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Robert war nie der Ferenz gewesen. Zu träge, zu langsam, generell zu leichte Beute. Wer hätte gedacht, dass in den zwölf Jahren, die seit der Matura vergangen waren, die Welt noch immer nicht untergegangen war. Aber wir arbeiten dran, dachte er, als er am iBall im Vorzimmer vorüberging. Der iBall hatte sein Lid geschlossen und hob es auch nicht, als Robert an ihm vorbeischlich.

Er fand die Zeitung im Bücherregal. Dort lag sie oft, unbemerkt und beinahe unsichtbar. Man erkannte sie an einem blassen Schatten, den sie auf die Wand hinter den Büchern warf. Er nahm die Zeitung und startete die Artikelsuche. Seine Suchbegriffe waren: setz clemens haut abgezogen mann hunde.

Die Einträge waren mehr oder weniger Kopien des Artikels über den Freispruch. Nur die Fotos des inzwischen neununddreißig Jahre alten Mathematiklehrers waren unterschiedlich. Auf manchen sah er tatsächlich so aus, wie ihn Robert in Erinnerung hatte. Ein Gesicht, das ohne die Augenbrauen nichts gewesen wäre. Müde Augen. Dünnrandige Brille. Ein seltsam vorstehender Adamsapfel. Schiefe Schneidezähne. Geheimratsecken. Kugelrunder Welpenbauch unter einer gemusterten Weste.

In einem Artikel wurde erwähnt, dass die Familie des Opfers angekündigt hatte, das Urteil mit allen zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln anzufechten. Das Opfer selbst war zum Zeitpunkt seines Todes vor zwei Jahren fünfundvierzig Jahre alt gewesen. Der Mann hinterließ zwei Töchter. Sein Bauernhof, auf dem er die Hunde gehalten hatte, war verkauft worden. Sein Nachname wurde nirgends erwähnt. Immer hieß es: Franz F., geboren in Cluj (Klausenburg), Rumänien. Töchter bereits in Österreich geboren, Hundezüchtung zuerst nur Hobby, später hauptberuflich — verdammt, komm endlich zur Sache. Aber der Artikel endete, ohne dass das grausame Verbrechen überhaupt erwähnt wurde.

Robert entließ die Zeitung und setzte sich an seinen Schreibtisch. Interf… Ferenz-Spiel, im Herbst … Seltsame, formlose Gedanken. Max. Was ist mit ihm passiert? Und der Mann, der ihn angesprochen hatte, er hatte gesagt, dass … welches Wort hatte er verwendet? Vorbild, nein Mentor, genau … Haut abgezogen … Max Schaufler … Mentor … Klausenberg …burg …

Er versuchte sich vorzustellen, einem schreienden, zappelnden Mann die Haut abzuziehen. Am besten dem schulterlosen, eiförmigen Menschen im Bankfoyer. Wie lange dauerte es, bis der Mann in Ohnmacht fiel? Und wie war das mit dem Blutverlust? Und wo fing man an? An welchen Punkten musste der Körper fixiert werden und mit welchen Hilfsmitteln? Geschah es vielleicht unter Vollnarkose?

Und so ein Typ hat mich unterrichtet.

Okay, okay, er ist freigesprochen worden und alles, aber trotzdem. Irgendjemand, der jetzt da draußen herumlief, hatte den Mann auf jeden Fall gehäutet. Diesen rumänischstämmigen Typen, der seine Hunde in einem Kellerverlies, oder was war das nochmal gewesen …? Robert schaute sich im Zimmer nach der Zeitung um, aber sie trieb sich wahrscheinlich auf dem Balkon herum, aus irgendeinem Grund mochte sie Sonnenlicht, nichtsnutziges kleines, federleichtes Ding ohne Erinnerung.

Kellerverlies, das Wort stammte möglicherweise aus einer anderen Erinnerung. Zu Hause in Raaba hatte es doch dieses komische Vieh gegeben … Das heißt, nicht bei seinen Eltern, sondern beim Nachbarn im Keller. Ein Hahn. Den Schrei dieses Hahns konnte man das ganze Jahr über hören, jeden Tag um eine winzige Zeiteinheit nach vorne verschoben. Der Hahn wurde in einem Keller gehalten und verfügte, soweit er das hatte feststellen können, über keinerlei Begriff von Tageslicht. Natürlich war da die innere Uhr, die ihm die Natur mitgegeben hatte. Sie sagte ihm, wann die ersten für ihn unsichtbaren Strahlen der Sonne draußen über die Dächer fielen, aber aus irgendeinem Grund war diese innere Uhr nicht ganz richtig eingestellt, vielleicht stammten die Gene, die für ihre Steuerung zuständig waren, noch aus einem anderen Jahrtausend, als die Tage auf der Erde noch einige Sekunden länger dauerten, weil der Planet noch nicht den starken, die Neigung der Erdachse beeinflussenden Beben ausgesetzt gewesen war. Der Hahn ging sozusagen vor. Was aber nichts daran änderte, dass man ihn immer hören konnte, keinen Tag ließ er aus; nicht einmal im tiefsten Winter, wenn es draußen kaum je richtig Tag wurde, musste irgendjemand aus der Umgebung auf sein Geschrei am frühen Morgen verzichten. Selbst im düsteren Winterlicht, das so viele Leute in den Vorstädten in die Melancholie trieb und ihren Abscheu vor der eigenen Familie weckte, diese besondere Stimmung, wenn einen nichts mehr mit dem eigenen Planeten verband, selbst in den blauen Stunden klang der Schrei des im Keller gehaltenen Hahnes wie immer, genau wie im Sommer. Er gab den Menschen in seiner Straße einen gewissen Halt. Manchen ging er natürlich auch auf die Nerven. Die wünschten sich den Hahn am liebsten tot und erlöst.

