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Da flüstern sie hinter ihm im Kofferraum. An der Baustelle hat er nochmal kurz angehalten. Wir brauchen Ballast. Wäscheleine hat er in der Wohnung gefunden. Ich habe einen Plan! Mächtig gewaltig, Egon. Jetzt kommt mir bloß nicht mit der ollen Olsenbande. Kennt doch kein Schwein mehr heute. Habe ich als Kind immer gesehen. So alt biste doch nicht. So jung biste doch gar nicht. Du siehst müde aus, Mädchen. Wir waschen dir die Haare zum letzten Mal, wir legen deinen kleinen Kopf ganz vorsichtig in die Dusche rein. So weich. Wohin führt die Spur? Die Spur führt zurück. Nein, Unsinn. Wir fahren, wohin wir fahren. Du siehst müde aus, Arschloch. Und sie flüstern im Kofferraum, und er redet und redet. Man muss funktionieren. Weitermachen. Ist ja wohl klar. Die Renten sind sicher. Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu. Du, mein Vater, hab gut Acht, auch auf mich in dieser Nacht.

Und dann ist da plötzlich eine Stille und eine Kühle, in ihm, hinter ihm, vor ihm, er öffnet das Seitenfenster, atmet die kühle Morgenluft, sein Atem dampft, er blickt in die Dämmerung hinterm Wald, und er weiß plötzlich, dass alles gut werden wird.

Sag beim Abschied leise Servus

I

Ich habe kein Auto. Jeden Morgen fahre ich mit der Straßenbahn und steige einmal um. Ich habe schon oft überlegt, ob ich den Führerschein mache. Aber ich bin jetzt dreiundfünfzig und weiß ehrlich nicht, ob ich das hinkriege. Ich könnt mir’s zwar schon irgendwie vorstellen, dass ich das noch lerne, aber mein Mann hatte früher auch keinen Führerschein, das war ja nicht ungewöhnlich in der DDR, dass man nicht Auto fuhr. Auch dass man ewig und Jahre warten musste, bis das Auto dann da war. Mein Mann, also mein Ex-Mann, der hat den Führerschein Mitte der Neunziger gemacht, da waren wir noch verheiratet. Manchmal denke ich, dass er dann so viel mit dem Auto unterwegs war, und das war ja wegen seinem neuen Job, auch außerhalb und weit weg, dass da alles kaputtging oder anfing kaputtzugehen, aber das hatte auch andere Gründe, so viel anderes spielte da rein, wie das immer oder meistens so ist, und wir warn ja auch fast fünfundzwanzig Jahre verheiratet, kennengelernt, zusammengekommen, geheiratet, Kinder gekriegt, wie das eben damals so war.

Das sind so Sachen, über die denk ich nach, wenn ich am Morgen in die Straßenbahn steige und auf Arbeit fahre. Die Kolleginnen, die ich kenne, haben alle ein Auto, und die können sich das gar nicht vorstellen, dass ich fast eine Stunde oder fünfundvierzig Minuten, je nachdem, unterwegs bin und durch die halbe Stadt fahre. Aber auf jeden Fall ist das viel preiswerter, das müssen sie auch zugeben, vor allem jetzt, wo der Sprit immer teurer wird. Und ich versuche eben zu sparen. Ab und an fahre ich mal mit dem Zug zu meiner Schwester, die wohnt kurz vor Meißen, und da gibt’s ein Dorf, kurz hinter Leisnig, da stehen lauter kleine Häuschen, und manche scheinen leer zu sein, also direkt am Waldrand, und ich stelle mir immer vor, dass ich mir dort mal was kaufe, weil so teuer ist das nicht, da habe ich mich nämlich schon erkundigt, ich meine, so als Sommerhaus oder Altersresidenz, das klingt zwar blöd, weil ich mich noch gar nicht so fühle, aber an sowas muss man ja auch immer mal denken, in meinem Alter, obwohl ich auch denke, dass ich noch etliche gute Jahre vor mir hab, vier, fünf auf jeden Fall, na ja, mir ist klar, dass ich dann wohl doch ein Auto brauche, also den Führerschein, um da richtig und bequem hin- und auch wieder wegzukommen.

