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Diese Crashkids im Süden wohnen auf einem Hinterhof und in einem Haus. Auf dem Hof verstecken sie die Autos, wenn sie die nicht irgendwo schon kaputt gefahren haben. Ich glaube, dass die verrückt sind. Aber sie waren immer o.k. zu mir, in den zwei, drei Nächten, wo ich bei ihnen geschlafen habe.

Und ich glaube, dass ich da auch länger bleiben darf. Und dann sitze ich an dem Baum und schaue den Männern bei der Arbeit zu. Später habe ich dann mal mitgemacht und die Kisten mit den Comics und Videos zu den Verkaufstischen getragen. Weil der Junge, der Robert hieß, mich gefragt hat. Mich drum gebeten hat. Weil er mich schon so oft dort gesehen hat. Und vielleicht hat ihm auch der Lippenstift von Schlecker gefallen. Das war mein Schönstes, wenn ich mich so erinnere, und das klappt manchmal gut und manchmal schlecht. Mein Schönstes in den letzten Jahren. Wie ich da die Kisten tragen durfte. Und auch von mir aus. Weil ich helfen konnte.

Tina erzählt mir über ihren Vater. Den sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat.»Ewigkeiten? Du bist doch erst dreizehn!«

«Vierzehn!«

«Hast du Geburtstag gehabt?«

«Interessiert doch eh keinen.«

«Doch, doch, doch. Ich will’s gerne wissen. Und ich will dir was schenken.«

«Was denn?«

«Na warte, na warte mal!«

Es ist die Zeit, in der sie nackt sind. Er ist immer da, fast immer da, und stellt sie den Männern vor. Tinas Vater hatte wohl was mit Pferden zu tun. Er trinkt, und deswegen sieht sie ihn nicht mehr. Weil ihre Mutter nicht will, dass sie ihn sieht. Weil er trinkt, weil er traurig ist. Und sein Geld verspielt. Und Tina erzählt viel, und sie weiß nicht, was davon stimmt. Und Tina auch nicht, denkt sie manchmal. So wie London, so wie die Queen, aber das ist lange her. Manchmal, wenn sie mit ihm im Auto sitzt, glaubt sie wirklich, dass sie mit ihrer Mutter in London war. Dann sieht sie alles von oben. Wie von oben. Den Tower und die Themse und den Flohmarkt und sich selbst und Tina und an den Rändern der Bilder den Schnabel der kleinen Ente, der ins Bild hineinpickt. Sie friert. Sie sieht die Bilder der Nummer 86 zwischen den Speichen des Fächers an der Wand. Sie beginnt zu zählen. Es spielt keine Rolle mehr, was sie denkt. In ein paar Wochen darf sie nach Hause. Sagt er. Sie weiß nicht, was sie zu Hause soll. Sie ist sechzehn, aber eigentlich fünfzehn, und sieht sich von oben. Weit weg. Ganz klein sitzt sie auf dem Sofa und bewegt den Kopf vor und zurück. Vor und zurück. Ein Entenschnabel pickt. Sie presst die Beine zusammen. Damit sie einen Entenschnabel hat, rasiert er sie. Die Männer mögen ihren Entenschnabel. Und wenn er sie nicht rasiert, rasieren sie sie. Sie erkennt sie am Aftershave und am Parfüm, nicht an den Gesichtern. An den Gesichtern manchmal auch. Aber in die will sie nicht blicken.

«Hattest du denn wirklich Burzeltag?«

«Was für einen Tag?«

«Nun stell dich nicht blöd. Geburtstag!«

«Na, was denkst du denn? Denkst du, ich lüge?«

«Bei dir weiß man nie, Schwesterherz.«

«Wenn du mir blöd kommen willst … Da warn heut schon genug da.«

«Nee, nee. Warte eine Sekunde. «Und sie rennt ins Bad. Greift in den Klokasten und holt die Uhr dort raus. Rennt, nackt wie sie ist, zurück ins Zimmer. Das Klowasser läuft über ihre Hand. Sie sieht die Männer im Flur, die sich dort unterhalten, aber sie ist schnell wieder im Zimmer bei ihren nackten Freundinnen. Die Uhr ist kaputt. Das merkt sie erst später. Als sie die Quarzuhr am Arm von Tina sieht. Die so tut, als würde sie sich am Türrahmen festhalten, als würde sie einen kleinen Tanz dort machen, bevor sie im Schlafzimmer verschwindet. Und da ist die Uhr, an ihrem dünnen Handgelenk. Direkt am Türrahmen. Einige sehr langgezogene Sekunden. TICK TACK. Und sie sieht, dass sie steht, vielleicht schon seit Tagen oder Wochen. Von wegen wasserdicht. Aber Tina sagt nichts und schimpft nicht und freut sich über die Uhr an ihrem Geburtstag, der gar nicht ihr Geburtstag ist.

«Huch! Was sehen meine entzündeten Augen! Der Berg löst sich in Luft auf!«Sei still, Bertel.

Sie sitzen zusammen an der Wand, ihre Beine verknotet über dem Teppich. Dann legen sie ihre Köpfe aneinander, spüren ihre nackte Haut unterm T-Shirt, und der Mann auf dem Kamel sagt:»Nichts als Sand, so weit das Auge reicht! Wo soll man da anfangen zu suchen?!«

Die Augen der Katze klappern und zwinkern, TICK TACK, Tina sieht den Fächer an der Wand, TICK TACK.

