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Dass die Zahl immer weiter wuchs, beunruhigte ihn nicht weiter, es gehe ja schön Schritt für Schritt, erklärte er. Klar, wenn er plötzlich eine dreistellige Zahl hinzuaddierte und so Hunderte andere Entwicklungsstufen der Zahl überspränge, dann würde das bestimmt einiges durcheinanderbringen. Das wäre dann so, als würde man versuchen, ein Auto in einem zu hohen Gang zu starten. Aber so wie es jetzt lief, jeden Tag etwa fünfzig Schritte, das war zu verkraften, davon wurde man nicht allzu sehr in Anspruch genommen. Denn er sei sich sehr wohl der Bedrohung bewusst, die von so einer Begleiterzahl ausgehe. Wie leicht könnten Menschen mit weniger robustem Nervenkostüm als er in der Ziffernfolge einen Geheimcode oder eine Botschaft aus dem Jenseits oder aus anderen Bereichen des Himmels vermuten. Ihm sei vollkommen klar, dass die Zahl nur eine Zahl sei, nicht mehr und nicht weniger. Er gebe auf sie acht und er gehe verantwortungsvoll mit ihr um. Noch nie sei ihm ein Fehler unterlaufen, habe er einen Zählschritt zweimal gemacht oder zwei Ziffern im Inneren der Zahl vertauscht, nein, die Zahl sei bei ihm völlig sicher. Ihr könne nichts geschehen, auch wenn einige Leute behaupteten, man werde sie ihm eines Tages wegnehmen. Er wisse, dass das gar nicht möglich, ja ein Widerspruch in sich sei. Er werde jedenfalls seinen Fürsorgepflichten gegenüber diesem kostbaren und schutzlosen Wesen weiterhin nachkommen, denn er, Johann Rauber, sei nun einmal der einzige Beschützer, den die Zahl auf der ganzen Welt habe. Nicht auszudenken, was ihr ohne ihn alles zustoßen könnte.

Robert saß auf einer Bank vor der psychiatrischen Klinik des LKH Graz. Es war immer etwas falsch an psychiatrischen Einrichtungen, das heißt im architektonischen Sinn. Entweder waren sie so groß und labyrinthisch wie ein Justizpalast, oder der Architekt hatte die Metapher Krankheit wörtlich genommen und auf die Dachkonstruktion übertragen, oder sie waren einschüchternd in der Art, wie die Türen von selbst aufsprangen, oder sie waren, so wie dieses Gebäude hier, im Wald versteckt. Alle anderen Kliniken erreichte man, indem man von der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 7 aus über ein paar Treppenstufen nach oben stieg, von da an war alles logisch, sogar die Wegweiser ergaben Sinn. Nicht so die Psychiatrie. Man musste einen dunklen und verwunschenen Waldweg entlanggehen und stieß auf ein Bauwerk, von dem man sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass in ihm psychisch kranke Menschen wieder gesund wurden. Allein schon der allabendliche Blick aus dem Fenster! Die ganze Nacht unterhielten sich die Bäume mit rauschenden Gebärden über dich und lasen deine Gedanken.

Wenigstens wuchs hier, gleich neben dem Parkplatz, ein schöner, stiller Baum, der nicht zum Wäldchen zu gehören schien. Wie ein Opernsänger vor dem Chor stand er da, in der unendlich komplizierten Verrenkung, die einen Baum ausmacht. Warum sahen Bäume eigentlich so aus? Sie wuchsen doch nach einem einfachen Prinzip, Gerade, teilen, zwei Geraden, teilen, vier Geraden und so weiter, woher kamen diese verrückten Winkel? Möglich, dass Wasseradern, Magnetfelder oder Sonnenlicht eine Rolle spielten. Vielleicht, dachte Robert, war ein Baum auch einfach nur furchtbar sentimental. Er hatte vor Kurzem mit einigem Abscheu das berühmte Bild des Fotografen David Perlmann in einer Kunstzeitschrift betrachtet, das einen Baum im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania zeigt, der mit seinen Ästen ein weißes Einfamilienhaus quasi von der Seite her umarmt hatte. Zuerst waren die Zweige durch das immer offen stehende Küchenfenster gewachsen, dann hatten sie sich an die Südwand des Gebäudes gelegt, schließlich war auch das Dach an die Reihe gekommen. Innerhalb von dreißig Jahren, in denen ein Ehepaar in dem Haus alt geLässt man allerdings locker, fliegt man mitunter sogar davon — in den Himmel, immer in die falsche Richtung. Und der Baum ist, von seinen vielen minimalen täglichen, stündlichen Richtungsänderungen in seinem Wachstum über die Jahre hinweg, zu einem bizarr verzerrten Gebilde geworden. worden war, das sich um nichts, was außerhalb geschah, gekümmert hatte, war der Baum mit dem Haus verschmolzen. Die Familie, die heute darin wohnte, ließ den lästigen, die Stabilität des aus sehr leichten Materialien gebauten Daches gefährdenden Baum fotografieren, bevor sie den Auftrag gab, ihn zu entfernen. Es war, so berichtete die Zeitschrift, sogar eine Art Wettbewerb ausgeschrieben worden. Das Bild von David Perlmann hatte den ersten Preis gewonnen, weil der Baum darauf so von sich selbst überzeugt aussah. Und vielleicht war das ja das Problem, dachte Robert. Ein Baum wollte immer alles umarmen. Er steht seit hundert Jahren auf demselben Fleck und wird jeden Tag übermannt von seiner Zuneigung zu ein paar Enten im Teich, einem verschlungenen Pärchen auf der Parkbank, einem lustigen, bunt überquellenden Mülleimer oder einer geheimnisvoll gebogenen Parklaterne. Wenn eines der Wesen oder Dinge seine Aufmerksamkeit erregt und der Wunsch, es zu umarmen, überhandnimmt, beginnt der Baum — langsam natürlich, fürchterlich langsam —, in die entsprechende Richtung zu wachsen und seine Zweige wie Arme danach auszustrecken. Es ist wie in den bekannten Geschwindigkeitsträumen, in denen man sich genau dann nicht bewegen kann, wenn man unbedingt will.

