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Robert verspricht mir den» Kolumbusfalter«, als wir auf der Wiese in der Sonne liegen. Ich bin sogar ein bisschen braun geworden im Gesicht an diesem Nachmittag. Er will mich zu oft küssen, und ich nehme ein Taschentuch, mache bisschen Spucke drauf und wische ihm den Ketchup aus dem Mundwinkel.

Er wohnt in Karl-Marx-Stadt, das heißt jetzt Chemnitz, erklärt er mir, schon seit zwei Jahren, und arbeitet in dem Kramladen, wo sie Comics und Videos und Platten und Möbel und sonstwas verkaufen. Er sagt, dass er am liebsten die Hulk-Comics mag. Den kenne ich nicht. Er sagt, und ich glaube, dass er das nur sagt, damit er mich wieder küssen kann, dass er aber auch Micky gut findet.

Micky ist scheiße, sage ich. Und er küsst mich trotzdem. Und er sagt, dass er fragen will, ob ich mitarbeiten kann an dem Stand, oder vielleicht sogar in Karl-Marx-Stadt. Da kann ich ihm noch nicht erzählen, dass alles schrecklich ist. Dass ich die Nummer 86, die er mir verkauft hat, fast auswendig kann. Weil er doch sagt, dass Hulk so stark ist. Und weil er doch sagt, dass ich ja fast so stark wie Hulk bin, den ich überhaupt nicht kenne, als ich ihm einen kleinen Klaps auf seine fettigen Haare gebe, als er frech wird. Und ihn wegstoße, aber nur im Spaß. Und er erzählt mir vom Hulk. Interessierte mich aber nicht besonders, damals. Gähn. Diese Superhelden-Kacke ist eben was für Jungs. Was ich nicht gewusst habe, ist, dass Micky auch im» Kolumbusfalter «mitmacht. Manchmal tut mit alles weh, und dann möchte ich nur noch schreien, aber das mache ich leise, weil’s sonst noch mehr weh tut, wenn er kommt, und die Traumblasen und Sprechblasen sieht keiner.

Es sind fast immer dieselben Gäste, die kommen. Stammkunden, die sie besuchen. Sie wissen nicht, was sie kosten, denn er kassiert das Geld. Sie müssen fast immer nackt sein. Das sieht seltsam aus von oben. Vier, fünf nackte Mädels. In diesem Zimmer. In dieser Wohnung. Draußen fällt der Schnee. Winter dreiundneunzig.

Wenn ich die ganze Zeit ich selbst bin, würde es nicht gehen. Die hatten nur scheiß Videos an diesem Stand. Vorgeschichte:»Hallo Freunde! Stellt euch vor, neulich haben die Panzerknacker … Doch halt, das lest ihr lieber selbst. Hier in diesem Buch aus der Serie» Walt Disneys lustige Taschenbücher «könnt ihr die gefährlichsten Abenteuer miterleben, die ich im Kampf gegen die Panzerknackerbande bestehe. Onkel Dagobert und Tick, Trick und Track sind natürlich auch dabei in den Geschichten:

Dagobert und das Wünschelkraut

Donald als Klassensprecher

Dagobert glaubt nicht an Horoskope

Donald und der Lügendetektor

Dagobert und der Aurum Nigrum

Donald bei den grünen Wilden

Donald auf der Suche nach seltenen Erden

Viel Spaß bei dieser spannenden Lektüre wünscht euch

euer Donald!

Wenn es klingelt, rücken wir zusammen. Telefon oder Türklingel. Dann wissen wir, was kommt.

Wenn das Telefon klingelt, weiß er, dass er bald den Laden zumachen muss. Weil ihm das Leute sagen. Dass er dann dichtmachen muss. Aber das Geld fließt und fließt. Die kleinen Muschis von der Straße bringen so viel Geld, wie er sich das vorgestellt hat. Noch ein paar Monate, und er kann mit der Kohle abhauen und woanders investieren oder sie verprassen. Es ist eine Frage der Zeit. Und die Zeit ist gut zurzeit. Weiclass="underline" Chaos auf den Straßen. Er weiß genau, wo sie sich rumtreiben. Er hat seine Quellen auf der Straße, ohne dass die wissen, was läuft. Er muss nur zugreifen bei den kleinen Fotzen. Was soll er sagen, die hängen eh nur im Dreck. Er hat einen Freund bei den Bullen, und das ist der Faktor. Seine Kontakte rennen ihm die Bude ein. Der Markt explodiert in der Stadt, aber er ist die Ausnahme. Hat mit dem Markt an sich nichts zu tun. So wie die mit ihm nichts zu tun haben wollen. Die» Bild «druckt seine Annonce genauso wie die anderen Annoncen. Und der Faktor ist die Mund-zu-Mund-Propaganda. Über die Mund-zu-Mund-Behandlung. Deswegen ist seine Wohnung der Bestseller. Und deswegen fließt das Geld, dass er stolz drauf ist, dass er das alles so aufziehen kann. Dass er diese kleinen Muschi-Wracks von der Straße aufliest. Da soll ihm mal einer sagen, wo die sonst landen würden. Und wenn er die einreitet, lernen die was fürs Leben. Und wenn er den Laden dichtmacht, können sie abhauen, wohin sie wollen!

