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Überrascht dachte er über Abdhiamals Worte nach — und war noch überraschter, daß er ihm glaubte. Haben wir einen ehrlichen Mann gefunden?

„Gemeinsam wollen wir weiter wandern, Unser Lied niemals enden kann…“

„Was ist das?“ fragte Abdhiamal.

„Bird Alyn.“ Clewell hörte leise Musik vom hydroponischen Labor herauftönen. „Bertha hat ihr ein paar Akkorde auf der Gitarre beigebracht und ich ein paar Lieder, während wir… warteten.“ Er hörte, wie Bird Alyn einen falschen Ton anschlug. Er lächelte. „Es kommt nicht darauf an, was man singt oder wie, sondern was man dabei fühlt.“

Abdhiamal lächelte freundlich. Sein Blick berührte die zerschrammte Tischoberfläche, den Boden, suchte den Raum erneut ab. Sein Lächeln gefror. „Wissen Sie, manchmal habe ich das seltsame Gefühl, in einem Traum zu leben und vergessen zu haben, wie ich mich selbst wieder wecken kann.“ Ein verzweifelter Unterton schwang plötzlich in seiner Stimme mit.

„Bird Alyn sagte dasselbe zu mir. Sie meinte es wahrscheinlich ernst.“

„Wenn man bedenkt, daß sie vom Hauptgürtel kommt, trifft es wahrscheinlich zu… Vielleicht gilt das auch für mich.“ Abdhiamal räusperte sich, ein seltsam verlegener Laut. „Welkin, ich würde Ihnen gerne eine persönliche Frage stellen. Wenn Sie gestatten.“

Clewell lachte. „In meinem Alter hat man nicht mehr viel zu verbergen. Sprechen Sie.“

Abdhiamal zögerte. „Finden Sie es nicht… hart, Befehle von Ihrer Frau entgegennehmen zu müssen?“

Clewell ging vom Tisch weg. „Warum sollte mir das etwas ausmachen?“

Abdhiamal betrachtete ihn auf seltsame Art. „Ehrlich gesagt, habe ich noch nie eine Frau getroffen, die ich an meiner Stelle Entscheidungen hätte treffen lassen wollen.“

Clewell erinnerte sich, was er auf den Monitoren vom Gesellschaftssystem des Demarchy mitbekommen hatte, und verstand plötzlich, wo Abdhiamals Problem lag. „Bertha Torgussen wurde zur Kommandantin der Ranger berufen, weil sie am qualifiziertesten war und am schnellsten Entscheidungen treffen konnte. Wir waren alle damit einverstanden.“ Er war unschlüssig, ob er sich ärgern oder amüsieren sollte. „Und nun beantworten Sie mir eine persönliche Frage: Wie denken Sie über meine Frau?“ Er sah eine instinktive Reaktion aufwallen, die jedoch, bevor sie die Lippen erreichte, wieder erlosch. Ein ehrlicher Mann…

„Ich weiß es nicht.“ Abdhiamal runzelte die Stirn über sich selbst. „Aber ich muß gestehen, seit ich sie kenne, hat sie die besseren Entscheidungen als ich getroffen.“ Er lachte kurz und sah weg. „Doch dann entschied sie sich für das All, anstatt…“ Sein Blick konzentrierte sich wieder auf Clewell, Frustration und Verwirrung spiegelten sich darin.

„Warum schickt das Demarchy keine Frauen ins All? Mein Eindruck vom Leben im Gürtel war der, daß jeder ziemlich davon begeistert ist. Männer und Frauen.“

„Vielleicht vor dem Krieg. Aber jetzt müssen wir unsere Frauen beschützen.“

„Wovor? Vor dem Leben?“ Clewell hob das Stück Holz auf und ließ es von einer Hand in die andere fallen. Mittlerweile überwog sein Zorn.

„Vor der Strahlung!“ Zum ersten Mal hörte er Abdhiamal mit vor Zorn gehobener Stimme sprechen. „Vor genetischen Schäden. Die Kernreaktoren unserer Schiffe sind einfach zu wenig abgeschirmt. Ungeachtet all unserer Bemühungen ist die Rate der Kinder, die mit Mißbildungen zur Welt kommen, etwa zwanzigmal höher als vor dem Krieg.“

Clewell dachte an Bird Alyn. „Und was ist mit den Männern?“

„Wir können Sperma konservieren. Ovum nicht.“

„Ihr habt durch diesen Krieg mehr verloren, als euch bewußt ist.“ Abdhiamal hörte ihm stumm und ausdruckslos zu. Clewell löste das lederne Kraftband, das ihm einer seiner Söhne als Abschiedsgeschenk gegeben hatte. „Erinnern Sie sich noch an dieses Zeichen?“ Während Abdhiamal den Reif nahm, deutete Clewell auf ein kreisförmiges, kupfernes Symbol.

