Von Nächten, die man in der kreisrunden Blickwelt eines Fernglases verbringt, ist es nur ein Katzensprung zur Anschaffung eines Teleskops. In dem Zimmer, durch das mich Frau Stennitzer führte, als wäre es der konservierte Wohnraum einer längst verstorbenen Berühmtheit, stand eines. Ich selbst hatte mir nie eines angeschafft.
— Da macht er seine Hausaufgaben, das heißt, wenn er welche hat … Und das ist die Gegensprechanlage, die surrt bei uns drüben in der Küche und im Schlafzimmer.
— Schönes Teleskop, sagte ich. War das teuer?
Sie machte:
— Pffff, äh, ja, keine Ahnung. Das hat ihm damals mein Bruder gekauft. Also kann man davon ausgehen, dass es nicht billig war. Mein Bruder ist Pilot. Wollen Sie mal durchschauen?
— Nein danke.
die Mondoberfläche, die ungeheuer scharfen Schatten der Kraterränder, die grauen Verwirbelungen und Kammlinien der sandigen Oberfläche. Alles grau in grau. Merkwürdig, dass die meisten Menschen, so wie Johannes Kepler in seinem berühmten Traumbericht über die Mondbewohner, Gebäude und Lebewesen auf diesen öden, lebensfeindlichen Gesteinsbrocken fantasierten, an dem seit Jahrhunderten allein das rätselhafte Gesicht trostreich ist, das man mit ein wenig Fantasie und Furcht in ihm erkennen kann: ein alter Mann, der den Mund geöffnet hat, als hole er tief Luft nach einem anstrengenden Marsch. Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, dass ich durch ein Teleskop geblickt habe. Es war vor einigen Jahren im Haus eines befreundeten Musikers. Zum ersten Mal in meinem Leben betrachtete ich live
— Ich schau da gerne durch, sagte Frau Stennitzer. Ich komme oft hier herunter in Christophs Häuschen und sitze dann einfach da und …
Sie unterbrach sich, als sei das, was sie hatte sagen wollen, zu privat.
Im Grunde sah der Mann im Mond aus wie Angus Young, dachte ich. Diese halboffenen Lippen, dieses entrückte … Ich bemerkte, dass meine Gedanken zu wandern begannen, meine Konzentration zerfaserte und verteilte sich auf nebensächliche Dinge. Also atmete ich einmal tief durch, legte einen Finger an die Nasenspitze und sagte:
— Wo ist denn Christoph, wenn ich fragen darf?
— Ja, er ist … Wissen Sie, das ist kompliziert, wir … Wir haben da so eine Übereinkunft, was Besucher angeht.
— Privatsphäre schützen und so, sagte ich.
— Ja, in gewisser Weise.
— Er mag keine Leute, die zu ihm kommen und ihm Fragen stellen, klar, das würde mir nicht anders gehen. Aber wo hält er sich denn gerade jetzt auf, während wir hier in seinem Zimmer sind?
Frau Stennitzer blickte mich für einen flüchtigen Moment misstrauisch an, als streifte sie die Vermutung, dass sie sich offenbar in mir getäuscht hatte, dann entspannte sich ihr Gesicht ein wenig, und sie sagte:
— Er kann doch überallhin. Es hält ihn ja nichts.
— Ah ja, natürlich, sagte ich.
Sie stand da, als erwarte sie meine nächste unangenehme Frage, dann griff sie nach ein paar Zetteln auf dem Schreibtisch ihres Sohnes und hielt sie mir hin:
— Christoph hat seit Neuestem einen Brieffreund. Sie schreiben sich regelmäßig, wissen Sie. Demetrius Logan aus Chicago.
— Wie? fragte ich.
Sie lachte.
— Doch, doch, den gibt es wirklich. Ich hab’s überprüft. Brieffreunde, ist das nicht schön? Ich meine, dass es so etwas heute noch gibt.
Der Ton, in dem sie das sagte, war schwer zu deuten. Ich nahm den Brief in die Hand und sagte:
— Ja, das finde ich wirklich schön. Ich hatte nie einen Brieffreund.
— Ich weiß auch nicht, warum sich die beiden ausgerechnet Briefe schreiben. Sonst schreibt Christoph natürlich E-Mails, so wie alle. Aber dieser Demetrius … hier ist ein Foto von ihm.
Ein schwarzer Junge, lächelnd, mit einem kleinen modischen Hut auf dem Kopf.
— Den gibt’s wirklich, sagte Frau Stennitzer.
