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Du weißt nicht, was du sagen sollst, und nickst und blickst über ihre Schultern zu den anderen Tischen, die meisten sind leer, Kerzen in Gläsern, nur vor der Frau an der Stange sitzt ein Mann in einem dunklen Anzug und blickt dich über nackte Schultern an, aber er sitzt allein am Tisch, ein weißer schmaler Rücken bewegt sich, als würde diese Frau, die sich zu ihm beugt und die nicht da ist, aufgeregt mit dem Mann im dunklen Anzug reden. Der Mann dreht sich zu dir um und blickt dann wieder auf die Tänzerin.

Die kleinen Brüste an der Stange. Tapeten mit Fächermuster, ein schmaler Raum, ein schmaler Korridor, aber als du den Kopf zurücklegst, siehst du den klaren Nachthimmel und die Sterne.»Where is Hakone?«, fragst du, und sie lächelt, Straßen und Gassen und Menschen und Schneeflocken treiben zwischen den Häusern, den Fassaden, wer tanzt da vorne, und wer sitzt allein? und Schneeflocken berühren deine Augen.

«You Hakone-San?«

«Hakone, hot fountain, near the coast.«

«You want Hako? In Haikyo?«

«Tokio?«

«Hai!«

«Hello.«

«You want amai, girl, ima, you onaka?«

Du verstehst nichts, und deine Beine sind kalt und steif, und du bewegst deine Beine unterm Tisch und siehst, wie sie den Kopf schüttelt und dann nickt und ihr leeres Glas hebt. Sie hat blonde Haare. Trägt ein braunes Kostüm.»Keine Angst, ich bin allein gekommen. Es ist einsam in den Sümpfen. «Dunkelheit. Du spürst, wie dein Kinn dein Hemd berührt. Geräusche. Das Klirren von Gläsern, Eiswürfel, die Stimme des Mädchens wie ein Silberfaden inmitten der immer lauter werdenden Musik,»You want good meal?«,»Nein«, sagst du,»No«, sagst du,»sayonara«, sagst du, als du aufstehst, irgendwann später, ein Bündel Geld liegt auf dem Tisch, dein Geld, und als du dich umdrehst, draußen, in diesem bunten Nebel, der sich vor dir öffnet und von allen Seiten in deine Augen und deinen Körper dringt, steht das Mädchen hinter dir, sie hält einen dampfenden Teller Nudeln in beiden Händen so dicht vor deinem Gesicht, dass du in den Dampf atmest und dicke Fleischklumpen zwischen den weißen Fäden erkennst, dir wird übel, ein Mann neben ihr, gelber Anzug, jemand singt laut und falsch hinter der halbgeöffneten Tür, ein kleiner Mann hat auf dem Podest gestanden, das Hemd aufgeknöpft, die Brille beschlagen, ein Mikrofon in der Hand, die Tänzerin sitzt nackt auf seinem Stuhl, an seinem Tisch.»Where you go?«, und du schiebst das Mädchen und den Mann im gelben Anzug zur Seite und gehst zwischen ihnen wieder durch die Tür, durch die du eben auf die Straße getreten bist, hörst, wie der Teller auf dem Pflaster zerspringt, gehst an dem singenden Mann vorbei, hinter dem die Frau wieder tanzt und immer noch tanzt und die Stange mit beiden Händen hält, als würde sie sonst zu Boden sinken, der Mann im dunklen Anzug, der eben noch gesungen hat, ist verschwunden, du nimmst deinen Stock, den du fast vergessen hättest, deine Beine sind kalt und taub, und du humpelst nach draußen, Love-Hotel, flüsterte das jemand in dein Ohr, oder hast du die englischen Worte nur gelesen auf deinen Wegen durchs Licht dieser Nacht? Der Mann im schwarzen Abzug läuft neben dir und legt seine Hand auf deine Schulter.

«Welcome in Hakone, Mister Kraushaar. Willkommen. You good friend von …, mein guter Freund Hans. I don’t speak German, just a little. I am very sorry. Good friend of Hans is good friend of mine. Welcome to Hakone. Willkommen, Kraushaar-San. We will do all the best for you, that you can rest. And you will forget all the hard times and all your troubles. It is a great honour for us to have you here. You can stay as long as you want. Please be my guest, my houses are yours, sit down and feel comfort, Mister Kraushaar.«

II Schneeland

Du betrittst den Tempelhof, der von einer kleinen Mauer umgeben ist, durch das rotbraune hölzerne Tor. Es hat aufgehört zu schneien. Du bist am Ufer eines Flusses entlanggelaufen. Verlassene Schiffe, die du für Dschunken hieltest, schaukelten vertäut am Ufer. Große Möwen saßen auf den verrotteten Aufbauten, zwischen denen bunte Laternen baumelten. Der Wind fuhr dir kalt ins Gesicht und unter den Mantel. Ein schmaler Weg direkt am Wasser, darüber die Straßen und Häuser. Niemand kommt dir entgegen, du hörst keine Autos auf den Straßen über dir. Du gehst über eine große hölzerne Brücke, blickst auf das dunkle Wasser. Der Fluss verschwindet zwischen den Häusern.

