— Hihihihi, gackerte Frau Stennitzer immer noch.
Ich betrachtete den unheimlichen Kopf. Für eine gewöhnliche Faschingsmaske war er zu groß, aber gut möglich, dass es nur eine optische Täuschung war, weil er von einem Kind getragen wurde. Für seine vierzehn Jahre wirkte Christoph eher klein, er war dünn, die Haut auf seinen Armen war auffallend bleich, und seine Fußspitzen standen beim Gehen ein wenig in Pflugstellung. Jetzt, aus der Nähe betrachtet, war der Kopf gar nicht mehr so furchterregend, fand ich. Die ernste Stirn und die lange, charaktervolle Nase, die einen scharfen Schatten warf, erinnerten mich sogar ein wenig an das freundliche Gesicht von John Updike.
So saßen wir einige Zeit da, ich sprachlos, Mutter und Sohn in höflichem Schweigen, umgeben von hellen Fenstern.
— Drei Minuten, sagte Frau Stennitzer leise.
Sie könne es inzwischen bis auf die Sekunde genau berechnen, auch bei anderen Menschen. Das heißt: bei Fremden, so wie bei mir. Sie wisse genau, wann es für mich besser sei, auf Distanz zu gehen.
— Verändert sich sein Wert?
Frau Stennitzer schüttelte stumm den Kopf und schloss dabei für einen kurzen Moment die Augen.
— Hallo, Christoph. Mein Name ist Clemens. Ich schreibe eine Reportage über … Na ja, ich wollte fragen, wie’s dir so damit geht, ich meine, zu wissen …
Mein Satz brach in der Mitte auseinander, und beide Teile fielen zu Boden.
— Gut, sagte Christoph.
Seine Stimme wurde von der Maske gedämpft.
— Du wirst zu Hause unterrichtet, stimmt das?
— Mhm.
— Ich hab mal in einem Internat gearbeitet, in dem Kinder wie du leben. Würdest du manchmal gern in eine solche Schule –
Frau Stennitzer unterbrach mich:
— Wir haben ein Arrangement getroffen. Er kennt die Verhältnisse dort nicht. Wie soll er da antworten?
— Na gut, sagte ich. Sicher, klar.
— Ich lese gern Comics, sagte Christoph.
— Ach so, welche denn?
— Alles Mögliche, sagte er. Und Wrestling.
— Du magst Wrestling?
— Ja.
— Ich hab das schon lang nicht mehr angeschaut.
Frau Stennitzer deutete auf ihre Armbanduhr. Ich spürte nichts. Sie fasste sich an die Schläfen, lächelte aber weiter. Dann nahm sie einen tiefen Atemzug und räusperte sich. Christoph ging aus dem Zimmer.
Was mit Indigo-Kindern passiert, wenn sie älter und schließlich erwachsen werden, ist eine kontrovers diskutierte Frage. Nicht selten wird die Ansicht vertreten, dass es das Beringer-Syndrom gar nicht gibt und alles nur eine Frage der Einstellung ist. Ein Fall aus Australien ist bekannt, ein inzwischen zwanzig Jahre alter Mann namens Ken S., der behauptet, als Kind sehr starke Indigo-Symptome entwickelt zu haben, die seine Eltern schließlich dazu gebracht haben sollen, sich scheiden zu lassen, und seinen Vater angeblich in eine tiefe und lebensgefährliche Depression gestürzt haben. Heute arbeitet er in einem Call-Center und tritt hin und wieder in Talkshows auf, wo er gern darüber spricht, wie man sich mit positivem Denken von seinem eigenen Schicksal distanzieren kann. (Auch bei meiner eigenen Arbeit im Proximity Awareness and Learning Center Helianau am Semmering in Österreich habe ich Kinder erlebt, deren Wert allmählich zu- und deren Wirkung abgenommen hat. Aber selbst in diesen Fällen waren die Kausalitäten oft nicht klar ersichtlich.)
Solche Erzählungen von meinte sie. Ausgebrannte I-Kinder seien eine Tatsache. Aber: ausgebrannten Fällen waren Frau Stennitzer natürlich bekannt, und sie seufzte, als ich sie darauf ansprach. Ja, manchmal wachse oder brenne es sich aus,
— Ehrlich gesagt, das alles bedeutet mir nicht das Geringste. Ich meine, immer geschehen solche Sachen in Australien, weit, weit weg … Als Nächstes geschieht es wahrscheinlich auf dem Mond. Aber hier, ich meine, wir sehen es doch, wir leben doch damit. Es wird nicht weniger.
— Bemerken Sie gar keine Entwicklung?
— Außer dass ich mich gewöhne …
— In der Fachliteratur werden einige Fälle erwähnt, die –
— Ja, das ist eben das Problem, die werden immer nur erwähnt, und die Leute, um die es da geht, sind nur mit Initialen vertreten, und kein Mensch weiß, was das eigentlich soll, diese Geheimniskrämerei.
Eine Pause entstand, während deren ich mein Notizbuch höflich zuklappte, um Frau Stennitzer zu erlauben, richtig wütend zu werden.
— Ich meine, ich verstehe diese Leute nicht, die solchen Unfug schreiben, sagte sie. Die müssen ja nicht mit ständiger Übelkeit und Schwindel leben und mit Hautausschlägen und Durchfall, das ist für die nur eine Liste von Krankheitssymptomen! Das ist nichts, was ihr Leben betrifft. Es ist immer dieselbe Scheiße, überall! Aber kaum spricht das einer mal aus, geht’s auch schon los: Ja, die ist eben burnt out, die ist halt nicht so der Familientyp, wird schon auch an der emotionalen Überforderung liegen — nein! Leben Sie mal vierundzwanzig Stunden im Einzugsgebiet von diesem …
Sie führte einen Fingerknöchel an die Oberlippe, um sich zu bremsen. Es funktionierte.
