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Die einzige formale soziale Struktur über dem Klan ist das, was wir als ,Halbheit’ bezeichnen…“ Sie verlor sich im Klang ihrer eigenen Stimme, vergaß sogar Abdhiamals Anwesenheit. Die lebende Erinnerung ihrer Erklärung erfüllte den Raum zwischen ihnen mit Bildern und Reminiszenzen… Die Borealis-Halbheit: eine unabhängige ökonomische Einheit zur Verteilung von Gütern und Dienstleistungen. Die Borealis-Halbheit: ihre Heimat, ihre Arbeit, ihre Familie, ihre Welt… ein lachendes Kind — ihre Tochter, oder sie selbst — ließ sich zurückfallen, um auf einer Schneewehe ungelenke, staksige Spuren zu hinterlassen…

„Unsere Industrie wird unabhängig geleitet, wie Ihre auch — aber ich nehme an, Sie würden sie trotzdem als ‚monopolistisch’ bezeichnen. Man arbeitet zusammen, aber nicht aus Profitgier, sondern weil man dazu gezwungen wird, sonst geht man unter. Das funktioniert, weil wir niemals von etwas zuviel haben — und das gilt besonders für Menschen. Meine Elternfamilie und viele meiner nächsten Verwandten betreiben eine Baumfarm in der Borealis-Halbheit… auch meine Frau Claire arbeitete dort. Manche Familien spezialisieren sich auf den Handel, aber Clewell und ich und unsere anderen Angehörigen waren von allem etwas…“ Sie erinnerte sich an das Ende des Tages in der endlosen Dämmerung, die Familie saß gemeinsam um den langen, dunklen Holztisch herum, während die Kinder ihnen das Essen brachten. Die behagliche Wärme des Feuers, die versinkende Sonne, die nie ganz vom Himmel verschwand, das belanglose Gerede über die kleinen Triumphe des Tages, die angenehme Schläfrigkeit… das herzliche Willkommen für einen Anverwandten, den seine Aufgabe Stunden oder Tage von zu Hause ferngehalten hatte. Eric, der von einer langen Unterredung mit der Halbheit zurückkehrte…

Sie sah Wadie Abdhiamal, der im Kontrollraum der Ranger zurückgelehnt in seinem Sessel saß. Ein Verhandlungsführer… Ich regle Streitigkeiten, arbeite Handelsverträge aus… Abdhiamal betrachtete sie mit leicht verwirrter Miene. Sie schüttelte den Kopf.

Hör auf damit. Hör auf, einen Narren aus dir zu machen! „Ich… ich habe fast vergessen: Wir haben auch einen Hohen Rat, eine Art Parlament, das sich aus den Ältesten der einzelnen Halbheiten zusammensetzt, die gewählt werden. Er regelt unseren spärlichen interplanetaren Handel und kümmert sich um Notfälle. Von ihm ging auch der Vorschlag zu unserer Reise nach Himmel aus. Aber er hat nicht viel mit unserem täglichen Leben zu tun…“

„Dann seid ihr in gewisser Weise wie wir“, sagte Abdhiamal, „ohne starke, zentralisierte Regierung, Liebe zu Freiheit und Unabhängigkeit…“

„Nein!“ Sie schüttelte den Kopf, eine Geste, mit der sie mehr als nur die Worte verneinte. „Wir sind wie eine Familie. Wir erledigen unsere Probleme durch Zusammenarbeit, nicht durch Rivalität wie im Demarchy. Euer System ist paradox: Das Individuum hat absolute und doch auch wieder überhaupt keine Kontrolle, wenn es nicht der Mehrheit angehört. Wir arbeiten zusammen und schließen Kompromisse, denn ohne sie könnten wir nicht überleben… Und wenn man die Situation betrachtet, in der das Demarchy sich gerade befindet, dann würde ich sagen, es kann es sich auch nicht mehr lange leisten, die Eigeninteressen des einzelnen über alles andere zu stellen.“

