Er geht zum dicken Klaus und sagt ihm, dass er nochmal kurz wegmuss, aber bis Feierabend wieder da ist.»Wenn was sein sollte, ruf an. «Sieben, acht Gäste sitzen an der Bar. Zwei kennt er, die waren schon oft da. Dafür, dass die Stadt in manchen Nächten explodiert, läuft es ganz gut. Ist aber auch eine Messe zurzeit, Sanitär? Er kann sich nicht erinnern, obwohl er genau weiß, wann welche Messe ist. Mandy mixt. Er muss demnächst die Bewerbungen durchgehen, er braucht eine feste Barfrau. Sie wechseln sich zwar ab, aber er braucht die Mädels für die Zimmer. Die Studentin für die Aushilfe hat sich krankgemeldet. Verdammtes Chaos. Er geht kurz an den Tresen, denkt dann aber daran, dass er noch fahren muss.
«Alles in Ordnung, Mandy?«
«Alles gut, Hans. «Er braucht eine feste Barfrau, verdammt nochmal, so schnell wie möglich. Mandy müsste sich zu den Gästen setzen. Am besten eine Marke Milf, zuverlässig, erfahren. Ohne aufs Zimmer. Die fünf Mädels haben alle Hände voll zu tun. Ordern Prosecco oder Rotkäppchen. Sitzen zwischen den Gästen, beugen sich links, beugen sich rechts. Die kleinen Proseccobüchsen kann er nicht leiden, ist aber der Trend.»Gib mir mal ’n kleinen Johnnie Black.«
«Gerne doch, Hans. «Er hat das Gefühl, er ist in diesem bescheuerten Computerspiel, das er manchmal auf seinem Laptop im Büro spielt.»Der Rotlicht-Manager«. Ein Billigding, das ihm vor ein oder zwei Jahren AK zu Weihnachten geschenkt hat. Mit ’ner Flasche Johnnie Black. Immerhin. Es gelingt ihm fast nie, das Chaos dort zu verwalten. Entweder er organisiert die falschen Mädels, die zu alt oder zu billig sind, oder er vergisst die Reinigungsfrauen, oder er spart an der Tür, was das Personal betrifft, obwohl er es doch in der Wirklichkeit kann, seit so vielen Jahren schon. Dann wieder gibt er alles Geld aus für die beste und exklusivste Einrichtung der Zimmer. Wenn dann dort gebumst wird, sieht man nur ein großes rotes pulsierendes Herz, das ärgert ihn. Vor zehn Jahren, kann auch schon länger her sein, hatte er, er erinnert sich ganz genau an dieses dumme morgendliche Geschwatze in der Dreiundzwanzig-Stunden-Kneipe, die es inzwischen bestimmt nicht mehr gibt, er ist sich aber nicht sicher, ist seit Jahren nicht mehr dort gewesen, da hatte er nämlich die Idee für dieses Spiel gehabt, für ein Spiel, in dem man einen Puff, eine Bar, einen Nachtclub betreiben muss. Aber die anderen hatten nur gelacht. Aber es tröstet ihn, dass der Erfinder dieser Billigvariante damit sicher keinen großen Reibach macht. Und er verschwendet die Gelder, diese virtuellen Gelder, für die Einrichtung der Zimmer, kauft die besten Getränke für den Barbetrieb, engagiert eine professionelle Barfrau, spart dann zu viel bei der Reinigungsbrigade, ja, verdammt nochmal, zwei alte Weiber, die putzen, müssen doch reichen, vergisst dann, rechtzeitig bei den anderen Mädels, die bei ihm arbeiten wollen, anzurufen, weil er nicht rechtzeitig merkt, dass da welche krankmachen oder plötzlich keine Lust mehr haben, weil er, als der Manager mit der Maus, die Gäste nicht gut verteilt beziehungsweise die Reizpunkte und Stripshows nicht gut genug koordiniert, ist ja auch ein viel größerer Laden als seiner, dann hat er plötzlich Probleme mit der Steuer, obwohl er immer im Menü das Anwaltstelefonat anklickt, sein Club auf dem Laptop versinkt jedes Mal oder oft im kompletten Chaos und geht dann Pleite. Leckt mich doch.
Die Stimmen, die Frauen, die Gäste. Die kleine Russin ist wie immer oben auf dem Zimmer. Die hat es echt drauf, kann den Gästen jeden Drink aus dem Herzen oder sonstwoher zaubern. Und jeden mit nach oben nehmen, ob der will oder nicht. Der Laden läuft gut. Er schiebt das leere Glas Richtung Mandy 2, die ihn seit einigen Minuten anschaut, eine Zigarette raucht,»Bis später«,»Bis später, Hans.«
Vor der Kreuzung biegt er ab. Die kleine Seitenstraße ist leer, und er parkt direkt an der Ecke. Dreht den Schlüssel, legt den Kopf aufs Lenkrad, lehnt sich dann zurück. Er hat zwei Bettlaken aus dem Lagerraum 1 geholt, aber ärgert sich jetzt, denn wozu soll das gut sein. Noch mehr Stoff, den er entsorgen muss. Er wird den Boden seiner kleinen Kathedrale mit Waschbenzin schrubben müssen, mal sehen, was er für seine Reinigungsbrigade im Lagerraum 2 hat. Als er pissen war, hat er gesehen, dass das Papier knapp war. Er müsste anrufen, dass da nicht das Papier plötzlich alle ist. Er macht sich über all diesen Unsinn Gedanken, obwohl der Mann in seinem Kofferraum liegt. Ist kein Unsinn. Halt doch die Fresse, verdammt nochmal. Er hört das Grummeln von Flugzeugen, weit über den dunklen Häusern. Die Post hat eigene Flugsteige auf dem großen Flughafen draußen vor der Stadt, auf denen starten und landen auch nachts die Maschinen.
