«Kai, 32, hat gefragt, äh, die Samantha-Fox-Geschichte, ob das abgesprochen war?«
«Nein.«
«Nein? Das war spontan …«
«Das war spontan, sie hat mich ja direkt aufgefordert, ich hatte auch das Gefühl, sie war hinterher vielleicht ’n bisschen sauer, und … als ich ihr dann noch an die andere Titte langen wollte, war sie schon weg.«
Domian lacht. Der Graf steht im Zimmer und blättert durch seinen Kalender. Am Dienstag hat er einen Termin bei einem seiner Steuerberater, sein Anwalt aus Frankfurt kommt extra in die Stadt im Osten, da muss er pünktlich wieder zurück sein. Aber am Sonntag oder spätestens am Montag sollte er die Dinge hier geklärt haben, die nötigen Informationen bekommen, die Entscheidung getroffen, die Immobilie gekauft, der Oberst deutete schon mehrfach an, dass andere Interessengruppen interessiert wären und bereitständen, aber was soll er auch anderes sagen, um das Geschäft anzukurbeln, der Graf hat seine Informationen, das Projekt ist noch frisch, alles muss gut durchdacht sein, er wird seine Nase und seinen Bauch und sein Wissen und seine Strategie …, er nimmt keine Valium, keinen Betablocker, auch wenn er schlafen möchte, das System ins Dunkel fahren, um traumlos zu erwachen, aus einem Schwarz zu erwachen und analytisch die Dinge anzugehen …, so wie er es immer gemacht hat. Aber da war doch noch was. Richtig, der verdammte Tyson. Aber brüll mit den Löwen im Chor, wenn es sein muss. Das Telefon klingelt. Er geht zum Radio zurück.
«Natürlich hat man den Eindruck, dass du sehr, sehr respektlos mit allem und jeglichem umgehst. Äh, vor was hast du Respekt?«
«… das ist jetzt auf Anhieb für mich schwer zu sagen, wovor ich Respekt habe. Ich mein, äh …, das, das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich mein, wenn uns ’n Witz zu irgend ’nem Thema einfällt, wird der gemacht …«
«Kennt ihr den? Was ist ein Pole ohne Arme? Na?«
«Und was ist ein Pole ohne Arme?«
«Eine Vertrauensperson.«
Sie stehen vor einem verfallenen Gebäude, um das ein Gitterzaun führt. Das Ziegelportal liegt im Dunkeln, drei Fensterlöcher, keine Laternen weit und breit. Die Lichtkegel der Scheinwerfer berühren die Mauer ein Stück über dem Boden.»Und du bringst mich hierher, um mir Polenwitze zu erzählen?«
«Nein, nein, nein. Geduld mein Freund, Geduld. «Der Oberst steht hinter der geöffneten Tür seines Wolga, stützt sich auf dem Dach ab.»Das ist ’ne einmalige Sache hier. Siehst du sonst nirgends. So wie unsere gerechte Sache, der Sozialismus, einmalig war. Scherz, Scherz! Aber das hier überdauert Zeiten und Systeme. Und so wie unser Zukunftsbordell einmalig wird, was? Was?«
«Wir werden sehen.«
Und dann sieht er. Zuerst denkt er, es sind Vögel. Scharen kleiner Vögel. Jetzt kreisen einige direkt über den Lichtkegeln der Autoscheinwerfer. Und er erkennt, dass es Fledermäuse sind. Aus den Fensterlöchern kommen sie. Über dem flachen Dach kreisen sie. Werden immer mehr, als hätten sie sie aufgeschreckt. Die, die über und in dem Licht kreisen, kann er genau erkennen, ihre Flügel sind durchscheinend, durchsichtig fast. Er kann sich erinnern, als Kind ein paar Fledermäuse gesehen zu haben, zwischen Wald und Haus, in den Abendstunden, wenn sie oft draußen saßen, aber so nah und so genau hat er diese kleinen Tiere noch nie gesehen. Er kann die dünnen Arme und winzigen Hände erkennen, über die sich die Flügel spannen.
