— Okay.
Dr. Ulrich, anscheinend glücklich darüber, mir geholfen zu haben, ging hinaus, und ich saß wieder allein in dem riesigen, altertümlich eingerichteten Konferenzzimmer. Auf dem braunen Globus in der Ecke waren die Ländergrenzen der Welt vor 1799 markiert. Es war eine billige Reproduktion, aber die dicke Staubschicht ließ ihn alt und aufrichtig wirken und verstärkte mein Gefühl, in der Vergangenheit herumzusitzen. Hin und wieder schnippte ich mit den Fingern oder schnalzte mit der Zunge, um das majestätische Echo, das der Raum hergab, auskosten zu können. Ich legte meine kleine, private Schreibarbeit weg und holte das Mathematikbuch aus der Tasche. Die Vorbereitungen für die Mittagsstunde waren nicht sehr aufwendig, im Grunde würde ich weiter Sinn und Geheimnis der Kegelschnitte, der sogenannten Kurven zweiter Ordnung, zu erklären versuchen. Ich hatte natürlich bemerkt, wie wenig interessiert die gleichmäßig über das Auditorium verteilten Schülergesichter in der letzten Unterrichtseinheit geblickt hatten, also hatte ich mir überlegt, wie ich ihr Interesse wecken und gleichzeitig auf einige mathematische Fragestellungen hinlenken könnte. Mir war vor Kurzem ein Zeitungsausschnitt in die Hände gefallen, in dem von einem Mann erzählt wurde, der zwanzig Jahre mit einem Zwillingsanhängsel, einer verkleinerten, verschrumpelten Kopie seiner selbst, gelebt hatte. Der Zwilling hatte knapp oberhalb seiner Hüfte gesessen, sein Gesicht war nur zur Hälfte sichtbar, das eine Auge immer geschlossen; nicht ein einziges Mal in den zwanzig Jahren hatte es sich geöffnet. Aber der Zwilling war durchblutet gewesen, sein Herz hatte geschlagen — erst im Verlauf der siebenstündigen Operation, die die beiden Brüder voneinander trennte, hatte er zu leben aufgehört. In dem Bericht wurde erwähnt, dass der Mann noch im Krankenhaus den anwesenden Journalisten seine lange Narbe präsentierte und auch seinenlinken Arm zum ersten Mal in seinem Leben schlaff nach unten pendeln ließ. Sein Gang, so hieß es, sei leicht zur Seite geneigt gewesen. Wenn er durch den Korridor und auf den Balkon des Krankenhauses ging, wohin ihm natürlich die Kameras folgten, habe es so ausgesehen, als stemmte er sich gegen den Wind. Über den entfernten Zwilling wurde berichtet, dass er nach Ablauf seiner letzten sieben Stunden mit immer noch geschlossenen Augen friedlich vor den Chirurgen lag. Und da sah man zum ersten Mal deutlich, dass er zu Lebzeiten die Körperhaltung eines kleinen Männleins gehabt hatte, das gerade mit den Füßen voraus durch eine Luke schlüpft, so ähnlich wie ein Kosmonaut, der sein Raumschiff besteigt, oder vielleicht auch wie ein Kunstflieger, der bis zum Rumpf in dem winzigen Propellerflugzeug feststeckt, mit dem er waghalsige Loopings fliegt, viele hundert Meter hoch über den staunenden Zuschauern, und sich immer dreht und dreht, wie in der Nacht ein unruhiger Schläfer, dem die Decke ständig fortrutscht in die Kälte des Raums. Vor zwanzig Jahren hatte er diesen großen, mit ihm genetisch identen Körper bestiegen und war in ihm von Ort zu Ort gereist, auf drei Kontinenten waren sie gemeinsam gewesen, bis zum 22. Juli 2005, dem Tag der großen Operation. Für den Mathematikunterricht relevant war jedoch etwas anderes: Die Narbe an der Flanke des Mannes, wo sein Zwilling so viele Jahre wie auf einer Sitzfläche Platz genommen hatte, war ihrer Form nach eine annähernd perfekte Ellipse. Geschlossene Narben in der Form von Ellipsen sind eine sehr interessante Klasse irregulärer Narbenverläufe, das hatte ich schon während des Studiums in einer der Einführungsvorlesungen zur Analytischen Geometrie erfahren. Warum dies der Fall war und warum ein fraktaler Narbenverlauf wahrscheinlich die Hölle auf Erden sein müsste, hatte ich mir als Fragestellungen für die Stunde aufgehoben. Es war möglich, dass wir gar nicht dazu kommen würden, aber es tat gut, ein Polster zu haben.
