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— Wie geht’s dir? flüsterte er (obwohl ihm, aus irgendeinem Grund, eher danach war, laut und falstaffartig zu deklamieren).

— Hm, machte sie. Mir peinlich. Immer so schnell, der Trigger, die …

Die halbe Zolpidem hatte gewirkt. Dabei sollte man das Mittel bei Panikattacken gar nicht einnehmen. Dann schon eher Lexotanil oder Xanor. Diese komischen Medikamentennamen, wie Zaubersprüche aus Fantasyromanen. Wie von Kindern erfunden.

— Ich hab das Bild in ein Tuch gewickelt und in meinen Schrank gestellt. Nur damit du weißt, wo es ist. Du musst keine Angst mehr davor haben.

Als sie darauf nichts antwortete, sagte er (und ließ in Gedanken eine Szene aus dem japanischen Film Tetsuo ablaufen, in der sich der wahnsinnige Mann ein Stahlrohr in den Schenkel schiebt):

— Das Bild ist sowieso nicht so gut. Künstlerisch, meine ich. Nicht wirklich geglückt.

Cordula nickte schwach. Sie schien einzuschlafen.

— Weißt du, was ich mir überlegt habe? fragte er sie laut.

Sie schaute auf, war wach, aber nicht wirklich da. Dann raffte sie ihr Bewusstsein, das schon mit den Zehen in dem angenehmen Unsinn gestanden war, in den es sich jeden Abend auflösen durfte, noch einmal zusammen, vielleicht aus Höflichkeit ihm gegenüber, vielleicht auch aus einem vor lauter Erschöpfung laut und eindimensional gewordenen Schuldgefühl, und sagte:

— Was denn?

Robert wusste, dass es der letzte Augenblick war, um aufzuhören. Sag einfach, ach nichts, reden wir morgen darüber, das kann wirklich warten, bis es dir bessergeht. Sag einfach nichts mehr. Sag einfach: Du bist diesmal wirklich gut mit der Angstattacke umgegangen, weißt du das? Ich bin stolz auf dich. Und du hast nur eine halbe Zolpidem gebraucht, wirklich unglaublich.

Er stand über einem Abgrund, und in seine Zehen schnitt das dünne Seil, auf dem er glaubte balancieren zu müssen.

Er sagte:

— Ich glaube, ich werde vielleicht eine Weile …

Noch kannst du umkehren. Sag’s nicht. Nicht in diesem Augenblick.

— … eine Weile wegfahren. Nach Gillingen oder so, weißt du? Alte Bekannte wiedersehen. Mir die Seilbahn anschauen. Ich war da schon lang nicht mehr.

Er spürte, wie sich ihr betäubter, aber nicht bewegungsunfähiger Körper versteifte, als würde sie gleich der Länge nach, wie ein von mehreren Männern getragener Rammbock, mit dem Kopf voran durch eine enge Öffnung gestoßen werden. An einer Bewegung ihrer Nackenmuskulatur, der hellen Stelle, die im Dämmerlicht des Zimmers gut wahrzunehmen war, sah er, dass sie zu schlucken versuchte, aber dafür bereits zu schwach war.

Sollte er sich wünschen, sie hätte seinen Satz nicht mehr gehört? Aber sie war wach gewesen, eindeutig wach, Herrgott, was war eigentlich mit ihm los! Er stand auf, schnitt ein, zwei Affengrimassen, dann lief er aus dem Zimmer, setzte sich vor den Fernseher und musste sein Gesicht festhalten, damit die Ratten drinblieben.

Er hatte das Gefühl, gleich explodieren zu müssen — allerdings nicht spektakulär, napalm-majestätisch wie in Apocalypse Now, sondern mehr wie einer dieser Schweizer-Kracher, die nur harte, kleine Explosionen zustande brachten, die mehr mit dem Gefühl vorpubertärer Erektionen verwandt waren, kompakt, ängstlich, wuterfüllt, verwirrt.

Ich möchte mir die Arme abschnallen und in die Erde pflanzen.

Hör auf, hör auf, hör auf.

