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Sie rennen. Sie rennen durch diese dunkle leere Straße. Die heißt wie das Bundesland im Norden, wo sie so gerne Urlaub machen würden, am Meer. Vorbei an alten Fabriken, noch dunkleren Seitenstraßen, über Eisenbahnschienen, die aus großen Fabriktoren kommen und die Straße kreuzen. Neben ihnen, unterhalb der Straße, fahren S-Bahnen wie durch eine Schneise. Doppelstöckige Waggons, die Leute in den Waggons starren zu ihnen hoch, bewegen ihre Lippen, öffnen den Mund, legen die Hände an die Scheiben, als würden sie schreien. Oder rufen. Sie sehen die nächste Station Hunderte Meter entfernt, ein paar hundert Meter entfernt, sie können das nicht richtig einschätzen. Ein kleiner Bahnhof am Rand der Stadt. Vor ihnen. Als sie im Tunnel sind, der zu den Bahnsteigen führt, hören sie das Rumpeln des Zuges über sich. Er fährt weiter, ohne zu halten, wird leiser, dadam, dadam, da …, und der Tunnel ist dunkel und still. Riesige Smileys an den Wänden, die sie anlächeln. Schritte auf der Treppe, auf den Treppenstufen. Vor ihnen. Hinter ihnen. Sie halten sich an den Händen, laufen zur Mauer und pressen sich dicht an den Stein. Aber es ist nur …

«Auf dem Land sollte man leben! Draußen in der freien, unberührten Natur! An der frischen Luft!«

Bertel kommt auf sie zu. Er trägt einen roten Schlafrock und eine blaue Schlafzipfelmütze mit roter Bommel, die auf seinem Rücken baumelt und auf und ab springt bei jedem Schritt.»Nicht in dieser grauen Betonwüste!«Er wackelt mit den Hüften,»Hallo, ihr Lieben!«, sie sehen ihre Gesichter in seinen riesigen Entenaugen, er schwingt seinen Spazierstock, und die blaue Bommel seiner roten Schlafzipfelmütze tanzt auf seinen Schultern.

Ich bin oft müde. Und ich schlafe oft. Immer wenn es geht. Weil ich mich verstecken kann, dort. Weil ich nicht träumen will und weil dort nichts ist, wenn ich nicht träume. Zwei von den anderen Mädchen sind aus dem Heim. Onkel Dagobert ist der Einzige, den ich kenne, also von denen, die Geld haben, viel Geld haben, und der mich nicht durchficken will. Ich hätt gerne einen Onkel wie ihn. Das mit dem Vater habe ich aufgegeben.

«Vielleicht nimmt uns ja einer von denen mit. Mich nimmt bestimmt einer von denen mit«, sagt Tina. Sie hat ihre Tage, sagt sie, und es geht ihr scheiße.»Und dann?«

«Vielleicht adoptiert er mich.«

«Nachdem er dich gebumst hat?«

«Warum denn nicht? Das soll vorkommen. «Sie versucht zu lachen. Aber sie lacht kaum noch, seit der Silvesterfeier. Sie hat eine kleine Flasche Likör hinter der Heizung versteckt. Silvester kamen die Männer, die wir schon kannten. Die Nummer 86 ist verschwunden. Keiner weiß was davon. Keiner will was wissen. Wenn ich nur kurz nach Hause könnte, um die anderen Comics zu holen. An einem der Stände auf dem Flohmarkt, wo ich die Comics gekauft habe, das letzte Mal war ich, glaube ich, im Sommer da, oder Anfang Herbst, denn die Bäume waren schon bunt, fingen schon an, bunt zu werden, aber der Herbst beginnt ja erst Ende September, an diesem Stand war immer ein Junge, der gehörte zu den Leuten, die dort die Comics verkauften. Und Videos auch. Aber ich hatte keinen Videorekorder, deswegen habe ich nie Videos gekauft. Obwohl Jochen einen mitgebracht hat, als er bei uns einzog. Aber den durfte ich nicht benutzen, und selbst wenn ich gedurft hätte, ich wollte mir keine Videos auf seinem Videorekorder anschauen. Einmal hat er mit Mutti einen Porno geschaut. Da kam ich zeitiger aus der Schule, weil ich nicht mehr zum Sport gehen wollte, und habe mich reingeschlichen, das war, bevor er und Mutti mir den Schlüssel weggenommen haben. Eigentlich war’s nur er, aber wenn Mutti nichts tut, um mir zu helfen, ist sie genauso dran schuld. Denke ich. Trotzdem hasse ich nur ihn und nicht Mutti. Pornos haben sie an dem Stand nicht verkauft. Obwohl ich manchmal gesehen habe, wie da Typen kamen, die mit den Leuten vom Stand geflüstert haben. Und dann sind die mit denen zu dem Kleintransporter gegangen, wo die ihren ganzen Kram drinhatten. Manchmal war ich schon so zeitig am Morgen da, da habe ich gesehen, wie sie den Stand aufgebaut haben. Da war ein Baum, gleich neben dem Stand. Die haben den immer an derselben Stelle aufgebaut. Da habe ich mich immer an die Wurzel gehockt. Und zugeguckt, wie sie den Stand aufgebaut haben. Ganz früh am Morgen. Da war’s noch dunkel. Und die Sonne hinter dem alten Stadion. Manchmal schon halb sechs. Einmal bin ich die ganze Nacht durch die Stadt gelaufen, habe mich immer mal paar Stunden irgendwo versteckt, habe nur ganz wenig geschlafen. Und bin dann zum Flohmarkt gefahren mit der Straßenbahn. Ich bin immer schwarzgefahren, und man hat mich nur einmal erwischt. Ich finde das komisch, dass jemand Kontrolleur werden will. In der Nähe vom Bayerischen Bahnhof ist ein Haus, da sind die Punker drin. Ich mag die Punker nicht besonders, weil viele von denen stinken. Aber wenn ich drüber nachdenke, haben die immer noch besser gerochen als die Typen und ihr Aftershave und ihr Parfüm. Und die haben einen immer schlafen lassen bei sich. Ich habe genau gewusst, wie man da reinkommt. Weil sie’s mir gesagt haben. Aber schlafen konnte ich da nicht richtig in den dunklen Räumen, die hatten ja keinen Strom. Nur Kerzen. Und Teelichter. Und meistens waren die gar nicht da, weil sie bis zum Morgen irgendwo rumzogen. Saufen und Punkmusik und sowas. Manchmal kamen die dann, und ich habe im Flur gehockt. Und sie haben gefragt, ob ich was trinken will. Oder einen Joint. Ich mag keinen Alkohol, nur manchmal habe ich einen Schluck genommen.

