Ranger (Im Transit, Demarchy nach Diskus)
+ 2,40 Megasekunden
Bertha saß allein am Kontrollpult im sanften Halbdunkel des Kontrollraums und verfolgte den endlosen Strom der Fernsehübertragungen des Demarchy, die ihrer eigenen Wahl zufolge lautlos waren und die sie immer noch verfolgten, zweihundert Millionen Kilometer entfernt. In einer Art hypnotischer Gebanntheit machte sie sich Gedanken über die immer in Bewegung befindliche Medienmaschine des Demarchy und fragte sich, wie denn ein einziger Bürger — Demarchos? — jemals eine vernünftige Entscheidung treffen konnte, wenn er ständig mit tausenderlei Variationen der Wahrheit konfrontiert wurde. Und da sie selbst auf Mekka die Medienmänner kennengelernt hatte, hätte sie genug wissen sollen, um Wadie Abdhiamal Gelegenheit zum Sprechen zu geben…
Abrupt schaltete sie die Übertragungen ab und übertrug das Bild von Diskus auf den Schirm. In Gedanken sah sie die Rangen ein winziges Pünktchen, allein innerhalb von fünfhunderttausend Kilometern kahler Finsternis, das der Bahn von Diskus um die Sonne folgte, eine Bahn, die es wegführte von dem Felsenschwarm, der das Demarchy war. Doch dann erinnerte sie sich daran, daß sie nicht vollkommen allein waren. Sie dehnte die Vision ihres Verstandes aus und stellte sich die grotesken, langsamen Erzfrachter des Demarchy vor, die durch die Einsamkeit krochen. Schiffe, die eine Entfernung in hundert Tagen zurücklegten, für die ihr eigenes Schiff höchstenfalls sechs Tage benötigte. Ein kaum überbrückbarer Abgrund, von dem letztlich das Überleben des Demarchy und der Ringe abhing. Und eines Tages würde es keine Schiffe mehr geben, ihn zu überqueren…
Aber jetzt, wenn sie die violette Spur des Ausstoßes der Ranger zurückverfolgte, sah sie die drei Pünktchen, die sehr wohl die drei Fusionsschiffe sein konnten und die sie mit den empfindlichsten Instrumenten des Schiffes gerade noch wahrnehmen konnte.
Sie verfluchte das Demarchy, seine dünkelhafte Sophisterei, die künstliche Pracht, die sinnlose Vergeudung seiner Medien. Narren, die sich fanatisch an ihre Unabhängigkeit klammerten, wo sie doch eigentlich alle hätten zusammenarbeiten müssen. Sie lebten auf der Basis einer egoistischen Gier, ohne eine stabile Regierung, um sie zu kontrollieren, keine ehrlichen Bande von Freundschaft oder Verwandtschaft, nur Selbstsucht und Gier nach Wohlstand des Individuums… Und dann ihre Frauen. Nutzlos, frivol, verschwenderisch. Die größte Verschwendung in einer Gesellschaft, die doch so sehr auf ihre Ressourcen angewiesen war — auch auf die menschlichen.
Bruchstücke einer Unterhaltung formten sich in ihrem Verstand zu einem Ganzen — und plötzlich erinnerte sich Bertha daran, was Clewell über die verkrüppelte Bird Alyn gesagt hatte. Vielleicht waren sie in gewisser Weise eine Ressource, die man beschützen mußte: gesunde und fruchtbare Frauen, in einer Gesellschaft, wo der Strahlungspegel immer überdurchschnittlich hoch war. Frauen, die aus diesem Schutz eine Lebensart gemacht hatten, die so künstlich war wie alles in ihrer Welt… Vielleicht lag die Gefahr genetischer Schäden direkt an der Wurzel all der unverständlichen Gebräuche ihrer sexuellen Moral. Verzweifelte Menschen vollbrachten Verzweiflungstaten. Das hatte man zu Beginn sogar bei den Menschen von Morningside gesehen…
Sie drehte sich etwas in ihrem Sessel, um den schlafenden Shadow Jack zu betrachten, der friedlich träumend auf dem Boden lag, neben sich ein aufgeschlagenes Buch mit Bildern von Morningside. Wenn man die Lage schon für das Demarchy als verzweifelt ansehen mußte, überlegte sie, was mußte dann erst über Lansing gesagt werden? Mit einer Hand spielte sie liebkosend mit den Ringen an ihren Fingern, als Wadie Abdhiamal eintrat.
„Kapitän.“ Er machte seine übliche Verbeugung. Sie nickte erwidernd und sah ihm zu, wie er herüberkam: der ordentliche Demarchos, übertrieben geschniegelt und übertrieben freundlich. Und so ungeschickt wie ein Kind, das seine ersten Gehversuche macht. Sein Gesicht wirkte ausgezehrt, man sah ihm deutlich die Folgen von Streß und Flüssigkeitsverlust an. Sie erinnerte sich daran, daß er auf der Lansing 04 seinen Trinkwasservorrat dazu verwendet hatte, Gesicht und Hände zu waschen, in der Meinung, niemand würde ihm zusehen… Sie strich sich abwesend durch ihr Haar. „Haben Sie alles Notwendige gefunden, Abdhiamal? Haben Sie gegessen?“ Er hatte nicht zusammen mit ihnen allen im Speisesaal gegessen.
