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— Warte, sagte sie leise und zutraulich. Du … kannst du …

Sie versuchte, ihn in eine angenehmere Position zu bringen. An einem anderen Tag hätte sie ihn weggestoßen, ihn einen Dummkopf und einen räudigen Hund genannt und hätte sich im Badezimmer Zeit gelassen, bis seine Erregung wieder abgeklungen war. Dann wäre sie nackt durchs Zimmer marschiert und hätte vielleicht gefragt, was er heute vorhabe. Sie müsse ja zur Arbeit gehen, Geld verdienen, normal sein und so, und er, was würde er machen, den ganzen Tag? Und daraus würde vielleicht ein kleiner Streit entstehen, der Ersatz für die abgebrochene Intimität.

Aber heute — nichts.

Sie bewegte sich vor und zurück, als würde ihr Becken beschwichtigend nicken, ja, ja, ich hab verstanden, schon klar, alles klar — und er wusste, dass er jetzt so etwas wie Mitleid empfinden könnte. Sie hatte diesmal tatsächlich Angst bekommen, er könnte für immer fortgehen. Und das würde er ja auch, gleich morgen. Heute Vorbereitungen, Telefonate, Tickets; morgen Abreise. Sie wollte nicht, dass er wegfuhr, und deshalb hielt sie still. Robert hatte Respekt vor dieser Haltung, vor dieser Konsequenz. Ich bin grausam, dachte er noch einmal und spürte, wie er zusammenschrumpfte, weich wurde, aus ihr glitt. Sie streichelte ihm mit der Hand über die Wange.

Es stimmte ja eigentlich alles mit ihr. Es war nicht ihre Schuld. Sie war freundlich, aufmerksam. Ihre Wohnung war hell. Sie roch wunderbar, sogar ihre Kopfhaut und die immer leicht verschwitzte Hautstelle zwischen ihren Schulterblättern. Und ihr dunkelblondes Haar war gesund und kräftig. Sie ließ ihn sogar manchmal Dinge ausprobieren, die er in Filmen gesehen hatte. Sie war geduldig. Und selbst wenn sie Kopfschmerzen oder Migräne bekam, schob sie es nicht auf ihn. Sie war wohlerzogen.

— Ich geh nur kurz, sagte Robert und stand auf.

— Okay, sagte Cordula.

Er ging aus dem Zimmer und stand da.

Wie machen das die Männer, die sagen, ich gehe nur kurz Zigaretten holen, und dann nie wieder auftauchen? Es muss sie doch geben, irgendwo auf der Welt laufen sie alle herum, diese Horden Zigaretten-Flüchtlinge, sie sitzen in kalten Hotelzimmern, ohne Reisepass, ohne Kreditkarte, ohne viel Bargeld, und warten. Worauf? Vielleicht ist es ein uraltes Geheimnis der Zigarettenautomaten selbst, ein geheimer Code, den man durch Drücken verschiedener Markenknöpfe eingibt, und dann öffnet sich die Box mit einem zischenden hydraulischen Geräusch und gibt einen Gang in die Unterwelt frei. Von allen Städten der Erde, durch die Öffnungen an Straßenecken und in Wänden öffentlicher Toiletten, steigen die Männer hinab in die Stollen, begrüßen einander mit einem knappen Nicken, denn ihnen ist nicht nach Sprechen zumute, viel zu lange sind sie zu Hause von ihren Frauen und Kindern gefragt worden, wie es ihnen geht und wohin sie gehen und wann sie wiederkommen, und sie folgen den leuchtenden Hinweisschildern bis zur Großen Unterirdischen Transitstation, dem geheimen Umschlagplatz all jener, die aus ihrem Leben aussteigen wollen. Unter den großen Neonschildern, auf denen die Logos der Zigarettenfirmen leuchten, warten sie auf riesigen Plattformen, jeder allein, jeder in sich gekehrt, auf ihre weiteren Verbindungen. Bärtige Gestalten in Trenchcoats, mit Kappen und Sonnenbrillen. Auch junge Männer sind darunter, gerade erst erwachsen geworden und dann eine Frau geschwängert, das haben sie nicht ausgehalten und sind jetzt hier, verängstigt und schüchtern, und zittern im U-Bahn-Wind ihrer ungewissen Zukunft, ihrem Exil entgegen. Dann tauchen schwarze, nur innen beleuchtete Unterwelt-Züge auf, die sich durchs Erdreich graben, und bringen die Aussteiger in weit entfernte Städte, nach Singapur, St. Petersburg, Kapstadt, Los Angeles. In den Waggons ist es so still wie in Truckstops mitten in der Wüste, die Passagiere reden nicht viel, manche murmeln vielleicht ein wenig vor sich hin, während die anderen ihre Mobiltelefone zerlegen oder mit einem Hammer kaputt schlagen. Ortungschips aller Art verschwinden in versiegelbaren Bleicontainern, die in jedem Abteil hängen. Und es gibt auch jene, die nie einen der Züge nehmen und in weit entfernten Städten des Globus wieder auftauchen, mit falschem Namen und neuer Frisur, nein, einige gewöhnen sich an die Kühle und die eigenartige Frische der Luft dort unten in den Transitstollen, an das flimmernde Neonlicht der Zigarettenwerbung, an die McDonald’s-Schalter, die von Blinden betrieben werden, und sie setzen sich hin und denken sich: Morgen, morgen nehme ich einen Zug, und für diese eine Nacht bleibe ich einfach hier sitzen. Und dann schlafen sie ein und überstehen, ohne dass es ihnen bewusst wird, die berühmte erste Nacht. Und danach sind sie frei, sie bleiben in den Tunnelsystemen und verbessern sie, bauen sie aus. Es ist wichtig, dass es sie gibt, denn ohne sie würden die Tunnelsysteme und die künstliche Beleuchtung und die Züge nicht existieren. Ist ja nicht alles einfach so in der Erde gewachsen. Alles von Menschenhand gebaut, über Jahrhunderte, wie eine unterirdische Ameisenstadt, vom ersten, unbekannt gebliebenen Aussteiger an, der mit seinen Fingernägeln an der Mauer neben dem Zigarettenautomaten kratzte und sich wünschte, die Erde möge ihn verschlucken — ihm folgten Millionen von einsamen Männern, die keinen Kontakt mehr mit ihrer Vergangenheit und Familie wollten und die sich mit bloßen Händen oder primitivem, beim Weggehen aus der Wohnung zufällig eingestecktem Werkzeug ins Erdreich gruben, für immer fernab vom heimischen Herd –

