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Mutti hat nach neunundachtzig oft überlegt, in den Westen zu gehen. Wir sind nur einmal im Westen gewesen, in Berlin. Das war im Dezember neunundachtzig. Da hat’s mir gefallen. Die vielen Läden, die großen Straßen.

Das bunte Leuchten am frühen Abend in diesen großen Straßen.

Das war kurz vor Weihnachten. Es schneite. So viel Schneematsch auf dem Fußweg. Und meine Schuhe waren ganz nass, und als wir zurück zu Hause waren, der Zug fuhr die ganze Nacht, habe ich mich erkältet. Musste fünf Tage nicht in die Schule. Das war noch vor Jochen. Mutti hat mir Tee gekocht, und ich habe den ganzen Tag im Bett gelegen und Fernsehen geguckt. Und meine ersten LTBs gelesen, die ich mir in Berlin mit meinem Begrüßungsgeld geholt habe. Die Hälfte von meinem Geld hat Mutti genommen. Die alten Lieder sind verschwunden. Wir haben sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr gesungen in der Schule. Ich habe immer viel gesungen. Bei den Pionieren. Da war ich im Chor. Das hat mir geholfen, weil ich in den anderen Fächern nur so mittel war. Ich will nie wieder unten sein. Ich will nie wieder liegen.»Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, / unsere Heimat sind auch all die Bäume im Wald. / Unsere Heimat ist auch all das Gras auf der Wiese …«, das war ein Klassiker, obwohl ich nicht gut auswendig lernen konnte. Aber ich kann fast das ganze LTB auswendig, komisch, ich versteh’s selber nicht, also bin ich gar nicht so schlecht mit dem Auswendiglernen. Nur vor der Klasse fiel’s mir schwer. Da war sogar mal eine, die hat sich eingemacht, vor der ganzen Klasse. Pille, Pille, und die Hose war nass. Die helle Hose. So eine hässliche helle DDR-Hose, Hochwasserhose, kann ich gar nicht verstehen, wie man sowas tragen konnte. Direkt bei der Muschi. Ein Fleck. Und das hat gerochen. Das stimmt doch alles nicht.

«Und wir lieben die Heimat, die schöne, / und wir schützen sie. «Das ist alles durcheinander, Robert, ich mag dich auch. Ich will mitkommen. Tina kann nur noch lachen, wenn ich Unsinn erzähle. Weil ich das alles gesammelt habe, in einem Stück von meinem Kopf. Aber das war in Ordnung, mit dem Begrüßungsgeld, für fünfzig Mark kriegt man schon eine Menge. Mutti hat geweint, als die Mauer fiel. Weil sie so große Angst hatte, was jetzt werden soll. Weil sie doch getippt hat bei der Partei. Bei dieser Zeitung von der Partei. Ich verstehe das alles nicht richtig. Und will’s auch gar nicht. Und sie hat uns einen Föhn gekauft und einen Mixer für die Küche und ein kleines Radio, auch für die Küche. Da waren die anderen fünfzig Mark von mir mit drin. Dabei hatten wir schon einen Mixer und einen Föhn auch, aber die neuen waren was Besonderes. Ich habe mir dann immer Pudding mit dem Mixer gemacht, also diese neuen Cremes, weil richtiger Pudding war das nicht, so leichte, ganz cremige Sachen. Schoko. Vanille. Mit Milch angerührt. Ich will nicht, dass er die Filme später verkauft. Ich habe Angst, dass es die Filme dann auf dem Flohmarkt gibt. Oder die Fotos. Ich weiß, dass er da eine Kamera versteckt hat. Und dass ich drauf bin. Und weil ich Angst habe, dass Mutti das irgendwann sieht. Und dass sie dann noch mehr trinkt aus Kummer. Ich will nicht, dass das irgendjemand sieht. Ich denke manchmal, ich kann alles zurückspulen und löschen. In meinem Kopf. Wenn alles vorbei ist, will ich wieder auf den Flohmarkt gehen. Aber ich weiß nicht, ob der im Winter auch da ist, draußen schneit es. Ich schlafe meistens im Sitzen, wenn das geht. Im Sessel oder so. Ich will nie wieder liegen.

«Oje! Das war das schlimmste Abenteuer meines Lebens! Aber jetzt kann ich sagen: Ende gut, alles gut!«

(Nachgeschichte: Im März 1993 wird die Wohnung in der Mecklenburger Straße von der Polizei geräumt. Der Betreiber M. wird später zu knapp dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Über die Kundschaft wird nichts in der Öffentlichkeit bekannt. Angebliche Videos und Fotos bleiben verschwunden.)