«Jetzt ist die Zeit, wo sie rauskommen, wo sie auf Jagd gehen. «Der Oberst starrt auf das Haus, aufs Dach des Autos gelehnt, Schimanski sitzt noch auf der Rückbank und raucht.»Jetzt ist die Stunde der Fledermäuse. «Der Graf steht auf der anderen Seite des Autos. Er nickt und sagt:»Beeindruckend. Wirklich. «Er nimmt sein Zigarettenetui und zündet sich eine an.»Ja, ja, nicht wahr? Wir stehen genau im Sperrstreifen, genau in der Zone. Vierzig, fünfzig Meter. Hinterm Zaun. Baustopp. Absolutes Verbot. Soll bald offiziell Naturschutz. Aber ich sage dir, wenn ich entspannen will, wenn ich runterkommen will, wenn mich alles ankotzt, die Grenze, der Dreck, die Geschäfte, die Nutten, na ja, du weißt schon. Dann steig ich in meinen Wolga und komm hierher. «Er klopft aufs Autodach. Er raucht nicht, denkt der Graf, vernünftiger Mann.»Komm, steig mal aus, erzähl unserem Gast mal bisschen was über die Vielfalt der Fledermäuse!«
Der Graf blickt auf seine Uhr. Das Radio rauscht, polnische Stimmen, die Sender wandern. Zwei Uhr.»Vergiss nicht, um drei. Ich will dir paar Leute vorstellen. «Er braucht einen Kaffee. Er schaltet den Weltempfänger aus, geht zum Telefon und ruft die Rezeption an. Fünf Minuten später klopft es an der Tür. Eine junge blonde Frau mit einem Tablett, auf dem ein Kännchen und eine Tasse stehen. Auf der Untertasse ein weißer Keks und ein brauner Keks und zweimal Kaffeesahne. Er nimmt ihr das Tablett ab, sagt:»Danke, das ging schnell.«
«Sehr gerne«, sagt sie, mit leichtem Akzent. Er gibt ihr einen Fünfmarkschein.»Vielen Dank«, sagt sie und macht einen halben Knicks. Er schließt die Tür, stellt das Tablett auf den Tisch.»Wenn du was brauchst, ein Mädchen oder zwei Mädchen oder sonstwas, sag mir Bescheid.«
«Danke. Ich bin wegen Geschäften hier.«
«Schau, schau, ein kluger Mann.«
Er trinkt seinen Kaffee, schwarz. Geht die Dinge nochmal durch im Kopf, Verträge, Anwalt, Prozente, maximale Summe der Investition. Wenn nur die verdammten Fledermäuse nicht wären, die ihn vorhin noch so faszinierten.»Eine Bartfledermaus, dort oben, genau in der Mitte des Fensters, siehst du?«
«Sie hängt.«
«Ja, ja, da hat sie sich kurz mal abgehängt. Ungewöhnlich. Gibt die Kleine und die Große. Ziemlich selten. Siehst du die langen spitzen Ohren? Kann man von hier nicht sagen, ob’s die Große oder die Kleine ist. Ich tippe auf die Große. Schwer zu unterscheiden. Die Bartfledermäuse jagen meistens unten am Fluss.«
«Ein Fledermausfachmann, ein richtiger Fledermausfachmann!«
«Ich war früher in der Forstwirtschaft. Und die da, die da direkt über uns kreist, wupp, schon is sie wieder weg, das war …, na guck, da ist sie wieder, und noch eine! Und noch eine.«
«Die sind verdammt groß! Fast wie ein Vogel!«
«Ja, ja, das sind mit die Größten. Heißen auch so. Großes Mausohr. Beziehungsweise Große Mausohrfledermaus. Die sind hier am häufigsten.«