Wir hatten mal einen Garten, schon mehr so Richtung Wochenendgrundstück war das, gleich vor der Stadt und ganz in der Nähe, wo wir damals gewohnt haben, Steinlaube und fast vierhundert Quadratmeter Grundstück und schön mit Hecken drum rum, dass man seine Ruhe hat, das wär mir nämlich am wichtigsten, aber den haben wir dann, gleich nach der Scheidung, verkauft. Das ärgert mich jetzt manchmal, weil’s da doch sehr schön war, aber der Junge hatte auch kein Interesse, wollte damals schon ins Ausland, Kopenhagen, da arbeitet er jetzt, und da war uns das Geld doch erstmal wichtiger.

Dass ich ihn mal wieder besuchen muss in Dänemark, daran denke ich auch oft, wenn ich am Morgen in der Straßenbahn sitze und auf Arbeit fahre. Weil ich doch die Mädchen, die Enkel, mal wieder sehen will. Meinen Jungen natürlich auch. Aber das ist nicht immer so einfach, weil mit dem Henry, was mein Freund ist, und wir wollen vielleicht auch heiraten, weil wir doch schon seit sechs Jahren zusammen sind, weil da die Chemie nicht so richtig stimmt mit meinen Enkeln.»Fahr ruhig alleine«, sagt er immer, und er hat auch ein Kind mit seiner Ex, und deshalb geht das für uns beide eigentlich ganz gut, dass da jeder noch sein Eigenes hat, seinen eigenen Kram mit der Familie, und auch mein Junge ist da jetzt lockerer, aber der richtige Opa ist eben der richtige Opa für die beiden. Meine Enkelinnen. Die sind jetzt neun. Der Henry ist noch kein Opa, er ist auch acht Jahre jünger als ich, und sein Sohn …, manchmal denke ich, der ist schwul, traut sich aber nicht, es zu sagen, weil das ist so ein ganz zarter, ich kann ihn gut leiden, und er mich auch, denke ich. Dass das alles so Patchwork ist, wie man heute sagt, finde ich eigentlich ganz in Ordnung. Der Henry hat auch noch eine Tochter, aber da ist der Kontakt fast weg. Finde ich schade, aber kann es auch irgendwie verstehen, weil das vor seiner ersten und bis jetzt ja auch einzigen Ehe passiert ist, und die Frau wohnt in Berlin, und irgendwie ist das damals wohl so passiert, wie das eben manchmal so geht, und die hat jetzt wohl eine starke Bindung zu ihrem neuen Vater.

Erzählen tue ich sowas ja eigentlich nicht und niemandem, privat ist privat, obwohl ich mit den meisten Kolleginnen ganz gut kann, aber die sind auch alle etliches jünger als ich, so junge Hühner, und manchmal gackern die einem wirklich in die Ohren, manche erzählen dir wirklich alles plus Phantasie, wenn du nicht aufpasst, dass ich denke: Ohhh nee, es reicht jetzt, mit denen kann ich sowieso nicht über Familienprobleme, Patchwork, Alter undsoweiter reden, die sind eben noch zu grün, und ich will das eben auch nicht. Weil privat ist privat. Nur die Birgit ist ungefähr mein Alter. Also um die fünfzig. Aber ausm Westen. Und sie ist sehr für sich, sehr still und zieht sich zurück. Bisschen verhärtet, würde ich denken, aber wer ist das bei unserem Job nicht? ’ne ganze Menge, denke ich mir manchmal, wenn ich mit allem so im Ganzen und Großen zufrieden bin. Da stell ich mir manchmal vor, wir beide, also ich und die Birgit, würden herzlich lachen, wenn ich ihr mein Familienlabyrinth zeigen würde, bei ’nem Kaffee zum Beispiel, und wenn ich da so durcheinanderkomme mit den Kindern und den Enkeln und dem Henry seinen Kindern. Weil’s ja auch wirklich irgendwie lustig ist. Und weil das auch alles schlimmer und verstritten sein könnte, nein, da bin ich eigentlich froh, dass das alles halbwegs funktioniert.»Und du meinst wirklich, der ist schwul, ist ja süß, dass du dich da so kümmerst. «Sagt sie. Wenn ich mir das vorstelle. Obwohl wir in Wirklichkeit nie reden. Und mit den anderen Freundinnen, die ich so habe, spare ich das andere aus. Spare ich viel aus. Ist blöd manchmal. Weil die das doch nicht ganz verstehen.