Abdhiamal blinzelte, als hätten ihre Worte ihn wie ein Schlag getroffen. Doch er zuckte lediglich die Achseln. „Unnötig zu sagen, daß wir selbst uns nicht in diesem Licht sehen. Ich glaube, Ihre Vorstellung von Kooperation findet in der Großen Harmonie der Ringe eine bessere Verwirklichung.“ Die Worte waren frei von Sarkasmus. „Auch dort setzt man die Zusammenarbeit weit über alles andere, weil man darauf angewiesen ist. Die Ringe waren nicht so glücklich wie das Demarchy, nachdem der Krieg vorbei war. Aber man hat einen sozialistischen Staat und eine starke Flotte. Die Zusammenarbeit beruht allerdings auf Waffen, und das ist überhaupt keine Zusammenarbeit. Daher sind sie geächtet, wenigstens was das Demarchy anbelangt. Sie haben kein Vertrauen in die individuelle menschliche Natur, auch dann nicht, wenn sie auf Verwandschaftsbeziehungen basiert.“

Bertha kämpfte gegen eine plötzliche irrationale Abneigung an. „Bisher hat es gut genug funktioniert. Wenigstens töten wir keine Fremden, die zu uns kommen, um Hilfe zu erbitten.“

„Vielleicht hatten Sie dazu bisher noch keinen zwingenden Grund, Kapitän!“

Sie erstarrte. Augenblicklich zeigte sich Entschuldigung in seinem Gesicht, und dahinter sah sie eine Reflexion ihrer eigenen Desorientierung, der Frustration einer Fremden, die in einem fremden Universum gefangen war. Er war ein Mann ohne Familie — und jetzt auch ohne Freunde, ohne Heimat, ohne Zukunft. Und sie vermutete, er war kein Mann, der es gewohnt war, Fehler zu machen — eine Bürde gemeinsam zu tragen oder ein Leben mit jemandem zu teilen… nicht Eric.

„Tut mir leid, Kapitän. Bitte akzeptieren Sie meine Entschuldigung.“ Abdhiamal zögerte. „Und… bitte lassen Sie mich auch gleich eine Entschuldigung für meine Taktlosigkeit nach der Generalversammlung aussprechen.“

„Ich verstehe.“ Sie sah Zorn hinter seinen Augen aufflammen, stand auf und sah daher nicht mehr, wie dieser Zorn sich in eine Art Flehen verwandelte. „Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen…“ Sie entfernte sich auf der Suche nach einem Entkommen, einer Ausflucht. „Ich muß nach Clewell sehen.“

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich mitkäme?“ Seine Stimme überraschte sie.

Auf halbem Weg blieb sie zögernd stehen. „Nein, ich… nein, warum auch?“

Er erhob sich und stellte Rusty auf den Boden. Die Katze sprang weg, schnurrte, trippelte dann hinüber zu Shadow Jack, der immer noch mit in den Kissen vergrabenem Gesicht schlief, kuschelte sich neben dessen schwarzes Haar und legte ihm eine beschützende Pfote über seine Finger.

„Arme Rusty.“ Bertha sah hinab. „Sie ist so einsam seit damals… Sie hatte sich schon an so viel Aufmerksamkeit gewöhnt gehabt.“

„Auf Mekka hätte sie mehr als genug gehabt.“

„Dort hätte man sie verehrt. Das ist nicht dasselbe.“

Sie kletterte die Leiter ein Stockwerk tiefer, wo sie auf ihn wartete. Er tat jeden Schritt bewußt und sorgfältig, seine Knie gaben fast nach, seine Hände umklammerten die Sprossen fast mit Todesangst. Mit einstudierter Nonchalance blieb er schließlich neben ihr stehen und spähte über das Holzgeländer hinab. Der Schacht ging noch vier Decks tiefer, bis zur Hülle des Schiffes. Unten konnte man die konzentrischen Kreise einer Ladeschleuse erkennen.

„Eine gute Übung.“ Bertha lehnte sich gegen die Wand; sie vermied den Blick nach unten.

Er wandte sich mit undeutbarem Lächeln wieder ab. Die Tür an der Wand hinter ihm war verschlossen, das rote Blinklicht warf ihre Schatten in den Korridor. „Was ist dahinter?“ Seine Hand fuhr über die Türoberfläche.