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«Das hier ist das exklusivste Fledermaushotel in ganz Deutschland«, sagt der Oberst.

«Verstehe. Verstehe schon.«

Er gießt sich Kaffee nach, läuft mit der Tasse im Zimmer auf und ab. Zwei Uhr dreißig. Er geht zu seinem Koffer und nimmt die Mappe aus der Innentasche. Nimmt den Stadtplan aus der Mappe und geht zum Tisch. Er stellt die Tasse aufs Tablett und schiebt es zur Seite, faltet den Plan auseinander und breitet ihn auf dem Tisch aus. Fünf Orte sind auf dem Plan markiert, fünf rote Kreuze. Drei davon mit Fragezeichen, weil sie doch etwas außerhalb liegen. Aber das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Die Stadt wird wachsen, davon kann man ausgehen. EU-Gelder fließen, die neue Hauptstadt ist nicht weit, der große und kleine Grenzverkehr, Unternehmen siedeln sich an, und andere zeigen bereits Interesse. Der Einwohnerschwund nach der Wende wird bald dreißig Prozent erreichen. Er legt die Tabellen mit Plus und Minus auf den Stadtplan, blättert durch seine Unterlagen und Notizen. Der Bund wird investieren, Vorzeigestadt der guten nachbarschaftlichen Beziehungen zu Polen. Das Außenministerium wird hier Gebäude bekommen. Das Tor zum Osten. Die Amis wollen investieren und die Japaner. Arbeitslosigkeit fast zwanzig Prozent. Ziel und bereits in Arbeit: die Zerschlagung des zurzeit bestehenden Sex-Marktes. Konzentration auf ein Objekt. Maximal zwei Objekte. Exklusivität in ganz Brandenburg. IC-Trasse nach Berlin ist in Planung. Möglicherweise auch über Schwerin nach Hamburg.

Das Ganze kann eine Geldverbrennungsanlage werden oder eine Aktie mit Zukunft. Auf der anderen Seite der Grenze stehen die Mädels in jeder Stadt, in jedem Dorf. Clubs, Sexshops, Puffs, Straßenstriche, Wohnwagen, Privatwohnungen, polnische Zuhälter, russische Syndikate. Die Touristen kommen mit Bussen und bumsen für einen Hunderter das ganze Wochenende durch. Zigaretten und Schnaps für ein Drittel, wenn das reicht.

Der Faktor ist der Bulle. Den er nachher treffen wird. Der Oberst hat die Hand auf den Immobilien, alte Kontakte, alte Seilschaften, neues Geld. Die Strategie muss klar sein: Diesseits der Grenze sind wir. Nur wir. Jenseits der Grenze beginnt der Sumpf. Die polnische Politik will die Gesetze verschärfen. Plus. Holt die besten Huren rüber nach Deutschland, dort wird das gute Geld verdient. Infiltration des Grenzmarktes. Drängt das polnische Grenzgeschäft zurück nach Polen. Ein Club, wie es ihn diesseits und jenseits der Grenze noch nicht gibt, noch nie gegeben hat.

«Handel?«, es knackt kurz im Telefon,»du bist doch lange genug im Geschäft. Du weißt doch, dass die polnischen Mädels verrückt sind nach unserer harten Mark. Da, da, da! Und in Brandburg sind wir die Jobvermittlung Nummer eins! Wir mieten und vermieten! Der Sumpf ist hinter der Grenze. «Er sitzt in seiner Burg, in der Stadt im Osten, und weiß nicht, was er von dem Oberst halten soll. Als er später seinen Bruder anruft, sagt der nur:»Lass die Finger aus der Sache. Eine Dependance Ost reicht.«

Alles legal, Brüderchen, alles legal. Wenn die Karten neu gemischt werden, brauchst du eine gute Hand. Naiv? Wir sind nicht naiv. Das Ding wird sauber, denn das ist die Zukunft. Jetzt schlagen sie sich noch die Schädel zu Brei, in ein paar Jahren sieht hier alles anders aus. Wenn das Chaos vorbei ist, wird das Geld fließen. Und dort, wo alles sauber ist, wird die Rendite am größten. Wobei man das nie weiß, wegen der Sauberkeit. Das weißt du doch selbst. Das Geschäft ist hart, und wir sind keine Samariter. Da müssen wir uns nicht belügen. Du weißt genau, dass ich deiner Meinung bin, wo alle zufrieden sind, ist auch die Geldbörse zufrieden. Am Ende. Aber in erster Linie geht es ums Geschäft. Nur ums Geschäft. Erstmal. Die Informationen sind zu gut, die Kontakte sind zu gut. Die Versicherungen scheinen seriös zu sein. Der Bulle. Der Oberst. Die Russen halten still. Die Konkurrenz ist im Griff. Die Politik ist daran interessiert, dass sich die Reihen lichten und dass im Licht gearbeitet wird. Saubere Steuergelder. In ein paar Jahren werden sich die Gesetze ändern. Die Liberalisierung des Sex-Marktes steht kurz bevor. Die richtigen Leute sind auf unserer Seite.