Du stehst an einer Kreuzung, siehst eine riesige goldene Rolex-Werbung, deren Licht dich noch vor Tagen geblendet hätte. Es ist kurz nach elf auf deiner Rolex, hast du die Zeit noch nicht verstellt, seit du in diesem Land, auf dieser Insel am anderen Ende der Welt bist? Silberne Bäume auf einem Boulevard. Zehntausende Lämpchen zwischen den kahlen Zweigen. Du versuchst, dich an Weihnachten zu erinnern, an Silvester, aber da ist nichts. Und du löst den Verschluss deiner Rolex, wirfst die Uhr in den großen Pappbecher eines Bettlers, der unter einem der silbernen Bäume hockt, ganz allein auf diesem großen leeren Boulevard. Es klappert und klimpert, als die Uhr auf die Münzen trifft, und du hörst, wie der Bettler, ein hagerer Mann mit braunem hageren Gesicht, in das seine grauen Haare fallen, dir etwas zuruft, als du weitergehst.»Bleib doch, mein Freund, ich bin hier ganz allein!«Das leuchtende Werbeschild einer Stripbar, aber das interessiert dich nicht. Du suchst den Tempel, dessen gelbes Licht in den Raum drang, in dem du lagst. Gentlemen’s Club — Live Nude — Topless. Du bist nicht mehr oder noch nicht in diesem Neon-Bezirk, in dem Zehntausende Frauen und Tausende Aufreißer und Zehntausende Clubs und Bars und Salons und Keller und Hochebenen voller Frauen in Manga-Uniformen, in Schul-Uniformen, in edlen Kostümen, halbnackt, im Licht und im Dunkeln warten und ausschwärmen, Körper und Stein kriechen auf dich zu, und die Scheine rascheln zwischen den Schildern, sich einmal nur ausruhen, sich einmal nur ablegen, wie spät es wohl ist, und du wechselst die Straßenseite, läufst langsam auf den»24-Hours-Pet-Shop «zu. Keine Autos. Dieser Teil der Stadt scheint verlassen zu sein. Du drehst dich um, die hohen Fenster des Gentlemen’s Club im ersten Stock, eine kleine Treppe führt zu einer kleinen Tür, ein hellblaues Leuchten, du sitzt nicht an der Bar, du siehst nicht die Mädchen, die alle sehr japanisch aussehen, wie sie nackt tanzen, mit Gasmasken vor ihren Gesichtern, in gläsernen Käfigen (……………………..), Ming-Vase ist Ming-Vase, habt ihr früher gescherzt, Fidschi-Town, aber jetzt arbeiten nur noch wenige Asiatinnen in deinen Objekten (………… …………..), du bist dir nicht sicher, ob diese Informationen, die plötzlich auftauchen, stimmen. Dunkelheit. Du liegst. Es ist kalt. Schnee oder Eis bedeckt dich. Ein Geräusch, als würde jemand ein großes Schubfach aufziehen. Du liegst. Jemand beugt sich über dich und berührt mit einer silbernen Pinzette deine Augen.»Lass mich deine letzten Bilder sehen, großer Mann.«

Wie eine Explosion dringt es durch deine Augenhäute, und du duckst dich, zuckst zusammen, stehst im endlosen Strom der Fahrzeuge, in der Mitte der großen Straße, läufst auf die Bäume mit den Lämpchen zu und bleibst vor dem»24-Hours-Pet-Shop «stehen. Käfige sind im Inneren des Ladens übereinandergestapelt. Stehen übereinandergestapelt im Schaufenster. Du erkennst Kaninchen und kleine Hunde hinter den Gitterstäben. Siehst Vögel und Glaskästen, in denen seltsame Reptilien hocken. Und ein Mann mit weißer Kittelschürze läuft zwischen den Käfigen und Kästen emsig hin und her. Hohe Käfige mit großen Papageien. Flache Glaskästen mit Ratten oder Mäusen. Ein junges Mädchen kommt aus der Tür, sie trägt eine kleine Gasmaske vorm Gesicht, deren Rüssel mit dem Atemschutzfilter ein weißes Kaninchen berührt, das sie an ihre Brust presst. Die dunklen Augen eines kleinen Hundes, den ein Mann an einer mit Glitzersteinen besetzten Leine hinter sich herzieht, die er wohl mit dem Hund in dem Laden gekauft hat. Der Hund stemmt die Vorderbeine in den Stein des Fußwegs. Du hockst dich hin und streckst deine Hand aus.