Ich weiß nicht, ob es Absicht von Gudrun Stennitzer war, mich neben dem kleinen Gehege mit dem kegelförmigen Erdhügel einfach stehenzulassen. Es ist gut möglich, dass sie darüber gar nicht nachgedacht hat, sondern einfach irgendwann zurück ins Haus gegangen war, in einem Moment, der ihr nicht geeigneter erschien als irgendein anderer. Jetzt stand ich jedenfalls allein in der Sonne, atmete Bienensummen und verschiedene Schattierungen von Grün ein und wartete, indem ich mehrere Male hintereinander minutenlang auf meine Armbanduhr schaute, bis ich wieder einigermaßen gefasst und vorzeigbar war, und ging dann ebenfalls zum Haus zurück. Ich gebe zu, dass mir in diesem Augenblick der Satz Ich bin in der Hölle durch den Kopf ging, und aus irgendeinem Grund musste ich, während ich die rätselhafte Gegenwart des Erdkegels hinter mir ließ, an die bemerkenswerte Einsicht von James Merrill denken. No souls came from Hiroshima you know / Earth wore a strange new zone of energy. Auch in Tschernobyl, dachte ich, hat man mit Sicherheit keine Geister von Verstorbenen mehr antreffen können, nicht einmal im Traum. Die verstrahlten Ruinen sind zu weit von uns entfernt. Sie sind auf eine metaphysische Weise steril, reingewaschen, formatiert. Als ich zurück in die Küche kam, sah ich Frau Stennitzer, wie sie sich ihre Stirn und ihren Nacken mit einer weißen Creme aus einer kleinen, schwarzen Dose bestrich, die aussah wie ein Behälter für eine Filmrolle.
— Möchten Sie auch? fragte sie. Es hilft.
Da ich keine Ahnung hatte, was ich darauf erwidern sollte, begann ich Frau Stennitzer von dem Vorwort in Das Wesen der Ferne zu erzählen, die Geschichte mit den versunkenen Kriegsschiffen und dem unverstrahlt gebliebenen Stahl.
Sie nickte. Ja, sie habe schon davon gehört. Schon oft, um die Wahrheit zu sagen. Das sei eben die winzig kleine Hoffnung damals gewesen, dass diese Kinder irgendeinen Vorteil haben, vielleicht sogar irgendwelche spirituellen Fähigkeiten, die andere nicht haben, und so weiter.
Sie schraubte die Dose zu und wischte sich die Finger an ihrer Hose ab.
Aber natürlich sehe die Wirklichkeit ganz anders aus, sagte sie. Es gebe schon einige begabte I-Kinder, allerdings nur im Bereich der Leseleistung.
— Dazu gibt es Studien? fragte ich.
— Na ja, Kunststück, sagte Frau Stennitzer. Wenn Sie, egal wohin Sie gehen, immer den Mittelpunkt einer ungefähr zehn Meter durchmessenden Sperrzone bilden, dann beginnen Sie auch irgendwann, Bücher zu lesen oder sich mit dem Computer zu unterhalten. So läuft das, nicht andersrum.
— Gehen Sie eigentlich regelmäßig in die Zone? Oder bleiben Sie bewusst draußen?
Na ja, sagte sie, sie sehe es gar nicht als Zone, der man sich nähern und mit der es Überschneidungen geben kann. Sie sehe es mehr als Riesenrad. In einem Riesenrad gebe es verschiedene Kabinen und der Abstand zwischen den Kabinen bleibe immer derselbe, sie können sich einander nicht annähern, das lasse die Konstruktion einfach nicht zu. Und so fahre man eben im Kreis, die ganze Zeit, mehr oder weniger getrennt voneinander, jeder für sich. Wenn man schon mit Bildvergleichen kommen müsse, so Frau Stennitzer, dann wenigstens so, nicht mit diesem heilig-nüchternen Zauberstahl vom Meeresgrund! Im Übrigen sei Abstand halten ja auch gesund, an und für sich, bei gewissen Tänzen berühre man einander zum Beispiel gar nicht, sagte sie, man spiele nur mit der Aura des anderen wie auf einem Theremin und auch beim Ballonfahren dürfe man sich bekanntlich nicht zu weit einem anderen, ebenfalls im Äther schwebenden Ballon nähern, weil dann, ach, was weiß ich, diese Verwirbelungen der Luft oder was immer das ist. Irgendwelche thermischen Phänomene seien das, sagte Frau Stennitzer, aber was genau, habe sie vergessen.
Ohne nachzudenken, erzählte ich ihr von einem Duell, über das ich vor Kurzem gelesen hatte. Es fand Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Paris statt, zwischen zwei tollkühnen Herren, Monsieur de Grandpré und Monsieur Le Pique, um die Gunst von Mademoiselle Tirevit, einer bekannten Tänzerin. Die Kontrahenten stiegen damals mit zwei Ballonen rund 700 Meter hoch über die Tuilerien und schossen abwechselnd auf die gegnerische Ballonhülle. Grandpré gewann, Le Pique stürzte mit seinem Ballon (und seinem Sekundanten an Bord) auf ein Hausdach und starb.
— Er hat sich letztes Frühjahr auf das Dach gestellt, sagte Frau Stennitzer.
— Und dann hat sich die Tirevit —, begann ich. Entschuldigung, was?
— Er. Er ist hinaufgestiegen.
— Ihr Sohn?
Sie nickte.
Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Ballon-Anekdote überhaupt nicht zum Thema passte.
— Ja. Und dann, als er dort oben war … ach, es war eine unheimlich … (sie formte mit ihren Händen einen unsichtbaren Schneeball) … eine unheimlich kompakte Zeit damals, wissen Sie? So, als könnte man nicht mehr herauskommen, sondern sich nur noch enger darin verstricken, wenn man … na ja.
— Wollte er sich etwas antun?
Sie zuckte die Achseln:
— Weiß keiner. Nicht einmal er selbst, wie es scheint. Später hat er gesagt, er kommt halt nicht so viel raus. Vor die Tür.
Ich sagte nichts.
— Er ist dann wieder allein runtergestiegen, sagte Frau Stennitzer. Irgendwann. Ist wahrscheinlich nicht weiter verwunderlich. Der Körper wird müde. Er ist heruntergekommen, und wir haben geredet, den ganzen Tag haben wir geredet … und ich hab ihn umarmt, obwohl er das … na ja, obwohl natürlich … ach, ich weiß nicht, wohin das noch alles führen wird, wissen Sie? Ich meine, seit letztem Sommer kommen immer wieder Jugendliche aus dem Ort herauf und stellen sich vor sein Fenster.
— Sie stellen sich vor sein Fenster?
— Ja, klettern bei uns über den Zaun, Sie haben ihn ja gesehen, da kommt jeder leicht drüber, mit ein bisschen Anlauf.
— Und was machen sie dann bei ihm?
— Aushalten, sagte sie, und ihre Stimme war nun so weit entfernt, als käme sie aus einer Raumkapsel. Sie halten aus, stehen da, in einem Kreis. Manchmal sogar mit einem Radio. Und halten aus.