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An jenem Abend lag ich müde auf meiner Pritsche und konnte doch keinen Schlaf finden. Wir waren noch rechtzeitig zurückgekehrt, um mit unseren Brüdern eine Messe zu feiern für Heinrich von Lübeck. Anschließend hatten wir, noch schweigsamer als sonst, ein karges Abendmahl eingenommen.

»Salvandorum paucitas, damnandorum multitudo«, sagte der Inquisitor zum Abschied. Wenige Worte nur waren es, die er an diesem Tag an mich gerichtet hatte, und diese waren düster. So lag ich denn da, starrte mit offenen Augen ins Dunkle und grübelte. Sollte Pierre de Grande-Rue meinen Mitbruder vielleicht nicht nur bestohlen, sondern auch umgebracht haben? Geschickt mit dem Messer schien er zu sein. Doch wie mochte er Heinrich von Lübeck kennen gelernt haben? Oder waren sie sich nur zufällig begegnet? Und warum sollte der Vagant, wenn er denn ein berüchtigter Dieb war, ausgerechnet die Münzen des Mönches verschmäht haben? Oder sollten wir in Wahrheit nur glauben, dass er sie übersehen hatte? Wenn er sie jedoch gesehen und nicht genommen hatte — was hatte er dann gestohlen? Hatte er überhaupt etwas gestohlen? Wie passte dies alles zu Jacquettes Geschichte? Und zu einem der Domherren von Notre-Dame? Und zu jüdischen Geldwechslern? Und zu dem Reeder aus Lübeck und seiner Gemahlin und dem verfluchten Schiff?

Mir schwindelte. Was mich in jenen düsteren Stunden vielleicht am meisten beunruhigte, waren die Unrast und der Zorn, welche Meister Philippe befallen hatten. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass der Inquisitor mehr sah als ich — und dass ihn das, was er erblickte und ich nicht einmal zu ahnen vermochte, in höchste Erregung versetzte. Doch was mochte dies sein?

So warf ich mich denn Stunde um Stunde ruhelos auf meiner Pritsche hin und her. Doch genau in dem Moment, als eine Glocke irgendwo in Paris mit dünnem, kläglichen Läuten Mitternacht schlug, vernahm ich wieder leise Schritte auf dem Gang vor meiner Zelle. Ich warf mir den Umhang über, den ich am Abend in der Eile unserer Rückkehr nicht wieder beim Portarius abgegeben hatte. Vorsichtig trat ich hinaus auf den Gang. Ich konnte niemanden sehen, doch vermeinte ich, leise Schritte zu hören, die Richtung Kreuzgang verschwanden. Also eilte ich dorthin und bemühte mich, so lautlos zu sein wie ein Gespenst.

Im Kreuzgang stand der Nebel, der sich noch immer nicht verzogen hatte, nass, kalt und grau zwischen den Säulen. Ein seltsames Licht schien aus dem Innern der Schwaden zu dringen, die einzige Helligkeit in einer rabenschwarzen Nacht. Ich schlug das Kreuz und sah mich um.

Nichts. Hatte ich den geheimnisvollen Besucher schon wieder verloren?

Da gewahrte ich einen dunklen Schatten am gegenüberliegenden Ende des Kreuzganges. Einen Moment lang zögerte ich: Sollte ich quer über den Innenhof eilen, um an die Gestalt heranzukommen? Ich entschied mich dagegen, denn ich wusste, dass meine Füße auf den kiesbestreuten Wegen ein knirschendes Geräusch machen würden, das mich verriete.

Also den Kreuzgang entlang, immer dicht an der Mauer. Ich wandte mich nach rechts und betete, dass ich in meiner Eile nicht mit dem Unbekannten zusammenstoßen möge, falls dieser denselben Weg gewählt haben mochte.

Doch ich hatte Glück. Ich sah einen Schatten, der vom Kreuzgang aus zur Pforte flog: eine Gestalt in einem dunklen Umhang, wie auch ich ihn trug. Einen Augenblick lang glaubte ich, unter dem schwarzen Stoff eine zierliche Gestalt auszumachen. Handelte es sich etwa um eine Frau? Doch dann glaubte ich, dass meine überreizten Sinne mich täuschten. Als der Unbekannte an der kleinen Kerze vorbeieilte, die neben der Kammer des Portarius loderte, da erschien er mir plötzlich riesenhaft groß und mächtig wie ein finsterer Ritter. Wer immer es sein mochte: Er war auf jeden Fall schnell. Er huschte an der Kammer des Portarius vorbei - der schlief den Schlaf des Unschuldigen, wie immer -, machte sich an der Pforte zu schaffen und drückte dann lautlos das Schloss auf. Einen Moment später war er draußen.

»PATER in manus tuas commendo spiritum meum«, flüsterte ich, dann eilte ich ihm nach.