„Yin und Yang?“

Er nickte. „Wissen Sie, wofür das steht?“

„Nein.“

„Es steht für Mann und Frau. Auf Morningside heißt das: zwei gleichwertige Hälften, die sich vollkommen zu einem biologischen Ganzen vereinen. Ein wenig Weiß im Schwarz, ein wenig Schwarz im Weiß… um uns daran zu erinnern, daß weibliche Gene an allen männlichen, und männliche Gene an allen weiblichen Schöpfungen beteiligt sind. Die Menschen bestehen nicht aus Männern und Tieren, Abdhiamal, sondern aus Männern und Frauen. Unsere Gene ergänzen einander, wir sind alle Menschen. Wenn Sie genauer darüber nachdenken, wird Ihnen das auch aufgehen.“

„Seltsam…“ Nun lächelte Abdhiamal wieder liebenswürdig. „Irgendwie hätte ich nie daran gedacht, daß Yin und Yang Teil von Morningsides kulturellem Erbe sein könnten.“

„Ihr Volk und meines, wir alle stammen von derselben Alten Welt ab. Zu Beginn bedeuteten Yin und Yang uns nicht viel. Damals hatten wir eine Menge Symbole, die uns trennten. Heute brauchen wir nur noch dieses eine.“

Yin und Yang und die Wikingerkönigin…“ murmelte Abdhiamal. Sein Lächeln wurde reuevoll. „Und Wadie im Wunderland. Warum gab es mehr Männer als Frauen in Ihrer… Familie?“

Weil es so einfach besser funktionierte. Fast wäre Clewell mit der Wahrheit herausgerückt. Doch er überlegte es sich. „Mein Sohn, wenn Sie mich fragen, weshalb eine Ehe mehr Männer als Frauen benötigt, dann sind Sie noch jünger, als ich Sie eingeschätzt hatte.“ Er grinste. „Und es ist nicht etwa deshalb, weil ich langsamer werde.“

Abdhiamal wich zurück, Unglaube zerstörte seine ausdruckslose Maske. Er hielt ihm das Armband wieder hin.

Clewell schüttelte den Kopf. „Behalten Sie es. Tragen Sie es. Denken Sie darüber nach, wenn Sie sich fragen, warum wir Fremde für Sie sind.“

Bertha betrat wieder den Kontrollraum. Shadow Jack und Rusty lagen immer noch Kopf an Kopf auf dem grasgrünen Teppich. Sie ging lautlos an ihnen vorbei, setzte sich an die Kontrollkonsole und fokussierte Diskus ins Bild, ein winziges, silbernes Pünktchen von der Größe eines Daumennagels. Das allein zählte jetzt, sonst nichts. Sie würde dieses Schiff nach Hause bringen, dieses Mal würden sie Erfolg haben. Niemand durfte sich ihren Zielen entgegenstellen, kein Mann, tot oder lebend, keine Erinnerung…

Ihre verletzte Hand brannte. Sie preßte sie gegen die kalte Konsole, wo sie eine Blutspur hinterließ. Ihr Verstand wanderte über dreieinhalb Lichtjahre und eine halbe Lebensspanne zurück zu einem Fabrikhof an der Nachtgrenze, wo sie ihre Hand an heißem Metall verbrannt hatte, als sie dabei zusah, wie ein Traum Wirklichkeit wurde. Sie war nach draußen gegangen, um zu sehen, wie ihre ersten Entwürfe zu Gegenständen geworden waren, die auf dem Förderband vorbeiglitten, silbern schimmernd im blendenden Licht der ewigen Nachmittagssonne und unglaublich schön. Sie war im dritten Viertel ihres zwanzigsten Jahres, gerade zurück vom Eisterminator. Der goldene Hitzeregen, die erhitzte Luft, die über die Ebenen strich, die Grenze zur vollkommenen Einsamkeit direkt vor der Tür, und dann war da noch ein ganz bestimmter Student… Sie wartete, bis er neben ihr stand, um ihr zu sagen, wie schön ihre Entwürfe waren. Und dann, — rauhe Handschuhe umklammerten ihre bloßen Arme — fragte er sie: „He, Schneevögelchen, willst du etwa erblinden?“ Sie sah Eric van Helsings sonnengebräuntes Gesicht, das ihr durch die Schutzscheibe des Helmes zulachte, während sie sich an den Aufschlägen seiner groben Jacke festhielt. „Sie sagen immer, Ingenieure seien zu empfindlich, um es lange in der Sonne aushalten zu können. Du gehst besser wieder hinein.“