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Leise Musik war zu hören. Ein Gekrächz und Geschrei, begleitet von E-Gitarren und einem Schlagzeug, das von einem riesigen Fuß durch einen Raum gekickt wurde.

— Hab gar nichts gemeint, sagte der Bursche.

— Wie lange kennt ihr Christoph schon?

Wieder lachten sie. Das Mädchen klatschte in die Hände.

— Was ist denn so witzig?

— Du bist voll drauf, oder? fragte der Junge mit dem MP3-Player.

— Wo drauf?

Sie lachten wieder.

— Mit dem Christoph kann man gut Musik hören, sagte der andere Bursche, der bisher nicht viel geredet hatte. Außerdem geht’s mit der Musik. Oder?

Seine Freunde stimmten ihm zu.

— Mit der Musik geht es leichter? fragte ich.

Meine Stimme klang in der Tat etwas komisch. Die Jugendlichen schlugen sich auf die Schenkel vor Lachen.

— Warte, ich schalte lauter. Armer Kerl, sagte der Bursche und drückte auf seinem MP3-Player herum.

Obwohl es mir schwerfiel, in normaler Geschwindigkeit zu sprechen, erklärte ich den Jugendlichen, dass mich die Sache mit der Musik an eine Stelle aus dem Werk des großen französischen Insektenforschers Fabre erinnere, wo er einen eigenartigen Aberglauben kalabresischer Bauern beschreibt, nach welchem das Gift der Tarantel angeblich bei Frauen wilde Gliederzuckungen und unbezähmbare Tanzwut hervorruft. Als einziges Heilmittel gegen diesen sogenannten Tarantismus gelte Musik, so Fabre, sagte ich. Es gebe sogar eigene, besonders ins Ohr gehende Melodien, denen eine eindeutig heilsame Wirkung zugeschrieben wurde, und diese Melodien wären seit Jahrhunderten gesammelt und jeder Frau, die von einer Spinne gebissen wurde, auf Notenblättern ausgehändigt worden.

Die beiden Glatzköpfe prusteten los und stießen einander an.

— Scheiße, sagte der Schweigsamere der beiden. Der is so was von untendrunter …

Das Mädchen schaute etwas betreten drein, nicht sicher, wie ich reagieren würde. Aber ich lachte mit ihnen, in diesem hellen, ungefährlichen Augenblick kurz vor meiner Abreise aus Gillingen, obwohl ich überhaupt nicht mehr wusste, worüber wir lachten und unter welchem Vorzeichen, Plus oder Minus.

~ ~ ~

8 Holodeck

— Ja, die Übermacht amerikanischer Kultur und vor allem amerikanischer Fernsehserien, sagte Robert. Das nimmt alles total überhand. Schon seit gut fünfzig Jahren nimmt das überhand. Wenn ich male, sehe ich oft diese Wellen, wie bei alten Fernsehgeräten.

– Überhand, wiederholte Elke. Woher kommt eigentlich dieses Wort? Über Hand …

Sie hielt sich ihre eigenen Hände vors Gesicht und betrachtete sie, als könnten sie ihr die Antwort verraten. Willi erinnerte sie daran, wie sie beide in bekifftem Zustand über eine Stunde lang diskutiert hatten, ob es Stil-Leben oder Still-Leben hieß. Sie hatten Markus Lüpertz im Fernsehen gesehen, irgendein wahnsinnig selbstherrliches Interview mit dem greisen Maler, und der hatte tatsächlich Stil-Leben gesagt. Elke hatte das Angst gemacht, weil sie es nicht mochte, wenn sie ein Wort ihr ganzes Leben lang falsch ausgesprochen hatte. Das sei, meinte sie, als würde man ihr das Wort nachträglich aberkennen.

— Ja, du hast als Kind ziemlich viel Fernsehen geschaut, sagte Cordula zu Robert und streichelte über seinen Kopf.

Robert wollte am liebsten eine wohltuende Batman-Weisheit von sich geben. Das bizarre innere Licht dieser schlauen Sprüche war mit nichts in der Wirklichkeit zu vergleichen. Aber dann schluckte er sie hinunter und sagte stattdessen:

— Ach, ich meine nur, die Wildwestkultur nimmt ganz einfach überhand, in jeder normalen Fernsehserie schaffen es die Drehbuchautoren, so eine Wildwestfolge einzuschmuggeln, irgendwer nimmt eine Zeitmaschine und gelangt in den Wilden Westen, oder irgendwem fällt ein Ziegelstein auf den Kopf, und er träumt, er ist im Wilden Westen, oder er geht ins Holodeck und gerät dort in eine Wildwestgeschichte, und der Computer spielt verrückt und lässt ihn nicht mehr aus dem Holodeck heraus!