Natürlich hat er die Gunst der Stunde genutzt. Und da kann ihm keiner was erzählen! denn die, die kommen und gutes Geld bezahlen, suchen doch so oder so! Und da kümmert er sich um die Mädels noch am besten. Und was die erzählen und lügen, wie alt die sind. Und wenn er den Laden zumacht und verschwindet, geht’s keiner von denen schlechter als zuvor. Aber sicher nicht!

Die Sache ist die, dass er verschwinden muss. Bald. Die Kohle einsacken und verschwinden. Aber das Geld fließt und fließt. Und sein Bulle sagt, dass alles in Ordnung ist. Weil er frei bumsen kann. Der Bulle. Weil er diese eine, die Jüngste, am liebsten bumst. Er weiß genau Bescheid, über die Drecksauen, die bei seinen kleinen Fotzen ein und aus gehen. Es gibt paar Leute aus der Szene, die nicht seine Szene ist, die ihn fragen, was da so läuft bei ihm. Das Übliche, sagt er, Weiber, die jünger aussehen, als sie sind. Und dummes Geschwätz, kennt ihr ja. Lügen. Verleumdung.

Und weil er auch noch eine andere Wohnung betreibt, wo die Weiber nicht so jung sind, geht das alles seinen Gang. Und weil die Männer gerne zu seinen jungen Fotzen kommen und gar nicht aufhören können, zu seinen jungen Fotzen zu kommen. Die Männer, von denen er genau weiß, dass sie die Gesetze machen und vertreten und investieren in dieser dunklen chaotischen Stadt. Anwälte, Justiz, Immobilien-Haie, Walfische, Ex-Stasis, Politik. Seine Versicherungen. Winter dreiundneunzig, er schleppt das Geld zur Bank.

Wenn ich nicht so nett wäre, würde das gar nicht laufen. Ich gehe doch in kein Schlafzimmer und sage:»Heh, Mädchen, komm mit!«Die sind am Ende. Wurden vorher schon durchgefickt. Wenn ich sage» Rudelbumsen!«, wissen die genau, was ich meine. Und wenn die mit» Lutschen «und» Arschficken «anfangen, staune ich selbst. Das muss doch jeder kapieren in der heutigen Zeit, dass es da nur ums Geld geht. Ich meine, wir sind in der Zone. Und vor allem in der Zeit nach der Zone. Da gibt’s genug Möglichkeiten für jeden und für jede. Kann mir keiner was erzählen von Ausbeutung. Eben nicht. Ich hab gelernt, und ich bin sicher kein Lamm, wenn das jemand versteht. Ich steck den Schwanz in die Fotzen rein, damit die wissen, was heute so geht, was heute so los ist. Was soll denn das? Die klauen und flittern auf der Straße rum, und ich sorg dafür, dass das bisschen organisiert ist. Was weiß ich denn, wie alt die sind, denn die lügen, lügen, wenn sie ihr Fotzenmaul aufmachen. Dass ich jemanden geschlagen habe, ist die Ausnahme. Und das reißen die so gerne auf, kann ich nur immer wieder sagen.

«Grummel … grummel … Wo mag er nur hingegangen sein?«

«Alle Mann Herrn Düsentrieb suchen gehen! Los!«

«Ich bin aber müde!«

«Du bist immer müde, wenn’s drauf ankommt!«

Ich kann nur noch zurück. Weil ich nicht mehr kann. Ich habe schon längst aufgehört zu zählen.

Er hat gesagt, wenn er mich anfassen darf und wenn ich ihn anfasse, kann ich mit nach Chemnitz. Der vom Flohmarkt. Ich denke jetzt oft an meine Mutti. Und ich will die Tablette, die er uns manchmal gibt. Der. Und ich will meine Comics, weil ich nur noch das halbe, das kaputte habe, mit der Vorgeschichte und einem kleinen Stück nichtmal bis zu Mitte. Und selbst an Jochen denke ich oft, der hat mich nur manchmal geschlagen und eigentlich nur geschimpft.