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— Okay.

— Es geht schon, sagte sie. Ist ja nichts Neues.

Ein nervöses Lächeln.

Die Luft im Zimmer roch stark nach einem Raumspray. Die Flasche stand neben dem Tisch auf dem Boden, Febreze. Daneben noch eine. Auch im Regal entdeckte ich eine Flasche, aber mit einem anderen Etikett.

— Ja, also, vielen Dank, dass Sie sich bereiterklärt haben, mit mir zu sprechen.

— Ach, mein Gott, sagte Frau Stennitzer und legte eine Hand auf ihr Schlüsselbein. Ich bitte Sie, das ist doch nichts. Wenn es hilft.

Wir schwiegen. Ich kramte meinen Notizblock aus meiner Tasche.

— Vielleicht möchten Sie gleich in den Garten gehen? Das Häuschen …

Sie sagte das wie ein müder Museumsführer, der den Besuchern als Allererstes immer die Mona Lisa zeigen muss, obwohl Hunderte um vieles interessantere Gemälde ringsum an den Wänden hängen.

— Ja, das würde ich gern. Wenn das für Ihren Sohn –

— Ach ja, klar, ist in Ordnung. Er ist ja jetzt nicht in seinem Zimmer.

— Wo ist er denn?

Frau Stennitzer lachte, blickte auf ihre im Schoß gefalteten Finger und sagte dann:

— Sie wollen also sein Zimmer gern mal sehen, ja?

— Wie gesagt, gern, wenn ihn das nicht stört.

— Oh, na ja, er ist nicht da, also …

— In Ordnung. Aber ich meinte: nur, wenn es ihm nichts ausmacht, dass fremde Leute in seiner Abwesenheit seinen Privatbereich betreten.

— Ich bin ja nicht fremd. Und Sie sind bei mir, also ist das okay, meinte Frau Stennitzer.

Wenn sie einen Satz zu Ende gesprochen hatte, spitzte sie jedes Mal ein wenig die Lippen und schob das Kinn vor, so als müsste sie ihre Lippen und die Kiefermuskulatur von der großen Anstrengung ausruhen lassen.

Wir gingen durch die Terrassentür in den Garten. Ein paar Apfelbäume standen dort, auch einige Hecken und anmutig verwilderte Sträucher. Neben dem Zaun, der die Grundstücksgrenze markierte, gab es einen kleinen, konisch aufgeschichteten Erdhügel, dessen Zweck ich aus der Entfernung nicht genau bestimmen konnte; vielleicht ein Gartenkunstwerk. Das Häuschen, wie Frau Stennitzer es in der E-Mail genannt hatte, war, wie sich herausstellte, ein richtiges kleines Haus.

Wir traten ein. Auch hier roch es in fast schon betäubendem Maße nach Febreze und noch etwas anderem, noch bitterer, herber.

Eine Luftmatratze lag gleich hinter der Tür zum ersten Zimmer, das Christophs Schlafzimmer war.

Frau Stennitzer seufzte und schob die Luftmatratze mit ihrer Schuhspitze zur Seite.

Mein Blick fiel zuerst auf die vielen Bücher im Zimmer: Harry Potter, andere Fantasybücher, Terry Pratchett, aber überraschenderweise auch eine dicke Biografie von Frédéric Chopin. Und ein Exemplar von Philip K. Dicks Ubik.

— He, sagte ich. Mein Lieblingsroman.

Ich deutete auf das Buch. Frau Stennitzer seufzte:

— Ach, tatsächlich, ja?

Ein halb auseinanderklaffendes Akkordeon. Mehrere Tennisschläger. Ein Poster von Keanu Reeves im Matrix-Outfit. Ein paar Medikamente auf einem Tisch neben dem Bett. Sviluppal las ich auf einer Flasche.

Frau Stennitzer legte die Luftmatratze auf das Bett.

— Keine Ahnung, wozu die immer hier herumliegen muss, sagte sie. Aber ohne sie geht es nicht, er bläst sie jede Woche neu auf. Davon wird ihm manchmal schwindlig. Aber er mag die Luftmatratze. Auf ihr hat er Lesen gelernt, wissen Sie. Der Herr Magister Baumherr von der APUIP hat uns damals einen privaten Tutor empfohlen. Ein wirklich großartiger junger Mann war das. Passionierter Fotograf, sehr kultiviert, geduldig mit Christoph und seinen Eigenheiten. Seitdem liegt die Matratze ständig hier herum. Er war ja so lange Zeit Analphabet, wissen Sie. Er hat sich geweigert, es zu lernen. Er war bekennenderAnalphabet, bis er etwa acht Jahre alt war.

