«Eisenbahn, Waffen, Diamanten … Du hast ein erfülltes Leben, Hans.«
«Kann man so sagen. Bürgerliche Werte, und dann Jules Vernes Visionen.«
«Was?«
«Alte Waffen, das neunzehnte Jahrhundert. Das achtzehnte Jahrhundert. Und dann der Fortschritt in der Technik. Erst Duell, dann Massenmord. ›Die Erfindung des Verderbens‹. Hab ich als Kind gelesen. Hat mich immer fasziniert.«
Er nimmt einen dunklen glänzenden Holzkasten aus dem Regal, öffnet den Deckel, neigt den Kasten so, dass das Arschloch die beiden Steinschlosspistolen mit den langgezogenen Läufen in den mit Samt ausgelegten Fächern sehen kann.»Habe ich letztes Jahr ersteigert. Die wundersame Perfektion veralteter Technik. Die Pulverpfannen schließen regendicht. Ein Wunderwerk der Feinmechanik vom alten Meister Prochaska aus Böhmen.«
«Die Tschechen. Waffen und Kristall. Du solltest ein Museum führen, Hans.«
«Ich sollte auf einer Insel wohnen, weit draußen im Meer, wo mich keiner stört.«
Er stellt den Kasten zurück, hebt sein Glas, sie stehen voreinander, zwischen den Regalen, in denen die Waffen auf Samt liegen, in denen kleine Pappkisten stehen, mit Eisenbahnzubehör, ein paar Bücher, Holzkisten, in denen Hans einige seiner größeren Exponate aufbewahrt. Auch das Arschloch hebt sein Glas, und sie trinken.
«Die Steine, ich möchte die Steine sehen«, sagt das Arschloch, trinkt noch einen Schluck,»gib mir doch einen von den Steinen.«
«Das geht nicht. Die gehören mir nicht. Ich lagere die nur.«
«Du erzählst mir, wie schlecht die Geschäfte laufen, erzählst mir von deinen Schwierigkeiten und willst doch nicht verschwinden mit dem Zeug?«
«Setz die Kapuze ab!«
«Was?«
«Du sollst die bescheuerte Kapuze absetzen, damit ich dein Gesicht richtig sehen kann.«
«Was soll der Scheiß?«
«Bitte.«
Der Mann stellt das Glas weg, greift langsam mit beiden Händen nach der Kapuze seiner weißen Sportjacke und zieht sie zurück. Hans blickt in sein zerfurchtes Gesicht.
«Du siehst fertig aus. Deswegen erzählst du diesen Scheiß. Die würden dich einfach ausknipsen.«
Der Mann setzt sich auf den Stuhl. Legt die Hände auf das Geld.»Ich will hunderttausend.«
«Ich kann dir keine hunderttausend geben. Steuernachzahlungen, Geschäfte, Alimente und die Nebenkosten bringen mich um, was denkst du, mit wem du sprichst, verdammt nochmal. Das hier ist nicht das scheiß ›Pascha‹. Ich kann dir das geben, was hier liegt. Und ich habe keine Garantie, dass du nicht rumläufst und schwatzt. Du weißt nicht, worauf du dich einlässt, Junge.«
«Zeig mir die Steine. Wenn du mir nicht die Steine zeigst, gehe ich wieder. Und wenn ich nicht wieder gehe …«
«Ja, ja, dein zweiter Mann. Schon klar. Und was erwartest du dir davon? Erleuchtung? Der Quell der Jugend?«
«Zeig mir die Steine. Ich will sie sehen.«
Hans sitzt im Büro. Die Musik dröhnt, Stimmen, Lachen, viel Betrieb heute, die Mädels gehen mit den Gästen die Treppe nach oben in die Zimmer oder in die beiden verspiegelten Zimmer hinter der Bar, wo früher mal die Duschen gewesen sein müssen. Hans fand vor vielen Jahren Pläne im Tresor, die Grundrisse des Verwaltungsgebäudes des alten Galvanowerkes, zusammen mit der kleinen Schatulle und der Flasche» Springer Urvater«. Stimmen, Lachen, ab und an klopft jemand an der Tür, und er sagt:»Ja, bitte«, und sagt dann:»Später, später, nicht jetzt, muss nochmal weg. «Er weiß nicht, wie lange er hier schon sitzt. Die Flasche vor sich. In der Ecke das schwarzweiße Leuchten des kleinen Monitors, der den Eingangsbereich zeigt. Langsam, ganz langsam bewegt er seinen Arm, bis der Ärmel seines Jacketts verrutscht und er seine Glashütte sehen kann. Eins durch.
