stricher organisieren in einem Club, Zimmervermietung mit Bar sozusagen, das sollte alles über seine Frau laufen, feiner Laden, ganz diskret, da ist Potential drin, meinte der, Geld ohne Ende, denn Schwule gibt’s genug, die da kommen und zahlen würden, meinte er, denn was gibt’s da für schmuddelige Ecken, wo die Notgeilen hinmüssen, er wollte, dass der Graf mit investiert, aber der wollte damit nichts zu tun haben. Mit den warmen Brüdern läuft das nicht. Die arbeiten auf eigene Rechnung, und es gibt genug Bars im Schwulenviertel, wo sie sich treffen können, einen großen professionellen Tuntenpuff, sowas hatte noch keiner probiert, jedenfalls wusste er nichts davon. Hin und wieder gab es da Versuche, Geld zu verdienen, Geld abzuschöpfen, aber eigentlich wollte keiner was zu tun haben damit. Das sind andere Regeln, andere Kreise. Ist auch nichts geworden mit dem Projekt. Sein Vater, und das wundert ihn, wenn er jetzt daran denkt, hat immer höflich und mit Achtung von den Schwulen gesprochen, ein paar schwule Adlige, mit denen sie um viele Ecken verwandt waren und von denen der Graf zumindest immer dachte, als er ein Kind war, dass die schwul waren, zumindest waren sie anders, das konnte er damals verstehen, kamen den Vater manchmal besuchen in seinem Landhaus am Wald in Baden-Württemberg. Abgehalfterte Existenzen, nirgendwo zu Hause, keine Familien mehr, kein Geld, vielleicht waren das die Gemeinsamkeiten, und dann saßen sie zusammen und tranken Wein und rauchten (die langen Zigarettenspitzen aus Perlmutt oder verziertem Holz haben ihn immer sehr beeindruckt) und erzählten über die alten Zeiten, noch vor dem Krieg.

«Die Humanisten, mein Freund, die Humanisten. Die Humboldts waren hier zu Hause. Ulrich von Hutten. Martin Opitz, wenn die dir was sagen, aber du bist ja ein gebildeter Mann, was man so hört. Thomas Müntzer, obwohl der ja den Humanismus und den Fortschritt mit dem Schwert verbreiten wollte. Ja, und unsere Humanboxer Henry Maske und Axel Schulz natürlich auch.«

«Danke für die Stadtführung. Ich bin beeindruckt. Und wir sind die Erben der Tradition?«

«Sicher, sicher. Vielleicht wird man in hundert Jahren nicht mehr von uns sprechen. Aber wer weiß das schon. Die Grenze hat ihre eigenen Gesetze. Und wir heben den Standard und die Volkshygiene und den Profit. «Der Oberst hebt sein Glas.»Auf die Zukunft. Auf die Geschäfte. Auf unsere Zukunft. Auf unsere Geschäfte. Auf die Humanisten und das Schwert. Möge es in der Scheide bleiben!«

Sie trinken. Der Kellner räumt die Teller mit den Resten weg.

«Ich denke«, sagt der Oberst und wischt sich die Lippen ab und blickt auf die Rotweinspuren auf der Serviette,»ich denke, jetzt haben wir ein bisschen Zeit für eine richtige Stadtführung.«

Das Telefon klingelt. Er fährt hoch. Drückt die Zigarette in den Aschenbecher, wirft das Radio um. Beim dritten Klingeln ist er am Telefon und nimmt den Hörer ab.»Ja. «Nur ein Klicken, niemand in der Leitung, ein Knacken, dann das Besetztzeichen, er legt wieder auf. Er blickt auf die Uhr. Noch längst nicht drei. Ob er an der Rezeption anrufen soll und fragen, ob sie ihn angeklingelt haben oder ob sie die Nummer des Anrufes registriert haben? Nur keine Aufregung. Er braucht Ruhe. Als er wieder zum Bett gehen will, das Radio rauscht, und nur noch leise hört er die Stimmen von Domian und diesem Schmidt, klingelt es wieder. Er wartet. Beim fünften Mal will er abheben, aber da hört es auf. Er geht zum Fenster, schiebt die Gardinen etwas auseinander und blickt auf den Rathausplatz. Das große Rathaus ragt gegenüber aus dem Dunkel auf, gotische Spitzbögen über großen runden Fenstern, darüber noch weitere kleine Türmchen, Spitzen, ein Krankenwagen steht im Schatten des Portals, als hätte ihn jemand dort abgestellt und vergessen, oder der Notfall zieht sich hin, er hat diese Stadt an der Grenze noch nicht geordnet in seinem Kopf, als sie vorhin mit dem Wolga durch die Straßen fuhren, sah er weiße und graue Neubaublöcke hinter den kleinen schiefen alten Häusern, ein seltsames Durcheinander vor dem Abendhimmel, der jetzt klarer wird, Sterne, die Wolken treiben Richtung Fluss, der dort irgendwo hinter den Häusern sein muss. Später sieht er die Bögen einer Brücke, Lichter und Häuser auf der anderen Seite, eine andere Stadt oder ein Teil dieser, das muss Polen sein. Eine Reihe LKW auf dem Seitenstreifen der breiten Straße, die zur Brücke führt, langsam gleiten die Bilder an ihm vorbei, dunkle LKW, kaum ein Führerhaus ist beleuchtet, Schatten zwischen den großen langen Fahrzeugen und Anhängern, das sind doch Frauen? da sieht er ganz genau, als würde das Bild kurz stehen bleiben, wie eine Frau, weiße Haut, weiße Haut unterm kurzen Stoff, in einen LKW klettert, ein Fuß noch auf dem Asphalt, die Hand am Türgriff der geöffneten Tür, wie sie sich hineinschwingt dort, im Führerhaus verschwindet, dicht an dicht stehen die Lastkraftwagen, eine graue gewundene Schlange in der Nacht, endlos, die Grenze, den Kopf, kann er nicht sehen; sie biegen ab, ein Park neben der Straße, wie ein kleiner Wald, umzäunt, am Zaun lehnen Gestalten, Frauen? wieder Frauen? aber das kann er nicht genau erkennen, zu viele Schatten, vielleicht auch Gesindel, Nachtwanderer, der Bahnhof ist immer sehr nah in dieser kleinen, mittelgroßen Stadt, der Oberst fährt schnell und geht rasant in die Kurven, scheinbar regungslos stehen sie dort am Zaun und unter den Bäumen, in den folgenden Tagen sieht er fast nur junge und blutjunge Mädchen auf den Straßen, dem Fleischmarkt der Grenzstadt.