«Zu undurchsichtig. Lass die Finger davon.«

«Ich bin seit dreißig Jahren im Geschäft.«

«Das ist was anderes. Was wissen wir schon von den Russen, Ex-KGB, mächtige Syndikate, die verschiffen die Weiber überallhin. Von überallher. Kosovo. Baltikum. Warentermingeschäfte, du verstehst. Die Märkte werden überrannt. Damit wollten wir doch nie was zu tun haben. Bleib weg von der Grenze.«

«Man muss schauen. Man muss die Chancen überprüfen. Sie suchen Leute von außerhalb, Investitionen von sauberen Investoren. Es geht nur um Prozente. Das Risiko ist nicht zu hoch. Ich habe den Kontakt und die Information von einem alten Russen, den ich seit fast zwanzig Jahren kenne! Nichts ist fix. Warum soll man nicht schauen, wenn die Firma verdienen kann?«

«Dann schau. Du hast ja meistens die richtige Nase.«

Er hat seit Jahren nicht mehr mit seinem Bruder geredet. Der Kleine ist sesshaft geworden, wie es scheint. Dabei hat er gehofft, dass er mit einsteigt. Wollte am Telefon vorfühlen und dann hinfahren. Bielefeld. Wo er lange nicht mehr war. Er hätte ihn gleich besuchen sollen. Er vertraut den Leitungen nie. Die Stimmen werden zu Daten und Wellen und gleiten durch die Ämter und Umschaltstationen, Verteiler, werden aufgespalten in Nanoteilchen, elektrische Impulse im Äther, Zischen und Rauschen, Wetterleuchten durch den Himmel der Stimmen, wenn die Planeten in der exakt selben Position stehen wie vor Jahren schon einmal, kann man sich selbst anrufen, sie reden meist nur in Chiffren, über Autos und Waren und Geschäfte mit Aktien, Wertstoffe, Rohstoffe, Optionen, Ost, West, Süd, Nord, von den Grenzen ins Land und zurück. Europa wird sich ändern, glaub mir. Der ganze Markt wird sich ändern. Noch ist Polen nicht verloren. Er sitzt im Zug und schläft und träumt von dem Wald hinterm Haus, wie sie dort kleine Häuschen bauen aus Holz und Stein und Lehm. Fledermäuse hängen in den Bäumen.

«Ich habe dir, verdammt nochmal, gesagt, du sollst nicht rauchen. Geht das nicht in deinen Kopf? Und willst du hier bumsen, bis das Kind kommt, oder was? Du setzt keinen Fuß mehr in meinen Laden, du blöde Kuh! Geh, verdammt nochmal, aufs Amt, wenn du pleite bist!«

Der Neubaublock steht fast leer. Nur in wenigen Fenstern ist Licht. Zweitausenddrei werden die Gebäude abgerissen, wie fast alle Plattenbauten in der Grenzstadt. Sie stehen zu dritt im Fahrstuhl. Schimanski trägt jetzt eine blaue Bomberjacke und ein weißes Hemd und sieht wirklich ein bisschen aus wie einer aus der Forstwirtschaft. Das Deckenlicht flackert. Der Graf setzt seine getönte Brille auf. Sie sind in einem der beiden hohen schmalen Blocks, die ihm schon vorhin aufgefallen sind, als sie von den Fledermäusen kamen oder zu den Fledermäusen fuhren, genau weiß er es nicht mehr. In der vierzehnten Etage steigen sie aus. Sie laufen einen langen Gang entlang, der Oberst vorneweg. Die Türen links und rechts sind aus braunem Holz, das an vielen Stellen abgesplittert ist, zerkratzt ist, Worte und Buchstaben, die kleinen runden Spione in Kopfhöhe sehen trüb und blind aus, die Klingeln neben den Türen kleine graue Knöpfe auf der grauweißen Wand, an einigen Türen noch Namensschilder, Schmidt, Lorkowsky, Janka, Meier, A. Weiß, G. Barth, der Oberst bleibt vor einer Tür am Endes des Flurs stehen. Der Graf hört leise Musik von drinnen. Der Oberst klingelt. Ein paarmal drückt er auf den Knopf. Vielleicht ein bestimmter Code, aber er hat auch schon unten geklingelt, und nur einmal.

Schimanski hat sie während der Fahrt mit seinem Totschlägertelefon angekündigt.»Ich bin’s. Fünf Minuten.«

Die Tür wird geöffnet. Ein Mann im schwarzen Sakko, unter dem er einen grauen Rollkragenpullover trägt. Gute Ware, die nicht zu seinem Gesicht passt. Der Oberst nickt ihm zu, sie geben sich die Hand, und der Typ winkt sie alle rein, schließt die Tür hinter ihnen. Der Oberst führt sie sofort in ein Zimmer. Der Graf hat kaum Zeit, den Flur zu mustern, Garderobenleiste mit ein, zwei Jacken dran, da drüben muss das Bad sein, drei weitere Türen, die zur Küche ist halboffen, und der Graf sieht einen Mann mit grüner Bomberjacke direkt hinterm Türspalt auf einem kleinen Hocker sitzen. Ein Melkschemel, denkt er noch, so ein Möbel hat er hier nicht erwartet. Und dass die Bomberjacken irgendwie eine Ost-Sache zu sein scheinen. Obwohl sie in der Stadt im Osten, wo er seine Dependance hat, langsam aus der Branche verschwinden.