Und ich gucke immer zu diesem Jungen. Er ist ungefähr so alt wie ich, vielleicht auch schon siebzehn.

Ich sitze wieder an meinem Baum, der steht neben den Ständen, und beobachte, wie er die Kunden bedient, was in ein Heft schreibt, so ein Mutti-Heft, bestimmt die Nummern und Jahrgänge von den Comics, die er grad verkauft hat. Ob sie endlich den» Kolumbusfalter «haben? Von den Ostcomics fand ich» Atze «und» Mosaik «ganz gut. Andere gab es auch gar nicht, glaube ich. Diese beiden Mäuse in der» Atze «waren ganz witzig. Fix und Fax. Jetzt gibt es Fix und Foxy, aber das sind keine Mäuse, ich weiß nicht genau, was das für Tiere sein sollen. Am Anfang hat er mir was zu trinken gegeben, da war was drin. Und ich war wie im Halbschlaf, als er auf mir lag. Dabei mag ich keinen Alkohol. Ich konnte nichtmal schreien. Tina trinkt einen Schluck von dem Likör, den sie versteckt hat. Aber dann schüttet sie ihn weg, weil sie sagt, dass er so riecht wie das Aftershave von dem einen. Der so gute Anzüge trägt und eine teure Brille. Sie macht auch keine blöden Witze mehr über das Wort. Aftershave. Fix und Fax haben immer in Reimen gesprochen. Die standen unter den Bildern. Und alles, was sie so erlebt haben, war in Reimen. Ich habe mich immer gefragt, wer sich das ausdenkt. Das muss doch schwierig sein. Ich blicke zu dir rüber, mein Lieber. Nee, nicht ganz. Ich mag euren Comicstand, weil ich dich gut fand, also gut finde. Auch nicht wirklich, aber schon besser. Weil ich ja von da aus nicht nach vorne gucken kann, also in die Zukunft. Lustig. Eigentlich bist du süß. Und irgendwann kommt er zu mir und dem Baum und fragt mich, ob ich eine Limo trinken will mit ihm. Na klar, sage ich. Er hat braune halblange Haare, die sind ein bisschen fettig. Wo ich mich doch extra hübsch gemacht hab für ihn. Ich frage ihn, ob der» Kolumbusfalter «da ist. Nein, sagt er, aber vielleicht das nächste Mal. Und dass der mehr kostet als die anderen LTBs. Dass er da aber sicher was machen kann. Ich frage ihn, ob das seine Eltern sind an dem Stand. Nein, sagt er. Wir stehen an einer Limo- und Fressbude, und er spendiert mir noch eine Portion Pommes. Ich erkläre ihm, dass man nicht Pommes sagt, sondern PommFritt, weil das aus Frankreich kommt. Und ich war mal mit meiner Mutter in Paris. Echt? Na klar. Gleich nach der D-Mark. Im Sommer neunzig. Ich esse die Pommes viel zu schnell und bin viel eher fertig als er. Weil ich seit gestern nichts Richtiges mehr gegessen habe. Weil ich mein Geld für die LTBs spare. Und weil ich nicht mehr nach Hause will wegen Jochen.

Er trägt nur ein T-Shirt und hat ziemlich kräftige Arme. Das kommt sicher von der Kistenschlepperei. Er heißt Robert. Hieß der nicht anders? In meiner Klasse gab’s auch einen Robert, aber der war scheiße. Seine Küsse schmecken nach PommFritt. Ich bin froh, dass ich keine Jungfrau mehr bin. Ich lese jetzt doch die» Bravo «und Doktor Sommer. Tina sagt, wir könnten da ja auch mal hinschreiben von unseren Sexerlebnissen. Da guckt sie wieder so, dass ich Angst kriege, und später liege ich mit Robert auf der kleinen Anhöhe vor dem alten Stadion in der Sonne. Ob er nicht zurückmuss, frage ich ihn. Aber er sagt, dass er jetzt Pause machen kann, weil die meisten Kunden ja am Vormittag kommen, und jetzt ist schon Nachmittag, und er muss erst beim Abbau wieder da sein. Die schimpfen dann aber trotzdem mit ihm, und der eine Mann gibt ihm einen leichten Klaps auf seine fettigen Haare. Das sollte ich ihm mal sagen, dass er die öfters waschen soll. Obwohl die sich gut angefühlt haben beim Küssen. Meine Haare habe ich gewaschen, bei den Streetworkern, gestern nachmittag, da habe ich auch das letzte Mal was gegessen. Nachts ist es seltsam in der Stadt. Alles bewegt sich. Und jede dunkle Straßenecke lebt. Tina erzählt mir von den Wohnwagen, da habe ich aber noch nie was von gehört. Der Freund ihrer Cousine hat damit was zu tun. Genau weiß sie es nicht. Aber der ist riesig. Sagt sie. Bestimmt zwei Meter. Und viel stärker als er. Er passt auf Leute auf, das ist sein Beruf. Und wenn der weiß, dass wir hier sind, kommt er bestimmt.