— Ja, das sehe ich.
— In Chicago, sagte Frau Stennitzer. Und die beiden schreiben sich ganz altmodische Briefe. Jede Woche kommt ein Brief. Aus Amerika. Ich bring ihn immer gleich hierher ins Häuschen, ohne ihn vorher aufzumachen.
— Finde ich toll. Das sollten mehr Leute tun. Ich meine, altmodische Briefe schreiben.
— Hm, na ja. Sicher.
Sie nahm mir die Blätter wieder aus der Hand und legte sie auf das Bett ihres Sohnes. Ich hatte das Bedürfnis, raus aus dem stickigen Gebäude und zurück ins Haupthaus zu gehen, also stellte ich mich in die Nähe der Zimmertür. Aber Frau Stennitzer setzte sich aufs Bett.
— Das Problem ist, na ja, Demetrius ist auch …
— Ein I-Kind?
Sie nickte.
— Und das ist die … äh, die Crux bei der ganzen Angelegenheit. Er kann nicht hierherkommen, und Christoph kann nicht zu ihm fliegen, also … Ja, vielleicht ist diese Kommunikation über Objekte, die man auch anfassen kann, eine Art Entschädigung dafür.
— Er kann nicht reisen?
— Natürlich nicht. Christoph in einem Flugzeug? Wie soll das gehen? Die Piloten, die … ach, egal. Ein Reichweite-Problem, wie alles in unserem Leben.
Sie machte eine traurige, kreisrunde Geste mit beiden Armen.
— Es war ein schlimmer Tag, als ich es ihm erklären musste. Er hat überhaupt nicht verstanden, warum er nicht über den Atlantik fliegen kann. Da ist ihm total die Decke auf den Kopf gefallen, und er ist … na ja, er ist einfach implodiert, anders kann man das nicht nennen. Er hat getobt, mein Gott … Wollte überhaupt nicht mehr schlafen. Es war furchtbar, ich hab damals sechs Kilo abgenommen. Nicht gerade das, was man ein Happy End nennt, oder?
— Na ja, sagte ich. Happy Ends gibt es leider kaum. Aber es wäre schon in Ordnung, wenn es hin und wieder (und ich gebrauchte, weil er der Situation wirklich angemessen war, Dr. Rudolphs Lieblingsbegriff) zumindest Fair Ends gäbe, nicht?
Ich sagte das mit einem Lächeln.
Frau Stennitzer zuckte zusammen und starrte mich an, als hätte ich ohne Vorwarnung einen Kragenechsen-Kragen aufgespannt und sie mit Reptilienstimme angefaucht. Dann fand sie ihre Hände wieder, ordnete sie, links, rechts, als wären sie durcheinandergeraten. Und wandte sich, halb lächelnd, halb vorsichtig den Raum hinter sich im Auge behaltend, von mir ab.
Nachdem wir ins Haupthaus zurückgekehrt waren, hörte ich, wie die Vordertür auf- und zuging. Aber Frau Stennitzer tat so, als wäre nichts gewesen, also beschloss ich, auch nichts zu sagen.
— Möchten Sie etwas trinken? Ich hätte Pfirsichsaft. Oder auch Wein, wenn Sie lieber …
— Pfirsichsaft klingt gut.
Kaum hatte sie das Glas vor mich auf den Tisch gestellt, nahm ich einen Schluck und trank es dann gleich ganz aus. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie ausgetrocknet meine Kehle war. Die dichte Raumspray-Atmosphäre griff sogar meine Stimmbänder an. Alle paar Sekunden musste ich mich räuspern.
— So, jetzt, wo Sie gesehen haben, wie wir hier wohnen, möchten Sie vielleicht …
— Ich hätte nur ein paar Fragen.
— Bitte, nur zu, sagte Frau Stennitzer und sank auf ihrem Sessel in sich zusammen.
Frau Stennitzer hatte nie geheiratet. Christophs Vater Peter hatte sie kurz nach der Geburt des Sohnes verlassen. Er hatte sich seither nicht mehr gemeldet, und Frau Stennitzer suchte auch nicht nach ihm. Sie sei bisher ganz gut allein zurechtgekommen, sagte sie, ihre Eltern seien die meiste Zeit hier, als Verstärkungseinheit, wie sie es nannte.
— Wie haben Sie Christophs Vater kennengelernt?
— Ach, ganz normal. Wie man das halt so macht. Möchten Sie noch einen Pfirsichsaft? Wenn er Ihnen schmeckt –