Weiter im Süden, da ist ein komisches Viertel. Da bin ich auch oft gewesen im Herbst. Nun ist das schon letztes Jahr, von heute aus. Aber ich denke und zähle, wenn ich auf dem Bett liege und warte, bis sie fertig sind. Sie sieht immer den großen Fächer, der überm Bett an der Wand hängt, wenn sie unten liegt und mit dem Gesicht nach oben, sieht sie den. Sonst die Wand und den Stein und das Fenster und das Fensterbrett, auf dem tote Fliegen liegen. Jede Seite, jeder Abschnitt dieses Fächers zwischen den Speichen aus Holz ist eine Seite der Nummer 86, die verschwunden ist. Bunt und schwarz-weiß. Später hat sie Gedächtnislücken und verzählt sich und taucht in das Dunkel ein, wenn sie schläft.

Dort hängen die Crashkids rum. Die gibt’s auch in meinem Viertel, aber viele sind in den Süden gegangen, wo die Punker die Häuser besetzen, weil sie dort sein dürfen. Das sind Kinder, genau wie ich, nur ein bisschen älter, wenn überhaupt. In den Nächten habe ich die oft getroffen. Sogar in der» Bravo «stand was über sie. Vielleicht steht ja auch mal was in der» Bravo«über uns. Aber auch dort durfte ich schlafen. Später haben die da einen erschossen, aber damit hatte ich nichts zu tun. Das kann ich jetzt noch nicht wissen.

«Was ist das?«

«Ich schieß die Goldwolke mit Antigravitationsstrahlen in die Stratosphäre! Ganz einfach!«

Und mit der Straßenbahn fahre ich durch die ganze Stadt am Morgen. Ich habe mich bei denen in einer Kneipe gewaschen, also in einer Kneipe, die die Zecken da haben. Weil ich sauber sein wollte, wenn ich am Flohmarkt bin, wo die ihren Stand aufbauen. Lippenstift und was gegen die Pickel habe ich bei Schlecker geklaut. Da haben sie mich noch nie erwischt. In der Straßenbahn habe ich geschrien und geheult und gesagt, dass meine Mutti zu früh und aus Versehen ausgestiegen ist. Und denen dann die Adresse von einer Schulfreundin gegeben. Weil eine richtige Freundin war das nicht.

Weil ich doch hübsch aussehen will, wenn ich an dem Stand bin. Die kennen mich ja schon. So viele Comics hab ich dort gekauft. Dass jemand Kontrolleur wird, kann ich nicht verstehen. Aber jetzt sind so viele arbeitslos, und wenn ich Geld hätte, also mehr Geld hätte, denn ein paar kleine Scheine hab ich noch in meinem Rucksack versteckt, dann würde ich mir auch eine Fahrkarte kaufen. Am besten eine Monatskarte. Mit der könnte ich durch die Stadt fahren. Durch jedes Viertel. Hin und zurück. Und sogar mit der S-Bahn, wenn ich die teure kaufe, da kann man sich auf die Bänke legen und schlafen, zwischen den Endstellen.