Julia traf mich, als sie von der Arbeit nach Hause kam, am Schreibtisch in merkwürdiger Erregung an. Sie brachte, als sie ins Zimmer kam, einen Geruch von rekonvaleszenten Fledermäusen und Ratten mit und fragte mich, weshalb ich mitten in der Woche schon so früh zu Hause sei. Sie hielt meine Aufregung zuerst für Angst und wollte wissen, ob ich wieder etwas Schlimmes im Fernsehen oder auf einer Abbildung in einem Buch gesehen hätte.
4 Damals, Robin
Cordulas Nacken, den sie sich in ihrer Panik ein wenig rotgekratzt hatte, roch nach damals. Er würde es nie wieder vergessen. Die drei langen Wochen in der Psychiatrie, die Zeit vor den Medikamenten, vor der Therapie und vor den Abenden, als sie sich zusammen einen blutigen Actionfilm oder ein altes Kung-Fu-Drama ansahen, in dem zu allem entschlossene Asiaten die unterschiedlichsten gewaltsamen Todesarten herbeiführten.
Robert trug ein T-Shirt mit dem Batmansymbol und lag hinter seiner Freundin, die still vor sich hin atmete. Auf dem Nachttisch blinzelte der kleine iBall in seine Richtung. Robert schaute ihn böse an, und der iBall senkte sein Lid.
Der Geruch war ihm sofort aufgefallen, damals, als er sie zum ersten Mal besucht hatte, drei Tage nach ihrer Einlieferung (bewusstlos, die Schulter wahrscheinlich schlimm geprellt vom Sturz) — der spezielle Psychiatriegeruch. Er musste zugeben: Er fand ihn interessant. Ein Hund hätte den Geruch bestimmt so genau analysieren können wie ein Musikstudent eine Orchesterpartitur: leidenschaftslos gekochtes Krankenhausessen, das Disziplin und eine Reiß-dich-verdammt-nochmal-zusammen-Einstellung vermitteln sollte, dazu der Schweiß angstkranker Menschen, Kunststoffgurte und Gummischläuche zur Ernährung über Magensonde und dann noch die eilig und unbemerkt zu Pulver zerriebenen Tabletten, all das schlug einem entgegen, wenn man das Gebäude betrat.
Cordula war in einem Zimmer zusammen mit drei anderen Frauen untergebracht.
Ihr gehe es schon viel besser, sagte sie. Es sei außerdem nicht seine Schuld gewesen (er hatte den Film vorgeschlagen, den sie ansahen, als es passierte, Tetsuo — The Iron Man, ein japanischer Trash-Horrorstreifen in kräftig-kontrastreichem, äußerst attraktivem Schwarzweiß), die Attacke habe sich bereits in den vergangenen Tagen angekündigt. Ein Gefühl der Beklemmung hier, ein aussetzender Herzschlag da und manchmal Atemnot bei bestimmten Szenen im Fernsehen, zum Beispiel während des Films, in dem ständig Menschen aus dem Fenster eines sehr hohen Gebäudes schauen, und unten fahren diese insektenkleinen Autos vorbei, da habe sich alles in ihr zusammengezogen, aber sie habe nichts gesagt, weil sie geglaubt habe, es gehe schon wieder vorbei, aber diesmal sei es eben nicht vorbeigegangen, ja, hahah (ihrem Lachen fehlte, wenn sie Angst hatte, immer die letzte Silbe), er habe sich bestimmt große Sorgen gemacht, wie lange sei sie denn so dagelegen, wehrlos, ach so, ich meine natürlich reglos, ist mein Gesicht eigentlich rot?
— Nein, alles okay, sagte Robert.
— Wirklich, weil, ich hab das Gefühl, dass mein Gesicht vielleicht rot ist, das heißt nicht so fleischig rot, sondern so richtig rot, wie mit Lippenstift beschmiert, das muss die Wirkung von dem Ding da sein, ach, ich fühl mich so scheiße, es ist mir so peinlich, ich bin sicher, es war ein guter Film, aber ich hab wieder einmal alles vermasselt, so wie ich schon immer alles vermasselt habe, ich –
— Ist schon gut, zwang sich Robert zu sagen. Der Film war gar nicht so gut, finde ich. Künstlerisch, meine ich. Nicht wirklich geglückt.
— Nicht? fragte Cordula.
Es klang so hoffnungsvoll, als läge in einer negativen Beurteilung des japanischen Films der Schlüssel zu ihrer endgültigen Genesung.