Es war leicht, am schlafenden Portarius vorbeizukommen, und noch leichter war es, durch die Pforte zu schlüpfen. Der Unbekannte hatte nicht wieder abgeschlossen, er hatte die schwere, eichene Tür nicht einmal richtig zufallen lassen.

Ich stand auf der Rue Saint-Jacques und blickte mich um. Zu beiden Seiten trieben Schwaden über die Straße, sie schienen aus dem nassen Pflaster, dem Unrat und den zerquetschten Körpern der toten Ratten aufzusteigen. Die Häuser waren dunkel wie Felsen, als lebten in ihrem Innern keine Menschen. Nirgendwo brannte eine Kerze, nicht einmal ein armseliges Talglicht schimmerte hinter einem Fenster — und doch war da dieses Leuchten, das aus dem Nebel selbst kam. Da sah ich den Schatten. Er war wohl zwanzig Schritte vor mir und eilte Richtung Seine.

Ich hielt mich so nah an den Häusern, dass meine rechte Schulter an den Mauern entlangstrich. Ich lief ein paar Schritte, dann zwang ich mich, langsamer zu gehen. Ich durfte nicht zu schnell werden, durfte dem Unbekannten nicht zu nahe kommen. Der Schatten vor mir bewegte sich nicht gleichmäßig: Mal eilte er ein kurzes Stück des Weges wie ein gehetztes Wild, dann wieder blieb er länger stehen, als es dauert, drei PATER noster aufzusagen. Er schien zu lauschen. Mir stockte der Atem: Hatte er meine Schritte vernommen? Ich krümmte mich zusammen, versuchte, so klein zu werden wie möglich. Dann bemerkte ich, dass wir nicht allein waren. Nun, da ich geduckt dastand und mit allen meinen Sinnen den Nebel und die Düsternis zu durchdringen versuchte, nun erst sah ich andere Schatten in engen Seitengassen und Hauswinkeln. Nun erst hörte ich von irgendwoher gedämpfte Stimmen, Flüstern, einen halb unterdrückten Schrei. Nun erst vernahm ich das Knirschen von Kieseln unter einer Sohle, das Kratzen eines langsam zurückgeschobenen Eisenriegels, das Würgen und Stöhnen von jemandem, der sich übergab. Ich war erleichtert und beunruhigt zugleich: Mir wurde klar, dass ich mich dem Unbekannten nicht so leicht durch ein unbedachtes Geräusch oder eine Bewegung verraten würde, wie ich zunächst befürchtet hatte. Doch zugleich ängstigte ich mich vor den Menschen und, wer weiß, vielleicht auch den verdammten Seelen, die durch das nächtliche Paris spukten.

Der Unbekannte schien noch eine Weile abzuwarten, dann lief er endlich weiter. Ich folgte ihm bis zum Petit Pont. Eine schwere, gusseiserne Kette spannte sich quer über den Zugang zur Brücke, doch war dies kaum mehr als eine symbolische Absperrung. Eigentlich hätten hier Sergeanten de la Douzaine stehen müssen, denn es war verboten, sich ohne Erlaubnis des Prévôt royal nächtens durch Paris zu bewegen. Deshalb versperrten Ketten die wichtigsten Brücken und Straßen der Stadt.

Doch zumindest am Petit Pont war kein Wächter zu sehen. Vielleicht waren den Sergeanten der Nebel zu dicht und die Luft zu feucht. Gut möglich war es aber auch, dass sie sich, wie alle vernünftigen Leute, vor der Nacht und ihren Geschöpfen fürchteten.

Der Unbekannte jedenfalls schien zu wissen, dass an der Kette niemand lauern würde. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern oder nach links oder rechts zu blicken, stieg er über die eisernen Glieder. Die Kette zitterte, ihr angerostetes Eisen gab kratzende Laute von sich. Dumpf klangen die Schritte der Gestalt auf dem hölzernen Boden der Brücke.

Ich zögerte kurz an der Kette. Noch immer konnte ich das dumpfe Klopfen hören, mit dem die Schuhsohlen des Unbekannten auf die Holzbalken trommelten. Musste er mich dann nicht auch hören? Verzweifelt zermarterte ich mir den Kopf und suchte nach einem Ausweg aus meinem Dilemma.

Schließlich, weil mir nichts Besseres einfiel und ich befürchtete, die Gestalt im Nebel endgültig zu verlieren, streifte ich meine Sandalen ab und stieg, Mantel und Kutte hebend, vorsichtig über die Kette. Ich erschauderte. Das feuchte Holz war glitschig und kalt wie der Tod. Ich lief weiter, nur mit den Ballen über die Balken tänzelnd wie ein übermütiges Kind. Ich machte, wie meinen überreizten Sinnen schien, gehörigen Lärm.