— Wen? fragte Elke.

— Worf und Alexander, sagte Robert.

— War das nicht Picard? fragte Cordula.

— Ah, hör mir auf mit dem! Der hat einen französischen Namen und wirkt deswegen europäisch, weltklug und weise, aber natürlich alles aus amerikanischer Sicht, was das Ganze wieder dumm und verlogen macht. Außerdem spielt er Flöte.

— Schwuchtel, sagte Willi.

— Dieses Holodeck, sagte Robert, das ist natürlich auch so eine Sache, Hologramme kann man ja nicht anfassen, und trotzdem führen sie Operationen an Menschen durch, das ist ja, also das ist –

— Sagt mal, ist es schlimm, wenn ich jetzt total ausgestiegen bin? fragte Elke.

— Nein, sagte Robert, es ist nicht schlimm, aber ich verstehe nicht, wie man da aussteigen kann, ich rede von Fernsehserien, nicht von Kunst, also müsste es dir doch etwas bedeuten, oder? Das Thema. Ich meine, an sich.

— Nun ja …

— Nimm MacGyver. Ihm fällt in einer Folge ein Blumentopf auf den Kopf, und er erwacht im Wilden Westen. Das halten die für eine folgerichtige Plotentwicklung.

— Irgendwer noch Salat? fragte Cordula.

Elke schüttelte den Kopf, ihr Gesicht so verdutzt wie das eines Säuglings, der zum ersten Mal Schmerzen spürt.

— Aber ihr habt den Salat nur von einer Seite gegessen, die Gurken liegen hier links und sind noch total unberührt.

— Tut mir leid, sagte Elke.

— Ah, egal, das war mein Fehler, sagte Cordula. Wir hätten die Salatschüssel beim Essen öfter drehen sollen. Dann wär das nicht passiert.

Sie nahm zwei Gabeln und rührte im Salat, die Gurken mischten sich mit dem Mais und den Bohnen.

— Ein Blumentopf, sagte Robert. Fällt ihm auf den Kopf, einfach so.

— Aber war er dann nicht bei König Artus, oder so?

— Was?

— Als er aufgewacht ist, sagte Cordula. Ich hab die Folge damals auch gesehen. Ihm ist der Blumentopf auf den Kopf gefallen, und er erwacht und ist in der Zeit von König Artus und vollbringt dort Wunder.

— MacGyver?

— Ja.

— Nein, auf keinen Fall.

Robert verbog, ohne dass es die anderen sehen konnten, den Hals eines Teelöffels.

— Doch, ich bin mir sicher, sagte Cordula, er vollbringt da irgendwelche Wunder, weil er natürlich dieses enorme technische Wissen hat, und er überlebt nur knapp seine Kopfverletzung, und am Ende kehrt er aus der Artuszeit zurück in die Gegenwart, das heißt in die Achtziger oder wann immer sie das gedreht haben.

— Jetzt bin ich verwirrt, gab Robert zu.

— Aber es stimmt, sagte Elke plötzlich und betrachtete wieder ihre Handflächen. Du hast recht. Diese Fernsehserien enthalten wirklich immer Wildwestfolgen. Zum Beispiel Superman. Da ist, glaub ich, eine Zeitmaschine schuld, dass sie so weit zurückfallen, und dann sind sie auch länger dort und können nicht zurück in die Zukunft, obwohl mich das auch immer so irritiert hat bei der Serie, weiclass="underline" Da ist einer, der hat Superkräfte, ja? Der kann alles, ja? Absolut alles — und dann hat er doch so viele Probleme wie sonst niemand, er kann praktisch überhaupt nichts machen, weil ständig irgendwo Kryptonit drin ist. Wozu diese Geschichte überhaupt erzählen? Da ist Superman, und er hat Superkräfte, aber nein, die hat er eigentlich doch nicht, weil alles immer aus Kryptonit besteht. Das ist doch hirnrissig!

— Ja, sagte Robert. Vielleicht ist das auch so eine Art Parabel. Auf die geschichtliche Situation damals.