Er schaltete den Fernseher ein und setzte sich die Kopfhörer auf. Gillingen, dachte er, dieser seltsame kleine Ort in der Südsteiermark. In Homeshoppingkanälen wurden Diamanten und Armreifen in die Kamera gehalten. Die Hand, die die Gegenstände hin und her drehte, war stark behaart. Ein Bericht über Container-Verladevorschriften im Hafen von Amsterdam. Eine Gameshow mit behinderten Menschen (Blinde vs. Rollstuhlfahrer, Tourette vs. Contergan). Eine Dokumentation über einen norwegischen Nazi namens Hamsun, zu dem die Leute nach dem Krieg pilgerten und dem sie Bücher über den Gartenzaun warfen. Robert versuchte zu verstehen, worum es eigentlich ging, aber er konnte sich nicht konzentrieren, er schaltete weiter, fand Pferderennen und Golf und Bilderberger, einen Sprachkurs für Business Chinese und eine Frau, die darum bettelte, angerufen zu werden. Sie war nackt und ihr Gesicht möglicherweise pakistanisch, vielleicht auch indisch, und er starrte sie lange an, ohne einen bestimmten Gedanken zu fassen.

Sonnenlicht, so frisch wie die Luft auf einer Terrasse voller blecherner Gießkannen, kam durch die Fenster. Der erste Tag in theoretischer Freiheit, dachte Robert. Er drehte sich um und sah Cordula, sie lag mit nacktem Oberkörper auf ihrem Polster, umarmte ihn im Schlaf. Ihr Haar fiel über ihren Rücken, sie atmete leise und regelmäßig. Ihre Wirbelsäule, ihre Schulterblätter. Das graue Dämmerlicht des Zimmers auf ihren Flanken.

Das hat sie absichtlich gemacht, dachte Robert. Die letzten drei Nächte hat sie bereits mit Pyjamaoberteil geschlafen, Ich frier so leicht, Frauen haben eine andere Durchblutung als Männer, ein vollkommen anderes System, und es war ja auch schon etwas kühl geworden. Die Haut auf ihren Schultern hatte diese feine, grübchenreiche Elastizität, wenn sie sich über den runden Knochen spannte. Alles Runde ist ein Mysterium, eben weil es rund ist. Das begriff man zum ersten Mal, wenn man versuchte, einen Apfel zu zeichnen. Mein Gott, die vielen Stunden, vergeudet in Stillleben-Zeichenklassen. Wo die Reglosigkeit der Schüler die Reglosigkeit der Früchte sogar noch übertraf. Die Früchte wurden wenigstens faul und fingen an zu riechen, das war Leben, aber in den Schülern … Nicht einmal, wenn sie ganz in Roberts Nähe gesessen waren, hatten sie irgendeine Reaktion gezeigt. Er hatte sich noch nie so nackt gefühlt wie damals, zum ersten Mal außerhalb seiner Zone.

Er machte einen tiefen Atemzug und roch für einen kurzen Augenblick wieder die stickig heiße Luft im Inneren seines Lichtenberghäuschens in der Helianau, und darin, im stillen Lichtkreis der kleinen Leselampe: die Obstschale, der Altar, auf dem die bildenden Künstler seit Cézanne ihr Talent opfern und sich selbst geißeln. Und rund um ihn unzählige Fruchtfliegen, wie eine Hautkrankheit der Luft.

Mit einem Schnaufen hob Cordula ihren Kopf. Sie blickte sich um, sah Robert und sagte:

— Oh.

Er nickte ihr zu.

Dann kletterte er auf sie, sofort kam ihm ihr Geruch entgegen, ihr Atem, der aufgrund des Beruhigungsmittels abgestanden und sauer roch. Dennoch hatte er das Bedürfnis, sie zu küssen, aber sie lag eckig und ungastlich da, also begnügte er sich damit, zwischen ihre Beine zu rutschen und sich an sie zu drücken. Sie sagte nichts, aber ließ ihn in sie eindringen, allerdings nur ein paar Zentimeter. Sie war überhaupt nicht feucht, also würde es sowieso nur unter großen Schmerzen gehen. Robert blieb, wo er war. Am Eingang, zwischen Tür und Angel. Ein weiterer Atemzug stickig heißer Luft aus der Vergangenheit.

Ich bin grausam, dachte er. Und für einen Moment fiel der Schatten eines Bildes auf ihn, wie ein Vogel, der über eine Schneelandschaft huscht: das Bild eines zerzausten Hahns, den er in einer Kiste durch den Schnee trug, es schien so weit von ihm und seiner Situation entfernt, das Tier war auch tot inzwischen, und trotzdem war es da, hell wie das Licht am Ende eines Tunnels.

Ich bin grausam.

Normalerweise musste Cordula jeden Morgen kurz nach dem Aufwachen aufs Klo. Jetzt konnte sie nicht, und er drückte sich gegen sie, drückte vielleicht auch auf ihre Blase. Grausam.