Tokio im Jahre null

I Der Tempel

Wo bist du?

Schau nach oben. Aber der Himmel über dir ist grau, ein großes graues Loch, und dein Gesicht wird nass. Schneeflocken schmelzen auf deinem Mantel.

Du stolperst und stützt dich auf deinen Stock. Du fühlst das glatte Holz auf deiner Hand, die den Knauf umklammert.

Du stehst auf dem Fußweg an einer großen Straße, Menschen laufen an dir vorüber, während es immer noch schneit. Es sieht aus, als würden sie Masken tragen, weiße Masken aus Schnee, aber Lichter blenden dich, ein buntes Leuchten, flimmernde fremde Neon-Zeichen, die du nicht verstehst, nicht lesen kannst, noch nie gesehen hast. Orange, rot, rosa, hellblau, grün, violett, überall um dich herum, nächtliche Regenbögen über bunten Sonnen, du schließt kurz die Augen und suchst die Dunkelheit und suchst die Stille, wie bist du in diese Stadt, die du nicht kennst, gekommen? Wie lange irrst du schon durch diese endlose Nacht?

Du willst in eine der schmalen Gassen gehen, aber die Lichter und die Farben, die von dort zu dir dringen, sind noch viel heller und strahlender als die, zwischen denen du jetzt stehst und den Kopf bewegst und deinen Körper drehst und dich immer noch auf diesen Stock stützt. Hohe Häuser, Rechtecke, aus denen farbige Ranken wachsen, auf denen die Zeichen und Symbole leuchten. Du lehnst dich an eine Hauswand und nimmst den Stock und betrachtest den Knauf. Ein Drachenkopf, denkst du. Oder der Kopf eines Dämons. Ein Mann hat dir diesen Stock gegeben, ihn dir überreicht, er lag auf beiden Händen des Mannes, als er ihn dir reichte. Den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt. Das war vor … Stunden, Tagen, Wochen?» It will not only help you walking. This is an old symbol and it will protect you in our world.«

Vor dir laufen die Menschen, ein ungeordnetes Fließen in alle Richtungen, die Autos auf der Straße bewegen sich sehr langsam, du siehst unzählige schwarze Limousinen, die zu einem dunklen Band verschmelzen in der Mitte der strahlenden Quader und Türme, und du blickst auf diese große langsame Bewegung der schwarzen Fahrzeuge, blickst auf die bunten Ranken, die aus den Fassaden wachsen und die sich auch zu bewegen scheinen, zu wachsen scheinen, nach oben und quer und diagonal, entlang den Fassaden, große Schriftzeichen, die dir rätselhaft sind. Niemand beachtet dich, wie du da an der Hauswand lehnst, den Stock in beiden Händen hältst, den Kopf des Drachen, den Kopf des Dämons betastest, als wärst du blind. Du bist unter fremden Menschen. Fremde Gesichter. Weiße Masken, wie aus Schnee.

Du durchsuchst deine Taschen, findest einen kleinen Kalender, AOK, neunzehnhundertneunundneunzig, alle Tage und Monate sind durchgestrichen, übermalt. Du findest ein Flugticket, aber du kannst dich nicht daran erinnern, dass du aus einem Flugzeug gestiegen bist, dass du in ein Flugzeug gestiegen bist. 11. 2. 2000 kannst du noch erkennen, bevor es dir aus der Hand fällt, nein, aus dem Strom der Menschen vor dir, der immer dichter wird, griff eine kleine Hand danach, und es verschwand. Du schließt die Augen und siehst, wie sie dir winken. Du sitzt in einem Zugabteil und lehnst den Kopf an die Scheibe, presst die Stirn an das kalte Glas, blickst zu dem Bus, der unterhalb der Bahnstrecke fährt. Kinder heben die Hände, lachen, Uniformen, Schulranzen, der gelbe Bus biegt ab, verschwindet zwischen flachen, schmalen und grauen Wohnblöcken, und du schaust dem Winken hinterher. Dann plötzlich ein Wald, die Bäume, die wie große Farne aussehen, berühren die Scheibe, hinter der dein Kopf ist. Ein Stock lehnt zwischen deinen Beinen. Der berührt deine Knie und klopft an deine Knie, wenn der Zug durch die Kurven fährt, und du streichst mit den Händen über deine verheilten Wunden und hast das Gefühl, dass da immer noch zwei Löcher unterm Stoff deiner Hosenbeine sind, in die du deine Finger hineindrücken kannst. Und der Wald kommt auf dich zu, und der Wald bewegt sich von dir weg, und Schneisen zwischen den Bäumen, in denen kleine flache Häuser stehen, mit geschwungenen Dächern.