— Kann ich ihn sehen? hatte Robert seine Mutter immer gefragt.

Erst zwei Tage zu Hause, und schon hatte ihn wieder der alte Käfer gebissen: das Bedürfnis, das zugrunde gerichtete Geschöpf zu sehen. Seinen Zeichenblock musste er unbedingt einstecken, aber in einem lichtlosen Keller würde er ohnehin nicht viel zustande bringen. Wenn er ihn nicht zu Gesicht bekam, würde er wahrscheinlich einen Igel quälen oder Fliegen einfangen und langsam in gebündeltem Sonnenlicht zergehen lassen müssen …

— Was? Wie soll das funktionieren?

Die Stimme seiner Mutter war selbst in der Erinnerung unangenehm laut. Er konnte sie nicht leiser stellen.

— Er ist doch nicht unsichtbar, oder? sagte Robert und bemerkte, dass er anfing, schneller zu reden, als es einer normalen Kommunikation zuträglich war.

— Nein, das nicht, aber … Er gehört mir doch nicht. Wie soll ich …

— Ich würde ihn wirklich gern sehen.

— Ja, aber …

— Mama.

— Schau mich doch nicht so an. Ich … Ach, mein Kopf, warte, ich werde nur kurz …

— Ach, komm, das ist doch unglaubwürdig!

Robert stellte sich ihr in den Weg.

— Robert, bitte, sagte die Mutter müde. Ich muss mich nur kurz regenerieren.

— Ich will –

— Robert!

Sie schob ihn beiseite, ihre Hand auf seiner Schulter. Dann war sie im Hausflur. Er dachte daran, die Tür zuzuwerfen, aber das hätte auch nichts gebracht.

— Dann eben nächstes Wochenende! schrie er.

Arno Golch, den Max’ Verschwinden aus dem Institut ungewöhnlich aggressiv gestimmt hatte, winkte Robert am Sportplatz zu. Dann kam er näher, mit gewaltigen Schritten, Robert lief weg, aber bald hatte Golch ihn eingeholt.

— Du Sau! schrie er Robert an und verpasste ihm einen Tritt, so dass er zu Boden stürzte.

Robert wurde sofort von einem heftigen Würgereiz und einer Schwindelattacke ergriffen, die so schlimm war, dass er das Gefühl hatte, auf dem Kopf stehend um eine vertikale Achse zu rotieren. Rinderhälfte an Fleischerhaken.

— Du musstest ja unbedingt dein verdammtes Maul aufreißen! sagte Golch.

— Ich … ich weiß nicht, was du meinst … o Gott …

Robert würgte.

— Weißt du, was ich mir wünsche? sagte Golch, kniete sich hin und legte seine Hand an Roberts Hals. Dass er dich kriegt, der Ferenz. Dass er dich in seine Finger kriegt. Als was wirst du dich dann verkleiden, hm?

Robert sagte nichts.

Und dann kam plötzlich die Atemluft in seine Lungen zurück, weil Golch ihn losließ. Die Stimme eines Erwachsenen donnerte über das Spielfeld.

Eines Tages im Winter war der Hahn verschwunden.

Niemand wusste, wie er aus dem Keller entkommen war. Undeutliche Spuren im Schnee deuteten an, dass er etwa zweihundert Meter weit auf seinen eigenen Füßen gelaufen und dann wohl von einem größeren Tier gepackt und fortgezerrt worden war. Jedenfalls verschwanden die Abdrücke seiner Krallen an einer bestimmten Stelle und tauchten nicht wieder auf. Vielleicht hatte aber auch der Wind die zarte Spur des Tieres verweht. Die Leute der Umgebung rissen Witze darüber, wie der Hahn mit vor Überwältigung heraushängender Zunge, ooohhh, durch den Tag gelaufen sei, halb blöd vor Erstaunen über die Helligkeit der Welt, von der ihm seine Zellen immer erzählt hatten, dass sie tatsächlich existiere, und er hatte es nicht glauben wollen … Roberts Mutter saß beim Mittagessen in ihrer Ecke, während Robert am anderen Ende des Esszimmers die dünnen Kartoffelscheiben in sich hineinschaufelte, und sagte kein Wort. Er sah es ihr an, dass sie darüber und nicht etwa über eine andere Sache kein Wort verlor. Er grinste. Sein Zeichenblock war voll. Und bevor er den aufgeregten, aber keineswegs verängstigt wirkenden Hahn dem Konrad übergeben hatte, der trotz der Kälte extra aus dem Nachbardorf mit dem Moped und einer Bretterkiste gekommen war, froh über die Gratiszugabe für den Hof seines Vaters (der ihn dafür vielleicht endlich einmal loben würde und nicht bloß immer auslachen wegen der bei bestimmten Lichtverhältnissen rosarot wirkenden Farbe des Mopeds), und der versprach, ihn gut unterzubringen, hatte er ihm noch einen Namen gegeben. Er blickte seine Mutter an und sagte den Namen auf, ohne die Lippen zu bewegen. Er würde ihn ihr niemals verraten. Nicht einmal dem Konrad hatte er ihn verraten. Niemand auf der Welt würde ihn je erfahren. Niemand hatte es verdient, zumindest bis jetzt.