— Entschuldigung, sagte sie. Sie wollen bestimmt nicht von mir vollgejammert werden.
Ich unterdrückte gerade noch rechtzeitig den Satz Aber dafür bin ich doch gekommen und nickte nur auf eine, wie ich hoffte, verständnisvolle Weise.
— Aber wünschen Sie es sich für Christoph?
— Was?
Ihr Blick war aufrichtig ratlos.
— Dass es besser wird, wenn er erwachsen ist.
— Nein, ich habe da keine Hoffnungen, sagte sie. Ganz ehrlich. Ich bin Realistin.
Die trockene Luft im Raum hatte meine Stimme wieder rau gemacht. Ich fragte, ob wir hinaus in den Garten gehen könnten. Frau Stennitzer lächelte.
— Er ist schon weg, sagte sie. Geht gleich vorbei.
— Nein, es ist eher die Luft hier drin, sagte ich.
— Okay, sagte sie mit einem etwas verdutzten Gesicht. Okay. Wie Sie wollen.
Die Gegenwart der Apfelbäume tat mir gut, außerdem wehte ein südlich warmer Wind ums Haus, in dem der eigene Körper leichter zu werden schien, sich von der bewegten Luft einfangen ließ. Ich bemerkte den kegelförmigen Erdhügel am Rand des Grundstücks und ging darauf zu. Frau Stennitzer folgte mir. Als ich nahe genug war, fragte ich, was das sei.
— Nur ein Versuch, sagte sie.
Dann erwähnte sie, als hätten wir die ganze Zeit darüber gesprochen, dass es für Indigo-Kinder sogar eine eigene Begräbnisordnung gebe. Auf privatem Grund dürfen sie in gewöhnlichen Gräbern bestattet werden, auf öffentlichen Friedhöfen jedoch nur in einer Urne, als Asche. Dabei sei es nicht einmal zweifelsfrei geklärt, ob ihre schädliche Wirkung auch über den Tod hinaus noch bestehen bleibt. All das kam mir extrem unglaubwürdig vor, und ich hatte das Gefühl, von meiner Gastgeberin auf den Arm genommen zu werden. Aber Gudrun Stennitzer sagte das alles, als redete sie über das Wetter. Als ich schließlich begriff, dass sie es ernst meinte, erschien mir ihre Geschichte wie ein furchtbarer Raub. Als würde einem Menschen eine der zwei großen Aufgaben entrissen, für die er auf der Welt ist, nämlich teilzunehmen an dem köstlichen Fest, das einem toten Körper in der Erde von all den Mikroorganismen bereitet wird, die ameisengleich winzige Stücke davontragen, verdauen und umwandeln, von den Wurmwesen und Maden, die ihre Tunnel durch den Toten graben. In einem Text des tschechischen Schriftstellers und Immunologen Miroslav Holub gibt es eine Beschreibung dieser wunderbaren und ungeheuren Vorgänge. Eine Ratte ist in den Swimmingpool von Holubs Nachbarn gefallen, und anstatt ihr herauszuhelfen, schießt der Nachbar mit einem Gewehr auf sie, wodurch das arme Tier buchstäblich in der ganzen Gegend verstreut wird. Und Holub, der vielleicht von allen Dichtern des vergangenen Jahrhunderts — mit Ausnahme von Sebald und Kafka — derjenige mit der am stärksten entwickelten, aber auch eigentümlichsten Empathiefähigkeit ist, beschreibt nun das, was mit der toten Ratte passiert, mit ihren Blutzellen, mit den mikroskopisch kleinen Puzzlesteinen ihres Körpers, den Flüssigkeiten und festen Stoffen, aus denen sie bestand, er beschreibt die Transformationen und chemischen Interaktionen, die unmittelbar einsetzen — so lange, bis man vor lauter Erde und Blut und Lebewesen am Ende den Tod der Ratte völlig vergessen hat. Es hilft und befremdet gleichermaßen, wenn man weiß, dass Holubs Brotberuf für lange Jahre das planmäßige Quälen und Vergiften von Labortieren war. Als Immunologe spezialisiert auf die Bekämpfung und Prävention von Seuchen, hatte er die eigens für das raumstationartige Leben im Labor gezüchteten Nagetiere den entsetzlichsten Einflüssen auszusetzen, die man sich vorstellen kann, tödlichen Erregern und toxischen Substanzen, in ihrer Wirkung unerforschten Impfstoffen und extremen Temperaturen. In einem Interview sagte er einmal, dass die Gedichte, die er abends schrieb, meist als Reaktion auf einen mit sinnlosen Mausquälereien verbrachten Arbeitstag entstanden. Wie kann man es sich erklären, dass dieser Mann, der eine Nacktmaus nach der anderen mit seinen Science-Fiction-Apparaturen auf die denkbar entsetzlichste Weise aus der Welt schaffte, das berührendste Schmetterlingsgedicht überhaupt verfasste (die Konkurrenz ist groß!) und selbst noch die Beschreibung eines anenzephalen Kindes, das mit seinem leeren, kurz nach der Geburt noch ein wenig pulsierenden beutelartigen Hinterkopf in einem Behälter liegt, in dem es auf den Tod wartet, der sich etwas verspätet hat, so zärtlich ausfallen lässt, dass sich einem beim Lesen der Brustkorb bläht, als verwandelte man sich in den leibhaftigen Hindenburg-Zeppelin — wie, zum Teufel, ist so etwas möglich?