Robert hatte bemerkt, dass am Fußteil der drei belegten Betten im Zimmer kleine Post-its klebten, auf denen Smiley-Gesichter gezeichnet waren. Sein geübtes Auge registrierte sofort, dass die Gesichter von unterschiedlichen Händen stammten. Er kontrollierte, ob auch an Cordulas Bettgestell so ein Zettel klebte.
— Das ist für … wenn wir … wie wir uns fühlen, sagte Cordula und wand sich, als hätte sie sich heute Morgen eine zu enge Haut angezogen. Ich finde es auch kindisch, aber so müssen sie uns nicht immer fragen, wie es uns geht.
Aus irgendeinem Grund musste Robert lachen. Er versuchte, sein Gesicht, das sich zu einer affigen Fratze verzerren wollte, unter Kontrolle zu behalten, wandte sich ab, ging zum Fenster und schaute, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, hinaus auf den Parkplatz oder was immer dieses eigenartig schmucklose Areal darstellen sollte. Dahinter der Wald. So blieb er eine Weile stehen und gab leise Kehlgeräusche von sich.
— Was ist so lustig? fragte Cordula.
— Ach, nichts, sagte Robert schnell und drehte sich zu seiner Freundin um. Es ist nur, ich hab da draußen einen Heißluftballon gesehen.
— Ehrlich? Wo?
— Nein, jetzt ist er hinter dem Hügel versunken, sagte Robert. Ich hab mir nur vorgestellt, wie die Leute im Heißluftballon miteinander reden, das ist alles. Das war witzig.
Cordula atmete tief durch. Dann fiel ihr eine Haarsträhne ins Gesicht, und sie fing sie mit einem Finger ein und hielt sie sich unter die Nase.
Sie stand auf und wusch die Haarsträhne am Waschbecken.
Robert war das Becken bisher nicht aufgefallen. Ihm fehlten alle hervorstehenden Elemente, die es sonst an Waschbecken gab. Das Wasser kam aus einer meeresmuschelartigen, kantenlosen Öffnung, die über einer Lichtschranke hockte. Bestimmt machte diese Technik, der unsichtbare Strahl, der sich wie eine gespenstische Wäscheleine quer durchs Zimmer spannte, Cordula und den anderen Frauen im Psychiatriezimmer nachts Angst. Vielleicht mussten sie die Lichtschranke sogar mit einem Post-it abkleben. Wieder musste Robert über diese Vorstellung lachen. Hör auf! ermahnte er sich selbst. Hör einfach auf zu denken.
— Peinlich, murmelte Cordula, während sie ihre Haarsträhne unter dem Wasserstrahl wusch.
— Was ist peinlich? fragte er.
— Ach, nichts, sagte sie. Riecht nur nach Kotze.
Sie kontrollierte wieder den Geruch der Haarsträhne. Ihr Gesichtsausdruck zeigte, dass sie damit einigermaßen zufrieden war. Dann strich sie die Strähne mit den Fingern in ihr Haar und ging zurück zum Bett.
— Die Lichtschranke, sagte Robert und verschluckte sich fast an dem Wort.
Hör auf, du Idiot!
— Was?
— Ach, ich hab nur gesagt, die … äh … das Ding da.
— Wo?
Er deutete darauf.
— Was ist das? fragte Cordula, und in ihrer Stimme schwang leichte Unruhe mit.
— Nur eine Lichtschranke, sagte Robert so beschwichtigend, wie er konnte. Muss dich nicht beunruhigen. Aber die geht quer durchs Zimmer und direkt über deinem Bett in die Wand. Der Lichtstrahl, das Infrarot …
Cordula blickte hinter sich auf die Wand. Dann schüttelte sie den Kopf.
— Mir ist komisch von dem Mittel. Warum geben sie mir nicht wieder das Trittico? Das hab ich damals viel besser vertragen. Aber es wird gar nicht mehr hergestellt, heißt es. Warum? Wie kann ein Mittel, das einem hilft, auf einmal vom Markt genommen werden. Das ist genau dasselbe wie mit den Lebensmitteln, die einem gut schmecken. Man kann absolut sicher sein, dass sie nach einem halben Jahr aus den Regalen des Supermarkts verschwinden. Immer dasselbe …
Sie schüttelte noch heftiger den Kopf, und dann kamen die Tränen. Robert überlegte, ob er, wie bei einem Herzstillstand in Arzt-Serien, auf den Notfallknopf drücken sollte, damit ein hysterisches Team in weißen Mänteln ins Zimmer gelaufen käme. Elektroschock. Eins, zwei, drei — clear!
Aber Cordula weinte nur.
— Ich möchte echt nicht mit dir tauschen, sagte er zu ihr.