Er ist nicht eingeschlafen, er starrt nur in die Nacht und auf die Mauern. Der Morgen neigt sich langsam über die Häuser. Noch kein heller Streifen, noch kein Dunkelblau, in das das Schwarz der Nacht langsam übergeht an den Rändern, aber er spürt, dass er nicht mehr viel Zeit hat in der Dunkelheit. Er fährt das Fenster herunter, die kühle Luft berührt sein Gesicht, er wirft die Kippe auf den Fußweg und dreht den Schlüssel um. Er schließt das Fenster nicht, während er fährt.
Durch die geöffneten Jalousien sieht er das erste Rosa hinter den Häusern, hinterm Zentralbahnhof, dem großen grauen Sarkophag. Vielleicht täuscht er sich auch, eine Leuchtreklame spiegelt sich in der Scheibe, das Licht zerschnitten von den Lamellen der Jalousie. Er sitzt vor dem toten Mädchen. Er denkt daran, wie er den Revolver vor wenigen Stunden an seine Stirn gepresst hat. Vier Uhr. Vier Uhr paarunddreißig. Er hört die Züge über die Gleise Richtung Zentralbahnhof rumpeln oder von ihm weg. Er nimmt den Körper, hebt ihn hoch und spürte ihre kleinen Brüste an seiner Brust. Sie trägt nur ein T-Shirt. Sein Hemd wird nass, das muss ihr Speichel sein. Er hat sich Lederhandschuhe übergezogen. Ein kleines leichtes Mädchen. Er hat sie schon halb über seine Schulter gelegt. Er stolpert zurück. Das Mädchen wieder auf dem Boden. Er legt seine Hand auf ihr Gesicht. Hockt sich vor sie. Das ist noch warm, oder ist das seine Hand? Der Handschuh seiner rechten Hand liegt zwischen ihren Beinen auf dem Boden. Er ist so müde, dass er an ihrem toten Körper einschlafen könnte. Oh, mein Dornröschen.
Er durchsucht die Kaschemme. Hat sich den Handschuh wieder angezogen. Die beiden kleinen Zimmer. Das Bad. Ob sie für das Arschloch angeschafft hat? Er findet ein Tütchen mit Kristall. Ein anderes mit H. Er schmeißt beides ins Klo und spült. Er hebt sie hoch. Wie leicht sie ist. Müde bin ich, geh zur Ruh.
Er legt ihren Arm um seine Schulter, schiebt seinen Arm unter ihre Achsel, schleppt sie zur Tür.
Den Schlüssel nimmt er mit. Steckt ihn in die Manteltasche, wo er auch das Handy des Typen hat. War ausgeschaltet. Er findet kein anderes Telefon in der Wohnung. Er weiß, wer die Bude vermietet. Der wird alles leer räumen. Nur ein paar Klamotten in dem Schrank. Ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle. Ein Campingkocher in der Küche. Mit Gasflasche. Paar leere Tetrapacks, Milch, Wein, Saft, ein angeschnittener Laib Brot. Butter, die schon gelb geworden ist. Vielleicht sollte er die Kleine hierlassen. In das Bett legen. Zudecken. Ihre Augen öffnen sich plötzlich, er legt seine Hände mit den Lederhandschuhen um ihren Hals, dann nimmt er ein Kissen, drückt es auf ihr Gesicht, lehnt sich auf das Kissen, aber er spürt keine Bewegung. Eine Reisetasche mit schmutziger Wäsche neben dem Bett.
Er fährt. Weite, schneebedeckte Felder links und rechts. Er schüttelt den Kopf. Da bin ich wohl kurz weggenickt. Die Straßen sind leer. Die Lichter des Flughafens. Er biegt ab. Er spürt die Stadt hinter sich. Der Himmel wird heller. Ein Dunkelblau am Horizont. Er schaut in den Rückspiegel, hat das Gefühl, er würde rückwärts fahren, schaltet runter in den dritten Gang und weiß nicht, warum, er sieht die Explosionen des Bren in seinem Rückspiegel, er schaltet wieder in den vierten, ein dunkelrotes Glühen vor ihm, ein dunkelrotes Glühen hinter ihm, er macht das Radio an, er redet seit einigen Minuten und weiß nicht, was er redet,»Oh ja, oh ja, nun geht das alles seinen Gang, Brüder, zur Sonne, zur Freiheit«, er schüttelt sich, raucht, Werbung, er dreht den Sender weg, Musik, Stimmen, Info-Radio, rund um die Uhr, auf zweiundneunzig Komma ba-da-da-damm kauft …, bald kommt der Winter, was soll er machen, er muss nach Berlin, er muss hier weg, langfristig gesehen, Brüder zum Lichte empor, die scheiß Alimente fressen ihn auf, kaum jemand weiß, dass ich ’ne Tochter habe, man hat so seine Träume, nicht wahr? Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit den Spaten, ins Moor, ins Moor.