Scheißbaum.

Und Scheißpsychiatrie. Ein Vormittag darin, und er dachte vollkommen behinderten Schwachsinn. Scheißbaum, lutsch doch an einem Frisbee, Motherfucker! Um sich endgültig zurück auf den Boden zu holen, sagte Robert ein paar verbotene, radioaktive Wörter auf: Dreckfotze, Judensau, entartet, Nigger. Dann stand er auf.

Nein, diese langen Stunden bei Cordula taten ihm nicht gut. Er dachte dann immer fremde Gedanken, wie von einem anderen, älteren Gehirn eingeflüstert, er fühlte sich ferngesteuert. Kein Wunder. Und er schwitzte immer seine Kleider durch, obwohl es gerade mal 22 Grad hatte. Wie nach einem Schwitzbad im elenden Hof der Helianau. Das ekelhafte Gefühl, der Einzige zu sein, dem sie es antun konnten. Weil sein I-Raum, seine Zone, sein Einzugsbereich diese spätpubertären Mondphasen durchmachte, zu- und abnehmend, dann sogar ganz verschwindend. Eine Schweinerei.

Und heute, an diesem Spätsommertag im Jahr 2021, nachdem er sein frisch gemaltes Affenbild weggeräumt hatte, war er Cordula sehr dankbar, dass es diesmal kein schlimmer Anfall gewesen war. Sie schlief. Sie atmete normal. Sie war gut eingestellt.

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5 IN DER ZONE — 1. Folge von Clemens J. Setz *

Die Pension Tachler in Gillingen

Gillingen ist eine typische südsteirische Kleinstadt inmitten einer hügeligen Weinlandschaft und mit einer weltberühmten Seilbahn, die auch vom Nachbarort Seelwand touristisch beansprucht wird. Sie ist Teil jener — wie Elfriede Jelinek in ihrem Meisterwerk Die Kinder der Toten schreibt — Ausläufer, die sich der Berg schon in die Hosentaschen stopft.

Als ich mit dem Zug in Gillingen ankam, hing eine angenehm aufgelockerte Wolkendecke über der abendlichen Stadt, die berühmten Gondeln der Seilbahn schwebten in der Ferne über den westlichen Berghang, und im überdachten Wartebereich des kleinen Bahnhofs bemerkte ich zu meinem großen Entzücken einen Mann, der ein altmodisches Hochrad hinaus in die Sonne schob. Ich trödelte noch ein wenig vor dem Bahnhof herum, weil ich sehen wollte, wie der Mann auf sein Hochrad klettern und damit davonfahren würde. Aber er tat nichts, er schien auf etwas zu warten, blickte auf die Uhr, wandte sich in alle Windrichtungen und schaute. Nach etwa zehn Minuten ging ich enttäuscht davon.

Auf dem Weg zum Hotel rief ich meine Freundin Julia an. Sie hörte sich meine Beschreibung an und fragte hinterher, ob der Mann einen Schnurrbart gehabt habe. Ich bejahte, obwohl ich mir gar nicht sicher war. Dann stimmten wir noch darin überein, dass Männer mit Hochrädern unbedingt immer einen Schnurrbart tragen müssten, und beendeten das Gespräch. Ich hatte die Pension Tachler ohnehin schon fast erreicht.