Als ich nach einiger Zeit einen Blick aus dem Fenster des Lehrerzimmers warf, sah ich im Hof eine eigenartige Versammlung. Das übliche Zonenspiel hatte sich in eine Art Sitzkreis verwandelt. In der Mitte lag ein Schüler auf dem Rücken. Dann, nach einer Weile, drehte er sich auf die Seite und übergab sich.
Ich stand auf und rannte hinaus.
Die Schüler zerstreuten sich sofort, als sie mich kommen sahen. Ich durchschritt ihre Zonen, ohne mir etwas anmerken zu lassen. Sie maulten und fluchten leise und gingen davon. Robert Tätzel lag im Gras. Ich berührte ihn an der Schulter, er zuckte zusammen und blickte mich an. Ich half ihm auf.
— Was macht ihr denn? fragte ich ihn.
Sein Atem stank nach Alkohol.
— Keine Ahnung, sagte er und trat ein paar Schritte zurück.
— Was war das?
— Was weiß ich! schrie er und wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab.
Dann machte er noch ein paar Schritte von mir fort. Dr. Rudolphs Stimme ertönte von der Treppe her.
— Tätzel!
Er ging direkt auf den Jungen zu. Robert wich automatisch zurück, bis er mit dem Rücken die Mauer berührte.
— Was zum Teufel haben wir vereinbart?! schrie Dr. Rudolph. Hm? Was haben wir vereinbart?
Robert nickte. Dr. Rudolph machte einen Schritt nach hinten, atmete entrüstet aus und versetzte der Luft vor sich einen Handkantenschlag.
Dann schien er wieder in die Realität zurückzukehren, wandte sich mir zu und sagte:
— Sie werden …
Er gestikulierte, aber der Satz wollte sich in dieser Form nicht beenden lassen. Also drehte er sich wieder zu Robert um und sagte:
— Der Herr Setz wird dir helfen. Die Telefonkabine im Foyer. Und erzähl diesmal deinen Eltern alles. Hörst du? Alles.
Er schaute mich an, als erwarte er ein Nicken. Ich gab es ihm. Robert blickte zu Boden. Einen kurzen Augenblick lang registrierte ich die ungewöhnliche Art von I-Kindern zu weinen — es sah unheimlich theatralisch aus. Ich hatte es in den letzten Wochen schon öfter beobachten können, aber erst jetzt fielen mir die Gemeinsamkeiten auf. Ein Gefühl von Genugtuung und faszinierter Kälte breitete sich in mir aus. Also auch du, dachte ich. Wie die Maske eines römischen Histrionen, der Mund auberginenförmig, die Augenbrauen zusammengezogen. Eine No¯-Maske. Ich sagte:
— Na komm, ist schon wieder gut. Jetzt gehen wir mal …
Und ich legte eine Hand auf eine unsichtbare Schulter, etwa einen halben Meter von der echten, noch immer leicht bebenden Schulter des Jungen entfernt.
Robert Tätzel ging voraus, ich folgte ihm. Bisher war mir noch kein Schüler aufgefallen, der sich im Haupthaus in der Nähe der Telefonkabine aufgehalten hätte. Soweit ich wusste, besaßen ohnehin alle Handys. Robert ging die paar Stufen vom Hof hinauf ins Gebäude und dann den Korridor entlang, der zum zentralen Treppenhaus führte, als träte er eine Strafe an. Als befände er sich auf dem Weg zu einem Strauch, von dem er die Gerte schneiden soll, mit der er gleich gezüchtigt werden wird. Ich hätte Robert gerne gefragt, was es mit der Telefonkabine auf sich habe. Aber er lief so still und zielstrebig vor mir her, dass ich nicht wagte, ihn anzusprechen.
Vor der Telefonkabine zog er seine Brieftasche hervor und nahm eine Karte heraus. Mit einem milden, aber verzweifelten Sind-Sie-jetzt-zufrieden? — Blick hielt er sie mir hin. Ich nickte nur, verwirrt.
Er verschwand in der Kabine, steckte die Karte ins Gerät und hob den Hörer ab. Er klemmte ihn sich zwischen Wange und Schulter und wählte. Eine alte Wählscheibe. Währenddessen wischte er sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht. Fuhr sich mit der Hand durchs Haar, boxte, immer noch stumm, in Zeitlupe gegen einen Widerstand in der Luft. Dann begann er zu sprechen. Und ich bemerkte erst an dieser Stelle, dass man von außen nicht verstehen konnte, was drinnen gesagt wurde. Das war in Ordnung, fand ich. Aber ich wusste nicht, ob Dr. Rudolph … Unterwürfiges kleines Vieh, schimpfte ich mich. Und ich wandte mich ab, um nicht noch länger vor der transparenten Tür der Telefonkabine zu stehen und hineinzugaffen.