Er setzte sich. „Ja… etwas. Ich weiß nicht, was.“ Bei der Erinnerung sah er plötzlich merkwürdig kränklich aus. „Ich fürchte, Fleisch bekommt mir nicht besonders.“
„Wie… fühlen Sie sich?“
„Heimweh.“ Er lachte selbstanklagend, als sei es eine Lüge. Dann betrachtete er den blanken Schirm. Rusty sprang auf sein Knie, kuschelte sich in seinen Schoß, ihr Schwanz kitzelte ihre eigene Nase. Er streichelte ihr mit seiner dunklen Hand den Rücken. Bertha bemerkte den massiven Silberring mit den eingelegten Rubinen an seinem Finger.
„Tut mir leid.“ Sie holte die Pfeife aus der Hüfttasche ihrer Jeans, deren vertraute Form ihre Hände beruhigten.
„Keine Ursache.“ Er bewegte sich, worauf Rusty anklagend murrte und sich räkelte. „Denn Sie hatten recht, Kapitän, und ich habe die richtige Entscheidung getroffen, mit Ihnen zu kommen. Das Demarchy darf Ihr Schiff nicht bekommen — niemand in Himmels Gürtel darf das… Ich sage das nicht wegen der Dinge, die mir widerfahren sind…“ Aber etwas in seiner Stimme verriet ihr, daß das nur die halbe Wahrheit war. „Schon als ich das erste Mal von diesem Schiff hörte, wußte ich, zu viele Leute würden damit Gott spielen wollen.“ Er sah auf. „Auch wenn es nicht recht von mir ist, ich würde Ihr Schiff immer noch dem Demarchy übergeben, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte — weil ich es damit vielleicht retten könnte. Aber das könnte ich wahrscheinlich nicht. Die Regierung ist zu schwach, sie könnte gegenwärtig ihre Position keinesfalls halten.“ Seine Finger gruben sich in das nachgiebige Polster des Sessels, sein Gesicht war ausdruckslos. „Darum sage ich Ihnen das. Ich werde Ihnen helfen, von hier zu verschwinden, wo immer ich kann. Ich werde alles tun, was Sie von mir verlangen. Als meine letzte Tat für das Demarchy, um den Menschen dort einen letzten, kleinen Zeitvorsprung zu verschaffen — und um sie vor sich selbst zu retten.“ Seine Augen glitten zu Diskus, der auf dem Schirm zu sehen war. „Wenn ich schon ein Verräter sein soll, dann werde ich auch ein guter Verräter sein. Ich will stolz auf meine Arbeit sein können.“
Sie riß sich gewaltsam davon los, jeder seiner Bewegungen zu folgen. Ihr Gesicht war heiß. „Wenn Sie das wirklich ernst meinen, Abdhiamal, dann… nehme ich Ihre Hilfe an, welchen persönlichen Motiven sie auch immer entspringen mag. Ich muß alles wissen, was Sie mir über die Ringbewohner — die Ringer — erzählen können, ganz besonders benötige ich Anzahl und Standort ihrer Destillen. Egal wie primitiv sie sind, wenn wir ihnen mit einem unbewaffneten Schiff etwas stehlen wollen, müssen wir es sorgfältig planen… Und wie Sie schon sagten, bisher war ich bei der Durchsetzung meiner Wünsche nicht sehr erfolgreich. Strategie war schon immer Erics Sache — nie meine.“
„Ganz im Gegenteil. Auf Mekka haben Sie uns alle übertrumpft.“ Er bedachte sie mit einem ironischen, beifälligen Lächeln. „Ich glaube, ich kann Ihnen ausreichend genaue Koordinaten geben. Vor etwa zweihundertfünfzig Megasekunden habe ich lange Zeit in den Ringen verbracht, als ich ihnen half, ihre Hauptdestille zu vergrößern. Tatsache ist, ich habe…“ Plötzlich brach er ab. „Erzählen Sie mir von Morningside, Kapitän. Erzählen Sie mir von Ihrem Volk und wie man dort die Dinge angeht. Unser Weg scheint Ihnen nicht besonders zuzusagen.“
Sie überdachte die Worte, um hinter den Sinn dieses unerwarteten Themenwechsels zu kommen. Doch sie war sich nur sicher, daß er nicht wirklich eine Antwort haben wollte, sondern nur eine Ablenkung suchte. Wie ich auch. „Nein, er sagt mir wirklich nicht besonders zu, aber das ist Sache des Demarchy, es sei denn, es verstellt mir meinen Weg damit… Ich glaube, man könnte sagen, wir setzen unsere zwischenmenschlichen Beziehungen über alles — sowohl als Menschen und Freunde wie auch, ganz besonders, als Blutsverwandte. Sie wissen ja bereits von unserer Familieneinheit durch multiple Heirat.“ Sie sah auf, dann wieder weg. Er gab keinen Kommentar, doch sie konnte sein Unbehagen spüren. „Über allem steht unser ,Klan’ — nicht im technischen Sinn der Alten Welt, sieht man davon ab, daß die Zugehörigkeit einem sagt, wen man nicht heiraten kann — die Elternfamilie, Geschwister, die eigenen Kinder. Alle unsere Beziehungen erstrecken sich aber noch darüber hinaus… manchmal fast bis in die Unendlichkeit. Wir versuchen alle nach besten Kräften, uns gegenseitig umeinander zu kümmern. Fast jeder hat Verwandte irgendwo… es sei denn, eine Person, die nicht an der Arbeit teilhaben will, erkennt, daß nicht einmal ihre eigenen Verwandten mit ihr glücklich und zufrieden sind.