Diese Formulierung brachte mich ein wenig durcheinander. Dass eine Mutter so über ihr Kind sprach, erschien mir ungewöhnlich. Der Begriff Analphabetist mit einem unbestimmten Grauen besetzt, wahrscheinlich der Grund dafür, warum Kinder, die nach Jahren aus einem Kellerverlies entlassen werden, immer als Erstes auf ihre Lesefähigkeit untersucht werden. Eine ähnlich grauenerregende Strahlung geht ansonsten nur von offen asexuellen Menschen und verhinderten Selbstmördern aus. Sie entziehen sich unserer Welt, sitzen herum, mit allem fertig, und warten nur auf die Gelegenheit, sich wieder auszuklinken, zurückzukehren zu der Ruhe, von der sie gekostet haben. Aber bekennend? Das Wort ergab überhaupt keinen Sinn. Wie konnte ein achtjähriger Junge sich zu seinem Analphabetentum bekennen?

In Christophs Schlafzimmer gab es viel Spielzeug, und alles war wirklich ordentlich und liebevoll eingerichtet, ein freundliches Drachen-Tapetenmuster und vollkommen staubfreie Zimmerecken. Ein so makelloses Zimmer beschwor in mir sofort Erinnerungen an jenen entsetzlichen Raum herauf, in dem vor Kurzem ein fünfjähriges Mädchen in Wien verdurstet und verhungert war. Nicht einmal die Zimmerpflanzen waren von ihm angenagt worden, obwohl sie durchaus in Reichweite gewesen wären. Die Tür war abgesperrt, die Eltern für mehrere durchfeierte Tage und Nächte außer Haus gewesen, und die Beamten stellten als Erstes tatsächlich fest: nirgends Zahnabdrücke. Weder im Holz des Türrahmens noch auf dem abblätternden Wandverputz, noch an den eigenen Handgelenken — nirgends. Das Wort geisterte wochenlang durch die Zeitungen. Meine Freundin und ich diskutierten die Frage, was denn nun schlimmer und grauenvoller wäre, Zahnabdrücke an allen möglichen und unmöglichen Stellen des Zimmers oder eben keine Zahnabdrücke — und so dumm es klingt, ich weiß heute nicht einmal mehr, welchen Standpunkt ich und welchen sie bei dieser unheimlichen Diskussion vertrat, aber ich glaube, am Ende gewann doch die Abwesenheit von Zahnabdrücken, und wir redeten und rollten nervös im Bett herum bis spät in die Nacht und hatten dann beide verdientermaßen entsetzliche Albträume. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass ich irgendwann, auf eine spätnächtlich verdrehte und übermüdete Weise, auf das arme Mädchen wütend wurde, weil es so furchtbar widerstandslos gestorben war, wie in stiller Verabredung mit den Medien und dem traurigen Sensationshunger der Menschen.

Damals hatte Julia gesagt, dass irgendetwas mit meinen Gedanken nicht stimme. Sie seien merkwürdig geworden, schweiften ständig zu schrecklichen Dingen ab, würden riesengroß und erdrückend. Ich schob es auf die Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen, die ich als Folge meiner Arbeit im Helianau-Institut bekommen hatte.

— Alles in Ordnung? fragte Frau Stennitzer.

— Ja, sagte ich und ließ meine Schläfen los.

— Wenn Sie kurz rausgehen möchten, sagte sie (am Tonfall merkte ich, dass dieser Satz schon Hunderte Male über ihre Lippen gekommen war).

— Nein, geht schon, sagte ich. Oh, da …

Auf dem Fenstersims des Zimmers entdeckte ich etwas, das mich seltsam berührte, fast wünschte ich, ich hätte es nicht bemerkt: Ferngläser. Es waren drei Stück, zweimal genau dasselbe Modell und ein etwas größeres. Sie erinnerten mich an die Nächte meiner Kindheit, in denen ich, weil auf der Orpheum-Konzertbühne, die meinem Schlafzimmer gegenüberlag, ein Konzert stattfand, in einem anderen Zimmer der Wohnung schlafen musste und deswegen oft bis zum Morgen kein Auge zumachte. Es war zwar meine Wohnung, aber die Wände sahen nachts falsch aus, außerdem hörte ich die Straße, und Autos fuhren ständig als fächerförmige Lichtgespenster durchs dunkle Zimmer. Irgendwann bekam ich ein Fernglas geschenkt und verbrachte die Nächte mit — oder besser gesagt: in ihm. Besonders nützlich war es, wenn ein Schulfreund bei mir übernachtete. Fast die ganze Nacht suchten wir dann geduldig die gegenüberliegende Hausmauer nach Interessantem, Sensationellem ab. Und da wir selten irgendetwas dergleichen entdecken konnten, glitten wir nach und nach ins Erfinden hinüber, aber ohne uns bewusst zu sein, dass wir Dinge erfanden, was vielleicht der glücklichste und gelösteste Zustand war, in dem ich mich je befunden hatte.