— Woran denkst du?

Cordula legte ihm von hinten einen Finger auf den Kopf und fuhr die Schädelnaht entlang, in improvisierten Zickzacklinien. Wie der Tonabnehmer einer Grammophonnadel.

— Warum fragen das Frauen immer? antwortete er.

Robert zog ein T-Shirt an, auf dem Dingo Bait stand. Eigentlich war das Hemd ein Weihnachtsgeschenk für Cordula gewesen, aber als sie es ausgepackt hatte, war sie entsetzt gewesen. Er erklärte ihr, dass es als Spaß gemeint war, dass er kein Problem mit dem Begriff habe, solange er nicht abwertend gebraucht werde und so weiter, sicher länger als eine Stunde hatte er auf sie eingeredet, aber sie hatte darüber immer noch nicht lachen können. Dann hatte sie es probeweise angezogen, war damit ein paar Schritte gegangen und hatte es sich so schnell wieder vom Leib gerissen, dass ihr die Brille aus dem Gesicht flog.

— Ach, Cordula …

— Ich will das nicht tragen. Was glaubst du, was meine Kollegen in der Firma sagen, wenn ich damit herumlaufe.

— Du müsstest es doch nicht zur Arbeit tragen, wenn da lauter humorlose Trottel sind, aber zumindest –

— Robert, es tut mir leid.

Und natürlich kamen dann die zitternde Oberlippe und der schuldbewusste Blick zu Boden, weil Weihnachten war, die heilige Zeit, in der es immer wunderbar harmonisch zugehen musste, und jetzt hatte sie ein Geschenk von ihm abgelehnt und dadurch den Weihnachtsfrieden zerstört, ja, genau diese Gedanken waren mit Sicherheit durch ihren kleinen, dummen Kopf gegangen, dachte Robert. Er erinnerte sich noch, wie er ihr das T-Shirt sanft aus der Hand genommen und es selbst angezogen hatte.

Er hatte inzwischen mehrere davon. Die meisten waren albern und hatten mit Australien zu tun, also zum Beispiel I’m a father but I love my dingos. Oder: A dingo ate my government! Oder, ganz simpeclass="underline" I need a dingo breakfast. Im Internet konnte man auch einige T-Shirts finden, die sich direkt (und total selbstbewusst!) auf das Indigo-Thema bezogen, aber die waren alle unerträglich dumm.

Zu Mittag würden Willi und Elke vorbeischauen. Robert hatte Willi in Berlin kennengelernt. Bei jeder Gelegenheit erwähnte Willi, dass er dort drei Jahre gelebt hatte. Drei Jahre Berlin. Tatsächlich? Drei Jahre? Nicht bloß zwei? Nein, drei. Diese Zahl, verbunden mit der lebendigen Weltstadt, in der jede Nebenstraße geschichtsträchtig war, bildete den innersten Kern seines Wesens. Er hatte dort mit einer Frau zusammengewohnt, die ebenfalls aus Österreich kam und taub war. Sie konnte zwar von den Lippen lesen und auch undeutlich sprechen, aber bald unterhielten sie sich nur mehr in Gebärden, einer Art doppelten Geheimsprache, da ihr Salzburger Gebärden-Dialekt bei deutschen Gehörlosen oft auf Unverständnis stieß und die normal hörenden Menschen auf der Straße sowieso nichts begriffen. Immer wieder hatte Willis Freundin sich über die nutzlos herunterhängenden Arme und Hände der Hörenden amüsiert, wie sie sie lustlos herumtrugen, als wären es gebrochene Windmühlenflügel, zwei lästige Anhängsel, mit denen man nichts anfangen konnte, außer hin und wieder Türklinken niederzudrücken oder ein Taxi herbeizuwinken. Manchmal hatten sie sich einen Spaß daraus gemacht, in alltägliche Gesten, etwa einem harmlosen Winken, einen Fluch einzubauen oder eine obszöne Gebärde. Doch nichts von der gehörlosen Frau war in ihm geblieben, nicht einmal ihren Namen erwähnte er gern, Ilona, das Einzige, was ihm etwas bedeutete, war die Zahl Drei in Verbindung mit Berlin. Je öfter man ihn danach fragte, desto heller und freundlicher wurde sein Tag.