Er weiß nicht, was er mit der Leiche machen soll. Der Mann liegt unten zwischen den Regalen. Die Schulter schmerzt ihm. Er weiß nicht mehr, wie er das Bren aus der Kiste geholt hat. Eine kleine Ausstellungsführung. Was soll er jetzt mit dem Mann machen? Sein Kontakt bei den Bullen wird nicht erzählen, dass er nach ihm gefragt hat, wenn sie ihn suchen. Wenn ihn jemand sucht. Aber die Spur ist da. Der Student. Der Bulle. Die müsste er alle wegmachen. Aber der Bulle ist nur ein kleiner Fisch, der auf die Rente wartet und kassiert hat. Und irgendjemand wartet. Er muss rausfinden, wo. Er muss runtergehen und ihn durchsuchen. Hat schon zu viel Zeit verloren. Nichts darf schiefgehen. Ihm fällt ein, dass er doch die Adresse hat, dass sein Bulle ihm die Adresse besorgt hat. Er steht auf. Setzt sich dann wieder hin. Die Flasche vor ihm ist fast leer. Er kann sich erinnern, dass der Mann viel getrunken hat. Sich sein Glas mehrfach wieder vollgemacht hat. Er musste ihn gar nicht zum Trinken überreden, wie er sich das vorgenommen hatte. Was hatte er sich überhaupt vorgenommen für diesen Abend. Er weiß es nicht mehr. Steht auf und setzt sich dann wieder hin. War es ein Zufall, dass ein Güterzug durch die Schneise des Güterrings rumpelte, als er das riesige Bren aus der Kiste geholt hatte? Aber die Mauern sind dick. Die Musik dröhnt über dem Stein. Und die Explosionen waren nicht so laut, wie er sich das vorgestellt hatte. Aber eigentlich hatte er sich nichts vorgestellt.
«Jetzt müssen wir kalt und klar sein«, sagte er, und dann drehte er sich zu dem schwarzweißen Bild des Monitors, zwei Männer standen vor seiner Tür, einer drückte die Klingel. Zwei Mäntel, der, der die Klingel drückte, trug eine Wollmütze. Die Nächte wurden frisch. Er sah, wie die beiden lamentierten, lachten, die Hände in die Manteltaschen schoben und wieder rauszogen, sich einander zudrehten, lachten. Klaus sah sie auf dem kleinen Monitor in der Nische neben der Tür, sah sie dann wahrscheinlich durch den Spion, drückte den Summer und ließ sie ein. Kommt nur herein, Freunde. Sein zweiter Mann war krank. Wahrscheinlich hatte er sich krankgemeldet, weil alles explodierte im Moment in der Stadt. Bei ihm waren sie noch nicht gewesen. Er hatte zwar eine Versicherung, aber sicher konnte man sich nie sein. Zu viele Interessen mischten mit. Die nichts von den Steinen wussten. Was auch gut so war. Er hatte vor zwei, drei Tagen einen Audi mit Berliner Kennzeichen gesehen, drüben auf dem Parkplatz. In paar Tagen war ein Treffen mit AK und den anderen anberaumt. Er musste in seinen Kalender schauen. War es ein Zufall, dass der Mann, das Arschloch, jetzt auftauchte und Geld haben wollte, ein paar Steine womöglich? Aber der Mann war ein Narr, der nichts wusste, nur wenig wusste. Aber woher? Aber jetzt nicht mehr. Nichts.
Hans sah, wie die Wände verschwanden, wie sie durchsichtig wie Glas wurden, eine große gläserne Zelle, sah die Damen aus den Spiegeln treten, sah rote Nebel durch die Räume seines Clubs ziehen, sah sich selbst unten im Keller, wie er das große sperrige Bren aus der Kiste nahm.
«In einem Nachtclub zu arbeiten, das ist schon anstrengend. Ja. Natürlich auch locker und auch entspannt. Ich war vorher in einem Laufhaus gewesen und, nee, das war mir zu sehr, wie soll ich sagen, Fließband. Da sitzt du nur und wartest, sitzt vor deiner Tür, wir hatten da so Barhocker, und das war dann oft nur kurz, meist blasen, und dann wurde immer versucht, da rumzuhandeln, was ich ja überhaupt nicht leiden kann, was überhaupt die allergrößte Scheiße ist, viele Arschlöcher, viele Ausländer, nicht, dass ich was gegen Ausländer hab, aber eben so Typen, denen’s nicht billig genug sein kann, wo einen das richtig ankotzt, aber das blendet man …, blende ich dann eben so aus. Und da sind wir hier schon anders aufgestellt. Hm. Das ziehe ich dem Laufhaus vor, für mich ganz klar, da denken sicher andere anders drüber. Das …, das hat eben alles seine Vor- und Nachteile. Man muss …, also ich muss da natürlich immer aufpassen, wegen der Trinkerei und so und dass man sich da nicht so runterrockt, aber wenn ich so drüber nachdenke, scheint mir das hier die bessere Arbeitssituation zu sein. Chef ist o.k. Und Chef würde ich da jetzt auch nicht unbedingt sagen, ist ja freiberuflich …, der H., der …, ich fühl mich da im Moment ganz wohl. Klar, hab ich da so Sachen, wo ich sage, wo ich sagen würde, du, hör mal, da ist das und das … Und ich hab auch das Gefühl, dass er sich das anhört. In ’ner Wohnung zu arbeiten ist, denke ich, immer ’ne Option. Auch für die Zukunft.«